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Gruppentherapie: MOTÖRHEAD-"Aftershock"

24.10.2013 | 11:32

Opa Lemmy gewinnt den November-Soundcheck. Die Gruppentherapie macht klar, warum.

Wenn das neue MOTÖRHEAD-Album acht musikalisch so unterschiedliche Redakteure im Soundcheck zum Konsens zwingt, muss an ihr etwas dran sein. Also zerren wir die alte Knarzwurzel in den Therapiesessel. Auch ausserhalb der Soundcheckredaktion zeigt man sich begeistert und es war beim besten Willen keine negative Meinung aufzutreiben. Here we go:





MOTÖRHEAD ist ja seit jeher eine Band, die gemeinhin mit den größten Respekt der Fanbasis ernten kann, die aber trotzdem mit ihren Alben in den letzten zwanzig Jahren nur noch ganz selten die Bestenlisten der Metalfans und der schreibenden Zunft anführen konnte. Nicht anders war es bisher auch bei uns in der Redaktion, und doch schafft es Lemmy mit seinen Mannen und "Aftershock" im Gepäck mit einer Traumnote den Soundcheck zu gewinnen. Wie kommt das? War die Konkurrenz so schwach, oder vielleicht doch das Album überraschend stark? Nun, nichts dergleichen, denn zum einen war es oben richtig eng und zum anderen ist das Nachbeben zwar ein sehr starkes Album, aber das ist kein bisschen überraschend. Denn wie es Tradition ist, schöpft das Trio auch im 38. Jahr seines Bestehens sein Repertoire voll aus und serviert uns innerhalb des ureigenen stilistischen Spektrums eine denkbar abwechslungsreiche Platte, die vor allem von eingängigen und markanten Stampfern im angezogenen Midtempo lebt, aber seine Glanzlichter insbesondere in den nachdenklichen, ruhigen und halbballadesken Momenten setzt, wie etwa beim programmatisch klingenden 'Lost Woman Blues' oder beim leicht psychedelischen 'Dust And Glass', das Lemmys HAWKWIND-Vergangenheit mit Singer-Songwriter-Anflügen und tollen Leadgitarren von Philip Campbell zu verbinden scheint. Auch die speedigen Momente, der Boogie vom Piano und die punkige Attitüde kommen nicht zu kurz, so dass sich alles fein zusammenfügt und in diesem speziellen Fall auch von einer sehr rohen, knarzenden Produktion und ziemlich angesäuerten, desillusionierten Vocals profitiert. Dazu kommt seit Längerem auch mal wieder ein herausragendes Artwork, so dass für den Motörheadbanger keine Wünsche offen bleiben und die Veteranen zu Recht stolz auf ihr Album des Monats sein dürfen.

Note: 9,5/10
[Rüdiger Stehle]


Da musste man Anfang August erst einmal durchatmen, als die Schreckensnachricht vom Wacken Open Air durchschimmerte. Zugegeben, nach jener hab ich mit solch einem Biss und dieser saftigen Rock’n’Roll-Attitüde seitens Lemmy auf "Aftershock" nicht mehr gerechnet. Dass es das Urgestein aber immer noch faustdick hinter den Ohren hat, zeigen aktuell Songs wie das flotte 'Death Machine', das straighte 'Heartbreaker' und 'Queen Of The Damned', die das MOTÖRHEAD-Feeling bestens hinaufbeschwören und "Aftershock" zu einem arschcoolen Album machen. Auch wenn sich mit 'Crying Shame' und 'Knife' zwischenzeitlich einige Füller eingeschlichen haben, so kann man sich auch im drölften Bandjahr auf seine Pappenheimer und ihre Rockplaketten verlassen. Die Parole "We are MOTÖRHEAD and we’re gonna kick your ass" schreiben Lemmy, Phil und Mikkey wieder groß auf ihren Banner. Diese Leistung, diese Entschlossenheit und nicht zuletzt dieses unnachahmliche Durchhaltevermögen, ohne sich zu verbiegen und zu zerbrechen, hat meinen Respekt verdient. Auch wenn das Trio wieder nach altbekanntem Schema arbeitet, so spricht es musikalisch den Fans aus dem Herzen. Ich ziehe meinen Hut vor Lemmy und dem so urtypischen "Aftershock“". MOTÖRHEAD sind MOTÖRHEAD sind und bleiben auch immer MOTÖRHEAD.

