Heavy Metal in der DDR - Szene, Akteure, Praktiken. Ein Standardwerk

11.11.2019 | 21:13

"Ich hatte mal für so ein MANOWAR-Poster, glaube ich, 50 Mark oder so bezahlt. Ja, so besessen war man damals." Wolf-Georg Zaddach legt eine umfassende und spannende Erzählung über die Entwicklung des Heavy Metal in der DDR vor. Faktenreich, lebendig, hochinteressant.

Erinnerungskultur allerorten und allerohren. Kaum ein Medium, das nicht Journalisten und Zeitzeugen zu Wort kommen lässt; Euphoriker, Warner vor dem Morgen und Verliebte ins Gestern, DDR-Hasser werden genauso hervorgekramt wie die Kulturschaffenden des Arbeiter- und Bauernstaates, der im Herbst vor dreißig Jahren zusammenklappte wie ein altes Akkordeon und bald keinen Ton mehr von sich gab. So gerade im Deutschlandfunk, wo Günna Schabowski nach "seiner Kenntnis sofort, unverzüglich" um sich schaut und das Gemurmel der Korrespondenten zum gefühlt 328sten Mal in diesen Tagen zu hören ist. Analysen, auch auf Radio Eins, wo sich einige ehemalige Mitarbeiter des DDR-Radio-Jugendsenders DT 64 stilvoll und schnoddrig erinnern.

Darkland als BuchcoverUnd da haben wir die Linie zu meinem Anliegen: Ich habe das Buch "Heavy Metal in der DDR. Szene, Akteure, Praktiken" gelesen. In diesem Jahr, kann ich sagen. Im Doom-Metal-Tempo. Denn dieses Fachwerk des Weimarer Musikwissenschaftlers Wolf-Georg Zaddach, erschienen im Bielefelder Verlag [transcript], hat das Zeug in dieser Nische zukünftig als Standardwerk zu gelten.

Für diese Aufzählung von Fakten, Fakten, Fakten, Analysen, Anekdoten und Anekdötchen, Ausblicken, Thesen und auch Neuigkeiten benötigt man Zeit, die man sich nehmen sollte. Denn vor allem ist das Buch mit seinen knapp 300 Leseseiten zusätzlich ausgestattet mit einem Anteil von über 50 Seiten Tabellen, Faktennachweisen sowie Quellenangaben. Schon das allein ist eine große Leistung dieses emsigen Herrn Zaddach, der sich neben dem Phänomen Heavy Metal ebenso im Bereich des Jazz zu Hause fühlt. Was die zum Teil sehr tiefdringenden musiktheoretischen Ausführungen im Buch beweisen.

Um jedoch all die Fakten auch wirklich und in Ruhe zu verarbeiten, lag das Buch immer in meinen Reisetaschen, Nachttischen, Strandsachen, Picknickdecken und gab in vielen möglichen Positionen täglich ein, zwei, drei Seiten Neuwissen frei. Schöne, spannende Lektüre über all die Monate. Viel Nachschlagen auf Videoportalen und weiteren Rechercheseiten war meine Folge. Ich kann fürderhin behaupten, mich durch vor allem die geschilderten Geschichten in den Interviews - deren Zaddach viele mit Protagonisten des DDR-Rock und -Metal geführt hat - an einige persönliche Erlebnisse wieder erinnern zu können. Der Tausch von Banddevotionalien von TANKARD über METALLICA bis CARNIVORE, das Begeisterte über diverse Musikstücke von SODOM oder KREATOR, das Herantasten an das Szenische, Andere in meiner eigenen Biographie ist mir mehrmals wieder in den Sinn gekommen und sehr plastisch geworden.

