Fortwährend voranschreiten...

Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Pillamyd » Montag 22. April 2024, 12:58

Weiter gehts mit "Miles Davis" und "Bitches Brew".

Es gibt ein Jazz Album, dass ich schon eine Weile besitze und ziemlich lang auch das einzige war. Ich spreche von "A Love Supreme". Als ich dann privat öfters in Tübingen unterwegs war, habe ich für einen schmalen Taler die "Bitches Brew" in einem Trödelladen mitgenommen. Ich muss auch hier gestehen, dass ich das Album nie so oft gehört habe, wie ich es hätte vermutlich hören sollen. Das ist Musik, die völlige Aufmerksamkeit benötigt. Ich behaupte das als Gelegenheitshörer. Und trotzdem hat die Musik etwas an sich, dass ich als ziemlich anziehend empfinde.
Gestern Morgen lief zum aufstehen (ob das förderlich war, weiß ich nicht, haha) die erste Seite des Doppelalbums. "Pharaoh's Dance" fängt einen sofort ein. Es ist faszinierend. Hier passiert in 20 Minuten so dermaßen viel, dass es ziemlich ungelenk wäre, müsste ich das erörtern. Ich laufe dabei Gefahr, mir die Synapsen zu verknote. Und trotzdem hat es was entspanntes an sich. Wenn Miles Davis zum ersten Mal mit seinem Instrument in den Höhen ausbricht, was ein bisschen dauert, ist das schon ziemlich cool und kann einen treffen. Völlig Hinterrücks. Natürlich, als Laie, wird da die Wirkung multipliziert, wenn man sich drauf einlässt. Und dann setzt auch irgendwann der lässig rockende Grundton ein, der dem ganzen einen ganz eigenen Drive verleiht. Irgendwie ein Transfer von dem was man kennt...das klassische auf andere Weise übertragen. Aber man erkennt es. Allgemein ist es etwas, was ich musikalisch nicht behalten kann. Es sind Momentaufnahmen. Ich hoffe, dass ich irgendwann so weit bin, dass auch richtig fassen zu können und darüber besser sinnieren zu können. Was bleibt ist die Faszination.
Benutzeravatar
Pillamyd
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 14149
Registriert: Freitag 19. Februar 2010, 22:44

Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Eike » Dienstag 23. April 2024, 00:45

Pillamyd hat geschrieben:So, ich komme nochmal auf "The Zombies" und dessen Album "Odessey And Oracle" zurück.
Gerade läuft wieder der Opener. Und ich glaube erklären zu können warum mir das so gut gefällt. Es ist das gleiche Spiel wie bei den Beatles, die ich sehr, sehr gerne habe. Die Rhythmik, die Gesangsmelodien. Ja, das ist blumig, klingt aber gleichzeitig ziemlich befreiend und auch etwas frech, im positiven Sinne.
Die Harmonien gefallen mir ausgesprochen gut. Man hat das Gefühl, die Band mache einfach was spaß macht. Unabhängig davon was erwartet wird. Klares Songwriting, trifft auf totale Transparenz. Für '68 ist das ziemlich krass. Ich hab eh immer das Gefühl, dass da immer sehr viel Wert drauf gelegt wurde. Erstaunlich, dass das Budget damals vorhanden war. Viele der früheren Produktionen bestechen im progressiven Sinne vor allem dadurch, wie ich finde. Man hört die Höchstklasse bei so vielen, so gut heraus. Ich kenne mich da zu wenig aus, deswegen kratze ich hier nur an der Oberfläche. Ich habe das Gefühl, dass ich einen ungemeinen Vorteil habe, weil ich das Werk der "Beatles" intus habe. Der dritte Song haut mich dann völlig aus den Socken. "Maybe After He's Gone" besticht durch unfassbar atmosphärische Gitarren, die von den Tastentönen kongenial unterstützt werden.

Ich wage zu verstehen, warum du so überrascht warst, als ich mich positiv dazu geäußert habe. Aber das ist für mich eine eigene Kapsel, in die ich gerne hineinhüpfe. Und dann kann ich das auch gut ergründen und mich hineinversetzen.

Freut mich sehr, dass das Album so gut ankommt. Sie lassen perfekt durcharrangierte Raffinesse derart simpel und spontan klingen, das ist so herrlich spritzig erfrischend und dabei absolutes understatement. Schön, dass du es ähnlich empfinden kannst.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Eike » Dienstag 23. April 2024, 00:56

'Pharaoh's Dance' ist wirklich das Stück, das mich am leichtesten abholen kann auf "Bitches Brew". Alles andere, dafür muss ich echt in Stimmung und Ruhe sein, um mich darauf einlassen zu können. Wobei 'Miles Runs The Voodoo Down' auch ein krasser Hit ist, irgendwie, auf seine verspulte Art. Insgesamt schon eher ein meditatives Album, allerdings, herausfordernd zwar, und entweder es klappt mit der totalen, unvoreingenommenen, vorbehaltlos unabgelenkten, reinen und leeren Versenkung darin, oder aber es spuckt einen direkt wieder aus, ähnlich, wie wenn ein*e Unwürdige*r versucht, Excalibur aus dem Stein zu ziehen, aber wenn es klappt, dann wird es ein exzellenter, exquisiter Trip.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Holger Andrae » Donnerstag 2. Mai 2024, 20:50

