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Im Rückspiegel: BLIND GUARDIAN (Teil V: "A Night At The Opera" - "Live")

14.12.2019 | 01:16

Zwei besondere Nächte!

BLIND GUARDIAN im neuen Jahrtausend - das ist, wie von Jhonny im letzten Teil schon angedeutet, ein ganz eigenes Kapitel. Vorbei sind die Zeiten des Speed Metals, man geht immer vertrackter und verschachtelter zu Werke. Diese Entwicklung fand ihre Fortsetzung logischerweise auch im nächsten Studioalbum, das 2002 das Licht der Welt erblickte und das bei Erscheinen nicht nur Jubelarien auslöste. So war die Veröffentlichung des zweiten Live-Albums, das schlicht mit "Live" betitelt wurde, Balsam für die Seelen gepeinigter Fans der Frühwerke, aber dazu später dann mehr. Liebe Leserinnen und Leser, werfen Sie sich gedanklich in Schale, denn es steht eine Nacht in der Oper bevor!

 

A Night At The Opera (2002)

Und ähnlich, wie man sich mit einer Metalkutte bekleidet in einem Opernhaus vorkommen muss, war bei Erscheinen der Platte wohl so mancher Fan gelinde gesagt irritiert, hatte man doch mit einigen Änderungen zu leben. Das erste, was auffällt, ist das Cover, das diesmal nicht von Herrn Marschall gezeichnet wurde. Beinharten Fans der Frühwerke und innovationsresistenten Ewiggestrigen war an dieser Stelle schon klar: Das kann ja nichts werden! Ich persönlich mag es sehr gerne, generell halte ich das gesamte Artwork des Albums für gelungen. Und es repräsentiert den Inhalt auf treffende Art und Weise: Ähnlich pompös, detailreich und bombastisch wie beim abgebildeten Orchester geht es auch musikalisch zu. Böswillige Kritiker könnten anfügen, dass es sich beim völlig überforderten Dirigenten folglich um den stereotypen "Früher-war-die-Band-aber-besser"-Fan handeln muss... Nun ja, völlig objektiv muss man feststellen, dass "A Night At The Opera" es dem Hörer nicht unbedingt leicht macht. Dafür hat die Scheibe aber auch unheimlich viel zu bieten, lässt man sich nur darauf ein! Für den Titel stand ja das gleichnamige Über-Album von QUEEN Pate (die wiederum auf einem Marx Brothers-Film anspielten), was eigentlich schon alles sagt. Auf gewisse weitere Parallelen werde ich später noch eingehen, hier kann allerdings schon gesagt werden, dass die Bezeichnung "sehr ambitioniert" auf beide gleichermaßen zutrifft. Und auch die Engländer mussten sich ja damals einiges an Kritik gefallen lassen. Wenn wir schon beim Thema sind, auch ich sehe einen großen Makel an diesem siebten Studiowerk von BLIND GUARDIAN: die Produktion, die es irgendwie nicht wirklich vermag, die komplexen Songstrukturen und die Vielzahl der Spuren adäquat zu repräsentieren. Dieser Umstand ist in späteren Versionen zum Glück behoben worden und ohnehin gewöhnt man sich nach längerem Hören daran. Ein großes Plus hingegen stellen die Texte des Albums dar, weswegen darauf im Folgenden ein besonderer Fokus gelegt werden soll.

