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NECRONOMICON: Interview mit Frontmann Freddy

24.03.2021 | 11:30

Freddy ist nicht nur ein fabelhafter Musiker, sondern auch ein toller Interviewpartner. Und wenn die neuste NECRONOMICON-Scheibe "The Final Chapter" bei uns in der Redaktion auch derart einschlägt, dann ist es uns natürlich eine doppelte Freude, mit dem Thrash-Metal-Urgestein ein wenig zu plaudern. Warum "The Final Chapter" diesen Titel trägt, aber dennoch einen Neuanfang bedeuten kann, was NECRONOMICON mit Keanu Reeves zu tun hat und warum der Frontmann so begeistert von Achim Köhler ist, erfahrt ihr im folgenden Interview.

Freddy, vielen Dank, dass du dir für uns ein paar Minuten Zeit nimmst. Wie geht es dir? Wie ist die Lage?

Hallo, und erst einmal herzlichen Dank für das Interesse an NECRONOMICON, das freut mich sehr. Man hofft natürlich, dass sich alles mal wieder normalisiert. Und das muss es sich auch wieder, da vor allem auch die Musikindustrie völlig am Boden ist. Wir leiden alle und kämpfen um das nackte Überleben – vor allem finanziell gesehen.

Seit der Veröffentlichung von "Unleashed Bastards" ist viel bei euch passiert. Magst du uns ein kleines Update geben?

"Unleashed Bastards" war ein erfolgreiches Album, vor allem mal wieder im Ausland. Wir machten gleich große Tourneen und auch die Kritik und Resonanz waren sehr erfreulich, um nicht zu sagen: richtig gut! Leider kam wieder die zwischenmenschliche Komponente ins Spiel und wir mussten uns von Mike trennen. Ich möchte das gar nicht weiter vertiefen. Das Arbeiten wurde immer schwieriger mit ihm, sodass sogar sein Bruder Marco der Hauptinitiator war, die Reißleine zu ziehen und Mike gehen zu lassen. Die geplante Europatour spielten wir dann mit einem Gitarristen aus Hagen, der sich als völlige Katastrophe entpuppte und nach dem ersten Gig in Polen schon das Handtuch werfen musste. So spielten wir die Tour zu dritt weiter, was die wohl größte Herausforderung für Chris, Marco und mich war. Und nach der Tour beichtete mir Chris, dass es nicht mehr weitergehen kann.

Euer erstes Album mit Rik am Schlagzeug und Glen an der Gitarre. Warum hat denn Chris die Band verlassen?

Dass Chris die Band verlassen musste, war vor allem für mich ein schwerer und sehr schmerzlicher Schlag, aber es ging nicht mehr. Chris hatte derart große Schmerzen und Probleme mit seinem Knie und der Schulter, dass er nur noch mit Schmerztabletten auftreten und spielen konnte. Zuvor musste er sich einer OP unterziehen, die nichts brachte. Chris kam dann zu mir, unter Tränen, und sagte: "Freddy, ich kann nicht mehr." Höchstens ein oder zwei Gigs am Stück, mehr geht nicht mehr. Also musste ich diese Entscheidung akzeptieren. Einen neuen Lead-Gitarristen suchten wir ja schon lange. Nach dem Abgang von Mike behalfen wir uns, wie schon erwähnt, mit Aushilfsgitarristen, die lediglich Konzerte oder Tourneen spielten und das so lange, bis auch jemand gefunden werden konnte, der zu uns passt.

Und wie kam der Kontakt zu den neuen Gesichtern im NECRONOMICON-Bandlager zustande?

Rik kannte ich schon vorher, da er uns auf der Europatournee 2018 mit seiner Band DARK MINISTRY supportete und ich dort schon völlig fasziniert von seiner Interpretation des Schlagzeugspielens war. Er hat mir dort schon angeboten, falls mal Not am Manne sein sollte, er sofort einspringen könne. Dass dies dann so schnell gehen würde, hätte ich natürlich nicht gedacht. Ich rief dann Rik an, ob er Lust hätte einzusteigen. Er sagte sofort zu und spielte auch das neue Album "The Final Chapter" ein. Durch ihn lernten wir auch Glen kennen, der sich ebenfalls als ein Glücksgriff bewahrheitete. Es war sehr interessant und spannend zu hören, wie Glen meine Songs als Lead-Gitarrist verarbeiten und spielen würde. NECRONOMICON hat durch die Jungs ein völlig neues, musikalisches Kleid bekommen, was uns, glaube ich, sehr gut zu Gesicht steht. Wir klingen internationaler, nicht mehr so typisch deutsch, was nicht despektierlich klingen soll, da wir immer noch eine deutsche Thrash-Metal-Band sind. Aber vor allem sind Rik und Glen auch menschlich ganz feine Jungs und beide hatten auch enormen Spaß an der Produktion, die Corona-bedingt ja völlig anders gehandhabt werden musste.