Von THE ZOMBIES kenne ich tatsächlich nur 'Time Of The Season' und 'She's Not There'. Mag ich beides sehr gern. Den Hit vor allem wegen seiner Anti-Hitlichkeit. Das wäre heute kaum vorstellbar, ein derartig komplexes Stück Musik in den Charts. Allein die Satzgesänge, der seltsame Rhythmik und der plötzliche Einsatz der E-Saiten im Chorus würden heutige Youngsters komplett aus dem Blubber-Beat-Gefühl bringen. Allein dafür liebe ich solche Musik.
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
Benutzeravatar
Holger Andrae
Musikredaktion
 
Beiträge: 26373
Registriert: Dienstag 5. Januar 2010, 02:44

Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Holger Andrae » Mittwoch 9. Oktober 2024, 08:01

Mal wieder etwas Schwung in diesen tollen Thread bringen.

Ich habe von meinem Dad eine 40-CD Box mit Jazz-Klassikern "geerbt", die ich so langsam mal anteste. Da ist auch dieses Miles Davis Album drin und es lief bisher zwei Mal. Ich verstehe natürlich, weshalb das im Prog Segment landet. Die Musik hingegen habe ich noch nicht ganz "verstanden". Wie das so oft mit Jazz ist, muss man diese komplett andere Klangwelt erstmal im Kopf sortieren. Wenn dann auch noch ein Instrumentarium dazu benutzt wird, welches ein bisschen abschreckt, macht es dies nicht leichter. Und Bläser sind zumeist nicht mein Freund. Von daher bin ich noch nicht dahinter gekommen, wie ich das tatsächlich finde. Das ist Musik, in die ich mich hinein arbeiten muss. Dazu benötogt es Zeit und innere Ruhe. Beides gerade Mangelware. Habe mir paralllel dazu eine Mahavshnu Orchestra Box geholt und knabbere gerade daran. Spannende Musik, ja, aber toll für mich? I don't know (yet).
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
Benutzeravatar
Holger Andrae
Musikredaktion
 
Beiträge: 26373
Registriert: Dienstag 5. Januar 2010, 02:44

Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Eike » Mittwoch 9. Oktober 2024, 15:25

Ja, das braucht Muße, um reinzufinden, mir ging es kaum anders.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Eike » Samstag 12. Oktober 2024, 14:05

DEEP PURPLE - "In Rock" (3. Juni 1970)

