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Gruppentherapie GRAVE DIGGER - "Fields Of Blood"

30.05.2020 | 17:02

Metal nach guter deutscher Tradition oder doch ein Fall für die Trveness-Polizei?

Im aktuellen Soundcheck versinkt die neue und, zählt man das DIGGER-Album "Stronger Than Ever" mit, bereits zwanzigste GRAVE DIGGER-Scheibe etwas im unteren Mittelfeld und spreizt die Noten auf eine Spanne von 4,0 bis 9,5 Punkten (zum Review von Marcel Rapp). Doch was sich unter den Klangcheckern als scheinbar ideales Streitobjekt präsentiert, entpuppt sich außerhalb dieses Kreises als solides Bollwerk an Supportern. Doch zuerst lassen wir denjenigen zu Wort kommen, in dessen Ohren "Fields Of Blood" wie eine Parodie klingt, die leider keine ist.

Wer "Tunes Of War" mochte, werde "Fields Of Blood" lieben; so schwärmt der gute Marcel in seiner Lobeshymne zum zwanzigsten GRAVE DIGGER Album und hat damit in meinem Fall so viel Unrecht, wie man nur haben kann. Jenes legendäre Schottland-Album war mein Einstieg in den GRAVE-DIGGER-Kosmos, ich habe vermutlich keines häufiger gehört als eben dieses Album und mag es auch heute noch. Doch "Fields Of Blood" ist nach "Healed By Metal" bereits das zweite große Ärgernis aus Gladbeck für mich und kann mich zu keiner Sekunde positiv erreichen. Zu sehr wird auf den eigenen Pfaden gelatscht, zu offensichtlich mal wieder die Schottland-Sau durchs GRAVE-DIGGER-Dorf getrieben. Doch fangen wir vorn an: Dudelsack-Intro, deutlich moderner und besser produziert als beim Original, anschließend fette Gitarren, ziemlich moderner, knalliger Sound, hier setzt man sich deutlich vom sägenden Klang der Kriegsmelodien ab, ist Geschmackssache, ob man das mag und mir ist's etwas zu viel des Guten. Kommen wir nun zu den Songs, die klingen nach GRAVE DIGGER, klar, wonach auch sonst. Aber etwas will nicht passen und für mich ist das die Arbeit von Gitarrist Axel Ritt, denn der ist schlicht zu gut für GRAVE DIGGER und stets bemüht, das auch zu zeigen. Die Stärke der Band waren immer die einfachen Riffs, die direkt zünden und ohne viel Zierrat daherkommen. Das ist inzwischen vorbei, hier wird zu viel gegniedelt, hier wird zu oft der Gitarrenheld rausgehängt, und das klingt im Ergebnis nach einer zu bemühten Kopie des Originals, ein Eindruck, der durch ein paar gewollte Zitate aus "Tunes Of War" noch verstärkt wird. Und es geht mit den Texten weiter, denn hier wird thematisch mehrfach der gleiche Acker nochmal durchgepflügt, die alten Schlachten, die alten Typen werden nochmal besungen, wie damals auf "Tunes Of War", als gäbe es keine wirklich neuen Ideen mehr. Fassen wir zusammen: Bemüht fette Produktion, bemüht anspruchsvollere Instrumentierung, gleiche Themen bei den Texten, es fühlt sich für mich so an, als wolle das neue Line-up dem alten zeigen, wie man das Schottland-Konzept richtig umsetzt, musikalisches Nachtreten sozusagen, und der plumpe schottische Patriotismus wird dadurch, dass er von Deutschen verzapft wird, auch nicht besser.

