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Gruppentherapie: TOXIK - "Dis Morta"

02.08.2022 | 11:19

Unsere letzte Gruppentherapie ist schon viel zu lange her. Da habt ihr vollkommen recht. Aus diesem Grunde möchten wir diese beliebte Kategorie wieder aufleben lassen und fangen mit einem richtigen Knalleralbum an. Die Jungs von TOXIK haben nach etlichen Jahren einen neuen, technisch hochwertigen Speed'n'Thrash-Leckerbissen am Start, der in Sachen Intensität und Dynamik seinen Vorgängern "World Circus" und "Think This" locker das Wasser reichen kann. Eine mehr als amtliche Bronzemedaille für TOXIK war das Ergebnis unseres Juli-Soundchecks. Nun konnte das Album etwas sacken und wir gehen dem Drittplatzierten ein wenig auf den Grund.

Lang, lang ist es her, dass etwas Neues von TOXIK gekommen ist, doch nach einigen EPs und Compilations ist es mal wieder soweit und "Dis Morta" ballert auf Teufel komm' raus. Wer auf technisch herausragenden, piekfeinen Thrash Metal steht - manchmal etwas gedrosselt, mal mit tollem Groove, ab und an in Schallgeschwindigkeit und wendig wie ein Wiesel - der kommt an der dritten Scheibe aus Westchester kaum vorbei. Mir persönlich hat anfangs der Zugang gefehlt, zu verschachtelt kamen einige Parts rüber, doch nach dem dritten, vierten Durchgang hat sich die TOXIK-Welt geöffnet und offenbart ihren hochdynamischen und zackigen Charakter. Dabei gefällt Neusänger Ron Iglesias unheimlich gut, verpasst er "Dis Morta" einen frischen, passenden Anstrich. Und ob ich mich nun von 'Feeding Frenzy' oder etwas melodischeren Songs wie 'The Radical' und 'Devil In The Mirror' um den Verstand bringen lasse, das Gesamtkunstwerk "Dis Morta" ist ein starkes Statement in Richtung Technical Thrash. Was mich einerseits beeindruckt, andererseits an manchen Stellen etwas überfordert ist die Unvorhersehbarkeit der Songs, deren Melodien noch längst nicht ausgewachsen sind, sondern noch ein ums andere Mal ihre Runden drehen müssen, bis sie weiterwachsen. Daher sind es noch gute 8 Punkte mit starker Tendenz zu noch besseren 8,5 oder sogar sehr guten 9 Punkten.

Note: 8,0/10
[Marcel Rapp]

