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LEPROUS: Interview mit Einar

20.05.2015 | 11:59

"The Congregation", das vierte offizielle Album der norwegischen Proggies LEPROUS, steht in den Startlöchern (VÖ: 22.05.). Wir sprechen mit Sänger Einar natürlich über das neue Werk und auch retrospektiv über die anderen drei Alben - mit teils erstaunlichen Aussagen.

Ist "The Congregation" ein Konzeptalbum? Was für eine Art „Versammlung“ (engl.: Congregation) beschreibt ihr dort?

Es ist nicht direkt ein Konzeptalbum, aber die Themen, die Texte und das Artwork sind alle miteinander in bestimmter Weise verbunden. Es ist aber nicht wie ein Konzeptalbum aufgestellt, es gibt keine weiterführende Story. Mit dem Titel "The Congregation" nehmen wir Bezug auf die, die etwas blind folgen, zum Beispiel der Gesellschaft. Jeder ist auf eine bestimmte Art zu einem kleineren oder größeren Anteil ein Teil von dieser „Versammlung“. Egal, was wir in unserer Gesellschaft machen, folgen wir bestimmten Mustern, Regeln und Normen. Wenn wir diesen Regeln und Mustern nicht folgen, werden wir als Ausgestoßene abgestempelt. Selbst wenn du versuchst deinem Bewusstsein statt den Erwartungen zu folgen, zum Beispiel als Vegetarier oder Veganer, ist das nur ein kleiner Teil vom Ganzen. Alles, was wir tragen, alles, was wir in unserem Haus haben, ist vielleicht von Kinderhänden gefertigt. Die "Congregation", die wir beschreiben, ist also jene, die etwas blind folgt.

Der Sound des Albums ist einerseits sehr bedrückend und dunkel, anderseits sehr rhythmisch und lebendig. Kannst du was zum Entstehungsprozess des Albums sagen? Was hat ihn beeinflusst?

Ich habe das Album größtenteils geschrieben und als ich angefangen habe, hatte ich kein klares Ziel vor Augen, ich musste einfach schreiben, schreiben, schreiben. Ich musste mich zwingen zwei Entwürfe pro Woche zu schreiben, bis ich 30 von diesen Entwürfen hatte. Dann hatte ich endlich einen Startpunkt, ich wusste, wo es hingehen sollte. Ich wollte etwas schreiben, das sehr fokussiert ist, kein Album, auf dem herumgespielt wird, sondern das sehr auf den Punkt kommt. Auch wenn es viele Variationen in und zwischen den Songs gibt, haben sie alle einen melancholischen, dunklen Ton. Es war auch ein Lebensabschnitt, in dem es viel Melancholie in meinem Leben gab. Auch wenn ich grundsätzlich fröhlich bin, ist Melancholie ein Gefühl, das mich anzuziehen scheint. Wir haben also an den Entwürfen weitergearbeitet und haben anschließend die Hälfte weggeworfen und an den anderen 15 mit dem höchsten Potential weiter gearbeitet. Es war also ein sehr herausfordernder und ermüdender Prozess, endete aber mit dem Resultat, das wir wollten und mit dem wir zufrieden sind.

Kannst du beschreiben, was der härteste Part am Schreibprozess war?

Ja, das war, dass ich mich selbst zwingen musste zu schreiben, auch wenn ich mich nicht inspiriert gefühlt habe. Ich musste weiterschreiben, unabhängig davon, wie meine Stimmung war. Das ist ein sehr effizienter Weg des Schreibens, denn der konservative Weg ist, so lange zu warten, bis du inspiriert wirst und dann anfängst zu schreiben. Aber so funktioniert es meiner Meinung nach nicht. Man muss sehr, sehr hart arbeiten. Ob die ersten Entwürfe beim Musikschreiben gut sind, scheint noch ziemlich willkürlich zu sein, aber die Ohren sind es nicht, denn die müssen die gute Idee erkennen. So kann es passieren, dass du von einer Idee total begeistert bist und am nächsten Morgen denkst „Bah! War das wirklich so gut?!“ Oder es kann genau andersrum verlaufen. Ein Song, den ich zunächst total unauffällig fand, endete letztlich auf dem Album und ist einer unserer Favoriten. Das ist der perfekte Beweis, dass es die harte Arbeit ist, die zählt, vor allem Entschlossenheit. Musik zu schreiben war das am wenigsten Verführerische in dieser Periode, darum habe ich genau das gemacht. 30 Entwürfe innerhalb zwei bis drei Monate zu schreiben, ist sehr viel.

Ich habe euer Studiotagebuch auf YouTube gesehen. Dort sagt ihr, wir du bereits erwähnt hast, dass ihr 30 Entwürfe geschrieben und 15 davon verwendet habt. Auf dem Album sind elf Tracks zu finden. Die offensichtliche Frage ist nun: Was passierte mit dem Rest? Ist ein weiteres Album bereits in Arbeit?