Note:4,0/10
[Raphael Päbst]

Wo die Schotten dereinst über Jahrhunderte den einen oder anderen blutigen Strauß mit ihren südlichen Nachbarn auszufechten hatten, da gilt es auch für GRAVE DIGGER immer wieder von Neuem, die Felder der Ehre zu beackern, denn auch im vierzigsten Jahre ihres Bestehens fliegen den Gladbecker Metalgöttern die Herzen der Kritiker nicht ungeteilt zu. Auch bei uns in der Redaktion fliegen die Fetzen ein wenig, denn die Reaktionen auf "Fields Of Blood" in Soundcheck und Gruppentherapie könnten unterschiedlicher kaum sein, decken sie doch knapp sechzig Prozent des zur Verfügung stehenden Notenspektrums ab. Von Raphael gibt es gleich zum Auftakt einen heftigen Wirkungstreffer, und auch die Feste des Chefredakteurs können die Grabschaufler keineswegs im Sturm nehmen. Doch davon abgesehen sieht es so schlecht gar nicht aus für die Saltire-Bannerträger aus dem Kohlenpott. Von etlichen Kollegen gibt es lobende Worte und unser Marcel sieht das nächste große Schottland-Epos gar am Klassikerstatus kratzend, haarscharf unterhalb der Höchstnote. Für mich ist "Fields Of Blood" nach zahlreichen Durchläufen ein wirklich gutes GRAVE DIGGER-Album geworden, an dem mich im Grunde genommen lediglich der sehr laute Schlagzeugsound ein wenig irritiert, doch auch jener wirkt mit den richtigen Reglereinstellungen und zunehmender Vertrautheit mit dem Album angenehmer. Ansonsten weiß das Album musikalisch und thematisch zu überzeugen, und auch Axel Ritt und seine Gitarre passen aus meiner Sicht von Anfang an sehr gut zur Band, live wie auf Scheibe, denn sein kreatives und verspieltes Kunsthandwerk hat dem Bandsound eine Komponente hinzu gefügt, die so zuvor nicht vorhanden war. Auch sonst kann mich das zwanzigste Studioalbum für sich einnehmen: Die Löwen der See gehen toll ins Ohr, und die Ballade, welche Chris Boltendahl zusammen mit Noora Louhimo von BATTLE BEAST intoniert, ist natürlich mit massig Pathos getränkt, doch ich finde sie keineswegs zu kitschig. Gesungen ist sie in jedem Fall wirklich hervorragend und dabei auch weniger klischeehaft als erwartet. Auch Chris Boltendahls Gesang gefällt mir auf "Fields Of Blood" ausgesprochen gut, und kompositorisch ist das Album eben doch nicht der "Tunes Of War"-Abklatsch, den manche befürchteten, seit sie das erneut schottische Leitthema zur Kenntnis genommen hatten, das die Band über zahlreiche Song- und Albenkonzepte immer wieder beschäftigt. Manche Geschichten kehren wieder, keine Frage, auch manches melodische Motiv klingt nicht unbekannt, doch auf dem neuen Album sind diese Elemente anders arrangiert und umgesetzt, und auch kompositorisch heben sich die Songs von der ersten großen Mittelalter-Epen-Trilogie der Band ab, sind sie doch manches Mal deutlich rockiger und groovender, ohne deswegen simpler und schlichter zu werden. Womit wir dann zu guter Letzt auch noch zur Frage nach einer etwaigen politischen Dimension des Albums kommen, die ich so kaum sehe, denn letztlich ist das Werk ein Historienepos, wie es sie in Literatur, Film und Musik oft gibt, und dies ist auch lyrisch angemessen umgesetzt, ohne sich massiv einseitig zu positionieren. Doch selbst wenn man Chris Boltendahl und seinen Mannen hier ein pro-schottisches und damit England kritisierendes Statement unterstellen möchte, seien wir doch mal ehrlich: Wann könnte diese emotionale Regung verständlicher sein, als in dem Jahr, in dem das schottische Volk gegen seinen mehrheitlich und sehr deutlich erklärten Willen von populistischen Politikern des südlichen Nachbarn aus der Europäischen Union gerissen werden soll. Vor diesem Hintergrund finde ich es sogar recht sympathisch, wenn gerade anno 2020 im Ruhrgebiet die Flagge Schottlands gehisst wird.

