Platz 1
Dream Theater | OctavariumGenre: Progressive Metal
VÖ: 2005Wer jetzt gedacht hat, dass hier „Images And Words“ stehen muss, dem kann ich nur ganz deutlich beipflichten, dass ihr da natürlich auf nicht ganz awbegigen Pfaden unterwegs gewesen seit. Aber, ich habe lange überlegt ob ich meine eigene Geschichte zum Album einfließen lasse, oder ob ich einen Klassiker mit einbaue. In Noten schenken sich die beiden Alben bei mir nicht viel (ist in Noten auch nicht am Unterschied sichtbar). Das ist der Krux an meiner eigen auferlegten Regel für die Top 100, bei der man natürlich der etwas waghalsige Annahme sein könnte, dass ein Album wie „Images And Words“ hinter dem Album stehen müsse, weil ja eben nicht in meiner Top 100. Ich werde jetzt nicht noch einmal erklären, wieso ich mich für die Regel "1 Album pro Band" entschieden habe. Aber kommen wir zum eigentlichen Album.
Wie „Awake“ war „Octavarium“ der zweite Versuch mir ein Bild der Band zu machen. Ich schnappte mir also aus irgendeinem Grund (Schicksal?) das Album ging damit im damaligen Müller zum Kopfhörer und fragte, ob ich da reinhören dürfte. Mein Gott, habe ich Stunden damals dort verbracht. Nun, kaum überraschend, war der Höreindruck kaum haftend und ich legte die Scheibe wieder zurück in die Regale. Etwas später hörte ich einen Song, der mir gut gefiel. „The Roots Of All Evil“ und es viel mir zunächst nicht auf, dass ich den Song schon einmal gehört habe und die Band noch viel früher ebenfalls. Erst als ich das Artwork dazu sah, machte es klick. Ich bin dann am Tag danach, in denselben Müller und habe mir die Scheibe geschnappt und bekam dann die Nachricht, dass mein Schwesterchen das Licht der Welt erblickt hat. Das war vor über 18 Jahren.
Zunächst blieb da gar nicht so wahnsinnig viel hängen. Erst mit der Zeit nahm ich die Musik auf und darauf folgte dann wohl meine Bindung zur Band. Relativ zeitig hatte ich alle andere Scheiben der Bands und die Bindung wurde tiefer und DREAM THEATER wuchs zu einer meiner liebsten Lieblingsbands.
Ja, der nostalgische Aspekt spielt eine große Rolle. Aber auch musikalisch halte ich "Octavarium", auch über die Jahre hinweg, für ein wirklich überragendes Album. Von den Einflüssen aus U2 und MUSE konnte ich noch gar nichts erahnen, denn mir fehlte ja auch erst einmal der Vergleich zu anderen Alben. Ich bin da also ganz unvorbereitet und unverkopft an die Band rangegangen und das ist vielleicht auch der Grund, warum das alles mit der Band und mir zu dem geworden ist, was es ist. Mir haben jedenfalls sofort diese luftige glasklare Produktion und die Leichtigkeit der Songs gefallen, die aber auch ordentlich Punch haben können.
Mit der Zeit lernte ich dann das Konzept hinter dem Album kennen. Die Zahl 8 und alles, was dazugehört und hintersteckt. Das achte Album der Band, die acht Songs, die Oktave und seine Stammnoten, die Klaviatur als Ausdruck dessen auf dem Backcover, das Main Cover mit seinen 8 Kugeln im Pendel und die 5 Vögel, dass das Album mit derselben Note beginnt, mit dem das vorausgegangene Album endete. Der Kreis der Quinten, der sich sowohl musikalisch als auch in den Texten widerspiegelt. Dass das Album mit derselben Note endete, mit der es begann.
All das, brachte mir das Album bei. Brachte mir die Herangehensweise an ein Konzeptalbum näher, dass sich auf das Gesamte ausdehnte, mehr als nur eine konzeptionelle lyrische Geschichte. Die Kreativität spielt sich im kompletten Album ab und hat mich durchgehend fasziniert. Wie ein Gemälde, dass einen Rahmen bildet, in dem man sich bewegt, welches man Stundenlang betrachtet und sich fragen stellt, warum der Künstler den Strich jetzt ausgerechnet da gesetzt hat und nicht wo anders. Je länger man es aber anschaut, stellt sich raus, dass das alles Sins ergibt. Bei der man zur inneren Ruhe findet und von Glück überwältigt wird. Ab dem Moment der Erkenntnis, dass sich das wie ein Puzzle von Zeit zu Zeit fügt, herrschte eine Intimität zwischen mir und dem Album, die ich auf dieser Ebene zuvor noch nie so gespürt habe.
Natürlich muss aber auch die Musik im Vordergrund stehen und die gab und gibt mir auch heute noch ziemlich viel. „The Roots Of All Evil“ ist für mich der packendste Teil der AA-Suite. Hat einen sehr alternativen Touch und ist aber durch das Riffing ein wahnsinnig mitreißender Song, der durch die Soli Einlagen auch einen Touch des Albums zuvor abbekommt. Die eben erwähnten MUSE und U2 Einflüsse spiegeln sich vor allem in „These Walls“ und „I Walk Beside You“ wider.
„Panic Attack“ ist mir besonders wichtig, weil es ein Thema anpackt, dass ich nur zu gut kenne und ich die musikalische Umsetzung so perfekt finde. Ich wurde in diesem Forum mal vor nicht allzu langer Zeit vor die Wahl zweier Songs gestellt. Einer war dieser hier, der andere der Song von JUDAS PRIEST. Und das war meine Antwort: „Mir persönlich sagt der Text von "Dream Theater" etwas mehr zu. Zum einen, weil es aus der Ich-Perspektive ist und etwas direkt. Gleichzeitig wühlt das hektische Grundmuster des Songs auf.
