JUDICATOR - Concord
Mehr über Judicator
- Genre:
- Heavy Metal
- ∅-Note:
- 9.50
- Label:
- Judicator Eigenvertrieb
- Release:
- 28.03.2025
- Call Us Out Of Slumber
- Sawtooth
- Jahannah's Song
- A Miracle Of Life
- Weeping Willow
- Imperial
- Hold Your Smile
- Concord
- Blood Meridian
Die Ursprünge der Geschichte Amerikas - ohne Westernromantik oder Verherrlichung des Gründermythos.
Mit "Concord" veröffentlicht JUDICATOR bereits das siebte Album, mit dem die Band aus Salt Lake City hoffentlich dem Status des Geheimtipps ein Stück weit entfliehen kann.
Mein Erstkontakt mit JUDICATOR war das 2022er Album "The Majesty Of Decay" und zeitgleich ist der 2020er Vorgänger "Let There Be Nothing" in die Sammlung gewandert. Wie der sprichwörtliche Elefant im Raum steht der Name einer Band, ohne den wohl keine Besprechung eines Albums von JUDICATOR auskommt – nämlich BLIND GUARDIAN. Dass die Krefelder eine große Inspiration sind, leugnet Bandkopf John Yelland auch nicht. Was aber nicht heißt, dass die Amerikaner eine Kopie der Barden abliefern, nein, sie führen einem eher vor Augen – oder besser Ohren – welchen Weg BLIND GUARDIAN nach der anfänglichen Sturm- und Drangphase auch hätten gehen können.
"The Majesty Of Decay" war das Album, auf dem John Yelland zum ersten Mal nach dem Ausstieg von Bandgründerin und Hauptsongwriterin Alicia Cordisco neben den Lyrics auch für die Musik verantwortlich war. Es hat das eine oder andere Mal die Grenzen dessen, wofür die Musik von JUDICATOR auf den fünf vorangegangenen Alben stand, weit ausgedehnt. "Concord" wirkt wieder fokussierter und schärft gleichzeitig einen eigenen Sound, bei dem man nicht mehr sofort an die großen Vorbilder denken muss.
Wurden auf vorherigen Alben in den Texten oft Themen aus der europäischen Geschichte behandelt, so führt der Blick der Band, wie das Cover schon andeutet, zu den Ursprüngen der Geschichte Amerikas. Wer hier aber nun Westernromantik oder die Verherrlichung des Gründermythos der USA befürchtet, den belehrt der belesene Sänger eines bessern.
Der Albumtitel 'Concord' bedeutet so viel wie Einvernehmen, Einklang, Übereinstimmung. Aus der Beschäftigung mit den Motiven der Besiedelung des Westens, des (Über)Lebens in einer unbekannten Umgebung, der Freiheitssuche ergab es sich, dass John diese Themen auf die heutige Zeit übertragen hat und das Album sich so thematisch in zwei Hälften aufteilt.
Die eine, bei der aus dem "Wilden Westen" der Westen, sprich die westliche (amerikanische) Lebensweise wird, die auch uns Europäer seit dem zweiten Weltkrieg enorm beeinflusst hat. Die Texte beschreiben Sehnsüchte, z.B setzt 'Sawtooth' dem Sawtooth Mountain Range-Gebirge in den Rocky Mountains ein musikalisches Denkmal. In anderen Stücken, wie dem Opener 'Call Us Out Of Slumber', geht es um die immer größer werdende Isolation des Individuums, zum Beispiel durch Soziale Medien, und darum, wie weit wir uns heute von all dem entfernt haben, was vor der sehr kurzen Zeitspanne die Menschen bewegt und geleitet hat und wie wenig uns Traditionen bereits nach kurzer Zeit noch bedeuten. Der Song 'Miracle Of Life' handelt davon, mit allem pro und contra.
In der zweiten Albumhälfte geht es tatsächlich um reale und fiktionale Geschichten aus der Pionierzeit und dem Wilden Westen. In 'Weeping Willow' wird die Geschichte des Gesetzeshüters Bas Reeves und dessen Sohn erzählt, der Film "Todeszug nach Juma" von 2007 wird in dem Stück 'Hold Your Smile' verarbeitet und auch die dunklen Ereignisse bleiben nicht unerwähnt. 'Imperial' behandelt das Massaker von Wounded Knee, das die US-Armee am 29.12.1890 unter Angehörigen mehrerer Sioux-Stämme verübt hat.
Musikalisch hat das Album, abgesehen von ein, zwei kurzen Einlagen am Anfang oder Ende der Songs, nichts mit Americana oder gar Country & Western zu tun. Hier wird kraftvoller Metal in der Schnittmenge von europäischem und amerikanischem Powermetal geboten, ohne allzu ausufernde symphonische Elemente oder unangebrachte New- oder Deathmetal-Einlagen. Als Orientierung mögen tatsächlich BLIND GUARDIAN stehen. Die von JUDICATOR bekannten progressiven Elemente sind auch vorhanden, eine kleine Bläser-Einlage verkneift man sich auch diesmal nicht, aber all das lenkt nicht von den Songs und grandiosen Melodien ab. Ebenso verbleibt eine gewisse Grundhärte und "Concord" gleitet nie in allzu sanfte Gefilde ab, sondern bleibt, trotz einer enormen Dynamik innerhalb der Songs, durchweg knackig.
Sowohl Musik als auch Texte liefern Tiefgang und ich bin gespannt, was von JUDICATOR noch zu erwarten ist! Anspieltipps sind das Titelsück sowie das grandiose 'Miracle of Life', deren offizielle Videos ihr oben im Text verlinkt findet.
Da das Album von der Band selbst veröffentlicht wurde, ist es in Europa im Moment nur digital erhältlich, wer die CD haben möchte, muss bei der Band in den USA bestellen. Aber hier ist man dran und hoffentlich wird es den Fans in der alten Welt auch bald ermöglicht, sich dieses grandiose Album auch physikalisch in die Sammlung zu stellen.
Mehr könnt ihr in einigen Tagen in unserem Interview mit John auf Powermetal.de lesen.
- Note:
- 9.50
- Redakteur:
- Maik Englich