Note: 8,5/10
[Marcel Rapp]



Nach der etwas müden Weihnachts-Tour im letzten Jahr, dem nur guten "The Wörld Is Yours" und nicht zuletzt dem Abbruch der Wacken-Show hatte ich MOTÖRHEAD ein solches Album nicht mehr zugetraut. "Aftershock" ist nicht nur die längste Scheibe im Backkatalog von MOTÖRHEAD, sondern auch so abwechslungsreich wie schon lange nicht mehr ausgefallen. In den vierzehn ausfallfreien Stücken findet sich alles, was Lemmy, Phil und Mikkey zu spielen in der Lage sind: Speedkeule, Rock 'n' Roller, Blues und Ballade – alles da und alles vom Feinsten, sodass man "Aftershock" problemlos in eine Reihe mit "Inferno" und "Kiss of Death", den beiden Glanzlichtern der jüngeren Motörhistory stellen kann.

Note: 9,5/10
[Arne Boewig]


Ja, ich geb's zu, ich habe in meinen Metalanfangsjahren bei Polls auch immer brav Lemmy bei "Persönlichkeit des Jahres" reingeschrieben, weil das ja klar ist. Dabei hab ich mit Lemmy und MOTÖRHEAD eigentlich überhaupt nichts zu tun. Gut, die "1916" ist als LP in meinem Besitz (weil das ja klar ist), 'Ace Of Spades' geht auch immer, zudem sieht Lemmy immer cool aus, doch sonst? Ein neues MOTÖRHEAD-Album erweckt keinerlei Erwartungen, es wird schon solide, aber nach dem Anhören schnell vergessen sein.
Und nun dreht sich "Aftershock". Also, bei mir rockt das Teil die Bude ein. Beim Geschirrspülen habe ich mir den Schädel am Hängeschrank angeschlagen. Dann zum Trotz lauter gemacht und weitergebangt. Ob es daran liegt, dass ich immer mehr an schönem, simplen Rock Gefallen finde? Neben den blutjungen DEAD LORD liefert Lemmy, der ihr Opa sein könnte, hier die Coolrocker-Scheibe des Jahres ab. Lemmy kann nicht singen? Stimmt, but who cares? Jeder Song klingt gleich? Voll falsch, denn jeder Songs hat seinen eigenen Charme. MOTÖRHEAD ist stumpf und hat kein Gefühl? Bitte 'Lost Woman Blues' oder 'Dust And Glass' hören und die Antwort folgt sogleich.

Note: 8,5/10
[Thomas Becker]





Je nachdem was für einen Tag man erwischt hat, denkt man sich heute bei Ankündigung eines neuen MOTÖRHEAD-Albums doch entweder "naja, wird halt wieder so wie letztes mal" oder "geil, wird wieder so wie letztes mal". Aber Überraschungen erwartet man nicht so wirklich – umso schöner, wenn es dann doch plötzlich etwas anderes läuft. War das erste Jahrzehnt des neuen Milleniums im Hause MOTÖRHEAD sehr metallisch geprägt, packt man meinem Gefühl nach auf "Aftershock" den Rock`n`roll so häufig wie schon lange nicht mehr aus, bzw. spielt nahezu alle Facetten des bisherigen Schaffens gekonnt aus. Ich wünschte mir bei all den Zweiminütern zwar, dass etwas mehr Wert auf Ausführlichkeit gelegt worden wäre, soll heißen, macht mal zwei, drei Songs weniger, aber dafür mal ein Break hier und ein Riff mehr da. Aber wer ein derartig kurzweiliges längstes Album der eigenen Diskographie schreiben kann, muss sich das nicht wirklich anhören. Dass man dabei durchaus geteilter Meinung über die Favoriten ist (lieber Marcel, 'Crying Shame' ist ganz große Klasse) spricht nochmal ganz besonders für "Aftershock". Tolles Spätwerk einer lebenden Legende.

