Fortwährend voranschreiten...

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Beitragvon Eike » Montag 8. April 2024, 17:11

Okay, neues Projekt:

Kurze Alben-Etappen auf einer langen musikalischen Reise gen Progredienstan...


THE BEATLES - "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" (26. Mai 1967)

Eine Art Revue durch die Irrwitzigkeit der Welt möglicherweise bis heute bekanntester Band überhaupt. Darauf finden sich Versatzstücke aus klassischem Beat, Big Band, Music Hall, Harmoniegesängen, Folk-Rock, Psychedelik; kein Song klingt wie der andere, manche haben etwas Vignettenhaftes an sich, andere erzählen kleine Geschichten oder malen ein Szenario, und alles fließt in und umeinander und glitzert wie ein Kaleidoskop. Alleine ein Stück wie 'Lucy In The Sky With Diamonds' wechselt die Stimmungen häufiger als manches ganze Album anderer Bands, und auch der Studiosound der damaligen Zeit wird voll ausgereizt. So bonbonbunt, traumlogisch collagiert und zauberhaft wuselig wie das Artwork ist das gesamte Album auch musikalisch geraten. Wie sich die Instrumente und Gesänge in 'Getting Better' gegenseitig umschnörkeln, wie alleine die Basslinie in 'Fixing A Hole' einen Regentag ins innere Fenster der Seele malt, wie 'She's Leaving Home' sich selbst Takt für Takt in Arrangement und Text kongenial fortschreibt durch gemischte Gefühle wie Sehnsucht, Sorge, Empathie, das sind alles kleine Momente der Genialität, und damit ist nicht einmal die A-Seite abgefrühstückt. Auf beiden Seiten wurde die bandtypische Rockbesetzung immer wieder um weitere Instrumente oder gleich ein ganzes Sammelsurium an Sessionmusikern ergänzt: Diverse Percussioninstrumente, Orgeln und Streicher, gibt es zu hören, desweiteren Sitar, Swarmandal, Tambura, Tabla, Pauke, Klavier, Cembalo, Saxofon, Posaune, Tuba, Flügelhorn und Waldhorn, aber auch Oboe, Klarinette, Fagott und sogar Harfe kommen so zum Einsatz. Die durchweg ungewöhnlichen Arrangements sorgen dafür, dass selbst eine kleine, feine Rock-'n'-Roll-Nummer wie 'When I'm Sixty-Four' oder das typisch britisch exzentrisch verschwurbelte 'Lovely Rita' mit seinem altmodischen Honky-Tonk-Piano auf "Sgt. Pepper..." nicht fehl am Platz wirken. Überhaupt wirkt das Album trotz seiner Progressivität mitunter recht eingängig und poppig, stets leicht und beschwingt, wenn auch manchmal an der Grenze zum Überladenen, bei aller Üppigkeit der Arrangements jedoch stets verspielt und irgendwie kleinteilig. Wer es allerdings noch etwas verspulter mag, wird bei 'Being For The Benefit Of Mr. Kite', 'Good Morning, Good Morning' und 'A Day In The Life' fündig. Letzteres klingt in seiner trippigen Beatgestaltung fast schon wie eine Blaupause für deutlich spätere elektronische Musik. Als Einflüsse auf ihre Kompositionen nannten THE BEATLES unter anderem "Pet Sounds" von THE BEACH BOYS und "Freak Out!" von FRANK ZAPPA. Ich hätte diese Progreise also auch chronologisch noch früher beginnen können...
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Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Martin van der Laan » Montag 8. April 2024, 22:07

Oh ja, das wird interessant werden hier... eine freakig-würzige historische Reise durch Weirdo County! Da ist natürlich ZAPPA eigentlich immer der erste Gedanke. Ich bin hier zwar kein Experte, werde aber neugierig und freudig mitlesen (und ggf. den Thread mit unqualifizierten Kommentaren verzieren).
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Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon kingdiamond » Montag 8. April 2024, 22:56

Unqualifizierte Kommentare kann ich auch! ;-)

Ok, an THE BEATLES hab ich hier erstmal nicht gedacht. Das Album lief bei mir schonmal irgendwann vor ein paar Jahren. Ich hole es mir aber zeitnah frisch ins Gedächtnis.