NECRONOMICON goes international – ein entscheidender Schritt für die Band? Wie gestaltete sich denn der Songwriting-Prozess sowie das Einspielen der Songs inmitten der Corona-Pandemie?

Das Songwriting obliegt zu 100% mir. Ich kreiere sozusagen das Gerüst der einzelnen Songs, sodass aber jeder genug Freiraum innerhalb dieses Konstrukts bekommt, seine Ideen für sein Instrument einfließen lassen zu können. Das hat auch diesmal hervorragend geklappt. Und wie schon erwähnt, war es für mich eine komplett neue Erfahrung, wie NECRONOMCION mit den beiden Jungs aus Nordamerika klingt. Sowohl das pulsierende Schlagzeugspiel von Rik als auch die Gitarrenarbeit von Glen sorgen für mächtig frischen Wind.

Corona-bedingt mussten wir, was die Aufnahmen angeht, kreativ sein. Die Rhythmusgitarren und den Bass haben wir bei Marco, meinem Bassisten, zu Hause aufgenommen. Er hat zum Glück ein kleines Homestudio und da war das kein Problem, da wir das bei den letzten Scheiben genauso praktiziert haben. Beim Gesang machten wir ein Experiment: Ich habe einen recht großen Wandschrank und da produzierten wir dann die Gesangaufnahmen. Achim gab mir den Tipp und es funktionierte enorm gut, hehe. Glen nahm ebenfalls bei sich zu Hause die Lead-Gitarre auf. Achim bekam dann im September die ganzen Files und ging dann an das Mischen und Mastern.

Hand aufs Herz – würde das Album anders klingen, wenn Corona nicht existieren würde? Inwiefern hat die derzeitige Situation den Klang des Albums und die düstere Stimmung der Songs beeinflusst?

Die Stimmung ist düsterer. Vor allem die Texte, das ist völlig richtig. Da ich oft Metaphern in den Lyrics verwende oder mit ihnen arbeite, habe ich diesmal das Thema Tod sehr stark fokussiert. Dies ist sicherlich auch eine gewisse Verarbeitung der Geschehnisse im letzten Jahr. Die Texte sind dystopisch und beschäftigen sich mit den Schattenseiten des Lebens und der Menschen. Wenn man sich auch die aktuelle globale Situation anschaut, scheint die Welt vom Virus "Chaos" infiziert zu sein. Viele Bands haben Krieg, Zerstörung und den alltäglichen Wahnsinn als Thema. Musik ist ohnehin auch oft ein Spiegel des aktuellen Zeitgeschehens. Bei dieser Scheibe könnte man fast schon sagen, die Texte sind ein "Horrormärchen für Erwachsene".

Unter uns – ich fand die "Pathfinder"-Scheibe grandios und auch "Unleashed Bastards" war ein starkes Stück. Aber durch "The Final Chapter" fegt ein frischer Wind. Das Album ist schön aggressiv, die Songs sind schnell, das Hörvergnügen ist groß – woran, glaubst du, liegt das?

Als erstes ist sofort zu hören, dass das Schlagzeug nicht mehr den typischen Thrash-Metal-Rhythmus hat. Rik fragte mich noch, ob er denn freie Hand hätte oder er sich den Vorgängern anpassen muss. Ich sagte nur: "Feuer frei, mein Guter, und baller' alles raus, was du drauf hast!" Auch Glen sollte sich nicht an Andi orientieren, der ja sehr melodiös und fast schon zu kommerziell die Lead-Gitarre interpretierte. Glen hat diese dreckige, auch manchmal unkonventionelle Art, die ich so noch nie bei NECRONOMICON hörte. Mein Gesang kommt auch ganz anders rüber, obwohl ich da nicht viel verändert habe. Für mich hat sich das auf Anhieb sehr gut angefühlt. Und ich hatte immer dieses Lächeln in meinen Augen, als ich das Ergebnis oder die Vorschläge der Beiden hörte. Es hat riesigen Spaß gemacht und mir persönlich auch sehr gut getan.

