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Gruppentherapie ICED EARTH - "Incorruptible"

25.07.2017 | 17:33

Unbestechlich stark oder doch in der kreativen Sackgasse? Zwischen diesen beiden Polen pendeln die Meinungen unserer Redakteure zum neuen ICED EARTH-Opus "Incorruptible" hin und her, mit leichter Tendenz zur erstgenannten Meinung, denn immerhin konnte der Silberling einen starken vierten Platz in unserem Juni-Soundcheck abräumen. Trotzdem sind nicht alle Zweifel beseitigt, weswegen wir unsere Gruppentherapeuten dringen auf die Scheibe loslassen mussten.

Nach zwei Durchläufen war ich ziemlich ernüchtert von "Incorruptible", der neuen ICED EARTH-Scheibe, aber mittlerweile wächst das Album doch. Klar, wie immer seit 2004 gibt es Schatten, aber der Licht-Anteil ist diesmal ganz gut ausgefallen, so dass ich merke, wie ich wieder fröhlich mitwippe bei einer Band, die einen besonderen Platz in meinem Musik-Kosmos hat. Stu Block ist weiter ein großartiger Sänger, der Matt Barlow locker übertrifft. Schaffer haut fette Riffs raus, die mich begeistern, und es bleiben dann doch etliche Songs hängen. Klar, die Zeit der ICED EARTH-Meilensteine scheint vorbei zu sein. Aber das ist auch ok für mich. Solange ich weiter mit Freude eine neue CD der Truppe rotieren lassen kann, bin ich happy. Da das Tanzbein sachte mitschwingt und Nummern wie 'Raven Wing' durchaus begeistern, ist auch die Note durchweg im grünen Bereich. Darf man sich als Fan der Band bedenkenlos kaufen.

Note: 8,5/10
[Jonathan Walzer]

 

Da ist der gute Jonathan nicht allein mit seinem ersten Eindruck, denn nach den ersten beiden Durchläufen war auch ich mächtig enttäuscht von "Incorruptible". Irgendwie scheint das Muster von ICED EARTH einfach langsam ausgelutscht zu sein. Knallharte Riffs und rasante Galopps von Herrn Schaffer, solides Drumming und spätestens zum Refrain hin gibt es dann ausladende Akkorde, auf deren Basis der wie immer grandios agierende Stu Block seine gesanglichen Fähigkeiten ausspielen kann. Ähnlich ging es mir auch beim ersten Genuss des Vorgängers "Plagues Of Babylon" und wie damals auch braucht der Silberling einfach ein bisschen Zeit, bis man sich mit dem Material anfreundet. Spätestens beim dritten Anlauf bleiben dann endlich die ersten Hooks bei 'The Veil', 'Brothers' oder dem starken 'Defiance' hängen. Wirklich überzeugen kann mich die Platte aber trotzdem nicht, denn die große Highlights im Stile von 'Tragedy And Triumph' oder 'Anthem', wie sie noch auf "Dystopia" aus dem Jahr 2012 zu finden waren, fehlen leider anno 2017 komplett, sodass unter dem Strich für mich auch nur knappe 7 Punkte zusammenkommen. Irgendwie brauchen die Amerikaner dringend mal wieder eine kleinere Kurkorrektur, denn wenn es in diesem Stil weitergeht, dann werden Schaffer und Co. auch bald zu einer Revival-Band verkommen, die nur noch von den eigenen Klassikern lebt.

Note: 7,0/10
[Tobias Dahs]

 

Auch auf die Gefahr hin, hier ins gleiche Horn wie meine Kollegen zu stoßen, muss ich diesen ersten Eindruck ebenfalls bestätigen. Das klingt alles so sehr nach Selbstkopie, dass man ein paar Durchgänge braucht, um das Material auf "Incorruptible" von dem auf den Vorgängern unterscheiden zu können. Doch dann stellt man fest, dass es im Vergleich zu jenen Alben sogar noch etwas uninspirierter daherkommt, Stu darf leider einmal mehr nicht zeigen, was stimmlich alles in ihm steckt und auch einen Hit á la 'Cthulhu' sucht man heuer vergebens. Das hier ist Dienst nach Vorschrift und nicht mehr, nur dass der halt bei einer Band mit dem Potential von ICED EARTH einerseits eine Frechheit ist, andererseits halt aber dennoch immer noch als ganz gutes Album durchgeht.

