Dream Theater | Parasomnia
Wie geht man eigentlich als Fan einer Band damit um, wenn eine Reunion angekündigt wird, von der man dachte, sie würde es nie und nimmer auch nur im entferntesten Sinne einmal geben? Es schien mir immer so weit entfernt. Selbst als die Zusammenarbeit durch Petruccis Soloalbum und dem LTE-Album da war, glaubte ich immer noch nicht dran.
An dem Tag der Ankündigung lag ich auf dem Sofa und hatte ziemlich starke Kopfschmerzen. Als ich mich dann doch einmal dazu bewegte, das Smartphone nach der Uhrzeit zu befragen, sah ich in den Push-Nachrichten, dass eine E-Mail mit jener Ankündigung der Band darauf wartete geöffnet zu werden. Das gibt’s doch nicht! Aus dem Nichts. Ich habe mich natürlich gefreut wie ein kleines Kind und das erste an das ich dachte war nicht, wann dann endlich ein neues Album kommt, sondern wann kann ich das Live erleben und wo. Lange musste ich nicht warten. Um ein kommendes Album hatte ich mir bis dahin keine Gedanken gemacht. Ich wollte die Band einfach nur endlich mit Mike Portnoy live sehen.
Mitte Oktober, noch etwas über ein Monat vor dem anstehenden Konzert, kam dann die erste Single raus. Der erste Eindruck vermittelte, dass die Band zumindest auf diesem Song da weiter machte, wo sie 2009 abrupt aufgehört hatte. Live nahm der Song wahnsinnig zu. In welche Richtung das Album gehen soll, in was für einem Umfang das stattfinden soll, darüber machte ich mir trotzdem keine Gedanken. Klar, der Albumtitel suggerierte ein düsteres Thema. Aber ich wollte abwarten. Einfach abwarten. Keine großen Hoffnungen, keine große Erwartung. Das Konzert stand im Fokus.
Jetzt kann man natürlich schon zu diesem Zeitpunkt darüber sinnieren, in welche Richtung das Album gehen könnte und ob das alles Fanservice und ein erster Annäherungsversuch der neuen, alten Besetzung ist. Aber ich habe versucht komplett erwartungslos an das Album ranzugehen und vielleicht weicht auch deshalb meine Meinung zur etwas nüchternen Betrachtungsweise eines Havocs oder Nils ab.
Betrachte ich die Kurve der Stärke der letzten Alben ab „Distance Over Time“, so ist das rückblickend eine, die mit jeder Veröffentlichung, auch abseits der Diskographie mit kleinen Abweichungen immer nach oben zeigte. Das Interessante dabei ist der Punkt, dass Reviews von mir, mir selbst einen Erkenntnisgewinn eingebracht haben, dass sowas immer eine Momentaufnahme, im guten Sinne, eine Begeisterung in mir entfachen, die sich mit der Zeit entweder verfestigt oder eine andere Sicht zulassen. Es hat etwas zielfoffenes. Im Übrigen genau das, warum ich mich immer so gern mit ganzen Diskographien auseinandersetze und kennenlernen möchte. Aber das dürfte hinlänglich bekannt sein. Im Falle von DREAM THEATER kann ich durchaus sagen, dass da seit der kritischen Platte kein übereifriges Abfeiern mehr da war und die Beschäftigung mit den Alben zu einer Langzeitbeschäftigung geführt hat.
Bevor das hier aber zu längsten, in mehreren Abschnitten aufgebauten Einleitung der Welt mündet, springe ich doch einmal direkt zu dem Album. Ab dem Moment, als ich die ersten Töne des Albums auf mich habe wirken lassen, gingen die Gedankengänge los und ich lies sie auch endlich zu. Ich war tatsächlich zunächst verwundert über die düstere themaitsche Ausrichtung. Wahrscheinlich deshalb, weil nach jedem Besetzungswechsel ab „Falling Into Infinty“ eine Art Leichtigkeit in der Musik zu hören war. Das drückte sich auch immer wieder in den Artworks der Alben aus. „Night Terror“ ging da erst einmal voll auf die Zwölf. Knüpft die Band wirklich an „Black Clouds & Silver Linings“ an? Man möchte meinen. Ich war trotzdem erst einmal vorsichtig.
Das Album ist also kein Konzeptalbum im herkömmlichen Sinne. Kein Album mit einer durchgehend erzählten Geschichte. Vielmehr steht ein übergeordnetes Thema im Fokus, dessen Unterkapitel verschiedene Arten thematisiert. Also in etwa so wie „Six Degrees Of Inner Turbulence“. Damit hat man mich ja eigentlich. Aber wie gesagt: Vorsicht walten lassen. Wie beim letzten Album.
Schon im Vorfeld, mit der Info, dass der erste Titel ein Instrumental sein soll, hoffte ich auf eine Art Vorgeschmack auf das, was man im Laufe des Album zu hören bekommen sollte. Und damit lag ich nicht falsch. Machte das was mit mir? Nein, wie denn auch. Ich finde das Instrumental aber gelungen und spiegelt auch wider, was für ein Fluss dieses Album hat. Kommen wir zum Sound. Was ist das denn bitte? Ich war sofort gefangen und bin damit einhergehend schwer begeistert von diesem warmen, breiten, raumfüllenden Sound. Begeistert von der Natürlichkeit und der Harmonie im Zusammenspiel der Band. Das war gleich zu spüren. Und gleichzeitig war mein erster Gedanke: Die Band wirkt ziemlich erwachsen. Das fühlt sich nicht an wie ein herantasten der Band, die sich zum Teil über ein Jahrzehnt nicht mehr haben ausstehen können. Home. Die Band klingt abgestimmt. Über die Aufgabenverteilung konnte man in vielen Interviews einen Einblick erhalten. Das kann man natürlich sowohl negativ als auch positiv interpretieren. Aber für mich kommt da vieles einfach sehr menschelnd rüber. Wie die Schülerband, die sie einmal waren, die Einheit die sie trotz mancher Besetzungswechsel, darstellten. Ohne die Egotrips, die der ein oder andere gefahren hat. Und damit meine ich nicht nur ausschließlich Portnoy. Ich finde das hatte sich zum Ende des Splits in vielerlei Hinsicht bemerkbar gemacht.
