Fortwährend voranschreiten...

Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Pillamyd » Montag 20. Januar 2025, 22:26

Eike hat geschrieben:
Pillamyd hat geschrieben:Ich werde die Scheibe mal wieder aus dem Regal ziehen und bereitlegen [...] und dann werde ich diesen Text von dir parallel noch einmal lesen wollen.
Ich bin gespannt auf deine Eindrücke im Vergleich.


Oh Gott, das ist ja schon lang her. ich habe das Album zwischenzeitlich mal gehört. Aber wohl nicht mehr auf dem Schirm gehabt aus welchem Grund. Das werde ich hoffentlich nochmal ändern können.

Ansonsten würde es mich wahnsinnig freuen, wenn es hier weitergehen würde. Toller Thread :)
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Re: Fortwährend voranschreiten...

Beitragvon Eike » Freitag 28. März 2025, 18:32

DAVID BOWIE - "The Man Who Sold The World" (4.11.1970)

Der Albumeinstieg mit 'Width Of A Circle' ist exzellent:
Ein bluesiges Boogieriff, verwandelt in bratzig harten Rock, bildet das Fundament des Songs über eine Begegnung Bowies mit sich selbst als Monster, bei dem der Basslauf auf die Gitarrenführung immer wieder in ein kanonartig überlappendes call-and-response Schema einsteigt. Rhythmisch interessant wird hier versiert agiert, das scheinbar schlichte Rockschema progressiv ausgereizt, schließlich folgt auf die erzählerische Einstiegsphase eine schwebende Zwischenpassage mit harmonischen Chorgesängen, bei welcher der Bass riffend das Hauptmotiv übernimmt, bevor das Stück in den finalen Part übergeht, welcher die Erzählung wieder aufnimmt und den Song brillant beschließt. Eines der besten Stücke aus dem Bowie-Katalog, und ein fulminanter Auftakt: Aus der Schlichtheit erwächst die Kraft für Wegweisenderes, und was als Bluesrock beginnt mündet in ein progressives Epos, das doch stets einen enorm treibenden Groove durchhält. Direkt darauf folgt ein weiteres Hauptschmankerl aus Bowies Musikkarriere mit 'All The Madmen'. Wie bereits in der Bridge des ersten Songs finden sich hier Chöre, und auch die hier ins zweite Stück eingebetteten Holzbläser erinnern an das folkig-progressive, zweite selbstbetitelte Album; allerdings fließend integriert in die Rockdominanz. Von der hippieesken Note des zweiten Albums bleibt hier kaum etwas übrig, allenfalls noch das Aufbegehren gegen die konventionelle Welt, eine - hier freilich innerlichere - Art von "Einer flog übers Kuckucksnest"-Revolte; diese textliche wie auch musikalische Desillusionierung wird Bowie später im bittereren, ja, geradezu apokalyptisch anmutenden Album "Diamond Dogs" auf die Spitze treiben, welches in seinem Zynismus beinahe proto-punksche Dimensionen erreicht. Hier allerdings bleibt es noch eher psychedelisch, jedoch mit einem bereits dominierenderen düsteren Unterton, während der Song gleichermaßen von einer inneren Zerrissenheit wie auch von einem weltabgewandten Rückzug ins Exil einer Irrenanstalt kündet. Das rifflastige 'Black Country Rock' kommt klassischem Blues/Hard/Psych-Rock noch am nächsten. Danach wird es vorsichtig aber doch tiefgehend wieder progressiver. Das im langsamen Walzertakt gehaltene 'After All' erinnert oberflächlich an die ersten beiden Alben Bowies, durch seine traumartige Atmosphäre, die hier jedoch melancholischer und unterschwellig etwas unheimlich anmutet. Diese verhaltenere, tastend sich desillusionierende und doch weltverlorene Stimmung, die wie ein Abgesang auf das frühere Stück 'There Is A Happy Place' vom Debütalbum aber auch auf die Kindheit insgesamt sowie als eine, jene ambivalente Gemütslage noch einmal heraufbeschwörende Reminiszenz an eine verstörende Jugendzeit wirkt, nimmt, aus dem Singer/Songwriter Folk, dem Baroque Pop, der Music Hall und dem Vaudeville kommend, Züge sowohl des späteren (slightly nightmarish) Dream Pop als auch der Gothic New Wave voraus.