Note: 8,0/10
[Rüdiger Stehle]

Es ist schon seltsam - da kritisiert der Raphael doch, dass eines der großen Probleme von "Fields Of Blood", dem neuesten GRAVE DIGGER-Werk, die zu gute Gitarrenarbeit ist. Ich kenne mittlerweile fast jedes Studioalbum der Band, und auch für mich ist "Tunes Of War" ein prägendes Werk - wobei ich schon finde, dass die Band auch in den 2000er-Jahren einige sehr starke Alben hatte, zum Beispiel "The Grave Digger", "The Last Supper" oder "Ballads Of A Hangman". Klar ist das heute moderner produziert als 1996, aber seitdem sind auch 24 Jahre vergangen, immerhin zwei Drittel meiner Lebensspanne. Die Texte waren ja noch nie ein Kriterium für GRAVE DIGGER, da sehe ich keine Probleme, und den Gesang dürften auch heute viele anstrengend finden. Wer ihn Mitte der Neunziger schon mochte, der dürfte hier seine Freude haben. Und jetzt kommen wir zum Wesentlichen: Nachdem "Healed By Metal" schon arg nach Schlagermetal klang und "The Living Dead" diesen miesen Trend eher noch verstärkte, ist man bei "Fields Of Blood" wieder im klassischen GRAVE DIGGER-Terrain angekommen. Und klar: Wer die Band auch in der Hochphase Mitte bis Ende der Neunziger nicht mochte, braucht dieses Album gar nicht anhören. Aber für Fans der Band, die auch mit Post-2000er-Alben klar kommen und einer modernen, aber nie zu künstlichen Produktion etwas abgewinnen können, sehe ich keinen Grund, einen Bogen um dieses sehr ordentliche Album zu machen. Es ist seit sechs oder sogar acht Jahren das beste GRAVE DIGGER-Werk geworden, da einige Songs sogar Hitcharakter haben ('Lions Of The Sea', 'Union Of The Crown', 'Fields Of Blood').
Wobei auch für mich die 9,5 Punkte bei Marcel arg hochgegriffen wirken - aber in einem Punkt hat er absolut recht: Das Album wächst von Mal zu Mal!

Note: 8,5/10
[Jonathan Walzer]

Leute, die Gitarrenarbeit ist doch das Tolle an diesem Album, völlig klar. Aber da gibt's noch mehr, denn diese Platte verbindet Altbekanntes und von den Fans gewünschte Elemente mit neuen Details, die das Ganze insgesamt zu einer spannenden Sache machen. Das war so nicht unbedingt zu erwarten, GRAVE DIGGER steht doch sonst für zwar soliden, doch wenig abwechslungsreichen Traditionsmetal.
Hier bekommen wir harte und schnelle Strophen und immer mal wieder zuckrig-eingängige Refrains. Die verweisen gern mal auf andere Bands, was aber nie wie eine Kopie wirkt. Wenn etwa 'My Final Fight' in der Strophe mächtig an RUNNING WILD erinnert oder im Refrain HELLOWEEN (aus der "Keeper"-Ära), GAMMA RAY oder meinetwegen FREEDOM CALL zelebriert wird, ist es eben als genau das zu sehen: Eine Hommage an deutschen Metal, der sich immer irgendwie gegenseitig beeinflusst hat. Und das ist auch gut so. So sehe ich auch das gesamte Album. Klar, Raphael, die Texte gewinnen nicht die goldene Innovationskartoffel am Band, aber sie wecken wohlige Erinnerungen an selige "Tunes Of War"-Zeiten. "Fields Of Blood" ist durch und durch GRAVE DIGGER, ohne ins alberne Selbstzitat abzudriften, und muss sich in der Diskographie, da stimme ich Jonathan zu, definitiv nicht verstecken, denn ich finde es gerade arg sympathisch, wie die Band ihr Ding durchzieht und sich anscheinend wenig hinein reden lässt. Die reaktionäre Trveness-Polizei ereifert sich über die Gastsängerin und auch BATTLE BEAST-Fans mögen angesichts der Kollaboration den Kopf schütteln, aber dann ist das halt so. Und Klone ihres größten Albums haben schon viele andere Bands - teils deutlich weniger gelungen - produziert.