Marcel sagt hier viel Wahres, wenn er der neuen TOXIK acht Punkte mit stark steigender Tendenz verpasst. Dabei ist das trotz einiger guter EPs in den vergangenen Jahren nicht unbedingt selbstverständlich, denn mangelnde Kontinuität im Line-up ist bisweilen ein nicht zu unterschätzender Risikofaktor, wenn eine Band sich nach dreiunddreißig Jahren nochmals an ein Studioalbum wagt. Im toxischen Falle ist Gitarrist Josh Christian nun einmal das letzte verbliebene Gründungsmitglied, außer ihm ist in der Band niemand länger am Start als seit 2016, und Ron Iglesias ist tatsächlich auch bereits die dritte Stimme auf dem dritten Studioalbum. Klingt "Dis Morta" also irgendwie beliebig und hat mit TOXIK gar nur den Namen gemein? Mitnichten! Klar, die Achtziger sind vorbei, und so bekommen wir schon produktionstechnisch ein ganz anders ballerndes Brett serviert, das dennoch nicht zu steril in Szene gesetzt ist. Daneben ist auch kompositorisch und instrumental einiges mehr an Gefrickel und strukturellem Irrsinn geboten als auf "World Circus". Doch ging ja bereits "Think This" recht stark in diese progressiv-technische Richtung, und daran knüpft "Dis Morta" aus meiner Sicht wunderbar an. Dazu passt auch Rons Stimme perfekt, denn Sirene war schon immer Trumpf im Hause TOXIK, und Sirene ist auch hier Programm. Die Band vergisst aber trotz aller schriller Gesangsakrobatik und aller wilden Frickelei nicht, hervorragende Widerhaken zu setzen, was sowohl gesanglich als auch instrumental gilt: So sind etwa die Gesangshooks bei 'The Radical' ebenso pures Gold, wie die Leadgitarren bei 'Power'. Am Ende ist "Dis Morta" eine wilde Jagd über die Griffbretter der Saiteninstrumente, rhythmisch so verstörend wie faszinierend, durchzogen von unzähligen spannenden Breaks, und gekrönt von einer perfekten Stimme zwischen hysterischem Thrash Metal, klassischem Speed Metal und fiesem Power Metal. Damit gelingt TOXIK eine überzeugende und spannende neue Interpretation der eigenen Synthese aus der aggressiven Bissigkeit von "World Circus", der sehr melodischen, progressiven Vertracktheit von "Think This" und der Durchschlagskraft von drei Jahrzehnten technischem Fortschritt in Sachen Studioarbeit. Besonders gut kann man diesen Mix bei 'Hyper Reality' bestaunen, bei dem sich wahnhafte Raserei, nackenbrechender Punch und entrückte ruhige Parts die Klinke in die Hand geben. Wer stets und exklusiv der alten Schule anhängt, wird zwar skeptisch bleiben müssen, doch technischer Speed/Thrash Metal war glücklicherweise selten allzu regressiv, und so bin ich mir sicher, dass der geneigte TOXIK-Fan hier seine ungetrübte Freude haben wird, denn unterm Strich ist bei allem Wahnsinn hier auch noch verdammt viel klassisch stählerne Kunst zu bestaunen. Für mich ist "Dis Morta" jedenfalls ohne jeden Zweifel mein Album des Monats Juli 2022.

Note: 8,5/10
[Rüdiger Stehle]

Ich werde das Gefühl nicht los, dass meine Kollegen ein anderes Album gehört haben müssen als ich, denn mit den Meinungen meiner beiden Vorredner gehe ich angesichts von "Dis Morta" überhaupt nicht d'accord. Vorweg muss ich natürlich auch erst einmal neidlos anerkennen, dass sämtliche TOXIK-Musiker ihr Handwerk verstehen und gerade an den Sechsaitern Fingerakkrobatik abliefern, die sich gewaschen hat. Oftmals ist selbige aber so überhaupt nicht im Sinne des Songs eingesetzt, sondern wirkt in meinen Ohren wie ein Fremdkörper, der die Nummern eher ausbremst als nach vorne bringt. Erschwerend kommt hinzu, dass ich mit der Stimme von Fronter Ron Iglesias überhaupt nicht warm werde, klingt er für mich doch eher wie eine schwächere Version von HELL-Fronter David Bower. Dass gerade mein Kollege Marcel nach ein paar Durchläufen doch noch einen Zugang zur Scheibe gefunden hat, wundert mich entsprechend auch umso mehr, hat er doch im vergangenen Jahr im Soundcheck noch genüsslich das aktuelle YNGWIE MALMSTEEN-Album für sein zielloses Gitarren-Shredding zerpflückt. Für mich persönlich ist TOXIK an dieser Front aber noch deutlich nerviger unterwegs, wobei ich erwähnen möchte, dass mir als Gitarrist solche technisch versierten Ausbrüche eigentlich gefallen. Auf "Dis Mortis" sind sie - bei allem Respekt vor dem Geschick der Musiker - für meine Ohren aber einfach zu größe Störfaktoren im Fluss der einzelnen Songs. Dementsprechend bleibe ich auch weiterhin bei meinem Liebling VEKTOR, wenn es in thrashigen Gefilden technischer zugehen soll.