Bin zwar kein großer BEATLES-Fan, aber immerhin spielen wir ein tolles Medley in der Blaskapelle, welches zu meinen Top3-Musikstücken aus unserer dicken Mappe zählt! :dafuer: :grins:

Danke für den Start. Kommentar zur Musik des Albums folgt…
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Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Martin van der Laan » Dienstag 9. April 2024, 00:31

Sorry, ich war verpeilt und habe es ursprünglich in den falschen Thread gepostet... genau HIER würde ich mir auch eine nähere Betrachtung des Werkes von CROMAGNON wünschen! Nur wenn ihr Bock habt natürlich, ich selbst müsste da auch noch mal nacharbeiten.
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Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Pillamyd » Mittwoch 10. April 2024, 09:33

Oh, das ist ja cool.
Bin gespannt wie es weiter geht.

Zu den Beatles und dem Sgt. Pepper:

Ich habe zu den anderen Alben wie "Revolver" eine stärkere Verbindung. Aber ich die Faszination zu diesem Album kommt natürlich nicht von ungefähr. Was ich immer spannend finde ist, dass die Musik spätestens ab da live kaum bis gar nicht reproduzierbar war. Und wie die Band ab da agiert hat, ist schon faszinierend. Das Überladende und überbordende hat die Band über die Grenzen hinaus ausgereizt bis zum geht nicht mehr. Und trotzdem sind da so einige Hits entstanden. Tolles Album, definitiv!
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Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Holger Andrae » Mittwoch 10. April 2024, 09:57

Erstklassiger Start, Eike!

Ich hatte tatsächlich mit den Pilzköpfen bei gerechnet. Das ist ein tolles Album, welches ich gleich mal raus gezogen habe. Ich mag die Jungs in jeder Phase (im Gegensatz zu den Stones), aber gerade zum Schluss hin, war das wegweisend für die spätere Populärmusik. Der Einsatz vermeintlich artfremder Instrumente, der Songaufbau aber auch produktionstechnisch. Fett!
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
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Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Eike » Mittwoch 10. April 2024, 14:31

Danke, danke!

Ja, Pille und Holg, darauf, was ihr beide anspracht, wollte ich hinaus: Dieses Album war Studiomagie par excellence.

Damit hat zwar auch "Pet Sounds" (16. Mai 1966) bereits aufgewartet, denn dafür wurden im Studio bereits Waldhörner, Theremin, Piccoloflöten, allerlei perkussive Sounds aus Alltagsgegenständen, gesampelte Aufnahmen, etc. übereinandergelegt, und ganz allgemein - beeinflusst von und bewusst im Wettstreit mit THE BEATLES' "Rubber Soul" übrigens... - die experimentelle Kreativität auf eine neue Spitze getrieben. Auf diesen barocken Pop und Folkrock der BEACH BOYS haben allerdings die BEATLES dann mit "Revolver" (28. Juli 1966) wiederum mit einer weiteren Neuerung, nämlich umgekehrt ablaufenden Tonaufnahmen geantwortet, und damit waren dann die reinen Studioeffekte (gegenüber live reproduzierbaren Effekten, wie etwa auch ein JIMI HENDRIX sie bereits populär gemacht hatte) endgültig in der Popmusik angekommen - alles noch vor der Möglichkeit einer digital speicher- und abruf-baren Samplewidergabe ad hoc per Tastendruck. Für "Revolver" musste all das noch von Band zu Band überspielt werden. Und doch war spätestens damit dann der Grundstein für Wunderwerke des HipHop wie "Paul's Boutique" gelegt (BEASTIE BOYS, 25. Juli 1989, mit Beatproduktion von THE DUST BROTHERS; von Beataficionados mitunter auch als deren "Sgt. Pepper" bezeichnet), an die damals, weit über zwanzig Jahre früher, freilich noch niemand dachte. Doch ich will hier auch gar nicht weiter vorgreifen...

Hier jedoch noch kurz soviel:
Als DAVID BOWIE sein erstes selbstbetiteltes Debütalbum herausgab (1. Juni 1967), war das zwar kurz nach "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", jedoch hatte er bei deren Veröffentlichung mit den Aufnahmen bereits abgeschlossen. Auch hier: Pop, Folkrock, Music Hall als Einflüsse. Aber dann, das zweite Album, wieder unter dem gleichen Titel - allerdings erst am 4. November 1969! Musste er sich unter dem Eindruck der (nahezu) Parallelveröffentlichung von THE BEATLES zu seinem ersten Album erst einmal zwei Jahre lang neu sortieren und seine musikalische Identität grundlegend überdenken? Jedenfalls würde das zweite "David Bowie" dann ebenfalls progressiver, psychedelischer, sessionmusikerlastiger ausfallen - ein Zufall...?
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Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Eike » Montag 15. April 2024, 00:30

