Vorabgruppe 17:
1.
Porcupine Tree - Collapse The Light Into Earth - 2002 https://youtu.be/4tfr83nmp4k
Diesen Song brauche ich nur wieder zu hören, und schon kann ich ihn fast spüren, selbst ohne wirklich etwas spüren zu können. Seltsam? Aber so steht es geschrieben! Weiter unten dazu mehr...
Warum das so ist:
Erinnerungen sind eine mächtige Waffe, besonders wenn sie durch Wiederholungen über lange Zeiträume hinweg immer wieder eingeübt und geschärft worden sind. Rituale sind wichtig. Im Gegensatz zu Religionen, die bloß vom Wesentlichen ablenkendes doofes Beiwerk sind. Wahre Spiritualität liegt in der Musik.
Was für eine schöne Kathedrale dieser Song doch ist.
Ich bin nicht mal Fan von PORCUPINE TREE. Ich höre "In Absentia" seltenst am Stück durch. Aber allein dieser Song war die Anschaffung schon wert. Im Übrigen ist das Album allerdings abwechslungsreich, bevor hier wer auf falsche Gedanken kommt, weil ich diesen Song als einzigen heraushebe. Für mich ist es eben mit Abstand der tollste. Er ist aber auch mit Abstand der ruhigste. Nicht, dass ich hier noch falsche Erwartungen wecke.
2.
Gates Of Slumber, The - To Kill And Be King - 2008 https://www.youtube.com/watch?v=iAXpoWNy3Zw
Doombass ist wie Massage, und Massagen sind gut. Sonst ist Doom meist mindestens okay. Besonders Mühlsteingroovedoom ist gut, auch kosmischer Doom, pechschwarz tiefschlürfender Doom, Death-Doom, Gothic Doom, Dronedoom, bluesiger Doom, psychedelisch abgefahrener Doom sind gut, Kifferdoom oder anderweitig monotoner Doom zur Not auch, jedenfalls alles besser als Heroendoom, Gniedeldoom, Doomdeedoom, kitschiger Doom oder dummer Doom. THE GATES OF SLUMBER bedienen ja beide Seiten, Grummelgroovedoom und Gniedeldidoom, eine ganz seltsame Spagatspinatwachtelband ist das, doch hier fallen sie mal wieder auf der richtigen Seite des Grats herunter. Und das trotz Soloabdriften zum Ende raus fast schon wie eine Gerölllawine. Gut so.
3.
Coldplay - Fix You - 2005 https://www.youtube.com/watch?v=k4V3Mo61fJM
OK, krass.
Timing, Leute.
Timing wird unterschätzt im Leben. Wir bilden uns zu viel auf unseren Verstand ein. Auf Glück. Auf Freunde. Auf Familie. Auf Macht. Und auf Geld. Auf die richtigen einflussreichen Leute kennenlernen. Auf emotionale Intelligenz. Soziale Kompetenz. Resilienz. So viel ist einfach timing. Richtiger Ort, richtige Zeit.
Dieser Song kommt genau richtig für mich. Er kommt genau falsch für dieses Spiel.
Wenn die gegenwärtige depressive Episode keine schwere wäre, dann läge ich jetzt schluchzend, wimmernd, heulend, am ganzen Körper zitternd in Embryostellung auf dem Boden und würde mir das Ding in ohrenschädigender, alles wegwaschender Lautstärke wieder und wieder geben, bis ich leergeheult und todmüde wäre.
Tatsächlich bin ich zu gefangen in der emotionalen Panzerung, im Zombiemodus dafür. Das ist eine Selbstschutzfunktion, die einen einerseits gefährlich entrückt vom Leben macht, andererseits aber noch gefährlichere Gefühle, Gedanken, vor allem Handlungen verunmöglicht. Da kann man einfach nur aushalten, ausharren, abwarten, atmen. Aber es ist lähmend und kräftezehrend und beunruhigt den Organismus, auf Autopilot komplett abgeregelt zu werden ist körperlicher Dauerstress.
