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Gruppentherapie: IN FLAMES - "Siren Charms"

04.09.2014 | 13:47

Ausführliche Gruppentherapie über eine große Metal-Band im Wandel der Zeit.

Niemandem mehr muss man IN FLAMES vorstellen. Und dennoch kommt es vor, dass man die Band erst mit ihrem elften Album, "Siren Charms" für sich entdeckt. Oliver Passgang hingegen ist ein Fan der alten Schule und bemängelt in seinem Review mangelnde Dramaturgie und Intensität. Ein achter Platz im Soundcheck bei einem bunten Notenspektum zwischen fünf und neun Punkten sagt uns aber, dass unterschiedliche Ohren äußerst divergierende Ansprüche und Erwartungen an dieses IN FLAMES-Album haben. Ein idealer Fall für den Therapie-Sessel also.


An dieser Scheibe scheiden sich mal wieder die Geister. Warum? Ja, woher soll ich das wissen? Vielleicht weil manche es nicht ertragen können, dass aus den rohen "wir-machen-Maiden-mit-Grunzer"-Metallern ernstzunehmende Musiker geworden sind? Mal ehrlich: Der spannende, zurückhaltende Opener mit dem brillanten Refrain und dem sehnsüchtigen und dann endlich auch erlösenden Gesang hat mich bereits beim ersten Mal gepackt. Da es auch im Folgenden keine Ausfälle gibt, ist eine hohe Note klar. "Siren Charms" funktioniert für mich deswegen so gut, weil diesmal die plakativen Momente etwas geringer ausfallen als zuvor, ohne die zwingenden Melodien zu vernachlässigen. Abwechlsung wird groß geschrieben, sogar bei den eigentlich ziemlich heftigen Songs wie 'Everything Is Gone' und 'Rusted Nails', die indes absolut typisch IN FLAMES sind. Aber sie sind nicht die Besten auf dem Album. Denn ich finde, die Band ist heuer am stärksten, wenn sie ihre Harmonien fließen lässt. Den Höhepunkt diesbezüglich markiert der Track 'Through Oblivion', der beinahe an meinen bisherigen Lieblingssong von IN FLAMES 'Crawl Through Knives' herankommt. Und ja: er hat beinahe schon Radiopotential. Obwohl es da noch andere Kandidaten gibt.
Ja, vom Death Metal sind sie weg, die Schweden und sind jetzt eher eine starke Alternative Band mit gelegentlichen Ausbrüchen. Gereift. Subtil. Wieder spannend bis zum Ende. Mein zweit- oder drittliebstes IN FLAMES-Album momentan nach "Soundtrack To Your Escape" und "Reroute To Remain".

Note: 9,0/10
[Frank Jaeger]

Ich bin hier ganz bei meinem geschätzten Kollegen Jäger. Nur ist mein IN FLAMES-Background im Gegensatz zu seinem so gut wie nicht vorhanden. Ich habe diesen Death-Metal-Gesang von Anders Fridén immer gehasst und deshalb habe ich immer einen großen Bogen um die Band gemacht. Aus diesem Grund habe ich wohl auch nicht mitbekommen, dass die Schweden jetzt auch gescheite Musik machen. Ja, genau, es ist moderner Alternative Rock mit gelegentlichen Ausbrüchen, gutem, melodischen (!) Gesang und noch besserer Produktion. Ich mag es einfach wie das Schlagzeug klingt, sehr authentisch und dennoch mit modernem Punch, dann der trockene Klampfensound und eine perfekt in Szene gesetzte Stimme. Und ja, 'Through Oblivion' ist der schöne Ohrwurm, den alte Fans sicher hassen werden und hassen dürfen. Aber es ist nun endlich auch die Musik für die großen Bühnen, sommerlicher Festivalrock für gute Zeiten. Ich finde den Nachfolger 'With Eyes Wide Open' sogar noch besser. Und ja, Frank hat recht, Ausfälle höre ich auch keine, nur finde ich nicht jeden der elf Songs gleichermaßen zwingend wie die beiden genannten Highlight-Songs. Dafür kann man aber gerne einen Extra-Zähler für das Cover geben. Mir gefällt dieses blättrige Gesicht in der Eierschale, wobei, das ist eher doch eine Zelle? Was ist das? Glasklar eine Acht, Tendenz steigend!