Warum habt ihr das Album "The Final Chapter" genannt? Welches Kapitel wird denn geschlossen?

Um ehrlich zu sein, hatte ich letztes Jahr den Gedanken ans Aufhören. Noch diese Scheibe und dann ist Schluss. Und was kann passender sein, als das Album "The Final Chapter" zu nennen, das letzte Kapitel der Band.

Ich konnte mich einfach nicht mehr motivieren. Ich hatte das schrecklichste Jahr meines Lebens. Innerhalb von zwei Tagen verlor ich meine Eltern durch Corona und auch ich hatte damit zu kämpfen. Das legt dich erst einmal lahm, auch was die geplanten Aufnahmen des neuen Albums angingen. Wir hatten glücklicherweise die Drums im Dezember 2019 aufgenommen und so konnten wir dann, nachdem ich den Schock einigermaßen verdaut hatte – obwohl das wohl nie richtig gehen wird – im August dann endlich fortsetzen. Ursprünglich wollten wir das Album im April 2020 fertig haben, passend zum Start der Europatournee. Aber da ging es uns wie allen anderen auch: Nichts ging mehr. Wir werden sehen, was das neue Album bringt. Ich hoffe da auch sehr stark auf die Unterstützung vom Label. Die abgesagte Europatournee wird, sobald sich die Lage verbessert, sofort nachgeholt und dann werden wir sehen. Komplett aufhören kann ich sowieso nicht, dafür bin ich zu sehr Musiker und liebe dieses Art der Musik auch zu sehr. Und wir werden sehen, was 2021 und 2022 so bringt! Aber das Album ist auch irgendwie ein Neuanfang. Ein neues Kapitel mit Rik und Glen. Die Jungs hätten es allemal verdient.

Kommen wir einmal zu meinen Lieblingssongs, denn speziell das Titelstück, 'Burning The Fury' mit diesem genialen Gitarrenspiel und das straighte 'The Unnamed' sorgen für enorm viel Freude für den Thrash-Metal-Fan von Welt und krachen ordentlich drauf los. Wie wichtig ist für dich als Musiker Abwechslung und ein gesundes Mischungsverhältnis zwischen Melodie und Aggressivität?

Ich habe Zeit meines Lebens immer versucht, die Musik zu machen und zu schreiben, die ich selbst gerne hören oder spielen würde. Das soll jetzt bitte nicht falsch verstanden werden oder gar arrogant rüberkommen. Ich bin sehr schlecht im Kopieren oder Nachspielen anderer Songs oder Bands. Ich bekomme das einfach nicht hin. Ich bewundere manchmal die Leute, die dir von der oder jener Band die Soli oder den Rhythmus eins zu eins covern können. Deshalb hole ich mir meine Ideen vor allem aus Filmen oder auch Serien. Da genügt oft eine prägnante Melodie, aus der ich dann einen kompletten Song mache. Das praktiziere ich schon immer so, um auch möglichst nicht mit Vergleichen anderer Bands konfrontiert zu werden. Aber natürlich kann man das Rad nicht neu erfinden und so findet der eine oder andere immer eine gewisse Parallele. Ich denke unsere Fans honorieren das auch, da ich öfters auch von der schreibenden Zunft die Aussage bekomme, dass NECRONOMCION nicht nur immer voll auf die Glocke ist, sondern durchaus auch rockige Songs oder gar Balladen aufbieten kann. Das muss natürlich nicht jedem gefallen, aber das ist nunmal mein eigener und persönlicher Musikstil.

Im Mittelteil von 'Me Against You' ist ein deutschsprachiger Auszug zu hören. Woher stammt dieser und wieso fiel die Wahl hier drauf?

Ich hatte die Idee, die deutsche Fassung von "The Matrix - Teil 1" zu nehmen, da man durchaus auch einen Bezug zur aktuellen Pandemielage mit dem Songtitel verbinden kann. Der gesprochene Text ist die Szene, als Agent Smith Orpheus verhört und diesen schönen Satz fallen lässt, dass es noch einen Organismus gibt, der wie das Virus verfährt: nämlich der Mensch. Mich hat dieser Satz immer fasziniert, weil so viel Wahres darin steckt. Kein anderes Lebewesen verhält sich wie der Mensch, der um sich herum alles zerstört, ohne an die Folgen zu denken, schon seit Beginn der Evolution. Sehr interessant und auch sehr bedrückend.

