Manche Musik verbindet man einfach mit bestimmten Menschen, mit denen man diese Musik geteilt hat oder von denen man den Tip bekommen hat. Ich hatte einen ziemlich abgefreakten Studienkollegen, zu dem ich (leider) keinen Kontakt mehr habe, der aber dennoch immer lustige Erinnerungen bietet. Er war ein in allen Belagen ziemlich durchgeknallter Typ. Beispielsweise hat er sein Studium in Bayreuth abgebrochen, weil dort angeblich "zu gute Luft" ist, die ihm als Stuttgarter Großstatt-Zomie nicht bekommt und er sich deshalb (!) nicht auf sein Studium konzentrieren kann. Besagter Kollege war ein ziemlicher Musikfreak und Plattensammler, der horrende Summen für alte Krautrockscheiben ausgegeben hat, am besten im
mint-Zustand, also ungespielt. Weil das ganze sehr teuer ist, hatte er für sich einen sehr ungewöhnlichen Kompromiß arrangiert: Entweder Platten oder Anlage. Die ollen Scheiben auf einer schlechten Anlage anghören, das ging gar nicht. Ich bin froh, mal ein Zeitfenster in seinem Leben erwischt zu haben, als er BEIDES besaß. Er hat dann auch zu einer Party eingeladen, auf der er endlich mal seine heißgeliebten Scheiben in angemessenem Soundrahmen vorführen wollte. Wochenlang wurde diese Party verschoben. Der Kerl hat wochenlang minutiös seine Boxen Zentimeter um Zentimeter verschoben, bis ENDLICH der Sound so passte, daß er auch für seine Gäste zumutbar war. Dann kam der Tag der Wahrheit und mindestens zwanzig Leute saßen im Kreis und erwarteten die Sounds. Gut klang es, tolle Musik kam da aus den Boxen, aber mein Kumpel war total am Boden zerstört und mit den Nerven am Ende, weil der Sound seines Erachtens nicht passte. Verzweifelt fuchtelte er and den Reglern rum bis er durch Zufall den Fehler fand. Einer von uns hatte ein HANDY dabei! Und dieses HANDY!!! hat den gesamten Klang zerstört. Kaum war dieses weggepackt, war das Glück auf seinem Gesicht. "HÖRT IHR DAS! HÖRT IHR DAS? Wie der Sound AUFGEHT?"
Es tut mir immer noch leid, daß ich absolut keinen Unterschied mit und ohne Mobiltelefon gehört habe, aber auch die anderen Gäste haben nur Bauklötze gestaunt, nicht weil der Sound so aufgeht, nein, wegen meinem Kumpel. Ich könnt Euch denken, warum...
Eine andere lustige Ironie war, daß besagter Kumpel, einer der "minderwertiges Musikhören von CD" verabscheute, "die beste Musik", die er "je gehört" hat, nur auf einem schlabberigen Audiotape besaß. Dieses Tape ist dann sicher durch einige Hände gewandert - natürlich musste man es mit Samthandschuhen anfassen - weil er es gerne und oft angepriesen hat als "Sensation aus Norwegen" mit "einer Frau am Cello". Dieses Tape fiel logischerweise auch in meine Hände. Darauf zu hören war:
Platz 14:
Anekdoten - Vemod (1993)

Entgegen der Angabe meines Kumples entpuppten sich ANEKDOTEN als Schweden, aus Borlänge in der wunderschönen Region Dalarna, dort wo die berühnmten Pferdchen herkommen. Die Frau am Cello ist jedoch real und hört auf den tollen Namen Anna Sofie Dahlberg. Sie bringt die nötige Portion Gefühl in die Männerdomäne "Retroprog" und ist sicher ein wichtiger und prägender Faktor für den Sound der Band, die als KING CRIMSON-Coverband startete. Sicher sind KC ein wichtiger Einfluß auf dem Debut 'Vemod', und wie ich finde kein schlechter. Wie am ersten Tag bin ich bezaubert von den wehmütigen Klängen des Openers
Karelia. Das genauso schräge wie kraftvolle wie zerbrechliche
The old man & the sea zählt immer noch zu meinen liebsten Progsongs überhaupt. Das Album wirkt auf mich fast wie live eingespielt und selbst Spielfehler wurden nicht korrigiert (oder waren gewollt) und das gibt der Musik ein ungemein lebendiges Flair. Die Spannung ist fast greifbar und ich habe das Gefühl, die Musiker wären in meinem Zimmer, live und wahrhaftig. Der Höhepunkt der Scheibe kommt für mich dann auch ganz zum Schluß, nämlich mit Anna-Sofies Mellotronsolo bei
Wheel, einem an sich fast unerträglich schrägen Retroprogfeger mit ebenso schrägen männlichen und weiblichen Vocals. Aber das, was zwischen Minute 3 und 5 passiert, ist ein sagenhafter Moment, ein unerreichter Moment, nach dem ich immer hungrig sein werde, bei dem ich winseln muß und bitten, er möge nie zu Ende gehen. Diese zwei Minuten sind wie Ewigkeit.