Note: 8,0/10
[Thomas Becker]




Wenn ich das alles so lese, was die werten Kollegen hier vom Stapel lassen, dann bekomme ich doch glatt Refluxösophagitis mit einem guten Schuss Gallensaft. Einmal mehr wird also eine Band aus ehemals grunzenden MAIDEN-Fans dafür gefeiert, dass sie den Metal überwunden hat und endlich erwachsen geworden ist! Herr im Himmel, was soll denn bitte an dem Crossover aus Modern Metal und groovendem Alternative, den die Band ab "Clayman" langsam aber sicher entwickelt hat, ernsthafter sein als an Werken wie "The Jester Race", die ein ganzes Genre geprägt haben? Gereift? Radio-Appeal? Endlich gescheite Musik? IN FLAMES ist aus Versehen zu Alban Berg in die E-Musik gerutscht, oder vielleicht doch zu Andrea Berg in die Schlagerkiste? Na super, danke auch! Dabei will ich noch nicht einmal sagen, dass "Siren Charms" ein schlechtes Album wäre. Das ist es nämlich nicht. Selbst ich als doch recht festgefahrener Metal-Purist finde die Scheibe ziemlich gelungen. Die Produktion ist warm, angenehm und unaufdringlich. Im Gegensatz zu einigen Alben der vergangenen 15 Jahre gibt es kein Geballer und keine sterile Kälte, sondern meist entspannt rockenden, oftmals ohrwürmelnden Rock mit einigen gut dosierten aggressiven Ausbrüchen. Auch der Gesang umschifft gekonnt die allzu aufdringlichen Klischees des Metalcores und des Nu Metals, wirkt authentisch und emotional überzeugend. Doch, Kameraden, das kann man sich alles wirklich gut anhören. Aber es bleibt eben doch ein fader Beigeschmack, wenn man sich an die unbändige Energie und den Nachhall von Hymnen wie 'Artifacts Of The Black Rain' oder 'Jotun' erinnert. Dagegen ist dieser erwachsene Kram hier halt doch nur ein ganz besonders laues und schnell verzogenes Lüftchen. Besonders bitter wird die ganze Geschichte am Ende für die Fans des alten Stils der Band, die live kaum noch einen ihrer Lieblingssongs zu hören bekommen, und die sich dann noch von der Journaille erzählen lassen müssen, wie gereift und ernsthaft die Band doch inzwischen geworden ist. Da helfen im Endeffekt nur Magentabletten, und dann schmeckt auch "Siren Charms", wenn man sich nicht zu viel auf einmal davon schöpft. Zur Not kann man ja immer noch mit "Lunar Strain" und "Whoracle" nachspülen. Mahlzeit!

Note: 6,5/10
[Rüdiger Stehle]




Nun, was hier schon wieder alles verbreitet wird: Alte Klischees ("IRON MAIDEN mit Grunzvocals") und Gallensaft. Wer von den beiden Parteien richtiger liegt? Na, ich. Klar. Wenn man sich die Historie der Göteburger ansieht, hat noch nie ein Album wie das andere geklungen und Anders Friden und sein Team haben es immer geschafft, sich stetig weiterzuentwickeln. Dabei haben die Schweden mehr als einmal Trends gesetzt und haben so auch anno 2014 einen einzigartigen Stil. Das ist heuer sicher kein Metalcore, kein Pop und natürlich auch weit entfernt von "Lunar Strain" oder "Whoracle", aber gerade bei den immer noch herrlich melodischen Gitarren wird schon schnell deutlich, wer hier musiziert. Von daher finde ich, dass die Flammen weder erwachsen geworden noch plötzlich gute Musiker geworden sind. Das war beides schon immer der Fall. Aber die Herren schaffen es eben ihrem Stil von Album zu Album ein Upgrade zu verschaffen, ohne die Basisversion komplett zu verlieren. Und das ist wahrscheinlich auch das Erfolgsgeheimnis der Truppe: Echter Signature-Sound verbunden mit echtem Zeitgeist. Ohne dabei Trendreiterei zu betreiben. Ein bisschen wie die etwas extremere Version von JUDAS PRIEST in der Blütezeit. Wenn dann noch so tolle Nummern wie 'Through Oblivion', 'When The Worlds Explodes' oder dem abschließenden 'Filtered Truth' herauskommen, gibt es keinen Grund für Gezeter.