Note 6,0/10
[Tobias Dahs]

Nach mehr als drei Jahrzehnten öffnet sich der Giftschrank wieder weit. Zwar durften wir ab und zu einen Blick hineinwerfen und wurden auch mit Kostproben in Form von EPs und Compilations belohnt, aber die volle Dosis verschreibt uns TOXIK erst jetzt. "Dis Morta" ist das Comeback-Album im Jahr 2022, auf das ich mich am meisten gefreut habe. Die Band klingt trotz zahlreicher Wechsel im Line-up unverkennbar nach TOXIK: atemberaubende Gitarrenläufe, Samples, schriller Gesang mit einem Hang zur Parole, unerwartete Tempowechsel und verrücktes Songwriting - alles ist wieder da. In gewisser Weise ist "Dis Morta" auch eine konsequente Weiterentwicklung von "Think This". Dieses Glanzstück des technischen Thrash hatte allerdings trotz aller Komplexität einige Hits zu bieten: 'Greed', 'Spontaneous', 'There Stood The Fence' und 'Think This'. Das aktuelle Album ist noch aggressiver, noch kompromissloser und sogar noch technischer, aber auch weniger melodieaffin und variabel als der Vorgänger. Die balladeske Einleitung zu 'Devil In The Mirror' wirkt fast wie eine Parodie und führt uns gehörig an der Nase herum, denn auch hier herrscht bald die pure Raserei. Überhaupt ist Geschwindigkeit Trumpf auf dem Album. Mit Doublebass-Geballer wird wirklich nicht gegeizt. Interessant sind die Stücke aber allemal. Die Gitarrenarbeit ist fast durchweg phänomenal, wie schon die ersten Stücke 'Dis Morta' und 'Feeding Frenzy' eindrucksvoll belegen. Das abschließende 'Judas' ist ein echtes Highlight. Leider sagt mir die Produktion gar nicht zu. Es scheint fast so, als wollte die Band ihr Songmaterial in einer möglichst unattraktiven Form präsentieren. Und so fällt es mir tatsächlich ziemlich schwer, das Album am Stück zu genießen. Das ist schade, denn TOXIK schafft es wieder einmal, dass selbst abgedrehte Songsequenzen sich bald einprägen. Das bizarre 'Hyper Reality' ist hierfür das beste Beispiel. Angesichts der Virtuosität und Eigenständigkeit kann ich aber nicht weniger als 8,0 Punkte geben.

Note: 8,0/10
[Jens Wilkens]

Manchmal wundert man sich über sich selbst. Das TOXIK-Debüt "World Circus" ist fester Bestandteil meiner All Time-TOP 100, für mich eines der besten Thrash-Metal-Alben aller Zeiten. Dennoch sind die vereinzelten EP-Releases dieser Band in den letzten Jahren fast vollständig an mir vorbei gegangen; lediglich der Song 'Kinetic Closure' ist mir 2018 positiv aufgefallen. Es soll hier auch nicht unerwähnt bleiben, dass ich mich mit "Dis Morta" anfangs etwas schwer getan habe. Mich hat das Klangbild der Platte irritiert und einige Instrumental-Passagen schienen mir seltsam isoliert zu stehen, durch schwer nachvollziehbare Brüche vom Körper der Songs abgetrennt. Das liegt aber auch daran, dass TOXIK-Hören etwas Übung verlangt. Ich musste mich erstmal wieder gewöhnen an diese alles niederreißende schrille Energie, diese vertrackten Kompositionen, schrägen Gitarrenabfahrten und fies beißenden Melodielinien. Nach einigen Durchläufen über Kopfhörer steht für mich nun fest: TOXIK ist auch unglaubliche 35 Jahre nach eingangs erwähntem Klassiker eine strahlend glänzende Macht in Sache Progressive Speed/Thrash. Ich bin wieder beinharter Fan und preise die Einzigartigkeit der Truppe um Josh Christian. Es gibt keine andere Band, die so klingt wie TOXIK, nirgendwo wird filigraner Irrsinn so innig und mitreißend zelebriert und nirgendwo in so kompakte und spannende Songs gegossen. Ach, was habe ich diesen Sound vermisst (außer den Spoken Words-Intros, die braucht doch immer noch kein Mensch)! Kauft dieses Album, Leute, nehmt Euch die Zeit es zu erschließen und lasst Euch von unglaublichen Killersongs wie 'Feeding Frenzy' oder 'Hyper Reality' genüsslich die Birne abmontieren!

Note: 8,5/10
[Martin van der Laan]

Redakteur:
Marcel Rapp

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