BLOODBATH: Interview mit Nick Holmes

27.11.2014 | 14:18

Mikael Åkerfeldt ist bezwungen, auch wenn er freiwillig aufgegeben hat. Nick Holmes ist der neue Chef im Ring. Dass "Grand Morbid Funeral", das neue Album von BLOODBATH, nicht nur uns mächtig beeindruckt hat (siehe Review), spricht dafür, dass die beiden Bandköpfe Jonas Renkse und Anders Nyström (beide hauptamtlich bei KATATONIA) alles richtig gemacht haben, den Frontmann von PARADISE LOST in die Band zu holen.

Etwas nervös bin ich im Vorfeld. Habe ich doch vielerorts gelesen, die Herren von PARADISE LOST, denen Nick Holmes bekanntlich vorsteht, würden in Interviews ungern auf ihren schwer verständlichen Dialekt verzichten. BLOODBATH zuliebe reisst sich der Neu-Sänger jedoch am Riemen: "Okay, ich werde versuchen, etwas weniger "Yorkshire" zu sprechen, als ich das sonst tue." Und er verspricht nicht zu viel.

Ich verspreche dafür, im Interview auf bestimmte Wörter wie "Mikael" und "Åkerfeldt" zu verzichten, denn meine Annahme, dass Holmes beide einzeln oder im Zusammenhang in Gesprächen mit Medienvertretern zu Genüge vorgesetzt bekommen hat, erweist sich als richtig. Der sympathische Sänger weiß jedoch, damit umzugehen: "Naja, es ist nunmal so, dass er lange Zeit in der Band war, daher ist das nicht irrelevant. Darüber hinaus ist er eh ein Freund von mir. Absolut kein Problem für mich."

Death-Metal-Fans haben "Grand Morbid Funeral", das vierte Album von BLOODBATH, mit riesiger Spannung herbeigesehnt. Schließlich growlt Nick Holmes bereits seit gut 23(!) Jahren nicht mehr, Gegrunze unter der Dusche mal außen vor genommen. Hat der Sänger den Death Metal für sich wiederentdeckt? "Ja, ich schätze schon," gibt Holmes zu Protokoll. "Die Jungs haben mich vor einiger Zeit darauf angesprochen, bei ihnen zu singen. Daher hatte ich eine Menge Zeit, darüber nachzudenken. Death Metal war nunmal ein sehr wichtiger Teil in meiner Jugend. Ich denke, dass dich so etwas dein Leben lang begleitet, du schiebst es lediglich beiseite. Zum Death Metal zurückzukommen, fühlt sich natürlich nicht so an wie damals. Allerdings genieße ich hier die Erinnerungen an meine Jugend, auch wenn ich sonst kein Nostalgiker bin. Ich hatte eine klasse Teenager-Zeit."

Nick bezeichnet sich also selbst nicht als Nostalgiker, lebt im Hier und Jetzt und hat den Blick stets nach vorne gerichtet. Bei den Hörgewohnheiten sieht es etwas anders aus: "Ich versuche schon, neue Bands für mich zu entdecken," sagt Holmes und schiebt die Begründung hinterher: "Man sollte schon auch ein Auge darauf haben, worauf andere Leute abfahren und vor allem auch, mit was sich der Nachwuchs musikalisch so beschäftigt. Wobei das natürlich auch von meiner Stimmung abhängt. Allerdings gehören auch Bands dazu, die aus irgendeinem Grund an mir vorübergegangen sind, egal aus welcher Zeit. Es ist jedoch nicht so, dass ich wie der ein oder andere "Bloody Kisses" [TYPE O NEGATIVEs bahnbrechendes Zweitwerk - hd] Sonntag nachts in Dauerschleife höre, wenn ich betrunken bin - das mache ich nur einmal im Monat," scherzt der Sänger. Überhaupt ist das Gespräch sehr entspannt und man mag es kaum glauben: Der Frontmann von BLOODBATH hat einen ausgezeichneten Sinn für Humor.

Die Skepsis vieler Fans, ob Nick Holmes an seine Hochzeiten als Death-Metal-Shouter (nachzuhören auf dem PARADISE LOST-Debüt "Lost Paradise" von 1990 und dem Nachfolger "Gothic" ein Jahr später) anknüpfen kann, liegt auf der Hand. Wie zum Teufel kamen Anders, Jonas, Per und Martin auf die Idee, gerade mit ihm zusammen zu arbeiten? Der Sänger holt etwas aus: "Das liegt schon etwas zurück. 2011 war ich mit PARADISE LOST auf US-Tour und wir hatten KATATONIA dabei. Das war genau zu der Zeit, als Mike [Åkerfeldt - hd] beschloss, bei BLOODBATH auszusteigen. Dann haben mich Jonas und Anders eben gefragt, ob ich mir das vorstellen könnte, bei ihnen zu singen." Nick dachte zuerst an einen schlechten Scherz, die zwei überzeugten ihn aber, sich zumindest die Option offen zu halten. "Sie sind halt große Fans der alten PARADISE LOST-Alben. Früher wäre das mit dem Altersunterschied von vier Jahren etwas schwieriger gewesen, denn wir gehörten unterschiedlichen Death-Metal-Generationen an," versucht sich Nick an einer Erklärung über seine anfängliche Skepsis. "Aber in unserem Alter ist das kein Thema. Ich hatte dann ausreichend Zeit, um mir Gedanken darüber zu machen. Musikalisch ist's halt schon ziemlich weit entfernt von dem, was wir mit PARADISE LOST um 1990 gemacht haben, als wir noch diesen zähen, doomigen Death Metal gespielt haben. Die Gemeinsamkeiten sind zwar da, aber in der Ausführung sind es trotzdem komplett unterschiedliche Paar Stiefel."

Auf "Grand Morbid Funeral" ist das britisch-schwedische Quintett stilistisch wesentlich breiter aufgestellt als in der Vergangenheit. Der Death Metal "made in Stockholm" war schon immer der Eckpfeiler des Sounds, hinzugekommen ist das enorm kranke Element von AUTOPSY, aber auch das Düstere und Beklemmende von "Lost Paradise".
Nick vervollständigt: "Du hast in deiner Aufzählung eine Band vergessen. 'Church Of Vastitas' hat mehr von CELTIC FROST als alles, was wir bisher gemacht haben. Ich habe früher öfter versucht, in der Art wie Tom G. Warrior zu singen. Daher wundert es mich, dass du diesen Einfluss nicht heraushörst. Ich musste sofort an CELTIC FROST denken, als ich den Song zum ersten Mal gehört habe. Deswegen bin ich auch etwas überrascht, dass das bislang sonst niemand herausgehört hat, wenn es darum ging, uns mit anderen Bands zu vergleichen." Ich gestehe: ich auch nicht! "Naja, hör mal, wie der Song endet. Er hört einfach auf," analysiert Nick. "Das hat CELTIC FROST auch gerne gemacht: Die Band hat einfach aufgehört zu spielen, ohne ein Outro oder dergleichen. Das fand ich schon immer klasse. Genauso haben wir es bei 'Church Of Vastitas' gemacht: Jonas hat das Lied geschrieben und ich hab einfach aufgehört zu singen - somit hatten wir den Schluss auch ziemlich schnell im Kasten." Und wieder wird gelacht.

Die gute Laune steigert sich und inspiriert spontane Einwürfe. Ob es denn möglich sei, dass Jonas der "Tanz der Vampire"-Soundtrack von Krzysztof Komeda inspiriert hat? Insbesondere in der Szene, als Alfred eines Nachts von dieser weiblichen Stimme geweckt wird, die eine gruselige Melodie singt, während er und Professor Abronsius im Schloss von Graf Krolock gefangen gehalten werden? "Wirklich? Da muss ich beim nächsten Mal echt darauf achten, wenn ich ihn mir wieder anschaue," lacht Nick. ""Tanz der Vampire" gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Als Greg Mackintosh [Gitarrist und Songwriter bei PARADISE LOST und VALLENFYRE - hd] und ich ihn als Kids das erste Mal gesehen haben, hat er uns total umgehauen. Ich werde auf jeden Fall darauf achten. Vielleicht hat sich Jonas davon beeinflussen lassen. Ich werde ihn fragen," versichert mir der Sänger.

Was bei "Grand Morbid Funeral" ebenfalls als positiv zu verbuchen ist, ist der raue und ungeschliffene Sound. Ganz anders als auf dem in produktionstechnischer Sicht relativ glattpolierten Vorgänger "The Fathomless Mastery". "Die Jungs wollten wohl weg von diesen ProTools-Produktionen, mit dem Geraderücken von Beats, getriggerten Drums und dergleichen," erklärt Holmes die Abkehr vom stark Florida-lastigen Death Metal. "Ich für meinen Teil fühle mich eh viel wohler im schwedischen Death Metal, denn da sind meine Wurzeln. Vor allem die ganz alten Bands mit ihren ersten Veröffentlichungen. Natürlich fand ich AUTOPSY oder DEATH genial, aber ich finde, dass die besten Veröffentlichungen aus Schweden kamen. Viele von ihnen haben nicht einmal ein Album veröffentlicht, nahmen lediglich ein Demo auf und lösten sich dann auf, richteten sich selbst hin oder zündeten Kirchen an und wurden danach nicht mehr gesehen," witzelt Nick, wobei er da wohl etwas verwechselt hat. "Und auch wenn ich so englisch bin wie Fish & Chips, ist es großartig, bei einem reinrassigen schwedischen Death-Metal-Album mitgewirkt zu haben."

