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Gruppentherapie: UNLEASHED - "Dawn Of The Nine"

27.04.2015 | 23:11

Nach SATAN'S HOST und ENSLAVED wiederholt auch UNLEASHED einen Soundcheck-Sieg.

"As Yggdrasil Trembles" (zur Gruppentherapie) und "Odalheim" (zur Gruppentherapie) heimsten hier bereits die Goldmedaille hier ein, doch aller guten Dinge sind drei. Ähem, stop: neun!
Aber es war knapp diesmal mit "Dawn Of The Nine" und nicht jeder ist so ganz zufrieden mit der neuen UNLEASHED wie unser Redaktions-Rabe Stehle (zum Review). Was toll ist und was es zu meckern gibt, verklickern euch nun die Therapeuten.





Was UNLEASHED macht - und das schon seit Jahren - hat einfach Hand und Fuß. Die Band weiß, was sie will und was die Fans wollen und schafft das Kunstwerk, alle zwei Jahre eine gute dreiviertel Stunde Musik zu schreiben, die Fan-Meute zufriedenstellt und Kritiker weitestgehend zum Schweigen bringt. Soviel zur "objektiven" Analyse.

Ich selber bin kein UNLEASHED-Fan, vor allem live konnten mich die Schweden noch nie richtig überzeugen, doch auf Konserve liefert die Band absolut keinen Griffpunkt für Böswilligkeit. Man hört eine saubere, klare Produktion, die differenziert und nicht zu übertrieben "fett" klingt, und Songs, die trotz des typischen UNLEASHED-Song-Schemas immer das nötige Reichtum an Detail haben, dass es nicht langweilig wird. Und doch ist bei mir wie eigentlich immer bei UNLEASHED nach ein paar Songs der Hunger gestillt. Statt Dessert mit Espresso oder einem leckeren Stück Käse, der den Magen schließt, gibt es eben doch "nur" ein weiteres Stück Pizza. So könnte ich also auch zu "Dawn Of The Nine" dieselben Worte schreiben wie zur "Odalheim"-Gruppentherapie : Ich spüre weiterhin nichts Besonderes beim Hören der Musik, ganz besonders der kehlige, stimmlose Gesang transportiert keinerlei Emotion, nicht einmal Abneigung. Aber man kann ganz gut Sport dazu machen. Deshalb gibt wieder dieselbe Note: Eine knappe Sieben für eine spielerisch gute Band. Warum das jedoch ein Dauer-Soundcheck-Sieger ist, ist mir nach wie vor komplett schleierhaft. SATAN’S HOST oder ENSLAVED finde ich zwei Klassen besser!

Note: 7,0/10
[Thomas Becker]





Auch ich bin mit "Dawn Of The Nine" nicht restlos zufrieden, jedoch aus anderen Gründen als Kollege Becker. Denn in meinem Fall ist es so, dass mich die letzten Alben - und damit meine ich alles seit "Sworn Allegiance" (2004) - deutlich mehr mitreißen konnten als der aktuelle Output der Schweden. Die Suche nach Gründen gestaltet sich dabei etwas schwierig, sind doch im Prinzip alle UNLEASHED-Qualitäten auch anno 2015 vorhanden (und dazu gehört auch der charismatische, starke Gesang von Johnny Hedlund, lieber Thomas!).

Was mir vielleicht am ehesten fehlt, ist zum einen eine übergeordnete Atmosphäre, welche insbesondere die letzten beiden Alben "Odalheim" und "As Yggdrasil Trembles" wunderbar in Szene gesetzt hat, und zum anderen der letzte Kick bei der ein oder anderen Komposition. Ein gutes Beispiel hierfür ist wohl schon der Opener 'A New Day Will Rise', welcher seinen stärksten Moment während des Solos hat, ansonsten aber lediglich solide in gewohnten, sicheren Gewässern vor sich hin plätschert - und "solide", ein Attribut für manche Songs auf "Dawn Of The Nine", ist meiner Ansicht nach für eine Band wie UNLEASHED etwas wenig. Es ist zwar schön, wenn man sich in seinem eigenen Stil bequem eingenistet hat, aber irgendwann sollte man sich auch mal vor die Tür wagen, zu neuen Ufern aufbrechen und, nun ja, brandschatzen, plündern und so weiter. Was Wikinger halt so tun.

Meiner Kritik zum trotz ist die Platte natürlich trotzdem ein starkes Stück Todesmetall mit einigen richtig guten Songs geworden und hat mit 'Where Is Your God Now?', dem wohl brachialsten Lied auf "Dawn Of The Nine", sogar einen richtigen Kracher an Bord. Folgerichtig ist meine Note auch keine schlechte und meine Worte an dieser Stelle lediglich ein Zeugnis dafür, dass ich von UNLEASHED normalerweise noch etwas mehr gewohnt bin.

Note: 7,5/10
[Oliver Paßgang]

Da bin ich erst mal sprachlos angesichts des neuen Albums von UNLEASHED. Der große Name und das Versprechen, hier eingängigen Death Metal mit heftiger Wikinger-Schlagseite vorzufinden, hat ebenso große Erwartungen bei mir geweckt - und jetzt bin ich doch ernüchtert.

