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Gruppentherapie: ICED EARTH-"Plagues Of Babylon"

01.01.2014 | 23:57

Erster Paukenschlag im neuen Jahr: ein neues ICED EARTH-Album! Wir haben es vorab auf Herz und Nieren geprüft.

Platz fünf im Dezember-Soundcheck ist schonmal eine Marke, wenn auch die Euphorie bei 7,56 Punkten im Schnitt eher gebremst war. Selbiges gilt auch für die Rezension von Kollege und Riesen-Fan Nils (zum Review), der von "solidem Durchschnitt" redet. Aus der Redaktion haben wir nun auch eher kritische Stimmen eingefangen, wobei Schaffer-Musik für meisten immer noch hörenswerte Trademark-Musik darstellt. Nun aber, lest selber.




Nachdem Neusänger Stu Block mit "Dystopia" einen wirklich überraschend guten Einstand feiern durfte, wurden die Sehnsüchte nach Matt Barlow seitens der Fans immer kleiner. Schließlich konnte der letzte Output alle erdenklichen ICED EARTH-Trademarks in sich vereinen: Die markant sägenden Schaffer-Riffs, ein abwechslungsreicher Spagat zwischen Power-Metal, Epik, NWoBHM und Thrash-Metal, sowie einen Frontmann, der mit seinem passenden Stimmvolumen bestens glänzen konnte. Wer Jon Schaffer kennt, weiß nur zu gut, dass der Klampfenmeister zumeist Nägel mit Köpfen macht. So gab es zwischen den schweißtreibenden Shows und wochenlangen Tourneen quer über den Erdball offenbar genügend Zeit, ausreichend Material für ein neues, ach so typisches ICED EARTH-Werk zu sammeln. "Plagues Of Babylon" heißt das gute Stück und entpuppt sich bereits nach wenigen Durchgängen als konsequenter "Dystopia"-Nachfolger, der seinem Vorgänger locker das Wasser reichen kann. Mit reichlich Dramatik, (Aussage-)Kraft und dem üblichen Charme des Bodenfrostes kann auch Album Nummer zwölf vom Opener bis zum Abschluss überzeugen, denn dort, wo "Dystopia" die Tore schloss, öffnet "Babylon" dieselbigen. Bereits das Titelstück gibt die Marschroute vor, und das im wahrsten Sinne des Wortes: Kantige Riffs, unheilvolle Drums und Gänsehaut, so startet ICED EARTH ins Rennen. Mit 'Democide' treten Schaffer & Co. aufs Gaspedal, doch nicht nur hier regiert das Feeling: Über das gesamte Werk baut die Band eine atemberaubend düstere Atmosphäre auf, die sich wie eine zweite Haut mit der Zeit anschmiegt. Ob wir es nun mit den Hymnen 'The Culling' und 'The End?', melodischen Brocken der Marke 'Spirit Of The Times' oder drohenden Brechern, die dem Album das gewisse Extra verleihen, wie beispielsweise 'Resistance' oder 'Cthulhu' zu tun haben, "Plagues Of Babylon" lässt niemanden kalt. Mit dem Country-Song 'Peacemaker' und der Über-Ballade 'If I Could See You' haben die Jungs überdies zwei gehörige Aha-Erlebnisse an Bord. Wenn neben den eigentlichen Stücken die Produktion überaus geglückt ist, der Sänger sich immer mehr ins Bandgefüge schmiegt, das Songwriting wie immer absolut phantastisch die Atmosphäre untermalt und die Ami-Metaller dadurch solch eine betonschwere Gänsehaut erzeugen, darf sich "Plagues Of Babylon" zurecht als Sternstunde der jüngsten ICED EARTH-Vergangenheit sehen.

Note: 8,0/10
[Marcel Rapp]

'Cthulhu'! Der auftentakelte Liebling aller Nerds ist im Metal ein Hitgarant. Und selbst ICED EARTH kann daran nichts ändern, ist doch der Song, der dem notorischen Unterwasser-Schläfer gewidmet ist, klar das Highlight eines Albums, das ansonsten viele Fragen aufwirft. Warum darf der talentierte Mr. Block nur noch singen wie Matt Barlow? Warum sagt Troy Seele niemand, das ein Gitarrensolo auch ruhig mal gut klingen darf? Warum schafft es Jon Schaffer, die Ballade 'If I Could See You' noch mehr nach Reißbrett klingen zu lassen, als den Rest des Albums? Und zu guter Letzt: Warum ist all der frische Wind, der mit "Dystopia" in die Band zurückgekehrt schien, schon wieder verflogen und hat einem behäbigen, selbstgefälligen Album Geburtshilfe geleistet, das an keiner Stelle überrascht und nur bei viel gutem Willen einen alten Fan überzeugt? Aber zum Glück gibt es ja 'Cthulhu'.