Die typisch sägenden Gitarren sind aus dem BLOODBATH-Sound nicht mehr wegzudenken. Technik-Aficionados wird es sicherlich interessieren, ob die beiden Klampfer Anders und Per auf das HM-2-Pedal [Distortion-Pedal von Boss, das seit 1991 nicht mehr hergestellt wird und den Gitarrensound der ersten ENTOMBED-Scheiben maßgeblich geprägt hat - hd] oder ob sie alternativ auf den erstklassigen Nachbau aus dem Haus Lone Wolf FX zurückgegriffen haben. Genau beantworten kann Nick die Frage auch nicht: "Ich war bei den Gitarrenaufnahmen leider nicht vor Ort, weiß aber, dass Anders und Per das HM-2-Pedal öfter erwähnt haben. Anders ist eh sehr Gear-vernarrt und mich würde es wundern, wenn er diesen Nachbau nicht bereits kennen würde. Vielleicht hat er ja auch schon einen Endorsement-Deal mit ihnen [Lone Wolf FX - hd]."

Bei PARADISE LOST ist die Arbeitsteilung klar vorgegeben: Greg schreibt die Songs und Nick überlegt sich dazu die passenden Texte. Bei BLOODBATH sieht es anders aus. Lediglich zu 'Unite In Pain' und 'Beyond Cremation' hat er Texte beigesteuert. Ein lyrisches Konzept im klassischen Sinn gibt es jedoch nicht: "Das einzige den Lyrics zugrunde liegende Konzept sind die Death-Metal-typischen Inhalte. Bei fiktiven Texten kannst du die Toten zum Leben erwecken, was sich etwas schwieriger gestaltet, wenn du über Reales schreibst."

Von den Texten zum Gesang: Nach über 20 Jahren wieder seine Stimmbänder so zu malträtieren, geht das überhaupt noch ohne großartige Nebenwirkungen? "Schon," erklärt der Sänger. "Mir war es wichtig, mir die Songs zu verinnerlichen, bevor wir den Gesang aufnehmen. Ich habe Demos angefertigt, denn ich wollte genau wissen, was da auf mich zukommt, wenn ich im Studio los zu brüllen beginne. Die Vorbereitung war wirklich essenziell. Einige Songs sind verdammt schnell und das wollte ich natürlich mit dem Gesang auch umsetzen. Ich fühlte mich dabei fast schon, als ob ich rappen würde," lacht Holmes. "Die Gesangsaufnahmen liefen aber problemlos über die Bühne. Ich singe jetzt schon fast 27 Jahre und merke schon, wann die Stimme erschöpft ist und ich aufhören und eine Pause einlegen muss. Und im Death Metal ist es halt so, dass es entweder gut klingt oder eben nicht. Da brauchst du keine 25 Takes für eine Zeile." Bei 25 Takes pro Zeile könnte man sich auch überlegen, ob man vielleicht nicht doch Fehl am Platz ist als Sänger in einer Death-Metal-Band. Nick relativiert: "Klar, aber du kannst natürlich auch mal einen schlechten Tag oder einen zickigen, kleinlichen Produzenten haben." Eben!

Greg ist bekanntlich seit einigen Jahren mit VALLENFYRE erfolgreich unterwegs und hat sich mit diesem Nebenprojekt der alten Schule angenommen, Nick singt jetzt bei BLOODBATH: Dabei zwingt sich natürlich die Frage auf, ob das Spuren bei PARADISE LOST hinterlassen wird. Nick dazu: "Vielleicht unbewusst. Bei Greg kann ich mir das schon vorstellen, denn er ist seit über fünf Jahren wieder dick drin in der Szene. Und er kann mir halt nicht Death-Metal-Riffs vorlegen und ich haue einen Chor oder so darüber. Das würde einfach beschissen klingen. Ich pass mich da schon an und versuche den Gesang so heraus zu arbeiten, dass er zu den Riffs passt. Daher kann ich auf jeden Fall schonmal sagen, dass ich es nicht verhindern würde, wenn wir wieder mehr in diese Richtung gingen," lässt Nick die alten PARADISE LOST-Fans hoffen. "Ein Song klingt jedenfalls, als ob er 1988 entstanden wäre. Ich bin gespannt, wer das alles heraushören wird. Das Lied ist während der letzten zwei Wochen entstanden. Wir sagen das ja fast schon bei jedem Album, dass wir wieder ein Stück näher zu unseren Wurzeln zurückkehren. Mit dem Song werden die alten Fans sicherlich ihre Freude haben." Na, immerhin einer!   