Ein derart hart rockendes Album, dass es 1970 den Startschuss für Heavy Metal als eigenständiges Genre gab, wäre per se schon progressiv zu nennen. Doch "In Rock" brennt noch dazu ein wahres Feuerwerk an Ideenreichtum und brillanter Umsetzung ab. 'Speed King' vereint einen höllischen Motorgroove gleich zu Anfang mit himmelhochjauchzender Vokalextase und inspirierten Orgelläufen, referenziert Rock'n'Roll-Klassiker im Vorbeirauschen und gibt sich wahrlich wahnwitzig der eigenen Geschwindheit hin, alte Zeilen und Motive verwehen und verwirbeln im Fahrtwind der kompositorischen Erneuerung. Das Stück setzte nicht nur ein Statement sondern neue Maßstäbe. Die Grundrichtung scheint damit vorgegeben, und 'Bloodsucker' schlägt tatsächlich in eine ähnliche Kerbe: Hardrock, der pluckert, groovet, Hummeln im Hintern hat und scharf wie Chili daherkommt, dessen schnittige Gitarrenlinien sich eisern vom Bluesrockfundament des Muttergenres zu emanzipieren suchen, flankiert von heißblütigem Georgel. Das verschachtelt mäandernde 'Child In Time' entlarvt diese noch vergleichsweise basische Stoßrichtung des Einstiegsduos jedoch als Finte. Denn hier gehen mehrere Passagen meisterhaft ineinander über, erzeugen ebenso filmreife wie mitreißende Stimmungen in Kopf, Bauch, Herz, gegänster Haut und zuckenden Extremitäten: Wie Schlagzeug und Orgel sich filigran umspielend einen Rhythmus erzeugen, wie der Gesang mal scheinbar schwerelos darüber schwebt, dann wieder das Stück vorantreibt, wie der Bass die Brücke vom Grundrhythmus zu wilden Gitarrenläufen schlägt, wie Crescendos in diese rockoperaische Komposition eingeflochten sind, das ist nicht weniger als fantastisch und will in sämtlichen Nuancen bei hoher Lautstärke ganzkörperlich erfahren werden. 'Flight Of The Rat' zieht danach die Geschwindigkeit ein weiteres Mal deutlich an, instrumental und vokal unisono, geradlinig, hoch melodisch und rhythmisch vorantreibend, eine Art Katharsis nach der von 'Child In Time' kreierten emotionalen Hochspannung zwischen unterschiedlichen Stimmungslagen. Das Schlagzeug ist für ein derart flottes Stück unglaublich präsent und verspielt, Gitarren- und Orgelsounds reichen sich das Staffelhölzchen hin und her, selbst Schlagzeugsolopassagen fügen sich fließend und schlüssig ein. Hier wird es heavy, und metallisch. 'Into The Fire' klingt dann dem, ein bisschen früher doch dabei noch deutlich bluesrockiger sowie wenige Monate später im selben Jahr dann schon deutlich eigenwilliger, von BLACK SABBATH auf gleich zwei Alben zelebrierten Sound am nahestehendsten: Proto-Doom (hier noch dazu mit bisweilen fast schon dominanter Orgel!), hochgradig virtuos dargeboten - und für das noch in seinen Kinderschuhen steckende Genre geradezu wieselflink. Dynamisch geht es weiter: 'Living Wreck' setzt gleichermaßen auf passionierten, episch pathetischen Lead-Gesang, auf fundamental rumorende Bassgroovemassagen, wie auch auf psychedelisch verrauchte Klangeffekte aus Gitarrenmodifikation und Orgelklänge, welche auf ihre eigentümliche Art noch zahlreichen Krautrockern den Weg weisen würden und über die eher funktionale Begleitung bei Bands wie IRON BUTTERFLY hinausgingen; der Gesamteindruck ist beschwörend, berauschend, verstörend. 'Hard Lovin' Man' schließlich treibt vor klassischer Hard/Heavy-Rock-Grundierung den metallischen Exzess des Orgel-Gitarren-Amalgams auf die Spitze, hier wird gegniedelt und gestrudelt, was das Zeug hält, und alles an schierem Drive und Groove übertroffen, was LED ZEPPELIN in den wildesten Momenten ihrer Bandkarriere je aufgefahren hat. Überhaupt läuft die Band DEEP PURPLE auf "In Rock" wie eine perfekt eingestellte, gut geölte Maschine, bei der sämtliche Teile genau aufeinander abgestimmt, austariert, eingespielt sind, und so durchdacht miteinander verbunden, dass eine Einheit entsteht, die mehr ist als die Summe ihrer Teile, und die dabei so harmonisch schnurrt, dass der komplexe und unter Volllast produzierte Output an Ideen, Noten, Stimmen, Stimmungen, Ecken, Kanten, einmütigen Hakenschlägen und dynamisch auseinanderstrebenden, miteinander verschränkten Vektoren niemals überladen wirkt. Die transparente und dynamische, metallisch blitzblanke, mitunter Funken schlagende doch stets nur an den richtigen Stellen ihre Späne fliegenlassende Produktion von Martin Birch tat das Übrige, um dieses Meisterwerk in den Klassikerstatus zu erheben, der ihm zweifellos gebührt.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Pillamyd » Sonntag 13. Oktober 2024, 10:56

Wow!
Was ein Text. Man möchte sich das Einteilen, damit man länger was davon hat. Danke Eike! Das ist der Hammer.

Ich favorisiere was "Deep Purple" anbelangt ja eigentlich die Mark III und Mark IV Besetzung.

Aber wenn ich etwas über "In Rock" lese, muss ich immer an das Coverartwork denken, dass mir als Grundschulkind über den Weg gelaufen ist und ich dann das erste Mal "Child In Time" gehört habe. Der erste Berührungspunkt mit der Band, der mir aber erst Jahre später eingefallen ist.

Ich werde die Scheibe mal wieder aus dem Regal ziehen und bereitlegen. Muss sich noch etwas gedulden. Lange nicht mehr gehört. Aber ich freue mich jetzt tatsächlich drauf und dann werde ich diesen Text von dir parallel noch einmal lesen wollen.
Benutzeravatar
Pillamyd
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 14149
Registriert: Freitag 19. Februar 2010, 22:44

Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Eike » Sonntag 13. Oktober 2024, 11:06

Ich hatte sie auch lange nicht konzentriert am Stück gehört. Ich gewann dann bei den beiden gestrigen Durchläufen tatsächlich nochmal einige Aha-Momente, was das Drumming von Ian Paice anbelangt - großartig der Mann!
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Eike » Dienstag 15. Oktober 2024, 19:25

Pillamyd hat geschrieben:Ich werde die Scheibe mal wieder aus dem Regal ziehen und bereitlegen [...] und dann werde ich diesen Text von dir parallel noch einmal lesen wollen.
Ich bin gespannt auf deine Eindrücke im Vergleich.
Music is the only religion that delivers the goods.
(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
Benutzeravatar
Eike
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 24502
Registriert: Montag 1. März 2010, 16:30

VorherigeNächste

Zurück zu Prog / Rock / Hard Rock

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast