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DEEP PURPLE - Interview mit Don Airey

09.08.2020 | 12:31

Der Keyboarder spricht über "Whoosh!" und was sonst so bei DEEP PURPLE los ist.

Das neueste DEEP PURPLE-Album "Whoosh!" gewann völlig zu Recht unseren August-Soundcheck und als sich die Gelegenheit ergab, Keyboarder Don Airey ein paar Sätze zum Entstehungsprozess und zum Stand der Dinge bei der Band zu entlocken, ließen wir uns nicht zweimal bitten. Also telefoniere ich an einem Freitag Mittag mit einem äußerst entspannten Herrn Airey, der sich eine halbe Stunde lang zu allen möglichen Aspekten der jüngeren DEEP PURPLE-Geschichte äußert.

Zunächst beginnen wir, über die Zusammenarbeit mit Produzent Bob Ezrin zu plaudern, der die letzten drei, allesamt bärenstarken Alben der Band betreut hat. Eine Herzensangelegenheit seinerseits, wie Don berichtet: "Bob kam zu unserem Konzert in Toronto, er hat dort einen Wohnsitz. Er hat uns gefragt, ob er mit ein paar seiner Kinder zur Show kommen könne und nach der Show war er total begeistert von der Energie, die wir live hatten und hat uns gefragt, ob wir am nächsten Tag Zeit für ein Meeting hätten. Also haben wir uns am nächsten Tag in der Hotel-Lobby getroffen und er hat gefragt, ob er unser nächstes Album produzieren dürfe. Da hatten wir noch gar keine konkreten Pläne für ein Album, aber so ist dann "Now What?!" entstanden."

Dass Ezrin die Band nach diesem Live-Erlebnis gut einschätzen konnte, zeigte sich auch in der Herangehensweise, als es darum ging, den Geist von DEEP PURPLE einzufangen. "Bob hat uns gesagt, wir sollten einfach mal losspielen, worauf wir Lust hätten und uns keine Gedanken darüber machen, wie das Album am Schluss klänge. So ist es uns definitiv gelungen, die Energie der Konzerte auch ins Studio zu bringen, ohne jeglichen Druck."

Und diese Herangehensweise hört man dann auch auf den Alben. Aber wie genau schreibt eine Band wie DEEP PURPLE heute noch neue Songs? Ganz old-school, wie Don berichtet:  "Wir treffen uns alle gemeinsam im Proberaum, wenn wir anfangen, neue Songs zu schreiben. Steve und ich bringen ein paar Riffs und Melodien mit und Ian Paice startet einfach so einen Groove und dann geht es los. Wenn Ian und Roger grooven, schauen wir einfach, welche Riffs und Melodien passen, so entstehen unsere Songs. Ian Gillan sitzt währenddessen daneben und murmelt Worte vor sich hin, aus denen dann der Text und eine Gesangsmelodie entsteht."


Eine romantische Vorstellung, dass man selbst nach über 50 Jahren noch musiziert wie sich das nostalgische Fans vorstellen, aber Airey will das nicht so stehen lassen. "Es klingt entspannter, als es ist, wir arbeiten hart, es ist sehr intensiv. Unsere Tage im Proberaum fangen um elf an und wir arbeiten dann bis sieben oder so durch, ohne größere Pausen." Also ein ziemlich regulärer Arbeitstag, kein Rock'n'Roll. Der Grund dafür ist dann aber auch das Geheimnis für die Langlebigkeit der Band. "Bei DEEP PURPLE herrscht immer so eine Spannung, so dass sich keiner von uns je wirklich zurücklehnen kann. Das hat die Band immer ausgemacht und unterscheidet uns vielleicht auch etwas von anderen Bands, gerade nach so langer Zeit." Ein ewiger Wettbewerb innerhalb der Band, der alle gemeinsam vorantreibt, auch live.

"Manchmal spielt Steve live ein Solo und ich stehe da und frage mich, wie ich das jetzt noch toppen kann. Aber das macht eben auch die Energie aus, die wir live haben. Wir spielen ja komplett ohne Backing Tracks und ähnliches. Das heißt, wenn wir Fehler machen, hört es direkt jeder. Aber das macht eben auch den Spaß an den Liveshows, es sorgt dafür, dass nichts wirklich zur Routine wird. Wenn man routiniert wird und sich denkt, "Oh, das läuft ja grade super", dann wird man zu entspannt und es passieren Fehler." Darin sieht Don auch den Grund, warum sich DEEP PURPLE grade in den letzten Jahren wieder zunehmender Beliebtheit auch bei jüngeren Fans erfreut. "Ich denke, die Leute spüren einfach, dass bei uns ohne Netz und doppelten Boden gespielt wird, man weiß eben nie genau, was bei einer Show passiert und deshalb kommen die Leute immer wieder."

Was dann dazu führt, dass gerade auch neuere Songs im Live-Set zu den Highlights gehören. "Nach dem etwas unerwarteten Erfolg von "Now What?!" waren wir überrascht, als die Leute nach den Shows zu uns kamen und meinten, wir hätten zu wenig neue Songs gespielt. Das ist nicht unbedingt, was eine Band in unserem Alter erwartet, aber es ist ungemein befriedigend, es zeigt uns, dass wir immer noch vieles richtig machen." Das Unerwartete in Liveshows äußert sich übrigens auch in der Wahrnehmung von Shows. "Manchmal gehst du von der Bühne und denkst dir, das war heute eher keine so gute Show, ich hab zu viele Fehler gemacht, die Energie war irgendwie nicht da und dann stehst du beim Meet & Greet und langjährige Fans kommen und erzählen dir, das sei die beste Show gewesen, die sie von dir seit Jahren gehört haben. Das umgekehrte passiert natürlich auch, obwohl Fans meist zu höflich sind, dir das zu sagen, aber man merkt dann schon, dass der Funke irgendwie nicht überspringt, obwohl man in der eigenen Wahrnehmung eine seiner besten Shows spielt. Aber auch das macht es für uns immer noch spannend, auf Tour zu gehen, wir wissen nie genau, was auf der Bühne passiert."

Aber wie ist das denn so mit dem Bandgefüge, wer sorgt dafür, dass aus den Songwriting-Sessions dann auch ein Album wird? "Roger Glover ist der Sergeant Major, er organisiert alles, aber in einer sehr dezenten Weise, so dass wir es kaum merken. Er ist sehr gut darin, unsere Arbeit vorsichtig in eine bestimmte Richtung zu lenken." Ein gutes Stichwort, denn Don und Roger spielten ja vor langer Zeit auch mal zusammen bei RAINBOW, unterscheidet sich die Zusammenarbeit zwischen den beiden denn von Band zu Band?  "Nein, eigentlich gar nicht. Ich erinnere mich an die erste Show, die ich mit DEEP PURPLE gespielt habe. Vor der Show haben wir nur ein, zwei Songs mal kurz angespielt und dann meinte Roger "Alles klar, willkommen in der Band!", es war als würden wir direkt da weiter machen, wo wir bei RAINBOW damals aufgehört haben, das Vertrauen und die Freundschaft war direkt wieder da."

Also ist im Prinzip alles prima, das neue Album steht in den Startlöchern und nun kann man nicht auf Tour gehen. "Ja, als Musiker, der sein ganzes Leben auf Tour war, ist die aktuelle Situation merkwürdig. Ich habe schon lange nicht mehr so lange Zeit im gleichen Bett geschlafen, ich musste mein Leben ganz neu entdecken, meine Ehe neu entdecken, Dinge finden, die ich tue, statt von Ort zu Ort zu reisen. Ich denke, das geht vielen von uns momentan so." Doch auch zur aktuellen Lage hat die Band mit 'Man Alive' einen seltsam passenden Song geschrieben. "Ja, ich weiß nicht genau, wann Ian den Text geschrieben hat, aber jetzt wirkt er sehr prophetisch. Der Song sticht insgesamt etwas aus dem Album heraus und war deshalb eine gute Wahl für eine Single." Und dennoch freut sich Don auf die Konzerte, die dann hoffentlich nächstes Jahr stattfinden können. "Letztendlich ist es das, was wir unser ganzes Leben getan haben und was uns auch heute noch am meisten Spaß macht, das Reisen und die Konzerte, die Energie auf der Bühne. Und das gute deutsche Bier, das fehlt mir sehr." Mit diesen Worten verabschiedet sich der Keyboarder in die Mittagspause und bittet mich, ein solches Bier für ihn mitzutrinken. Das habe ich dann auch getan, zu den Klängen von "Whoosh!", das - wie oben bereits erwähnt - völlig zu Recht unseren Soundcheck gewann.

Redakteur:
Raphael Päbst

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