Auch die B-Seite hat es in sich:
Der 'Running Gun Blues' etwa verbindet eklektisch und idiosynkratisch eine supereingängige Kopfstimmenmelodie mit tief groovendem, souligen Bluesrock, der mit hart angeschlagenen Akkorden, dazu beinahe jazzig rollendem und doch sehr tightem Schlagzeug aufwartet, was Bowie mit offensiv übersteigertem Gesang energisch zu untermalen weiß, sodass insgesamt eine unberechenbare, leicht psychotische Stimmung in der Luft liegt, nicht zuletzt durch die kontrastierende Begleitung des harten und nur scheinbar fröhlichen Bluesrocks durch eine die typische Mundharmonika ersetzende Blockflöte, die wie ein lakonischer, sarkastischer Kommentar auf die subjektiv leichtfertig naive, unverstandene Art eines mental retardierten, schnell durchgeknallten Pistoleros wirkt. Selten klang ein Blutrausch spaßiger und verspielter; und während BLACK SABBATH im gleichen Jahr den Blues/Hardrock mit Horrorthematik und dusterem Gloom in den Heavy und Doom Metal einer stets nur untergehenden Sonne hinzeinzureiten begannen, sattelte DAVID BOWIE den sonst nunmehr alternd trabenden Blues/Hard-Rock von der anderen Seite her auf, gab ihm gehörig die Sporen und trieb ihn flott und kunststückartig aufs Zirkuszelt jenes Wahnsinns hin zu, der wenig später als greller Glam Rock zu Ehren kommen würde. Hier klingt das allerdings noch eine Spur böser und durchtriebener. 'Saviour Machine' ist dann ein eher episch angelegter Midtempo-Track, der mit seiner dystopischen Prototyp-Skynet-Vision aber auch mit seinem dramatisch dynamischen, hochmelodischen heavy Rock, untermalt von soundtrackartig neoklassisch wirkenden Arrangements, die spannungssteigernd stetig einem Showdown entgegenzustreben scheinen, bereits das steinerne Ei jener schweren Rockmusik aus der Taufe hebt, welches JUDAS PRIEST einige Jahre später auf ihren frühen Alben mit Songs wie 'Run of The Mill', 'Dying To Meet You / Hero, Hero', 'Deceiver', 'Genocide' zunehmend fulminanter und härter ausbrüten werden, bis irgendwann der Epic Metal daraus flügge hervorgehen kann. Hier steckt all das freilich noch in den Kinderschuhen. Die Hinwendung Bowies zu abgründigeren, totalitären, dystopischen, apokalyptischen Thematiken findet jedoch schon einen ersten Höhepunkt. Noch einmal klassischeren Hardrock gibt es mit 'She Shook Me Cold' Auf die Ohren, das ein wenig nach LED ZEPPELIN meets first album BLACK SABBATH klingt, nur eben mit dem etwas verspulten und doch eingängigen DAVID BOWIE-Twist: Ein sleazy psychedelischer Stonerrockprototyp. Der Titelsong ist zwar trotz Akustikgitarre eine wirklich großartige Rockpowerballade für die Ewigkeit, aber durch seinen schlichten Popappeal und die starke klangliche Anlehnung an den früheren Hit 'Space Oddity' wohl auch für die meisten Hörer das mit Abstand unspektakulärste Stück des Albums. Bowie wollte dem Album ursprünglich ein zynischeres Artwork und den Titel "Metrobolist" verpassen, was in einem typischen Plattenlabelmove entschärft und durch den Titel mit dem höchsten Popularitätsappeal ersetzt wurde. Als Rausschmeißer gibt es dann noch einen vor allem im drumming und vokal expressiven und intensiven Track auf die Ohren, der auf einem led-zep-artigen Riff aufbaut, welches Bowie von Page überlassen worden war, und darüber nahezu improvisiert wirkt, aber auch ruckzuck verfliegt. Es sollte in seiner Flüchtigkeit wohl dazu auffordern, die Scheibe flugs zu wenden und noch einmal von vorn abzuspielen.

Kurzum:
Mit "The Man Who Sold The World" schaffte DAVID BOWIE es, den Singer/Songwriter- & Baroque-Pop-Sound seiner frühen Werke glaubwürdig zu elektrifizieren, ohne ihn zu kompromittieren; viel mehr verband er ihn mit dem Bluesrock und Hardrock jener Zeit und überführte diese Melange auf zugleich avantgardistische und hoch eingängige Weise in ein interessantes Rockalbum, hinter dessen Flüssigkeit sich im Detail viel zu entdecken findet, und das sich als um so rauhbeiniger und subtil gegen den Strich gebürstet entpuppt, je genauer man hinhört. Denn die nie überbordenden Arrangements sind allesamt vom Feinsten, in ihrer eher subtilen Folkigkeit jedoch geschickt verborgen unter dem satten, fuzzigen Dröhnen der Amps. Heavy music for heavy topics. Dahinter lauert listing trojanisch und mit viel Chuzpe der eigene Kunstanspruch. Bowie und sein Team lassen das auch noch unglaublich einfach und locker, wie spontan durchgezockt wirken. Progression ist eben nicht nur für den Kopf, sondern kann, darf, ja sollte sogar mindestens gleichermaßen Seele und Bauch berühren und zum Beben bringen. Dies ist hier vortrefflich gelungen und eröffnete der prägenden Stilistik Bowies eine neue Breite. The shape of rock to come...
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(Frank Zappa * 21.12.1940 - 4.12.1993)
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Eike
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