THE DOORS - "Waiting For The Sun" (3. Juli 1968)

Das #1-Album von THE DOORS. Nicht das erste, aber das on top of the charts. Und das völlig zurecht. Einzigartige Psychedelia. Basischer Einstieg mit 'Hello, I Love You', heavy im Sound ohne hart zu sein. Danach ganz sachte, 'Love Street', das sich in seiner verspulten Intensität mit beschwingtem Honkytonkpiano zwar mit amerikanischer Grandezza gewaltig steigert, auf seine blumig melodische Weise dennoch deutlich vom britischen Sound inspiriert klingt. Klar wird spätetens damit, dass THE DOORS trotz unverkennbar bandtypischem, orgellastigem Sound hier ein sehr vielfältiges Album abliefern werden. Der hypnotische, gleichermaßen ätherische Bluestradition wie auch eine schwermütige Hardrockkante einbringende Sound von 'Not To Touch The Earth' beschwört eine magische, gleichermaßen verführerische wie auch abgründige Atmosphäre herauf, wirkt okkult und überzeitlich, lässt seine Orgel düster-sakral und manisch berauscht zugleich wirken, schlägt die Zuhörerschaft in einen Bann strudelnder, widerstreitender Gefühle, bevor es dann mit 'Summer's Almost Gone' geradezu elegisch melancholisch wird. Perfekt danach die Überleitung in das schwärmerische, rhythmische, tänzelnde, wogende, überschwänglich positive 'Wintertime Love', das über emotionale Wärme und Zuwendung ein trautes Gefühl vermeintlicher Sicherheit evoziert. Sogleich tut sich der nächste Abgrund auf, denn mit 'Unknown Soldier' wird es inhaltlich tragisch, formell theatralisch episch, songwriterisch spröde, musikalisch stark in sich zerrissen, was sowohl die schwankenden Stimmungen als auch die wankelmütige Struktur zwischen Ordnung und Chaos und diverse Variationen in Tempo und Arrangement anbelangt. Und weiter, weiter, weiter zieht das Album seine in Gegensätzen umeinander treibenden konzentrischen Kreise, legt mit 'Spanish Caravan' sogleich eine romantische Träumerei nach, deren teils schwebende, teils brütende Versonnenheit, dann aber wieder dynamisch fugenartige Stimmungsmalerei in scharfem Kontrast nicht nur zum Vorgängerstück, sondern scheinbar auch zu sich selbst steht. Traumlogik und ein schillernd in allen möglichen Variationen durchgespieltes Moment der Sehnsucht scheint alles zu sein, was "Waiting For The Sun" jetzt noch zusammenhält, und so schwingt sich dann nach dem eben noch idyllisch anmutenden, mit dem nächsten Wimpernschlag aber schon gleichermaßen in eine bodenlose Tiefe wie auch sich selbst zusammenfallenden iberischen Traum die mäandernde Seele des Albums über 'My Wild Love' mantra-artig wieder in höhere Sphären auf, gibt sich in 'We Could Be So Good Together' wild bewegt und leidenschaftlich werbend, in 'Yes, The River Knows' wiederum jedoch unbestimmt, distanziert, verletzlich und introvertiert, um sich schließlich mit 'Five To One' noch einmal in ein Strudel ekstatischer Lust zu stürzen, als gäbe es kein Morgen mehr, obgleich wenige Minuten zuvor ja noch Melodien für die Ewigkeit gelauscht werden durfte. Das Faszinierendste an "Waiting For The Sun", das es für mich noch zu so viel mehr als der Summe seiner ohnehin schon zahlreichen unvergleichlichen Momente macht, ist seine kaleidoskopartige Dynamik, sein reizvolles Spiel mit Kontrasten, sein verträumter, die Seele in wunderschöne Verklärung entrückende wie auch in betörende Albtraumgespinste ziehender Sog, der sich aus solch scheinbar widersprüchlichsten Motiven und Genres speist, dass deren Zusammenklang darob ach so leicht hätte fragmentarisch und skizzenhaft wirken können, durch das flirrende, ebenso melodische wie rhythmische Orgelspiel jedoch in Schwebe und Fluss gehalten wird, und so unterschiedliche Assoziationen und Einflüsse suggeriert wie Blues und Kirchenmusik, Schamanismus und europäische Klassik, Programmusik und Folk, Verspieltheit und Gebrochenheit, Naivität und Spontaneität, besitzergreifende Verführungsabsicht und getriebene Besessenheit; es ist eine klar getaktete elementare Schlichtheit einerseits und eine subtile Überfülle an unbestimmbaren Zwischentönen andererseits, die hier kongenial miteinander verwoben sind. Selten klang eine Rockband derart tight und hatte dennoch soviel Swing, ohne dabei eindeutig Jazz zu reproduzieren. Fürwahr eine Wundertüte psychedelischer Progressivität!
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Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Pillamyd » Montag 15. April 2024, 10:54