Note: 7,5/10
[Raphael Päbst]





Ich höre "Plagues Of Babylon" nun zum wiederholten Male und das dominierende Gefühl dabei ist immer eine Art nostalgische Melancholie. Ein metallisches Großereignis war es vor 23 Jahren, das selbstbetitelte ICED EARTH-Debüt von Riffmonster Schaffer und seiner damaligen Crew. Bis hin zu "Something Wicked This Way Comes" habe ich jedes Album geliebt, die "Alive in Athens"-Box ist für mich eines der großartigsten Live-Dokumente der Metal-Geschichte. Doch dann kam mit den Jahren immer mehr Sand ins Getriebe, der Meister himself mutierte zum Unsympathen, und der Sound seiner Band erstarrte immer mehr zur akustischen Salzsäule. Auch anno 2014 ist leider keine Besserung in Sicht. Natürlich sind die Songs auf "Plagues Of Babylon" keineswegs schlecht, es gibt sogar immer wieder sehr starke Momente, in denen die alte Klasse aufblitzt. Aber wie kann man eine Band nicht an ihren eigenen Glanztaten messen? Und im Vergleich zu eben diesen empfinde das neue Album insgesamt als eher schwerfällig und langatmig, allzu routiniert und bisweilen sogar eintönig. Das enttäuschte Teufelchen auf meiner Schulter flüstert mir ein, dass ich ICED EARTH für diesen kreativen Offenbarungseid mit 5,5 Punkten abwatschen sollte. Der nüchterne, vergleichende und emotionslose Blick auf den Fall gebietet aber etwas anderes. Möglichst objektiv betrachtet ist "Plagues Of Babylon" ein gerade so eben noch gutes Heavy-Metal-Album. Subjektiv betrachtet ist es Trauerspiel.

Note: 7,0/10
[Martin van der Laan]

Eins vorweg: Ich habe mich wirklich auf das Album gefreut. Zwar stellte sich der Vorgänger im Nachhinein doch als eher halbgar heraus, aber die tollen Liveauftritte im gerade vergangenen Jahr ließen einen letzten Schimmer Hoffnung am Horizont zu. Auch das famose Artwork von Eliran Kantor ließ meine Vorfreude steigen. Dann folgte der erste Durchlauf von "Plagues of Babylon" und erste Ernüchterung. Kollege Rapp bekommt gleich beim knapp achtminütigen Opener Gänsehaut? Nun, die einzige Reaktion, die mein Körper zeigt, ist leichtes Achselzucken. Zu viel Standard, zu viel Langeweile. Vereinzelte Momente lassen dennoch aufhorchen. 'Among The Living Dead' hat durchaus ein paar kreative Momente, 'Democide' ist ein ziemlicher Brecher, der auch live Spaß machen dürfte, und das abschließende 'Highwayman' bereitet besonders wegen der Gastsänger Freude. Alles andere wirkt allerdings abgestanden und aus der eigenen Historie abgekupfert. Das macht das Album insgesamt natürlich nicht schlecht, dazu sind die Riffs zu stark, der Sänger zu gut und die getragenen Refrains zu ohrwurmig. Aber so saft- und kraftlos wirkte die bunt zusammen gewürfelte Truppe um Bandchef Schaffer schon lange nicht mehr. Und so langsam kommt einem auch der Verdacht, dass es gar nicht so schlau war, einen Sänger an Bord zu holen, der haargenau wie sein Vorgänger klingt. Ein deutlicheres Zeichen für kreatives Burnout und gewollten Stillstand kann es doch kaum geben.

Note: 6,5/10
[Marius Luehring]


Der Vorgänger "Dystopia" hat ICED EARTH für mich wieder in die Spur gebracht und entschädigte mich bei Erscheinen gut für den Totalausfall "The Crucible Of Man". Ich habe mir also von "Plagues of Babylon" eine erneute Steigerung erhofft, doch leider konnte die Band den Schwung der Festivalsaison nicht ins Studio hinüber retten. Doch woran liegt's? Ganz sicher nicht an Stu Block, der seiner Rolle nicht nur live, sondern auch auf Albumlänge wieder vollauf gerecht wird. Jon Schaffer hingegen schätzt die aktuellen Stärken seines Songwritings falsch ein, kopiert sich mehr schlecht als recht selbst und reiht die 08/15-Midtempo-Stampfer ohne große Hookline so spannungsarm aneinander, dass einem die Füße einschlafen. Die schnellen Songs wie 'Democide' oder 'Among The Living Dead' haben zwar auch lange nicht die Klasse von früheren Bollwerken wie 'Travel in Stygian' oder 'My Own Savior', machen aber vor allem deshalb viel Spaß, weil sie einen aus der Lethargie, welche die schlechten Selbstzitate und pseudopathetischen Balladen verursacht haben, herausreißen. Davon hätte es viel mehr geben müssen, denn momentan kocht hier viel zuviel kreatives Potenzial ungenutzt im eigenen Saft vor sich hin. Nur wenn Schaffer seine Stärken wieder richtig einschätzt und das Potenzial der Riffgewalt voll ausspielt, wird der Laden wieder laufen.