Note: 8.5/10
[Peter Kubaschk]

Auch wenn der Chef natürlich immer Recht hat, lese ich Peters Beitrag mit einer gewissen Irritation. Klar sind mir Bands besonders lieb und teuer, die einen einzigartigen Signature-Sound entwickelt haben - dessen Verhältnis zum echten (sic!) Zeitgeist ist mir dann auch herzlich egal. Was das alles aber mit "Silent Charms" zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht wirklich. Sicher sind hier sehr gute, kreative und scheuklappenfreie Musiker am Start, die etwas Eigenständiges zu erschaffen versuchen. Aber das Ergebnis dieses Bemühens ist ein seltsam zerfahrenes, inhomogenes und orientierungsloses Album. Etwas salopp könnte man sagen: Da wird einfach mal von David Bowie über verspannten Alternative Rock und Nick Cave bis Metalcore alles Mögliche und Opportune in einen Sack gestopft, vier Mal kräftig geschüttelt und was dann zufällig bei Ausleeren gemeinsam runterfällt, wird zum Song erklärt. Heraus kommt eine zwar potentiell anregende, aber nie wirklich befriedigende weil krude und ungreifbare Mixtur. Als Verdauungshilfe wird fast jedes Lied mit einem sehr eingängigen, ohrenschmeichelnden Chorus oder einem anderen kleinen Earcatcher versehen. Aber eine Nummer wie 'Rusted Nails' zum Beispiel geht mir außerhalb dieser kurzen Momente einfach nur auf den Zeiger mit ihrer gewollten Sperrigkeit. Viel anders ist das schon beim Opener 'In Plain View' nicht, wo der zentrale Aha-Effekt immerhin etwas mehr Raum einnimmt. Aber der Rest des Liedes verstreicht, ohne dass mich irgendwas wirklich anspricht oder gar fesselt. Außerdem nervt mich der unmotiviert wirkende Einsatz von Eletronik sowie die irgendwie verwaschene Produktion. Am besten gefallen mir IN FLAMES anno 2014, wenn sie die Keule gleich ganz im Sack lassen, wie beim bereits mehrfach gelobten 'Through Oblivion' oder dem schönen Titelsong. Trotzdem ist "Silent Charms" aus meiner Sicht weder Fisch noch Fleisch, was durchaus auch reizvoll sein kann, hier aber unterm Strich leider weitestgehend reizlos bleibt.

Note: 6,0/10
[Martin van der Laan]




Zugegeben, ich bin mit "Reroute To Remain" recht spät auf IN FLAMES aufmerksam geworden. Dennoch habe ich dann binnen kürzester Zeit das Versäumte mit größtem Vergnügen aufgeholt und mich ab 2002 auf weitere Veröffentlichungen der Schweden gestürzt. Doch als "Silent Charms" vor einigen Monaten angekündigt wurde, war mir die Veröffentlichung zwar nicht egal, aber zumindest nicht die Wichtigste in diesem Monat. Dabei ist Album Nummer elf wahrlich kein schlechtes Album, im Gegenteil. Die Produktion ist gut, die Songs abwechslungsreich und die Band spielfreudig. Und dennoch werd ich partout nicht richtig warm mit "Silent Charms": Zu selten hauen mich einzelne Songs vom Sockel oder bleiben für längere Zeit im Gedächtnis hängen. Mir fehlt bei einem großen Namen wie IN FLAMES schlicht und ergreifend das Besondere, das dieses Album in höhere Notenregionen katapultieren könnte. Zumindest zeigen mir 'Everything Is Gone', 'Filtered Truth' und 'Rusted Nails', dass alte Liebe nicht rostet und stellenweise meinen inneren Schweinehund wecken. Doch über kurz oder lang hält dieser weiterhin sein Nickerchen im "Lunar Strain"-Körbchen mit der "Whoracle"-Wolldecke und kaut dabei angeregt auf seinem "Clayman"-Knochen herum. Das (und natürlich "Reroute To Remain") waren zumindest Alben, nach denen ich damals gelechzt habe und Schwierigkeiten hatte, die Kinnlade wieder zu schließen. Aktuell schafft es IN FLAMES lediglich, mir hin und wieder ein respektgeschuldetes Fußwippen zu entlocken. Somit ist "Siren Charms" in meinen Augen lediglich ein ordentliches Album, nicht mehr.

Note: 7,0/10
[Marcel Rapp]

Mehr zu diesem Album:

Soundcheck 08/2014
Review von Oliver Passgang

Redakteur:
Thomas Becker

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