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Gruppentherapie THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA - "Amber Galactic"

06.06.2017 | 08:14

Seelenloser Achtziger-AOR oder doch der perfekten Soundtrack für den anstehenden Sommer? Unsere Soundchecker tendierten ganz klar zu letzterem und hieften "Amber Galactic" von THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA mal eben auf den Thron in unserem Mai-Soundcheck. Doch die Begeisterung wird nicht von allen Redaktions-Veteranen geteilt und so mussten wir den neuesten Output der Supergroup um ARCH ENEMY-Basser Sharlee D'Angelo und SOILWORK-Fronter Björn "Speed" Strid einer eingehenden Betrachtung unterziehen.

Die dritte Runde von THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA heißt "Amber Galactic" und ich habe mich schon lange auf das Album gefreut. Ich darf den Rezi-Reigen in dieser Gruppentherapie eröffnen, und vorweg: Ich bin wieder begeistert! So viel gute Laune, so viel Sonnenschein, das schafft im Moment nur diese Band. Dass mich Sänger Speed hier zudem durchgehend überzeugt, überrascht mich besonders, schließlich habe ich auf seine Hauptband SOILWORK seit über zehn Jahren keinen Bock mehr. Hier dagegen ist alles grandios gesungen und Raphael hat es in seiner Hauptrezi schon angedeutet - es gibt wieder eine Zeitreise in die späten siebziger Jahre, mit Discoflair, hohen Absätzen, Cocktails am Strand und heißen Tanznächten, alles verpackt in eine fluffige AOR-Verpackung. Mit Metal hat das hier definitiv nichts zu tun, aber das macht ja nichts. Wer endlich mal wieder rockig abdancen möchte, dabei ständig ein Grinsen auf den Lippen und ein süßlich-klebriger Drink in den Händen, der kann hier wie beim Vorgänger absolut nichts falsch machen. Der Major-Vertrag ist völlig konsequent. Wenn die Musikwelt in Ordnung wäre, würde diese Band mit einem solchen Album die Charts stürmen und diverse Single-Hits ('Midnight Flyer' oder 'Josephine' zum Beispiel) abwerfen. Das Sommeralbum 2017 ist geklärt!

Note: 9/10
[Jonathan Walzer]

 

Warum zur Hölle gefällt mir "Amber Galactic" bloß? Diese und ähnliche Fragen stelle ich mir immer wieder, schließlich spielt das NIGHT FLIGHT ORCHESTRA an meinem üblichen Geschmack zielsicher vorbei. Die Antwort liegt wohl darin, dass "Amber Galactic" einfach gut gemacht ist. Nennt es retro, AOR oder einfach Rock (oder alles zusammen), am Wichtigsten ist, dass "Amber Galactic" mit viel Charakter, dem nötigen Charme und einem Haufen an eingängigen Melodien und tollen Arrangements aufwartet. Ich habe kein besonderes Faible für Retro-Sounds, doch die schwedische Supergroup (Björn Strid von SOILWORK, als auch Sharlee D'Angelo von ARCH ENEMY sind dabei) schafft es, trotzdessen locker fluffige Rocksongs zu komponieren, die jedoch nicht zu sehr in Watte getaucht sind und das Attribut "Rock" nicht links liegen lassen, sondern voll integrieren. Manchmal überrasche ich mich selbst. Probiert's mal aus!

Note: 8/10
[Jakob Ehmke]

Okay, ich habe es nun wirklich mehrfach versucht, aber das mit "Amber Galactic" und mir, das wird nichts mehr. Zugegeben, wenn ich sorgfältig hinhöre, kann ich vom Kopf und generellen Musikverständnis her schon nachvollziehen, was diese Scheibe auszeichnen soll; aber mein Bauch (und der ist ziemlich groß...) reagiert irgendwie gar nicht. Sobald ich nicht 100% konzentriert bin, bleibt sehr wenig bis gar nichts hängen beim Zuhören. Ein raffiniert gemixter Cocktail aus Siebziger-Hardrock und Achtziger-Fernsehserien-AOR mag ja von der Papierform her attraktiv sein, aber das Nachtflugorchester macht daraus einen weitestgehend lustbefreiten, überwiegend pappig und fade schmeckenden Drink. Das Songwriting wirkt auf mich seltsam bemüht und konstruiert. Breaks und Melodien aus der Mottenkiste werden brav aneinander gereiht, aber wo ist der Esprit, die Unbekümmertheit und der unbedingte Zug zum Tor, den solche Musik so dringend benötigt? An ehesten überzeugen können mich noch 'Midnight Flyer', 'Sad State Of Affairs' und 'Space Whisperer', denn da höre ich so etwas wie Seele raus. Aber sonst? Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich auf die Idee kommen, es handele sich bei diesem Album um eine Auftragsarbeit von einen ordentlichen Job machenden Studiomusikern. Nee, liebe Leute, "Amber Galactic" fixt mich nicht an, da höre ich doch lieber mal wieder eines dieser Sonnenschein-Frontiers Records-Pop/Rock-Scheibchen, die mögen zwar musikgeschichtlich weniger tief verankert sein, aber unterhalten mich trotzdem besser.

Note: 6/10
[Martin van der Laan]

 

Die vorhergehenden Äußerungen meiner Kollegen fassen die beiden Pole meiner Meinung zu "Amber Galactic" eigentlich ganz gut zusammen. Auf der einen Seite bin ich voll und ganz bei Martin, denn allzu oft klingt die Retro-Reise des NIGHT FLIGHT ORCHESTRA reichlich bemüht. Da werden dann auch mal gerne fröhlich Riffs aus den Achtzigern recycelt, bei denen mich immer wieder das Gefühl beschleicht, ich hätte sie auch schon einmal besser von einer der großen Kapellen der damaligen Zeit gehört. Der rein musikalische Verstand sagt also eigentlich, dass wir es hier mit einer unnötigen Scheibe zu tun haben, die nicht viel Neues zu sagen hat. Auf der anderen Seite geht es mir aber wie Jakob, denn trotz dieser Kritikpunkte packt mich die Scheibe von Durchlauf zu Durchlauf mehr mit ihren Hooklines. Erst wippt nur der Fuß zu 'Midnight Flyer', beim nächsten Mal ist es dann schon ein rhythmisches Mitnicken zum eigentlich viel zu kitschigen 'Jennie', bevor ich mich schlussenlich dabei ertappe wie ich lauthals zu 'Gemini' mitsinge. Egal, was der musikalische Sachverstand sagt und egal, wie wenig originell die Ideen sein mögen, die Hooklines von Björn "Speed" Strid treffen wie immer ins Schwarze und so bleibt mir am Ende nur dem guten Johathan zu zustimmen, denn "Amber Galactic" hat das Potential dazu auch mein Sommeralbum des Jahres zu werden.

Note: 8,5/10
[Tobias Dahs]

Redakteur:
Tobias Dahs

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