Note: 6,0/10
[Arne Boewig]


Nana, werte Kollegen, wer wird denn da gleich so bösartig drauf rumhacken? Vielleicht liegt es daran, dass ich "Dystopia" bislang (ausgenommen die einschlägig bekannten Songs) noch gar nicht gehört habe, aber ich habe meinen Spaß an „The Plagues Of Babylon“. Stärker als die beiden "Something Wicked"-Scheiben des neuen Jahrtausends ist das allemal. Klar, man wünscht sich mehr Riffgewalt, weniger Chöre, weniger Midtempo, mehr Inspiration, konzentrierteres Songwriting. Aber andererseits: Das ist ein Spätwerk einer Band, die unsterbliche Gott-Alben hervorgebracht hat. Mit denen konkurriert gar nichts, die meisten, die so etwas veröffentlichen, können nur davon zehren und ich kann's niemandem verübeln. Dafür sind auch zu viele coole Momente auf diesem Album vereint, siehe 'Democide' (abzüglich des überflüssigen Intros), 'Cthulhu' oder dem gelungen Western-Flair transportierenden 'Peacemaker'. Alles hervorragend veredelt von Stu Block. Sicher, Jon Schaffer kann mehr, dafür gibt es dann auch sicher keine Note aus der obersten Region. Aber ich versage mir die Enttäuschung, bin zufrieden und gespannt, wie es hier weitergehen wird.

Note: 8,0/10
[Christian Schwarzer]


Irgendwie ist das schon komisch mit unseren Therapeuten. Die einen beschweren sich darüber, dass Stu Block inzwischen angeblich nur noch so singe wie Matt Barlow, und die anderen hieven "Plagues Of Babylon" prosaisch auf das selbe Niveau wie den Vorgänger, loben es gar als Sternstunde und geben ihm dann doch anderthalb Punkte weniger als beim letzten Mal. Bei mir sieht es so aus, dass mir die neue ICED EARTH zwar keine wirklichen Überraschungen oder gar nennenswerte Entwicklungsschritte offenbart, dass ich aber andererseits die von den Kollegen geäußerten Vorhalte auch nicht so recht nachvollziehen kann. Wo der Kollege Päbst sich über die Stagnation und das plötzliche Erlöschen der Aufbruchstimmung des Vorgängeralbums beschwert, da sehe ich eher ein Ankommen des neuen Sängers Stu Block und ein Homogenerwerden des Klangbildes. Das Schlagzeug ist weniger steril und isoliert als bei "Dystopia", und dass sich Stu Block zu sehr an seinem Vorgänger orientiere, das kann ich so auch nicht bestätigen. Klar, die Chorpassagen und Refrains haben sehr oft viel von der Barlow-Ära, doch das war selbst zu Zeiten des Herrn Owens kaum anders. Steht Blocks Stimme indes alleine, so hat sie für meine Wahrnehmung durchaus eine eigene Prägung, gerade in den hohen Passagen. Aber auch dann, wenn es sanft und balladesk wird, lässt sich der gute Mann deutlich von Herrn Barlow abgrenzen. Doch egal wie die Assoziationen so fallen mögen, klar ist, dass wir es wieder mit einer erstklassigen Gesangsleitung zu tun haben, die logischerweise noch eigenständiger sein könnte, was man jedoch - der stilistischen Festlegung der Band geschuldet - kaum erwarten kann. Musikalisch ist zu sagen, dass die babylonischen Plagen sehr homogen und schlüssig komponiert und arrangiert sind. Nein, eben nicht so vorhersehbar, wie es manche darstellen mögen, sondern im bewährten Rahmen durchaus abwechslungsreich und spannend, dazu mit etlichen sehr schönen Hooks versehen, die besonders das Titelstück, 'Among The Living Dead' und 'Cthulhu' zu echten Highlights werden lassen, oder auch das mit spürbarem Western-Einfluss versehene 'Peacemaker'. Dass es für "Plagues Of Babylon" von mir nun sogar einen halben Zähler mehr gibt als für den Vorgänger, das liegt letztlich am angenehmeren Klangbild und - ja, lacht ruhig - daran, dass die Herrschaften mit "Highwayman" einen meiner absoluten Lieblingssongs gecovert haben.

Note: 9,0/10
[Rüdiger Stehle]

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Review von Nils Macher

Redakteur:
Thomas Becker

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