Das Album beginnt introlos direkt mit ungewöhnlichen, perkussiven Rhythmen, die 'Precious Jerusalem' einleiten. Inhaltlich geht es um Jesus von Nazareth und dessen Aufenthalt in der Wüste. Musikalisch werden durchaus ansprechend diverse Tempowechsel zelebriert, das Lied lebt jedoch insgesamt von seinem epischen Refrain und dem bereits erwähnten, perkussionlastigen Beat, der obwohl letztmalig von Thomen Strauch eingetrommelt, bereits auf dessen Nachfolger verweist, beziehungseise - aus heutiger Sicht - an diesen erinnert. Fast genauso stark, aber etwas traditioneller, geht es mit 'Battlefield' weiter, worin das althochdeutsche Hildebrandslied aufgegriffen wird. Dies handelt von der Begegnung von Vater und Sohn auf einem frühmittelalterlichen Schlachtfeld, stellt das älteste erhaltene Werk in althochdeutscher Sprache dar und ist lose mit dem Nibelungenlied verknüpft. Bereits hier fällt auf, dass Hansi zwar oftmals noch eine Ecke höher, aber deutlich weniger aggressiv singt als in der Vergangenheit, was mir persönlich gar nicht mal so gut gefällt. So auch bei 'Under The Ice' (nicht zu verwechseln mit 'Beyond The Ice' von "Follow The Blind"). Als kleines Foreshadowing auf das Magnum Opus am Ende des Albums thematisieren die Krefelder hier die trojanische Prinzessin Kassandra, spannen Verbindungen zur Ilias und zur Orestie auf und erzählen das Schicksal der Seherin nach dem trojanischen Krieg. Musikalisch fällt vor allem der grandiose Refrain auf, was insofern bemerkenswert ist, da im BLIND GUARDIAN-Universum die Strophen meiner Meinung nach oft die Refrains übertreffen. Hier jedenfalls wird an keiner Stelle mit Deluxe-Melodien gegeizt, die dem Hörer also nur so um die Ohren fliegen. Sehr gut. Der Beginn von 'Sadly Sings Destiny' mag den ein oder anderen Fan verstören. Rückblickend betrachtet bekam man mit dem Lied, das sich wieder einmal mit der Messias-Thematik auseinandersetzt, einen ziemlich klaren Vorgeschmack auf das, was uns die Band Jahre später auf "A Twist In The Myth" servieren sollte. Kaum nötig zu erwähnen, dass das mit dem alten Stil eher gar nichts mehr zu tun hat. Dennoch: Clever aufgebaut und mit spannenden Melodien versehen, kann ich dem Ganzen aus heutiger Sicht durchaus etwas abgewinnen. Kleine Anekdote am Rande: Bei jedem Hören lache ich innerlich über die scheinbar miese Aussprache des englischen "th" im Refrain, obwohl ich genau weiß, dass das dort gesungene Wort "sings" und eben nicht "things" ist.

'The Maiden And The Minstrel Knight' ist wohl sowas wie die Ballade des Albums, die gewohnt (pseudo-)mittelalterlich anmutet, was auch zum Inhalt, einer Geschichte über Tristan und Isolde, passt. So ganz kapiert habe ich das Stück aber nie. Hansi singt hier zwar sehr überzeugend und geizt auch nicht mit eingängigen Melodielinien, trotzdem stellt sich hier kein echtes BLIND GUARDIAN-Gefühl ein. Kurz vor der Hälfte wird es dann härter, am Ende gibt es sogar noch so etwas wie eine Coda nach einer kurzen Stille. Dann folgt mit 'Wait For An Answer' abermals ein Lied, das genauso gut auch auf den Nachfolger gepasst hätte. Kein wirklich schlechtes Stück, aber für mich persönlich der Tiefpunkt dieses Albums. Interessant ist aber, dass sich hier textlich mit Nazi-Propaganda während des zweiten Weltkrieges beschäftigt wird. Musikalisch aber eher mittelprächtig.