Es waren nicht 15 Songs, die potentiell auf das Album sollten, sondern 15 Ideen, denen wir noch eine Chance geben wollten. Elf schafften es und einer wurde ein Bonus-Track, der Rest wurde weggeworfen. Aber wir machen kein Album aus Hinterbliebenen Tracks einer Session.

In dem Tagebuch erwähnt ihr auch eine neue Schreitechnik. Was beinhaltet diese?

Ja, darüber bin ich sehr glücklich. Ich komme gerade von einer Probe, wir proben im Moment täglich und ich bin nicht heiser geworden und alle klar gesungenen Parts haben perfekt geklappt - und glaub' mir, das war vorher nicht der Fall. Ich habe immer mit meiner klaren Stimme gekämpft aufgrund der falschen Schreitechnik. Und das Resultat ist sogar besser mit der neuen Technik. Sie hört sich zu Beginn etwas merkwürdig an, da sie so ein leises Volumen hat. Früher habe ich immer versucht diese Technik zu verwenden, doch ich fing immer an zu husten, doch plötzlich hörte das Husten auf und ich konnte sie umsetzen. Ich weiß, dass unsere Liveshows davon profitieren werden, denn jetzt habe ich keine Entschuldigung mehr, schlecht zu singen (lacht).

Und woher hast du den Einfluss dafür bekommen?

Ich habe von vielen Sängern gehört, die diese Technik benutzen, dass sie sie an IHSAHN anlehnen, aber er hat sie mir nie beigebracht. Er hat aus demselben Grund wie ich angefangen an seiner Technik zu arbeiten, da er seine Stimme schonen musste. Deshalb hat er eine Technik entwickelt, die weniger anstrengend ist. Ich musste mich bei den Aufnahmen, die ich mit Ihsahn gemacht habe, daran gewöhnen, nicht die selben Rhythmen wie er zu verwenden, weil es dann doch sehr ähnlich klang. Es spart mir auf jeden Fall viele Probleme beim Singen.

Hat Ihsahn auch wie zuletzt das neue Album produziert?

Nein, er hat meinen Gesang produziert. Gitarren und Schlagzeug haben wir in den „Fascination Street“ –Studios in Norwegen aufgenommen. Die meisten Sachen wurden von David Castillo aufgenommen, der auch zum Beispiel KATATONIA produziert hat.

Wenn du an LEPROUS' bisherige Alben denkst, was ist deine Meinung dazu? Hättest du etwas anders gemacht oder was sind deine Lieblingsmomente? Kannst du mit "Tall Poppy Syndrome" anfangen?

"Tall Poppy Syndrome" (2009) war unser erstes professionelles Album. Tatsächlich hatten wir vorher noch ein weiteres Album, mit einer Spielzeit von 70 Minuten oder so, aber es wurde nie veröffentlicht ["Aeolia" (2006), JE]. Das sollte eigentlich anders sein, aber als wir dann "Tall Poppy Syndrome" aufnahmen, merkten wir, dass es eine gute Entscheidung war, da das frühere Material nicht reif genug war. "Tall Poppy Syndrome" ist majestätischer Metal mit Prog-Elementen, wobei die Betonung auf Metal liegt und wir waren sehr inspiriert von OPETH usw. Die Art es zu schreiben war eher standardisiert, in Prinzip war es ein Metal-Album mit einem gewissen Twist, auch der Klang des Albums ist sehr typisch Metal, es hat meiner Meinung nach keinen besonderen Klang. Und ich bin überhaupt nicht zufrieden mit meinem Gesang auf dem Album. Das ist eines der Gründe, warum ich es nicht hören kann (lacht).

Dann kam "Bilateral" (2011). Ein Album, das viele als „Durchbruch-Album“ beschreiben. Ich würde es nicht so nennen. Insbesondere, wenn man sich die Headliner-Tour zu dem Album ansieht, würde ich es kein Durchbruch nennen, die Hallen waren nicht sehr voll (lacht). Was wir aber mit "Bilateral" geschafft haben, ist, die Aufmerksamkeit von den Leuten zu bekommen. Das Album scheint überall zu sein. Alles, was wir zu der Zeit machen konnten, wollten wir zeigen und das haben wir auch, glaube ich, gut gemacht. Ich sehe es aber nicht als ein sehr emotionales Album. Man kann es eher als eindrucksvolles oder spannendes Album bezeichnen, eine junge, neue Band, die alles auf einmal versucht (lacht). Wir mögen auch diese Art zu schreiben, das Aufzeigen von unseren musikalischen Fähigkeiten.