Schon dieser Effekt allein wird für viele Leser im Osten bereits einen nicht zu unterschätzenden Wert haben. Denen empfehle ich "Heavy Metal in der DDR" sowieso, und auch weitere Interessierte sollten versuchen, sich durch dieses plastische, lebendige Werk einen lebendigeren Rückblick auf die metallene Zeit ab 1986 jenseits der Mauer zu verschaffen. Denn das ist eine unverkennbare Erkenntnis, die schnell klar bewiesen wird: So richtig los ging es mit dem Heavy Metal erst in der Agoniephase des Staates DDR, als es den Organen der Überwachung und Durchdringung der Gesellschaft immer weniger gelang, Jugendszenen zu orten, zu verorten, zu verwalten bzw. zu bändigen. Punks und Blueser hatten es da ungleich schwerer als die Metaller. Klar, es gab die üblichen hilflosen Verbote wie das der Erfurter Band MACBETH, die aber trotzdem erst in der letzten Oktoberwoche 2019 hier in Leipzig aufspielte. In einem Szeneclub, fernab des Mainstreamrocks.

Die FDJ versuchte zwar, die unaufhaltbare Energie einzugrenzen und in kontrollierbare Bahnen zu lenken, wie zum Beispiel für die anwesenden Jugend in den Tanzveranstaltungen ihrer Jugendclubs regelmäßig auch Hard Rock und Metal zuzulassen. Aber erst als führende Musikpublikationen wie die Zeitschrift "Melodie & Rhythmus" und anerkannte Musikwissenschaftler die misstrauisch beäugte Musik und deren Szenezeichen auch vor der Zensur in den Schutz nahmen, durch Fachlichkeit den Ruch wegwischten und diese harten Musikgenres als "normal" empfahlen, beruhigte sich die anfängliche Aggressivität der Aufseher. Aggressiver wurden da eher die Hörer, die sich grenzüberschreitend vor allem mit der Radiosendung "Tendenz Hard bis Heavy" eines stilsicheren Mediums sicher sein konnten. Und immer neuen Stoff forderten. Den Ausführungen der Moderatoren folgend, waren z.B. die Zensoren mit dem aufkommenden Extreme Metal stilistisch genervt bis so überfordert, dass immer mehr und immer aktuellere Stücke in den sozialistischen Äther fanden. Diese Sendungen werden in der Rückschau als zentrale Orientierungspunkte für die Entwicklung und Ausrichtung vieler ostdeutscher Metaller bewertet.

Zaddach versteht es außerdem gekonnt, in seiner Struktur immer wieder Kapitel aufzubauen, die in sich geschlossen sind und vermag es, nicht allzu tief in das Musiktheoretische abzugleiten. Wer sich über das Inhaltsverzeichnis beugt, wird unter Garantie interessengeleitet fündig werden. Seit BLACK SABBATH laut Autor in den 1970er Jahren den "central code of Heavy Metal" erschuf (S. 281), werden anhand bekannter DDR-Bands wie BIEST oder FORMEL 1 die Entwicklungen und Herausforderungen der sehr versierten DDR-Musiker dargelegt, wie auch die Beschaffungsodysseen von Technik und Szenestoff beschrieben, aber auch die Schwierigkeiten aufgezeigt, der stetig steigenden Nachfrage gerecht zu werden, bzw. den Einklang zwischen nachgespieltem "West-Metal" und eigenen Kompositionen zu finden. Letzteres übrigens vor dem riffhungrigen Publikum und auch den Kommissionen, vor denen die Bands für genehmigte öffentliche Auftritte vorspielen mussten, um eine so genannte "Einstufung" zu erhalten.

Das war gleichbedeutend mit der Annahme der Musiker in die höheren Künstlerkreise. Dieses Privileg war nur wenigen Metal- und Hard-Rock-Bands vorbehalten. Daran anschließend wird auch sehr spannend erzählt, wie etablierte, privilegierte Produzenten und Studioinhaber ihre zum Teil arroganten Vorbehalte gegen die Spielweisen und Klangwünsche der Metaller hatten.