Zum Glück geht es mit 'The Soulforged' dann extrem stark weiter. Schon dieses pure Epik versprechende Intro, das nahtlos in eine wunderbar fröhliche, BG-typische Gitarrenmelodie übergeht und dann eine Strophe präsentiert, die vom gekonnt eingesetzten Wechselspiel zwischen Chor und Einzelgesängen lebt. Ganz groß! Der Refrain liegt in der Luft, wird aber immer wieder hinausgezögert, dann folgt aber irgendwann doch die Erlösung und hier haben wir es mit einem der ganz großen Refrains der Bandgeschichte zu tun. So viel positive Kraft und Energie in eine Komposition zu packen, ohne dabei platt und peinlich zu klingen, gelingt nur ganz selten. Ich nenne noch die ohrenschmeichelnden Soli und die den Gesang unterstützenden Gitarrenläufe, wissend, dass ich ihrer Großartigkeit mit diesen wenigen Worten nicht gerecht werden kann. Genau so verhält es sich mit den feinen Variationen der Strophen und der Bridges, die dem Lied eine ganz eigene Dynamik verleihen. Hier funktioniert die Verbindung von alten Bandtugenden mit neuer Progressivität hervorragend. Bevor ich jetzt zu sehr ins Schwärmen gerate, komme ich auf 'Age Of False Innocence' zu sprechen, welches sich um Galileo Galilei dreht. Ruhiger Beginn, dann wird's donnernd in den Strophen und erhaben im Refrain. Okay, aber mir insgesamt zu opulent und zerfahren. Gerade nach so einem Überhit (Schluss jetzt damit!). Cool finde ich hier die rhythmisch staccatohaft gesungenen Parts und die sich immer weiter bedrohlich aufbauende Intensität. Dadurch wird einem hier aber auch die bereits angesprochene, subobtimale Produktion schmerzlich bewusst, die diesem Stück mehr schadet als anderen (zum Beispiel dem hervorragenden 'The Soulforged'...). 'Punishment Divine' bietet anfänglich wieder Verstörung, was zum Inhalt passt, handelt dieses Stück doch von der zunehmenden Geisteskrankheit und den daraus resultierenden Wahnvorstellungen von Friedrich Nietzsche. Das wird musikalisch gut umgesetzt, erreicht lange nicht gehörte Geschwindigkeiten und ist durchaus unterhaltsam anzuhören. Zum Meilenstein fehlt aber ein adäquater Refrain, da dieser hier im Vergleich zum Rest qualitativ recht deutlich abfällt.

Es folgen 14:05 Minuten epischste Epik der Epi... äh Extraklasse. Alles an diesem Lied ist groß: der einleitende Tusch, die streicherhaften Gitarren zu Beginn, die mächtigen Gesänge. Dann wieder verletzliche Passagen, ohne Schlagzeug, aber auch die eben groß. Die Lead-Gitarre windet, schlängelt sich spielerisch zwischen den Vocals hindurch. Immer wieder Tempo- und Taktwechsel, Geplänkel zwischen den einzelnen Instrumenten und eine starke laut/leise-Dynamik. Zweistimmiger Gesang, der es nach gut drei Minuten schafft, das Lied komplett umzukrempeln. Es geht getragener weiter, die Schärfe, die Bedrohlichkeit nimmt jedoch zu. Nach vier Minuten das erste Mal das, was man in Ermangelung einer besseren Bezeichnung Refrain nennen könnte. Aber von solch profanen Strukturen hat sich die Band hier längst gelöst. Zwar klingt das Ganze musikalisch nicht wirklich wie QUEEN, sieht man sich jedoch das Songwriting und die Fähigkeit an, ein Füllhorn an musikalischen Ideen auf (relativ) kleinem Raum zu bündeln, gleichzeitig absolut progressiv und eingängig zu klingen und die Opulenz einer Oper zu erzeugen, sollte hier jedem deutlich werden, was Kürsch, Olbrich und Co. mit den berühmten Briten verbindet. Doch genug geredet, jetzt ist es Zeit für euch, sich dieses bis zum Rand mit Herzblut gefüllte Meisterwerk 'And Then There Was Silence' wieder einmal anzuhören. Wie könnte man eine knappe Viertelstunde auch besser verbringen? Nun, vielleicht mit der Lektüre des inhaltlichen Hintergrundes dieses Monuments, nähmlich dem schon erwähnten erweiterten Troja-Stoff um Kassandra. Also flugs die nächstbeste Homer- oder Vergil-Ausgabe greifen und abtauchen in die Welt der unglücklichen Seherin! Es sei denn, ihr habt die Bonusversion mit der genialen Ballade 'Harvest Of Sorrow', denn die sollte man sich selbstverständlich nicht entgehen lassen, stellt sie - mit Turin Turambar - doch immerhin den einzigen Tolkienbezug dieses Albums dar. Auf Youtube kann man sich mal die anderssprachigen Versionen genehmigen, die zwar nicht den Unterhaltungsfaktor von diversen MANOWAR-Fremdsprachenexperimenten haben, aber dennoch hörenswert sind. Wir beenden diese erste Nacht, die uns bei unserem Opernbesuch durchaus auditiv herausgefordert, Erwartungen gebrochen, aber auch einige Klassiker beschert hat, mit dem Gefühl, dass die klassische BLIND GUARDIAN-Phase vorbei ist (anders als Jhonny sehe ich "Nightfall In Middle-Earth" noch auf Augenhöhe mit den großen Alben davor). Das muss man aber gar nicht negativ sehen, doch dazu in den nächsten Teilen mehr.