In mir löst „Parasomnia“ ein wunderbares Gefühl aus. Ich habe zum ersten Mal, nach sehr, sehr langer Zeit das Gefühl, die Band hat nun tatsächlich einen Weg gefunden, die Trademarks in ein Licht zu setzen, ohne sich dabei auf alte Lorbeeren auszuruhen. Ich glaube tatsächlich, dass dieser Sprung nur mit Mike Portnoy möglich geworden ist. Natürlich ist das ein Thema, welches man endlos diskutieren kann. Aber ist es nicht so, dass er einfach das I-Tüpfelchen im Soundgefüge ist? Das letzte Puzzleteil, dass diese Band komplett wirken lässt und auch ausmacht? Im Songaufbau, in der Folge. Er hat einfach gefehlt. Die Songs leben wieder. Und da hat jeder einzelne in der Band einen großen Anteil dran. Egal ob Jordan, der seine ausgeflippten Soundspielereien, weitestgehend sein lässt und damit wieder wie ein Musiker wirkt, der sich nicht großartig herauszustechen braucht und songdienlicher wie eh und je agiert. Ein Petrucci, der mit die heftigsten und dunkelsten Gitarrenriffs in der gesamten Karriere auspackt. Tatsächlich etwas schade finde ich, dass Myung im Gesamtmix wieder etwas verloren geht. Aber auch er hat seine Momente auf dem Album.
Die Songs auf „Parasomnia“ haben drive, unvergleichliche Abbiegungen. Ich sag nur „Midnight Messiah“. Der wohl powermetallischste Song, den die Band jemals fabriziert hat. „Dead Alseep“, dass einen intensiven Crime-Touch als Theme innehat. „Bend The Clock“, welches wohl die schönste Ballade seit „Thorugh Her Eyes“ ist. Und was auf „The Shadow Man Incident“ passiert, finde ich schlichtweg famos. Allein dieser Refrain begleitete mich, auch mit etwas Abstand zum Album, über mehrere Wochen und lenkte mich das ein oder andere mal mächtig ab.
Jetzt kann man natürlich den Gesang kritisieren, wie ich lesen durfte. Aber auch hier kann man es wohl niemanden so richtig recht machen. Dass da keine Spitzen in hohe Töne mehr kommen werden, muss man halt akzeptieren (wobei es gibt ja „Midnight Messiah“). Und doch finde ich seine Leistung schon seitdem letzten Album wirklich stark. Auffällig ist, wie ich finde, wie Portnoy mit seiner Double Bass die Songs immer wieder vorantreibt. Diese immer wieder hochzieht. Das ist ein Muster auf diesem Album, welches ich noch nie so stark bemerkt habe, wie auf „Parasomnia“. Und um auch nochmal auf Petrucci zu sprechen zu kommen. Ja, ich habe die Riffs als ziemlich dunkel beschrieben. Die Assoziation zu „Train Of Thought“ verstehe ich aber weniger. Ich habe zum ersten Mal seit langem die Wahrnehmung, dass man in der Art und Weise eine Entwicklung in der Herangehensweise zu hören bekommt. Zugegeben, dass sind keine großen Veränderungen. Aber ich finde er klang schon lange nicht mehr so frisch und so düster zugleich. Es ist einfach ein etwas neuer Anstrich. Auch und vor allem in „Bend The Clock“ nehme ich das wahr. Und: wer auch immer kritisiert, dass die Band keine Hooks könne. Hier. Bitte schön! In Massen.
Puh, ich schätze ich habe es endlich geschafft, etwas zu diesem Album zu schreiben. Das hing mir tatsächlich etwas nach. Aber manchmal benötigt man Zeit und Abstand. Auf Biegen und Brechen hätte ich das hier nicht schreiben können. Die von Jakob angesprochene Präsentation in Form von Artworks, hat zwar musikalisch keinen Einfluss. Aber diese Fehler sind mir erst aufgefallen, als ich darauf aufmerksam gemacht worden bin. Das ist schade. Steckt doch Hugh Symes dahinter. Dessen Stil zwar heraussticht, aber eben diesen Eindruck und das Gefühl von AI eine Spur zu prominent erscheinen lassen. „Parasomnia“ ist ein Album, dass ich so nicht erwartet habe. Nicht, dass es so einschlagen wird. Ich bin so froh, wie sich das alles gefügt hat und ich bin der Band einfach nur dankbar. Es ist eben eine Herzensband!
Ich freue mich im Voraus auf Nürnberg, bei dem Konzert ich hoffentlich dabei sein kann. Auf die darauffolgende Tour, die zumindest mal geplant ist. Und vor allem was die Band noch alles in petto hat. Das werden noch ein paar tolle Jahre mit der Band. Da bin ich mir sicher!