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IRON MAIDEN: "Brave New World" wird 20 Jahre alt

01.06.2020 | 14:25

Eines der wichtigsten Alben in der Karriere der britischen NWoBHM-Legende IRON MAIDEN wurde am 29. Mai ganze zwei Dekaden alt. Was uns Anlass gibt, diesen entscheidenden Wendepunkt in Geschichte der Eisernen Jungfrauen noch einmal genauer zu beleuchten. Immerhin hätten es Steve Harris und Co. ohne den Erfolg von "Brave New World" nicht ins neue Jahrtausend geschafft und hätten nicht in den vergangenen 20 Jahren ganz neue Höhen in Sachen Erfolg erklommen.

Um jedoch zu verstehen, warum gerade diese zehn Songs so einen entscheidenden Einfluss hatten, ist ein kurzer geschichtlicher Ausflug unvermeidbar. Wir schreiben das Jahr 1990 und IRON MAIDEN befindet sich kommerziell eigentlich auf dem Höhepunkt. Das Konzeptalbum "Seventh Son Of A Seventh Son" brachte den Briten ihre erste Spitzenposition in den Charts seit "The Number Of The Beast" ein und die darauffolgende Tour war ein globaler Triumphzug, doch innerhalb der Band begann es zu kriseln. Gitarrist Adrian Smith verließ MAIDEN noch vor den Aufnahmen zu "No Prayer For The Dying" und auch Bruce Dickinson versuchte sich erstmals auf Solo-Pfaden, von denen aus er auch Smiths Ersatz Janick Gers mit zu IRON MAIDEN brachte. Kommerziell wirkten sich die zunehmenden kreativen Unstimmigkeiten innerhalb der Band auch erst einmal nicht negativ aus; "No Prayer For The Dying" stieg an der Spitze der Charts ein, 'Bring Your Daughter ... To The Slaughter' lieferte den ersten Nummer-1-Hit der Bandgeschichte (auch wenn der Song ursprünglich für Dickinsons Soloalbum geschrieben und im letzten Moment von Steve Harris für die Hauptband beschlagnahmt wurde) und auch der Nachfolger "Fear Of The Dark" toppte die Charts erneut.

Doch musikalisch war bei den Eisernen Jungfrauen die Luft raus, denn auch wenn beide Alben noch durchaus Klassiker hervorbrachten, die bis heute auf keiner MAIDEN-Show fehlen dürfen, so konnten die Alben bei Weitem nicht mit den kreativen Glanztaten der Achtziger mithalten. Das erkannte schlussendlich auch Dickinson und verließ MAIDEN im Jahr 1993. Für die verbliebenen Mitglieder folgten eher düstere Tage mit Nachfolger Blaze Bayley am Mikrofon. Die beiden Alben "The X-Factor" und "Virtual XI", die der Mann aus Birmingham einsang, wurden weder kommerziell, noch musikalisch den Erwartungen gerecht und da Bayley auch auf der Bühne mit den Gesangspassagen Dickinsons zu kämpfen hatte, waren auch die folgenden Konzerte weit unter dem Niveau, das Fans ansonsten von einer der besten Livebands unseres Planeten gewohnt sind.

Doch 1999 kam die Wende für die Briten: Steve Harris hatte inzwischen eingesehen, dass es mit Bayley nicht weitergehen konnte und Manager Rod Smallwood überzeugte den Bandkopf schließlich davon, Bruce Dickinson zurückzuholen. Glücklicherweise war auch dieser der Solo-Ausflüge überdrüssig geworden und stimmte einer Rückkehr zu, jedoch nur unter der Bedingung, dass auch Adrian Smith sein alter Posten angeboten würde. Smith sagte ebenfalls zu und anstatt Janick Gers zu feuern, machten die Eisernen Junfrauen fortan mit drei Gitarristen die Bühnen der Welt unsicher. Und das mit mehr als großem Erfolg, denn die Reunion-Tour unter dem Titel "Ed Hunter Tour" wurde von den Fans praktisch überrannt. Der Rest ist eigentlich Geschichte, oder? Nicht ganz, denn die größte Feuerprobe stand dem Sextett noch bevor: das Comeback-Album! Nichts ist für eine Band wohl eine solche Gratwanderung wie die erste Veröffentlichung nach der Reunion. Geht man "back to the roots" und macht die alten Fans glücklich, oder veröffentlicht man ein Album, das dem Zeitgeist entspricht und vielleicht sogar einen Weg in die Zukunft weist? Egal wie sich die Briten entscheiden würden, ein Teil der Fans, deren Erwartungen an das erste Album mit Smith und Dickinson nicht hätten höher sein können, würde in jedem Fall enttäuscht sein.