Ich habe ja immer so meine Probleme mit "The Doors". Musikhistorisch und Bandgeschichtlich unheimlich spannend. Aber Frontmann. Aber Morrison ist mir irgendwie immer eine Spur zu drüber.
Es gab die Phase noch vor dem einstieg in den Heavy Metal in der ich mich mit den 60ern gern befasst habe. Und da war "The Doors" natürlich auch dabei. Und wahrscheinlich war damals schon der Backround spannender für mich, als die Musik an sich. Sonst wäre ich dran geblieben. So ist es halt Musik einer Band vor der man nur den Hut ziehen kann. Aber zu mehr als das anerkennen zu können reicht es nicht. Da fehlt mir immer der letzte Schwung zur Überwindung der Barriere, dass ich das völlig an mich ranlassen kann.
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Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Eike » Freitag 19. April 2024, 21:49

THE ZOMBIES - "Odessey And Oracle" (19. April 1968)

In der Veröffentlichungschronologie übersprungen habe ich ein Werk, das bereits im Frühsommer 1967 eingespielt wurde. Zwischen den beiden bekannteren, klassischeren (Proto-) Rock-Alben nimmt es sich etwas blumiger aus: "Odessey And Oracle" hat viele verträumte Momente. Barock-Pop und Psychedelic (Pop / Rock) sind geläufige Stilbezeichnungen für diesen üppigen und typisch britischen Sound. Damals bekannter und mindestens ebenso beliebt waren die bereits erwähnten Kapellen der Zeit, allen voran THE BEACH BOYS und THE BEATLES, deren Einfluss man hier deutlich vernehmen mag, wobei diese Art von Musik wohl auch einfach im Zeitgeist, in der Luft, im Wasser, in der britischen Erde, im revolutionären Feuer der LSD-Ära lag. Betrachtet man den Mainstream-Rock jener Zeit, so war dies der Zeitraum, in dem die vierte Band der (Proto-) Brit-Pop "big four" (neben THE BEATLES, THE ROLLING STONES, THE WHO), THE KINKS zwischen "Something Else By The Kinks" (15.September 1967) und "The Kinks Are The Village Green Preservation Society" (22. November 1968) sich mit ironisch spöttelndem Ansatz auf die Folklore und Sitten ihrer Gesellschaft zu besinnen und diese auch musikalisch zu thematisieren und hinterfragen begann. Subtiler Ausbruch aus dem noch irgendwie wild konnotierten aber zunehmend konservativer sich genrefizierenden und konsolidierenden Rock-Korsett. Zwar klingt gerade auch "Odessey And Oracle" alles andere als revolutionär oder wild, auch ist hierauf keinerlei musikalische Härte zu vernehmen; und doch täte dem Album Unrecht, wer es leichtfertig als zeitgeistiges Epigonentum abqualifizierte, bloß weil seinerzeit bzw. schon eher auch jenseits des Atlantiks junge Künstler*innen mit folkloristisch inspirierter Musik ihren Durchbruch und weiterhin anhaltende Erfolge hatten feiern können (so etwa JOAN BAEZ seit "Joan Baez Vol. 2" ab September 1961 und seit März 1962 BOB DYLAN ab "Bob Dylan" bzw. so richtig steil dann auch erst mit "The Freewheelin' Bob Dylan" ab Mai 1963). Im alten Europa stand die Jugend einer Rückbesinnung auf alte Traditionen eben doch noch etwas skeptischer gegenüber als in der neuen Welt, wo die Folk-Tradition seit jeher bereits schon etwas mit demokratischer Aufbruchstimmung zu tun hatte statt wenn nicht bloß dann doch mindestens eben so sehr mit monarchischen oder ständischen Zöpfen. Dass die Verknüpfung von Tradition und Moderne, reflektierter Rückschau und Aufbruch ins psychedelische Zeitalter derart traumtänzerisch leichtfüßig und dabei so gar nicht nach akrobatischem oder intellektuell akribischem Stil-Spagat klingt, kann THE ZOMBIES keineswegs zu hoch angeschrieben werden. Kommentator*innen erwähnen gelegentlich