Eine breite Anerkennung der Musik und Musiker dieser schönen Genres in der SBZ war nie ein Problem, hat man als Leser den Eindruck, eher ist ein leichtes "Schade!" zu vernehmen, verschwanden doch die allermeisten der Bands nach der Wende im großen, harten Musikmarkt auf Nimmerwiederhören. Es gibt ein paar Ostalgiker und verdiente Archivare wie Henrik Rosenberg, der die Webseite ostmetal.de betreibt und pflegt, die ROCK HARD hat sich in umfassenden Interviews mit Ost-Musikern in einer ihrer Ausgaben 2019 beschäftigt und auch Nikolai Okunew hat 2016 mit "Satan fordert die totale Zerstörung des Betriebes - Die Heavy-Metal-Subkultur in der DDR" eine sehr lesenswerte Studie vorgelegt - aber all das reicht an Zaddachs Überblick nicht heran.

Denn neben der Fokussierung auf die harte Gitarrenmusik zwischen Elbe und Oder in den Achtzigern erfährt man viele interessante Definitionen und Hard Facts, die das Buch insgesamt sehr lesenswert und wissensgetränkt zeigen. So wird die zentrale Funktionalität des Gitarrenriffs für Rock und Metal aufgefischt, diese "zentrale musikalische Äußerung" (S. 281) in der Definition des Musik-Forschers Richard Middleton (1999) aus den Weiten der wissenschaftlichen Diskurses gezaubert: Das Riff nämlich ist "short rhythmic, melodic, or harmonic figures repeated to form a structural framework".

So wird ausführlich das Missverständnis zwischen "Thrash Metal" und "Trash Metal" diskutiert, was eigentlich dasselbe meint oder die Geschichte des Blast Beats dargelegt. Zaddach wirft auch die sehr interessante Frage in den Raum, warum der Extreme Metal vor allem im Osten in den frühen Neunzigern so einen Schub erreichte; eine Frage, an die man soziologisch, historisch oder auch psychologisch herantreten könnte.

Wir nennen hier mal ein paar dieser Bands, die sich dem Thrash Metal zuwandten und damit ein immer größeres Publikum erreichten: CHARON, DAMIEN BREED, HELION, HOWLIN' MAD, MANOS, NOBODY, PANTHER, POWERAGE, ROCHUS, SIXTUS, TITAN, VIPER, ASATHOR, BÖLK, BOTTLED, DARKLAND, DEFCON, DISASTER AREA, M.A.D., MADHOUSE, TISHVAISING oder THRASH ATTACK (Aufzählung von Henrik Rosenberg aus dem Jahre 2012). Der Blick des Autors in das Alltagserleben der Musiker ist zeitgeschichtlich hoch zu bewerten ebenso wie die Bemühungen, außerhalb des Szeneknotenpunkts Berlin auch in den abgelegeneren Bezirken der DDR ein Netzwerk an Gleichgesinnten aufzuziehen, zu pflegen und so zu erhalten. Liest man zum Beispiel die Erinnerungen der Sängerin Kerstin Radtke, drängt sich die immer noch sehr aktuelle Frage auf, warum auch der heutige Metal und Hard Rock immer noch so männerdominiert sind.

Noch einmal: Der überaus fleißige Herr Zaddach versucht mit diesem Werk zum einen eine Forschungslücke zu schließen, die vielen von uns musikbegeisterten Zeitgenossen einige spannende Erkenntnisse beschert und zum anderen eine gut lesbare Erzählung über den Werdegang eines Genres im Staatssozialismus an die Hand zu geben, das auch noch heute irgendwo zwischen Szenegrenzen und Massentauglichkeit eine Einordnung zu suchen scheint.

Es ist ihm sehr gelungen.

"Heavy Metal in der DDR - Szene, Akteure, Praktiken" ist 2018 im Verlag [transcript] in Bielefeld erschienen, hat einen Umfang von 370 Seiten, kostet 39,99 Euro und kann hier bestellt werden.

Redakteur:
Mathias Freiesleben

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