Und das bringt uns nun schlussendlich zum eigentlichen Thema des Artikels, denn das im Jahr 2000 veröffentlichte "Brave New World" ist wahrscheinlich eines der besten Comeback-Alben, das die Metalwelt je gesehen hat. Angefangen beim überragenden Opener 'The Wicker Man', der bis heute zu den Favoriten bei den Konzerten der Briten gehört, ist der Silberling bis auf wenige Ausfälle ('The Nomad' hat beispielsweise durchaus seine Längen) gespickt mit großartigen Songs. Doch nicht nur die Qualität des Songwritings ist überragend, auch die Art und Weise wie Harris und seine Mitstreiter den Spagat zwischen Retro-Feeling und Blick in die Zukunft meisterten, ist bemerkenswert. So setzt die Scheibe musikalisch in den glorreichen Achtzigern an, greift die Orchestrationen aus der "Seventh Son"-Phase auf und setzt ein noch stärkeres Augenmerk auf die progressive Seite, die früher schon in Longtracks wie 'Revelations' oder 'Powerslave' ausgelebt wurde. So gibt es von knackigen Songs wie dem großartigen 'Brave New World' oder 'The Ghost Of The Navigator', über großartig orchestrierte Hymnen wie 'Blood Brothers' bis hin zu sperrigen Epen der Marke 'Dream Of Mirrors' oder 'The Thin Line Between Love And Hate' all das zu bestaunen, was die folgenden zwei Dekaden der Eisernen Jungfrauen prägen sollte. Gleichzeitig markiert der Silberling auch den Beginn der Zusammenarbeit mit Produzent Kevin Shirley, der bis heute für alle MAIDEN-Veröffentlichungen hinter den Reglern Platz nimmt und dessen sehr organische Produktionen nicht immer allen Fans gefallen, aber bis heute ebenso prägend für den Sound der Briten sind.

Entsprechend begeistert sind auch die Fans vom ersten Album nach der Wiedervereingung, was sich sowohl in den Albumverkäufen, als auch der ausverkauften Tournee im Anschluss niederschlägt. Selbst die Kritiker sind in großen Teilen wohlgesonnen, auch wenn einige Schreiber hinterfragen, ob es angesichts der neuen Metalstile und Bands wie KORN oder SLIPKNOT noch altgediente Dinosaurier wie die Briten braucht. Weiter daneben liegen hätten sie nicht können, denn die restlos ausverkaufte Tour zeigt überdeutlich, wie relevant IRON MAIDEN auch noch im neuen Jahrtausend ist. Gekrönt wird der Erfolg der Reunion schließlich noch mit der gigantischen Show auf dem Rock In Rio-Festival 2001, die glücklicherweise auf DVD und CD für die Nachwelt festgehalten wird und bis heute zweifelsfrei zu den besten Livealben der letzten zwanzig Jahre gehört.

Aber warum war "Brave New World" dann so ein entscheidendes Album für IRON MAIDEN, immerhin hätten die Briten auch mit ihren Klassikern weiterhin Arenen füllen können, oder nicht? Ich wage das zu bezweifeln, denn was die Eisernen Jungfrauen so einzigartig macht, ist die Tatsache, dass sich junge und alte Metalfans auf ihren Konzerten zusammenfinden. IRON MAIDEN ist die Band, auf die sich auch Fans der verschiedensten Metal-Stile einigen können. Und diese Tatsache liegt im Erfolg von "Brave New World" und "Rock In Rio" begründet, die nach dem Nu-Metal- und Grunge-Hype der Neunziger den klassischen Heavy Metal wieder auf die Bildfläche und damit auch ins Bewusstsein einer ganz neuen Generation von Metalfans holten. Immerhin war "Brave New World" auch für mich der erste Berührungspunkt mit klassischeren Metal-Spielarten und machte mich aus dem Stand heraus zum IRON MAIDEN-Fan, der bis heute die Eisernen Jungfrauen als seine Lieblingsband bezeichnen würde und schon zahllose Stunden auf den Konzerten der Briten oder bei der Suche nach Sammlerstücken der langjährigen Diskographie verbracht hat. Und allein für diesen Einfluss, den "Brave New World" hatte, lohnt es sich, dieses grandiose Comeback-Album anlässlich seines Geburtstags noch einmal in den Player zu legen.

Redakteur:
Tobias Dahs

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