Mit Achim Köhler sorgt einmal mehr ein richtiges Soundwunder für einen kraftvollen Klang. Wie gestaltete sich die Arbeit mit ihm und worin liegen deiner Meinung nach die Vorteile, mit solch einem erfahrenen Experten zusammenzuarbeiten?

Wie all die Jahre zuvor, hat Achim Köhler wieder Hand angelegt, ja und sich diesmal – wie ich finde – selbst übertroffen. Er ist auch persönlich richtig zufrieden mit dem Resultat, was sicherlich aber auch damit zusammenhängt, dass sich Achim für diese Scheibe Zeit lassen konnte. Wie wir alle war und ist natürlich auch er von der Corona-Krise betroffen und somit die Auftragslage alles andere als rosig. Ich arbeite nun schon fast 15 Jahre mit Achim und er ist für mich nicht nur ein Freund, ein wirklicher Freund, sondern auch einer der Besten seines Faches. Vor allem, weil er sich in seine Produktionen einarbeitet, seine Vorstellungen und Ideen auch einbringt und nicht nur nach Stange seine Produktionen abliefert. Es klingt jedes Mal anders und jedes Mal wieder überrascht er mich. Für mich ganz klar: Achim oder gar nichts, hehe!

So viel darf ich dir ja schon verraten, "The Final Chapter" holt die Gold-Medaille in unserem März-Soundcheck. Wie sind die bisherigen Resonanzen auf die neuste Platte und hast du mit solch einem einschlagenden Erfolg zumindest bei POWERMETAL.de gerechnet?

Ganz ehrlich, als ich von Sureshot-Jan die Nachricht bekam, hatte ich echt Pipi in den Augen, ganz ehrlich. Ich freue mich riesig darüber. Vor allem auch deshalb, weil es für mich der Lohn einer unglaublich emotionalen Scheibe ist, die mehrmals auf der Kippe stand, weil ich wirklich Probleme hatte zu arbeiten, mich zu motivieren und dann vor allem auch noch kreativ zu sein. Ich bin gerührt, wirklich – und auch ein bisschen stolz.

Das kannst du auch sein! Wir haben von vielen Bands gehört, dass sie die konzertfreie Zeit intensiv für neue Songwriting-Prozesse nutzen. Wie wird es bei NECRONOMICON im Laufe des Jahres weitergehen? Welche neuen Kapitel werden geschrieben?

Wir werden uns jetzt, und das ist von unserem Management und der Booking Agentur in voller Planung, ganz auf die kommende Europatournee konzentrieren, die diesmal besonders ausgeprägt werden soll, vorausgesetzt, der Impfprozess schreitet weltweit voran. Geplant ist Anfang des kommenden Jahres bis in den Sommer hinein, um noch die Festivalsaison mitzunehmen. Für uns ist das logistisch gesehen auch eine Herausforderung, da meine Jungs nicht eben mal um die Ecke wohnen. Das sind hohe Flugkosten sowie Spesen, die gedeckt werden müssen, also liegt es auf der Hand, das in einem großen Package zu planen. Ich bin auch mal sehr gespannt, wie wir uns live schlagen werden. Die damaligen Proben vor der coronabedingt abgesagten Europatournee haben auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht und ich kann eines schon sagen: Wir werden live richtig abdrücken! Das verspreche ich.

Lieber Freddy, vielen Dank noch einmal für die Beantwortung meiner Fragen. Dir gebühren selbstverständlich die letzten Worte. Was möchtest du als SC-Siegerband unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?

Ich hoffe einfach, dass ich mit meiner Art der Musik und des Songwritings bei den Fans einen Punkt treffe, der einfach gefällt. Dafür macht man die Musik mit Leidenschaft und Hingabe und natürlich auch eigener Überzeugung, ohne dabei überheblich klingen zu wollen. Die Musikbranche ist eh schon brutal und gnadenlos. Da ist es umso schöner, etwas zurück zu bekommen, wenn es den Leuten gefällt und auch honoriert wird. Und das hoffe ich, mit dem neuen Album geschafft zu haben.

Recht herzlichen Dank für Euer Vertrauen in NECRONOMICON. Das kommt von Herzen; viele liebe Grüße und vor allem: bleibt gesund!

Redakteur:
Marcel Rapp

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