Dann kam mit "Coal" (2013) die bisher wahrscheinlich größte Veränderung in unserer Karriere, denn der Schritt von "Bilateral" zu "Coal" war aus der Songwriting-Sicht riesig. Die sehr dunkle und atmosphärische und doch dynamische Stimmung auf dem Album und die eher minimalistische Herangehensweise, sind auffällig. Mit 'Cloak' und 'Contaminate Me' sind zwei Songs auf dem Album, die sehr gegensätzlich sind. Es ist ein viel emotionaleres Album, es war auch eine ziemliche chaotische Phase in meinem Leben. Es ist das impulsivste Album, das wir bisher gemacht haben mit dem vergleichsweise geringsten Produktionsaufwand bisher. Was gut war, denn viel der Magie ist im Studio entstanden.

"The Congregation" (2015) ist das bisher kalkulierteste Album. Wenn einige Leute das kritisieren, kann ich nur entgegnen, dass wir es wollten. Es wurde alles bedacht. Es ist auch ein sehr emotionales, dunkles und melancholisches Album. Deshalb ist es auch mein Lieblingsalbum. Wobei: Natürlich ist das aktuellste Album immer das Beste, andererseits würde ich es nicht veröffentlichen. Es klingt auf jeden Fall besser, als das, was wir vorher gemacht haben, aber auch da werden sich die Geister scheiden. Worauf ich sehr stolz bin, ist, dass das Album sehr fokussiert und rhythmisch ist, fast schon zu perfekt. Die Gitarren sind sehr tight, aber es gibt dann auch die lebendigen Anteile, vor allem von den Keys und den Vocals, die am impulsivsten auf dem Album sind. Das ergibt eine schöne Balance zwischen den strikten und rhythmischen Parts und den eher freien Momenten.

Ihr spielt dieses Jahr das zweite Mal in der Reihenfolge auf dem Euroblast-Festival. Wie hat es euch letztes Mal gefallen? Und hörst du dir selber dieses Bands an?

Nein, das ist eine schlechte Eigenschaft von mir, ich habe kaum Zeit und Energie mir andere Musik anzuhören. Ich finde das Konzept des Festivals spannend, da es ja ein sehr enges Genre umfasst, es ist ja hauptsächlich Djent, oder? Ich bin von einer Bühne zur anderen gegangen und es war überall dieses „dwdwdwdw-dwdwdw-dwdw“ (lacht). Aber mir gefiel das. Und ich mochte die Atmosphäre, jeder schien jeden zu kennen, es war wie eine große Familie. Musikalisch gab es aber auch Variationen, insbesondere dieses Jahr gibt es mehr Abwechslung. Ich kann mir vorstellen, dass wir mit dem neuen Album gut in die Djent-Szene passen, da es rhythmisch sehr herausfordernd ist. Ich freue mich auf jeden Fall auf dieses Jahr, da wir letztes Mal viele technische Probleme hatten. Das lag aber auch daran, dass wir ein zu ambitioniertes Konzept für Festivals fuhren, das haben wir nun verbessert.

Wie oft probt ihr denn normalerweise? Und kannst du dir einen anderen Job neben LEPROUS vorstellen bzw. hast du einen?

Das hängt von den Umständen ab. Unser aktueller Probeplan hat vom 5. Mai bis zum 5. Juni 27 Proben vorgesehen (lacht). Jetzt ist es also sehr viel, aber wenn wir die Songs draufhaben, können wir mehr entspannen. Das ist dann wie Fahrradfahren. Im Moment nehmen wir uns pro Probe zwei Songs vor, denn einige Songs sind schwieriger als andere. Beispielsweise die Single 'The Price': Ein Song, den wir am meisten üben, denn er ist unglaublich schwer umzusetzen, aber langsam wird es, nachdem wir ihn 100mal gespielt haben (lacht).

Zu den Jobs: Im Moment arbeite ich im Zentrum für autistische Menschen. Ich habe auch schon als Gesangslehrer gearbeitet, das hat aber zu viel Energie gekostet. Das Zentrum ist zum Glück sehr flexibel und ich bin nicht zu müde, wenn ich nach Hause komme und Songs schreibe. Aber vielleicht kann ich die anderen Arbeiten ab nächstem Jahr immer mehr zurückschrauben. Die Touren haben uns viel Geld gekostet, aber wenn keiner an deiner Band interessiert ist, wirst du auch nicht bezahlt, so ist es leider für viele Bands heutzutage. Entweder kannst du warten oder es versuchen und viel Glück haben. Aber wir wissen, dass harte Arbeit, der sicherste Weg zum Ziel ist.

Was sind neben der anstehenden Tour, die Zukunftspläne für LEPROUS? Ist z.B. eine Live-DVD geplant?

Ja, da haben wir tatsächlich drüber nachgedacht! Aber damit ist so viel Arbeit involviert, dass wir es nicht machen wollen, solange wir auf Tour sind. Ich möchte lieber eine meiner Lieblings-Venues mieten und dort eine exklusive Show spielen. Aber das ist bisher alles noch ein Gedankenspiel.

Redakteur:
Jakob Ehmke

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