Erfreulicherweise tut sich auch an der Livefront etwas. BLOODBATH ist vor einiger Zeit für das nächstjährige PartySan-Festival bestätigt worden. Eine Tournee ist aber unwahrscheinlich: "Das würde zeitlich auch gar nicht hinhauen," tröstet Nick den BLOODBATH-Fan. "Ich finde die Idee klasse, auf einem Festival pro Land aufzutreten, wobei es in Deutschland allein schon fünf werden könnten. So bleibt das ganze etwas besonderes. Darum ging es bei BLOODBATH eigentlich immer und nicht darum, 60 Shows in den Vereinigten Staaten runter zu reissen. Aber auch hier gilt: Wir werden sehen, was passiert."

Abschließend erwartet Nick der schwierigste Part des ganzen Interviews: Er muss seine fünf liebsten Death-Metal-Alben aufzählen. Pfeilschnell schießen die ersten zwei Plätze aus ihm heraus: "POSSESSED mit "Seven Churches" und DEATH mit "Scream Bloody Gore." Danach wird viel überlegt. Das Interview endet fast schon so wie "Grand Morbid Funeral", zäh und langsam. "Puh, das ist gar nicht so einfach. Weisst du, die meisten Sachen, die ich mag, sind Demo-Bands," grübelt Nick. Es soll doch Spaß machen. Eines der ersten beiden PARADISE LOST-Alben an dritter Stelle vielleicht? Nick lacht: "Nein, nein, ich bescheisse doch nicht. Ja, das dritte habe ich auch, und zwar: "The Great Mass" von SEPTIC FLESH. Auch wenn's eher Black Metal ist, sag ich jetzt einfach mal "Under The Sign Of The Black Mark" von BATHORY auf Rang vier. Ah, jetzt hab ich's: Auf Platz fünf setze ich "At War With Satan" von VENOM. Verdammt, das ist ja auch eher Black Metal."

Zur Strafe ein paar Death-Metal-Alben aus Schweden: "Ich fand ENTOMBED klasse, als die Band noch NIHILIST hieß. Genauso gut war MORBID. Und. Fuckin' hell. Ich versuche gerade, mir die Demo-Cover in Erinnerung zu rufen. Die ersten DISMEMBER-Sachen sind auch stark. In diesem Zusammenhang, ähm." Nick meint bestimmt CARNAGE: "Ja, genau. Das "The Day Man Lost"-Demo ist ganz großartig. DEVASTATION aus Chicago war auch fantastisch. Der Frontmann Troy Dixler ist ohne Zweifel der beste Death-Metal-Sänger aller Zeiten. Er war ein großer Einfluss für mich. Genauso für Barney Greenway [NAPALM DEATH-Sänger - hd], als er noch bei BENEDICTION war. Wir haben beide versucht, Troy Dixlers Stil zu kopieren. Er hatte einfach die ultimative Stimme. MASSACRE war auch ganz groß. MORBID ANGEL ist auch ganz weit oben dabei, allerdings bevorzuge ich auch hier die Demos. Weisst du, ich habe damals eine Menge Tapes bekommen und nachdem das alles gänzlich neu für mich gewesen ist, hat mich das schon nachhaltig beeindruckt. Als die Bands dann ihre ersten Platten veröffentlichten, fand ich das nicht mehr so toll. Diese Double-Bass-Drums hatten 'nen seltsamen, klickenden Klang. Ich bewahre all die Kassetten in meinem Keller auf. Es müssten über 1.000 sein. Wenn ich da blind reingreife und eine herausziehe, bin ich sicher, dass es mir gefallen wird. Da sind auch die ganz alten Sachen von PUNGENT STENCH, DISHARMONIC ORCHESTRA mit dabei."

Da hat sich der Gute am Schluss doch noch einmal gerettet. Nick Holmes ist zweifellos routiniert im Umgang mit der Presse. Dennoch wirkt er jederzeit authentisch, nie berechnend und überhaupt ungemein sympathisch. Vielen Dank für das feine Gespräch!

Redakteur:
Haris Durakovic

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