Sicher, Death Metal mit heftiger Wikinger-Schlagseite ist es schon, was die schwedischen Helden hier aufbieten. Ich bin auch beeindruckt von der kraftvollen Prägnanz, mit der Instrumente und Gesang dem Hörer um die Ohren geschlagen werden. Und trotzdem fehlt mir etwas, nämlich die Eingängigkeit, die ich mir unbedingt erhofft hatte. Die großen Melodien, die das wuchtige Gebolze zu etwas Besonderem machen sollten, die Hymnen, die mit einprägsamem Wiedererkennungswert mein Herz höher schlagen lassen sollten – zu all dem reicht es bei mir nicht. Nur streckenweise finde ich solche Phrasen, die mich näher hinhören lassen. 'The Bolt Thrower' und 'Where Churches Once Burned' sind derartige Titel, die meine Aufmerksamkeit schon beim ersten Hördurchgang auf sich ziehen. Auch der Titeltrack 'Dawn Of The Nine' selbst sticht durch seine schwermütige Langsamkeit hervor. Gleichwohl, Begeisterungsstürme vermögen auch diese Songs nicht bei mir auszulösen. Insofern kann ich die überdurchschnittliche Bewertung unseres Hauptrezensenten Rüdiger von 9,5 Punkten nicht teilen, sondern schwinge mich etwas irritiert zu einer lediglich mittelmäßigen Benotung auf.

Note: 7,0/10

[Erika Becker]



"Dawn Of The Nine" ist das erste UNLEASHED-Album dessen Release ich bewusst miterlebe. Von daher kann ich nicht beurteilen, ob manche Vorgänger durchschlagskräftiger geklungen haben oder ob man künstlerisch stagniert. Ich möchte aber klar anmerken, dass auf "Dawn Of The Nine" ein Niveau geboten wird, auf dem man sich gut und gerne bequem ausruhen könnte, wenn man denn wollte, da es von der Genrekonkurrenz nur sehr selten - wenn überhaupt - tangiert wird. Außerdem standen mir Bands, die ihren Stiefel kompromisslos durchziehen und sich innerhalb ihres stilistischen Korsetts austoben, schon immer sehr viel näher als Bands, die sich von Album zu Album um ihrer selbst willen neu erfinden müssen.

Doch nun schnell zur Musik an sich: UNLEASHED verbindet Melodien, Brutalität und harsche, aber verständliche Vocals so, dass man auch als Death-Metal-Zaungast hier kaum anders kann, als die Faust in die Luft zu recken. Die Riffs reißen mit, die Refrains setzen sich schnell fest, der unerlässliche Faustfaktor ist omnipräsent. Zudem bieten die stilistische Bandbreite UNLEASHEDs trotz vermeintlich stagnierenden des Trademark-Sounds von der doomigen Walze über schnelle Brecher und Midtempo-Stampfer auch mehr als genug Spielraum für Variationen. Ich bin entzückt!


Note: 9,0/10
[Arne Boewig]






Ist das nun ein Vorteil oder ein Nachteil, dass ich UNLEASHED frühestens seit "Victory", allerspätestens aber seit "Hell's Unleashed" mehr oder weniger bewusst aus den Augen verloren habe? Irgendwie hat es sich ausgerifft, das Geheimrezept der Schweden: stumpfer Todesmetall mit einem Sänger, der irgendwie immer gleich klingt.

Und jetzt, 20 beziehungsweise 13 Jahre später habe ich mich regelrecht gefreut, der Band im Rahmen des Soundchecks und dieser Gruppentherapie eine erneute Chance zu geben. Und was soll ich sagen? Saustark ist "Dawn Of The Nine" geworden. Die Black-Metal-Einflüsse scheinen in der Vergangenheit massiver gewesen zu sein, dennoch ist dieses Element auf dem Album prominent vertreten und sorgt für die nötige Abwechslung. Vielleicht nicht so offensichtlich, aber die Art, wie Akkorde aufgelöst werden, sich Harmonien entwickeln - das hat schon sehr viel Schwarzes.

Und ja, Johnny Hedlund singt immer noch so, wie er es auf "Where No Life Dwells" getan hat. Der Gesang war, wie eingangs erwähnt, einer der Punkte, der mich bei UNLEASHED zu langweilen begonnen haben. Er war nicht schlecht, er war eigen, wenn auch etwas eigenwillig, aber er nutzte sich beim Hören recht schnell ab. Komischerweise gehören aber auch die Vocals zu den Elementen auf "Dawn Of The Nine", die mich mitreissen. Johnny singt immer noch wie zu Beginn der Bandphase, hat keine Abnutzungserscheinungen (was in dem Genre nicht alltäglich ist) und - das ist der springende Punkt - passt perfekt zu dem tiefschwarzen Death Metal, den UNLEASHED anno 2015 zelebriert. Was in der Vergangenheit schnell langweilig wurde, entwickelt sich heute zu einer Win-Win-Kombination.

Wären die (zweifellos hervorragenden) Leads nicht dermaßen penetrant in den Vordergrund gemischt, bei denen man teilweise nur erahnen kann, was die Rhythmusfraktion gerade zockt, wäre vielleicht sogar ein halber Punkt mehr drin gewesen. Nichtsdestotrotz, vielen Dank, Herr Hedlund, für dieses starke Stück Düsterkost!

Note: 8,5/10

[Haris Durakovic]

Redakteur:
Thomas Becker

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