Aber etwas dringt jetzt doch durch, nicht bloß ins Hören und Denken, auch ins Fühlen. Dieser Song berührt mich, auch ohne dass ich ihn ganz spüren kann. Es beruhigt mich zu wissen, dass er an einem anderen Tag, in einem anderen Grundzustand mich hätte so treffen können, dass er etwas gelöst hätte. Er erinnert mich daran, dass ich grundsätzlich doch noch etwas tieferes zu fühlen imstande wäre als jetzt gerade. Und das beruhigt. Der Song wird mir dadurch heute Abend vermutlich ein bis zwei Zigarillos, drei bis vier Ouzos, ein bis zwei Tavor und eine Zopliclon ersparen, die ich sonst noch gebraucht und zu mir genommen hätte, damit ich (hoffentlich) ein und durchschlafen kann. OK, und jetzt wird es Zeit für die Dominal. Damit könnte ich aber tatsächlich schon durch die Nacht kommen. Das ist sehr gut. Der Gin bleibt erstmal zu.
Es ist schon komisch, dass was einen im einen Moment bis ins Mark erschüttern könnte, einen im anderen Moment "nur" beruhigt. Die Seele ist eine dumme Pottsau. Aber beruhigt zu werden, und sei es nur um ein Grad, ist schon sehr, sehr viel wert. Und Musik das wertvollste im Leben - besonders dann, wenn Mitmenschen gegenwärtig einfach zu viel wären.
Danke an wer auch immer den Song nominiert hat. Er kam genau richtig. Falls es dir jemals richtig mies gehen sollte, wünsche ich dir, dass irgendetwas in dein Leben kommt, das es ein wenig erträglicher macht. Manchmal muss man nur darauf hoffen (wenn vertrauen nicht geht).
4.
Iron Maiden - The Wicker Man - 2000 https://www.youtube.com/watch?v=-sQ3Af3DpeM
Netter Maiden-Rocker mit knusprigem Bassriff und tighter Gitarrenarbeit. Gesang etwas routiniert runtergemuckt und schunkelig. Insgesamt noch solide, aber halt mainstreamig kantenlos. Gäbe einen guten Kirmessoundtrack zur Autoscooterkarambolage ab: Sicher eingehegte, TÜV-geprüfte Stimmung von Wildheit mit Bühnennebel, echten elektrischen Funkenschlägen und echtem Schweißgeruch in der Luft. Achtzigerjahrenostalgie. Kinderstaunen. Was wirkte das doch alles mal groß, als es noch neu war...
5.
Pagan's Mind - Through Osiris' Eyes - 2002 https://www.youtube.com/watch?v=atv-05_aZ48
Das ist die Art von Würfelmetal, bei dem ich beinahe nostalgisch werde. Viel Potential nach oben höre ich hier. Schlagzeugspiel etwas dynamischer gestalten, Gesang etwas kerniger und kraftvoller und tiefer, Produktion deutlich erdiger, und man könnte mich einfangen damit. Etwas überlang, etwas saftlos, aber charmant.
6.
Of The Wand And The Moon - Gal Anda - 2001 https://youtu.be/_m8AEIdgrkI?si=OR8zMmyn1g_t5Yob
Oh, schade. Hier hatte ich die komplett falsche Herangehensweise und erst nach knapp der Hälfte des Stücks realisiert, dass das kein Intro sondern das ambiente Hauptwerk darstellt. An sich mag ich ja (weitgehend) instrumentale, ruhige Stücke mit Flöte. Ich scheine indes in der falschen Stimmung dafür zu sein, oder irgendwas fehlt. Vielleicht bringt mich auch das Gesprochene in für mich unverständlicher Sprache raus. Schade. An sich klingt das nämlich gut, ich empfinde es momentan nur als etwas zu statisch, um meine Aufmerksamkeit ganz einnehmen zu können. Ich weiß nicht, ob hier jemand die wirklich wunderschöne Computerspielserie "Trine" kennt (Jump, Run, Fight, Charakterwechsel für praktische Rätsel, jeder hat besondere Fähigkeiten). Die besticht durch herrlich verzauberte, detailreiche, liebliche Hintergrundlandschaften. Dazu passt diese Musik stimmungsmäßig sehr gut. Der "Trine"-Soundtrack allerdings auch. Tolle Spiele, mir ist Grafik sonst gar nicht so wichtig, aber bei "Trine" wird einfach rundum Atmosphäre aufgebaut, das ist wirklich toll, das spricht meine kindliche Seite an, oder das daran, was noch nicht verdorrt ist. Empfehlung an alle, die diese Musik mögen!