Note: 7,0/10
[Raphael Päbst]

 

Im Gegensatz zu Jonathan und Tobias hatte ich 2004 aus dem in vielfacher Hinsicht ärgerlichen Rohrkrepierer "The Glorious Burden [Unfassbar! Rohrkrepierer! Leute, das ist ein 10-Punkte-Meisterwerk; die Schlusstrilogie gehört zu den besten Metal-Nummern des neuen Jahrtausends! - Jonathan Walzer] die Konsequenz gezogen, dass mich diese Band nicht mehr interessiert. Zu groß war die Enttäuschung für einen beinharten Fan der ersten vier ICED EARTH-Alben, der zudem der Ansicht war und ist, dass "Alive In Athens" eines der besten Live-Alben der Metal-Historie darstellt. In alles, was danach aus dem Hause Schaffer kam, habe ich nur noch pflichtschuldig aus dienstlichen Gründen reingehört. Diese lange Entwöhnungsphase mag der Grund sein, warum sich die von den Kollegen beschriebenen Abnutzungserscheinungen bei mir nicht eingestellt haben. Ich bin sogar positiv überrascht von "Incorruptible". Das ist zwar (zumindest für mich) nicht mehr die Band, die Klassiker wie "Night Of The Stormrider" und "Burnt Offerings" erschaffen hat. Aber in meinen Ohren zünden die Melodien und schnurren die Riffsalven dieser Platte wie ein zufriedener satter Kater. Außerdem bin ich seit den ersten Tönen von INTO ETERNITY ein großer Stu Block-Fan. Zum Feierabend-Whiskey munden gut abgehangene Kompositionen wie 'Raven Wing' oder 'Ghost Dance' ganz vorzüglich. Das ist jetzt zwar nichts Revolutionäres oder Bahnbrechendes, aber immerhin gepflegte Heavy-Metal-Unterhaltung, die sich neben all den postmodernen Freakshows wie Nach-Hause-Kommen anfühlt. Nennt mich altersmilde und haltet mir meine lange ICED EARTH-Abstinenz vor, ist mir egal. Ich mag dieses Album und werde es vielleicht sogar noch kaufen.

Note: 8,0/10
[Martin van der Laan]

 

Das ist es also, das dritte ICED EARTH-Album mit Stu Block am Mikro. Und was soll ich sagen? "Incorruptible" erfüllt genau jene Erwartungen, die ich an Jon Schaffer und Co. anno 2017 einfach habe. Natürlich wird der Legendenstatus, den die Amis vor rund zehn, fünfzehn Jahren für mich hatten, wohl kaum noch einmal zu erreichen sein. Doch um den eigenen Status in der Szene zu untermauern, die Fans zufrieden zu stimmen, die Kritiker verstummen zu lassen und sich selbst ein bockstarkes, abwechslungsreiches Album voller Überraschungen zu kredenzen, eignet sich "Incorruptible" auf jeden Fall. Zugegeben, ich brauchte ein wenig, um den Zugang zu finden, doch dank 1A-ICED EARTH-Songgut wie der 'Great Heathen Army'-Pathos, 'Defiance' und der 'Clear The Way'-Longtrack ist der Einstieg auf jeden Fall einfacher als gedacht. Darüber thronen mit 'Seven Headed Whore' und 'Raven Wing' auch jene Stücke, die bereits vorab die Erwartungen hochschraubten. Doch im Mittelpunkt steht einmal mehr Herr Block persönlich, der der gesamten Platte den letzten Schliff, das gewisse Extra verleiht. Ich weiß, ich weiß, ich werde für den folgenden Satz gesteinigt, doch auf die Frage "Wer der beste ICED EARTH-Sänger" ist, kann ich mich zwischen Block, Barlow und dem Ripper einfach nicht entscheiden. Alle hatten ihre besonderen Momente, alle haben den Songs das Magische, das Unsterbliche verliehen. Und nachdem "Plagues Of Babylon" ein wenig abrutschte, kann ich doch erleichtert feststellen, dass ICED EARTH wieder auf dem richtigen Weg in meine persönliche Top-10 ist - "Incorruptible" sei Dank!

Note: 9,0/10
[Marcel Rapp]

Redakteur:
Tobias Dahs

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