Note: 8,0/10
[Jakob Schnapp]

Da ist es nun also, pünktlich zum 40. Bandgeburtstag erscheint das 20. Studioalbum aus dem Hause GRAVE DIGGER, welches die dazugehörigen Meinungen unserer Redaktion spaltet wie selten zuvor. Die Bewertungen reichen dabei vom Klassikeralbum bis hin zum eher überflüssigen Output. Mal hören, was das gute Stück letzten Endes tatsächlich zu bieten hat. Nachdem auch ich "The Living Dead" als eher durchschnittlich empfand, entführt uns Onkel Chris Boltendahl nun bereits zum dritten Male in die schottischen Highlands und erzählt dabei Geschichten über sagenumwobene, geschichtsträchtige Schlachten, die sich eben dort zugetragen haben. Dudelsäcke sind bei einem solchen Unterfangen natürlich genauso unerlässlich wie hymnische Refrains, von denen es hier jede Menge zu entdecken gibt. Mal werden diese sehr gekonnt umgesetzt, wie beim genialen Opener 'All For The Kingdom' oder 'Freedom', mal sorgen diese eher für latentes Schmunzeln wie etwa 'Lions Of The Sea' oder 'Final Fight', die unserem Metal Warrior Raphael mit Sicherheit die Schamesröte ins Gesicht zaubern. Gitarrenvirtuose Axel "Ironfinger" Ritt feuert eine ganze Armada gnadenlos endgeiler Riffs aus seiner Axt und brilliert zudem immer wieder mit wahnwitzigen Gitarrensoli. Wenn man solch einen begnadeten Gitarrenhexer in seinen Reihen weiß, darf man dessen Können gerne auch mal zur Schau stellen. Zudem finde ich Axels Spiel keineswegs zu übertrieben, sondern es stellt für mich nicht weniger als ein absolutes Highlight in der DIGGER'schen Diskographie dar. Großartig! Chris' Reibeisenstimme klingt noch immer so furchteinflößend fies wie zu Zeiten des "Heavy Metal Breakdowns" und hat glücklicherweise rein gar nichts von ihrer Einzigartigkeit eingebüßt. Die Songs sind allesamt gut ausgearbeitet und arrangiert, sodass es zumindest aus meiner Sicht keinen wirklichen Aussetzer zu entdecken gibt. Gut, die Ballade 'Thousand Tears' hätte ich persönlich nicht zwingend benötigt, sie gehört aber textlich zum Konzept und wird zudem durch einen starken Duett-Beitrag von Noora (BATTLE BEAST) merklich aufgewertet. "Fields Of Blood" bereitet mir unheimlich viel Spaß und erfüllt meine durchaus hohen Erwartungen voll und ganz. Wer hätte dies gedacht. Das Feeling der Scheibe erinnert mich etwas an das formidable "Knights Of The Cross"-Album aus dem Jahre 1998. Als Fazit bleibt festzuhalten, dass aus dem Hause GRAVE DIGGER auch im vierzigsten Jahr des Bestehens tatsächlich noch kein einziges wirklich schlechtes Album erschienen ist. Für diese nicht selbstverständliche Leistung schicke ich ein herzliches Dankeschön nach Gladbeck.

Note: 8,5 / 10
[Mahoni Ledl]

Nun, ich schließe mich weitestgehend den positiven Stimmen in dieser Gruppentherapie an. Und ich wäre sicher der Letzte, der sich über einen versierten Gitarristen im Line-up einer Band beschweren würde. Somit ist Kollege Päbsts Kritik in Richtung Axel Ritt schwer nachzuvollziehen. Eine allzu große Beziehung zu diesem Album und allgemein zu GRAVE DIGGER werde ich wohl auch nicht mehr aufbauen. Ich finde die Musik insgesamt sehr heiter, lebenslustig, manchmal, wenn die Refrains allzu cheesy geraten, auch mal "nur" lustig. 'Lions Of The Sea', ich muss da wie Mahoni eher schmunzeln. Ansonsten höre ich auf "Fields Of Blood" einfach guten deutschen Metal, der sowohl BLIND GUARDIAN-affine als auch RUNNING WILD-affine Ohren triggern sollte. Hieran kann ich nichts Schlechtes finden.

Note: 8,5/10
[Thomas Becker]

 

Redakteur:
Thomas Becker

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