7.
Ensiferum - Token Of Time - 2001 https://www.youtube.com/watch?v=BGpb1vv8hjo
Verschwörungsthese #1: Da stand ein echter Mensch im Kriegerkostüm Modell für das Artwork. Und die Band probte live dazu, während er gemalt wurde. Der Schunkelfaktor der Songs wurde genau daraufhin optimiert, dass die Kriegerfigur gerade so nicht mehr aus dem Boot kippte.
Verschwörungsthese #2: Bekannten, die mir mit diesem ganz besonderen, einzigartig befremdet-neugierigen, ethnologisch forschenden Gesichtsausdruck die Frage stellen, warum man eigentlich Metal hört und was einem das gibt, wurde von IHNEN™ telepathisch eine Bildmontage von betrunkenen, heiseren Wackengruppen, die Met aus Hörnern trinken und Slayer schreien in den Kopf gespielt, während genau dieser Song läuft, damit egal, was ich antworte, es automatisch nach peinlich berührter Ausrede oder absurder Schutzbehauptung klingt.
Verschwörungsthese #3: SIE™ haben auch telepathischen Zugang zu meinem Gehirn, denn ich finde das gar nicht mal so schlimm, solange ich mich auf die Folkelemente konzentriere und mir dazwischen schunkelnde und doch steif stehende Kriegerkostümträger mit durchnässter Kleidung im Kippelboot vorstelle. Slaaaayer! Ups, falsche Montage.
Verschwörungsthese #4: SIE™ senden diese telepathischen Transmissionen nur aus, damit ich meinen keinen Metal hörenden Mitmenschen AMORPHIS nicht schmackhaft reden kann, weil statt meiner Euphorie beim jeweiligen Gegenüber nur die Vorstellung hiervon unterlegt mit aufdringlichen Wacken-Vandalen-Bildmontagen und Alkoholfahnen ankommt.
8.
Timelord - Slaves - 2007 https://www.youtube.com/watch?v=RwGLmbVMsF4
Solange ich den Rachendrachen nicht hören muss ist das ganz okaye Maidenhuldigung mit einem Schuss 'tage. Wenn der singt, wird's schnell anstrengend.
9.
Rise Against - Collapse (Post-Amerika) - 2008 https://www.youtube.com/watch?v=nk91Yo7Jt1A
Unterhalb der Zweieinhalbminutengrenze geht generischer Melocore als einzelner Song meist klar, und dass ich mir dessen Sänger dazu immer als typische Highschoolfilmjocks mit Justintimberlakeeinheitsgesicht vorstelle ist meine ganz persönliche Zwangsstörung, für die die Bands wohl eher wenig können. Oberhalb der Zweieinhalbminutengrenze verliere ich meist die Geduld und werde latent gereizt ob der einfallslosen Generik.
10.
Protest the Hero - Bone Marrow - 2008 https://youtu.be/fcQbw4zUoE0?feature=shared
Metalcore und ich werden wohl keine Freunde mehr werden in diesem Leben, anscheinend auch nicht, wenn dieser progressiv daherkommt, jedenfalls nicht so.

) Aber auch nicht übel das Ding.