Note: 9,0/10
[Christian Schwarzer]





Da man zu MOTÖRHEAD nur die immer gleichen fünf (wahren und unerlässlichlen!) Phrasen wiederholen kann und sich meine Kollegen schon an den meisten davon bedient haben, fasse ich mich kurz: "Aftershock" macht Laune. Das Album überzeugt durch den Signature-Sound, eine bemerkenswerte Unbekümmertheit und - entgegen aller Unkenrufe - Abwechslungsreichtum. Warum ich dann mit meinen acht Punkten derjenige bin, der das Album im Soundcheck am schlechtesten bewertet hat? Das liegt wohl an der Ausrichtung, die Christian bereits angesprochen hat: Die aktuelle Platte geht wieder mehr Richtung klassichen Rock'n'Roll, wohingegen mir die leicht metallischere Variante der letzten Platte etwas besser gefallen hat. Das sei an dieser Stelle jedoch nicht viel mehr als eine Randnotiz. "Aftershock" zeigt, wie gut MOTÖRHEAD immer noch Ärsche tritt. Notfalls auch aus dem Krankenbett heraus.

Note: 8,0/10
[Oliver Paßgang]

Ach, verdammt, das ist eine schwere Geburt. Den ganzen Tag über frage ich mich, was dieses Album so wenig eingängig und hängenbleibend für mich macht. Warum startet es nicht schneller durch, wie ich das gerade von dieser Band gewohnt bin? Sind das Slow Burner, oder fehlt mir etwas? Eigentlich fehlt mir gar nichts! Aber ich fühle mich noch nicht zuhause darin. Die Band hat Wucht, die Band hat Routine, die Band haut jede Menge klassische Riffs raus, ohne dass dies in dieser Konstellation schal oder abgenudelt klänge, und obwohl ich den Eindruck habe, diesmal noch mehr Rock-Standards in den Licks rauszuhören, die man irgendwie zu kennen meint, die daher sofort ins Ohr gehen, und die folglich entweder noch lange hängen bleiben oder aber völlig banal anmuten und daher als egal abgestempelt einfach nur durchrauschen müssten, ist beides nicht der Fall. Die Kombinationen auf "Aftershock" klingen frisch und unverbraucht, sind völlig flüssig aneinandergereiht - wenn man anfängt, in Genreschubladen zu denken, manchmal sogar verblüffend passend (was, nebenbei bemerkt, einmal mehr Lemmys Ansatz einleuchten lässt, diese Versatzstücke aus Blues, Boogie, Rock 'n' Roll, Rock, Hardrock, Heavy Metal, Punk und Thrash, eben ALLES, was MOTÖRHEAD seit jeher in ständig wechselnden Mischungsverhältnissen ausmacht, ganz einfach unter ROCK in dessen weiter Bedeutung zu fassen). Darüberhinaus klingt die Band zäh, drahtig, mächtig unter Strom und mindestens dort, wo zwischen klassischem Material ein so noch nicht gehörter cleverer Einfall durchschillert, auch immer noch hungrig. Und das ist gar nicht mal selten! Reißbrettkonstruktionen klingen anders. Doch wurde ich davon bislang nicht so gepackt, wie die Multiplikation all dieser Faktoren erwarten ließe. Jeder Versuch, meine Höreindrücke abschließend in Worte zu fassen, ist bislang gescheitert, denn ich kriege einfach nicht zu fassen, was genau nun so anders ist am "Aftershock". Vielleicht braucht er einfach noch etwas Zeit, bis er in meinem Bewusstsein wirklich angekommen ist. Aber das bei MOTÖRHEAD, dieser typischen Take-it-or-leave-it-Band, die man gehässig als musikalischen Fast Food bezeichnen könnte? Was zum Geier läuft hier ab!?? Vermutlich ist diese drückende Frage erst das VOR-Beben. Da wird beizeiten noch eine ausführlichere Rezension hermüssen... Was auch immer ich von "Aftershock" letztendlich halten werde, eines ist das Album bestimmt NICHT: Uninteressant.

Note: N/10
[Eike Schmitz]

Mehr zu diesem Album:
Review von Holger Andrae
Soundcheck 10/2013


Redakteur:
Thomas Becker

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