noch THE HOLLIES und THE INCREDIBLE STRING BAND als mögliche Einflüsse bzw. kongeniale Musikschaffende jener Ära, wobei letztere auch ein wohlbekanntes Chamäleon der (nicht nur aber äußerst oft eben doch) progressiven Unterhaltungsmusik beeinflusst haben sollen, doch diesbezüglich kann ich nur meine musikologische Bildungsferne eingestehen. Wie auch immer: Man sollte den deutlichst an THE BEACH BOYS erinnernden Opener 'Care Of Cell 44', die wohl bekannteste und in Albumrelation mit Abstand flowerpowerigste Single 'Time Of The Season', das fast so bekannte wie beatleske 'A Rose For Emily' sowie die Fan-Favoriten-B-Seite 'Beechwood Park' mit ihrem verwaschenen Psychedelic-Pop nicht schon für die gesamte Stilpalette des Albums verkennen. Zwar klingt "Odessey And Oracle" längst nicht so ambitioniert, ohrenöffnend, revolutionär und teilweise sperrig wie "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", doch sind dafür seine eingängigen Miniaturen mindestens ebenso elegant als schlüssige Perlenkette ohne jeglichen Glanzverlust oder gar Makel hintereinander aufgereiht und bieten im etwas enger abgezirkelten stilistischen Rahmen eine ähnliche songwriterische Varianz. Zur über die bekannteren Hits hinaus erweiterten Stilistik verdient insbesondere 'Butcher's Tale (Western Front 1914)' lobende Erwähnung, welches sich am anderen Ende des Spektrums befindet wie das übrigens für das Album als Gesamtheit ebensowenig repräsentative 'Time Of The Season'. Während das bekanntere Stück wie eine nostalgische Hymne daherkommt, entpuppt sich das (bei noch deutlich weniger "Gefrickel") durchaus dem späteren Progressive Rock strukturell den Weg weisende Lied textlich als lyrisch introspektiv erzählende Reflektion seiner Kriegsthematik und musikalisch als detailreiche Großkomponsition im Miniaturformat, in deren Nachfolge man ähnlich nachdenkliche Elegien wie 'The Unknown Soldier' (THE DOORS, 1968), 'The Work Is Done' (BIRTH CONTROL, 1971), 'Army Dreamers' (KATE BUSH, 1980), '1916' (MOTÖRHEAD, 1991), 'Afraid To Shoot Strangers' (IRON MAIDEN, 1992), 'Bastogne Blues' (CRIPPLED BLACK PHOENIX, 2010) problemlos einreihen könnte; eine lange Linie an dezent progressiv aufgebauten Großtaten also. Davor kam meines Wissens auf ähnlich atmosphärischem Niveau nur '7 O'Clock News/Silent Night' (SIMON & GARFUNKEL, 1966) mit allerdings einer gewissermaßen "lediglich" (obschon ebenso genial wie originell bearbeiteten) Coverversion. Das mag nicht der einzige, wenigstens potentiell aber ein denkbarer Grund dafür gewesen sein, dass auch ein Mikael Åkerfeldt (OPETH - "Heritage", 2011) "Odessey And Oracle" als Meisterwerk bezeichnet hat. Mangels Budget für Sessionmusiker kam in dessen Entstehungsprozess das Mellotron, eine frühe Art analoger Synthesizer, zum Einsatz, doch für eine recht flotte Aufnahme in den legendären Abbey Road Studios hat es gerade noch gereicht. Klanglich zu meckern gibt es am Gesamtergebnis jedenfalls rein gar nichts. Der zunächst eher verhaltene Absatz des Albums im enger gefassten Erscheinungszeitraum mag zum einen einer gewissen (Über-) Sättigung des damaligen Marktes auch mit fragwürdigeren Produkten an stilistisch benachbarten Psychedelia geschuldet sein, zum anderen aber auch einem geringeren Promotionsbudget, welches an eine Beatlemania inklusive Multimedia-Formaten und einer schon bald folgenden Magical Mystery Tour bei weitem nicht heranreichte. Im Nachhinein jedoch hat auch die Rock'n'Roll Hall of Fame THE ZOMBIES ihre wohlverdienten Meriten gewährt.
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