Ich mag diese abstraktere Art der Band, die für mich mit „Six Degrees Of Inner Turbulence" angefangen hat. Und die sie mit der kurzen Unterbrechung der „Train Of Thought“ in eine kompaktere, melodischere und weniger sperrige Form auf „Octavarium“ fortgesetzt hat. Einzig „Sacrificed Son“ geht den Weg der Sperrigkeit. Ein Song den ich gerne einmal live erleben würde.
Das Album ist in der Summe wieder Keyboardlastiger und wird wohldosiert eingesetzt. Keine One-Man-Show wie es später gern einmal der Fall war.
Das Herzstück des Albums ist natürlich der Titelsong. Hier wird alles in die Waagschale geworfen, was der Band zur Verfügung steht, und ist an kreativem Input niemals wieder von der Band übertroffen worden. Hier wird die Stilistik so ausgereizt und ausgedehnt, die dem „Kreis“ eine wahnsinnige Bedeutung beisetzt. Das Referenzieren im musikhistorischen Kontext ist ein wesentlicher Teil im dritten Part des Songs („Full Circle“). Ein Haufen Zitate historisch relevanter Songs wie „Lucy In The Sky“, „My Generation“, „Light My Fire“ und „Gabba Gabba“ werden unter anderem so passend eingesetzt, dass der Kreis dir förmlich ins Gesicht hüpft. In einer Form so von Dramatik durchzogen, wie ich es zuvor nie auch nur im Ansatz zu hören bekommen habe. Was jeder einzelne da abzieht, kann ich bis heute kaum begreifen. Ein für mich wahrlich ausgeklügeltes und voller Ideen gespickter Part. Der erste Part („Someone Like You“) der gesungen so geschmeidig verläuft und nachdem dritten Verse in einen Basspart verläuft, bei dem es mir noch immer eiskalt den Buckel runterläuft. Im vierten Teil des Songs („Intervals“) wird auf jeden einzelnen Song desselben Albums noch einmal Bezug genommen. Gespickt von dem herrlichen Easter Egg, dass Mike vor jeder Textzeile die Tonart angibt. Textlich eine absolute Meisterleistung. Es wird deutlich härter im Aufbau. Mike und James schaukeln sich hoch und James flippt mit der Wiederholung „Trapped Inside This Octavarium“ völlig aus um dann im letzten Part („Razor’s Edge“) einen Abschluss zu finden, der wie ein versöhnliches Fazit klingen mag.
Die immer wiederkehrende Elemente aus dem Song, der langsame Aufbau des Songs, das immer größer werdende Volumen, die emotionalen Auf und Abs, für die die Songlänge von 24 Minuten passender nicht sein könnte, die Referenzen im Inneren als auch im Äußeren, zeigen für mich mehr als nur das musikalische Können der Herren hinter der Band. Es ist eine Explosion an Kreativität, eine wahrliche Meisterleistung eines konzeptionellen Gedanken in Form zu gießen und daraus ein sinnergebendes Gesamtbild zu entwickeln, dass nicht nur auf hohem Niveau statuiert wird. Der Einbau eines Orchesters, lässt das Stück nicht weniger an ein Level der klassischen Musik erinnern. Wohldurchdacht und nicht überladen. Ein Song der einer modernen Symphonie gleichkommt. Ein Song der ganz ohne Kitsch auskommt und sich trotzdem so bewegen kann, wie er es eben tut. Ein Pik, den die Band nie wieder erreicht hat. Und vor allem ein Song, der beweist, dass Technik und Emotionalität sich nicht ausschließen müssen. Ein Song, der die Charakteristik der Band hervorhebt, auf Albumebene neues ausprobiert und dabei so zugänglich klingt wie kaum ein anderes Werk. Mit der Verspieltheit arbeitet, ohne dabei das Gefühl von Stückwerk zu begegnen. Ein ineinanderlaufendes Schweizer Uhrwerk, präzise, kompromisslos aber voller Glanz. Erhaben, episch und wunderschön.
Ein Album, für das ich mir wünschte, dass es die Anerkennung bekommt, welches es verdient hätte. Ein moderner Klassiker, in meinen Augen, dass zum größten Teil eben nicht als solches beschrieben wird. Aber viele Musikenthusiasten auf den Plan rief, die das Stück in seine Einzelteile zerlegt hat und mir eine Langzeitbeschäftigung bescherte, die seinesgleichen sucht.
Ein hoch emotionales Werk, dass ich in der Form niemals hätte erahnen können und mir aber, wenn ich zurückblicke, eine unfassbare Ganzkörpergänsehaut beschert. Jedes Mal, wenn dieses Album läuft oder ich, wie ich es hier getan habe in einer Ausführlichkeit beschreibe, die ich ebenso niemals für möglich gehalten hätte, in der Lage dazu zu sein. Ich bin sehr aufgewühlt und ergriffen, weil das hier beschriebene alles ausdrückt, wirklich alles, was ich an der Musik so liebe. Genresprengend, übergreifend auf alles, was ich höre. Horizonterweiternd und die Kontinuität, wie ich Musik höre. Scheiß auf Statistiken, überbordender Musikeinkäufe, die ausdrücken, wie sehr man „into it“ ist. Das hier drückt den Kern, den wahren Sinn aus, warum mir das alles so wichtig ist.
Hörbeispiele:Panic AttackOctavarium