 

Live (2003)

Genau zehn Jahre nach "Tokyo Tales" erscheint das zweite Live-Album einer Band, die sich im Studio zunehmend progressiver und verschachtelter entwickelt. Und gerade weil das so ist, ist "Live" eine wahnsinnig lohnenswertes Anschaffung! Aber der Reihe nach. Zunächst überzeugt mal das Cover, das wieder von Marschall gezeichnet wurde und meiner Meinung nach eines der besten der Bandgeschichte darstellt. Wir befinden uns in einer gemauerten nächtlichen Stadt. Wunderbar warmes Licht scheint einlandend aus einer Taverne heraus, in der diverse Wesen in ausgelassener Stimmung einer auftretenden Band lauschen. Vor der Tür stehen ein Elb, ein Zwerg und - warum auch nicht - Gollum. Im Hintergrund kann man das Bandmaskottchen erkennen. So muss ein BLIND GUARDIAN-Cover aussehen! Glücklicherweise hält der Inhalt auch, was die Verpackung verspricht. Eine reihenweise Song-für-Song-Besprechung halte ich an dieser Stelle für ermüdend, das Material ist hinlänglich bekannt und kann auf einschlägigen Seiten nachgesehen werden. Dafür möchte ich verstärkt darauf eingehen, warum man sich als der Band zugeneigter Hörer auch dieses Live-Dokument in das heimische Plattenregal stellen sollte.

Zunächst mal enthalten die beiden CDs die zu diesem Zeitpunkt relevantesten - mithin also besten - Stücke der Krefelder. Diese in geballter Form zu genießen, stellt an sich schon eine lohnende Beschäftigung dar. Fünf der insgesamt 22 Lieder entstammen dem großartigen "Nightfall In Middle-Earth" (wobei es sich bei 'War Of Wrath' natürlich nur um ein Intro handelt), sechs dessen Vorgänger "Imagination From The Other Side", wohingegen "Somewhere Far Beyond" nur zwei Berücksichtigungen findet. Damit ist diese in meinen Ohren relevanteste Phase der Band hinreichend gut abgedeckt. Aus der Frühphase wurden weitere fünf Stücke entliehen, die sich allerdings allesamt bereits auf dem letzten Livealbum finden ließen. Somit spendiert das jüngste zu diesem Zeitpunkt veröffentlichte Werk - gute Kopfrechner werden es schon wissen - die vier fehlenden Lieder. Auch deren Auswahl ist nachvollziehbar, lediglich 'Punishment Divine' wäre verzichtbar gewesen und hätte lieber einem Stück von "Somewhere Far Beyond" Platz machen dürfen.

Nun zum Wichtigsten: Sämtliche Lieder sind wahnsinnig gut, hart und auf den Punkt gespielt. Hansi brilliert ein ums andere Mal und gerade den neueren Liedern tut die Abspeck-Kur hinsichtlich des Gesangsspurenüberflusses hörbar gut. Somit wird man knapp zweieinviertel Stunden bestens unterhalten, kann das Ganze gut noch am Stück, aber eben auch in Teilen hören und es ist, trotz der Tatsache, dass es sich (natürlich?) nicht um den Mitschnitt von nur einem Konzert handelt, immer das Gefühl vorhanden, einem Album aus einem Guss zu lauschen. Erwähnenswert ist die Aufnahme von 'Harvest Of Sorrow', die - unglaublich intensiv und dynamisch - jegliche Albenversionen in den Schatten stellt. Auch das schneller gespielte 'Mirror, Mirror' toppt das ohnehin sehr starke Original nochmal. Hansis Ansagen sind wie immer pures Gold, ob auf Deutsch, Englisch, Spanisch oder Italienisch. Kurzum: Es gibt einfach keinen Grund, dieses beste Livealbum der Band nicht sein Eigen zu nennen, das die Band noch nahe an ihrem schöpferischen Zenit zeigt und mit Abstand die beste und zwingendste Setlist besitzt.

Redakteur:
Jakob Schnapp

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