Perlen der Redaktion: Stephan Voigtländers Highlights 2019

16.01.2020 | 10:54

Wenn Leipziger Lokalmatadore live auftrumpfen, kann es kein schlechtes Musikjahr gewesen sein.

Nachdem ich es im abgelaufenen Jahr wieder auf mehr Konzerte geschafft habe als zuletzt, finde ich meine persönlichen "Perlen" in der Rückschau auch vor allem an der Livefront. Hierbei überragte ein Doppel-D in L.E., nämlich die in vielerlei Hinsicht besonderen Gigs von DISILLUSION und DARK SUNS.

Während DARK SUNS die neue EP "Half Light Souvenirs" vorstellte, nebst buntem Mix aus vergangenen Glanzlichtern und bestens aufgelegter Band, war die Release-Show von DISILLUSION zum neuen Album (nach 13 Jahren) ein Abend, der noch sehr lange in Erinnerung bleiben wird. Es wurde nicht nur die tolle neue Scheibe "Liberation" in chronologischer Reihenfolge gespielt, das neue Zeux wurde immer wieder unterbrochen von einem älteren Song ('The Black Sea', 'Alea' sowie das "Back To Times Of Splendor"-Doppel 'Alone I Stand In Fires' und der Titeltrack) - eine ganz hervorragende Setlist mit Überraschungseffekt. Dazu wurden auch einige beteiligte Gastmusiker aufgeboten (Trompete, Tabla-Trommel, Geige, Piano), was für etliche magische Momente sorgte. Vor allem aber, als der Oldie 'Back To Times Of Splendor' mit Live-Geigen-Part (von Elena Lea-Sophie Fischer) gekrönt wurde, gab es kein Halten mehr. Die komplexen "Liberation"-Songs funktionieren live allesamt erstklassig, strahlen Wärme, aber gleichzeitig auch Wucht und Prägnanz aus. Und als fulminantes Finish gab es noch einen Zugabenblock bestehend aus 'Don't Go Any Further' und 'And The Mirror Cracked'. Mehr konnte man sich einfach nicht mehr wünschen und so hörte man hinterher nach der zweistündigen Vollbedienung nur begeisterte Stimmen von den Anwesenden.

Zu meinen weiteren Konzerthighlights gehörten aber auch die Indoor-Festivals und Labelschauen "Heavy Psych Sounds"-Festival in der Dresdner Chemiefabrik und das "20 Jahre Exile On Mainstream" im UT Connewitz zu Leipzig. BLACK RAINBOWS und BULBUL hatten es mir da jeweils besonders angetan. Auch die Franzosen MARS RED SKY auf ihrer Headlinertour waren mal wieder ein Erlebnis.

Bei den neu erschienenen Alben waren natürlich ebenfalls DISILLUSION und DARK SUNS auf den vordersten Plätzen zu finden, wobei die Goldmedaille für "The Liberation" eine eindeutige Angelegenheit war. Da haben Andy Schmidt und Co. einen echten Kracher rausgehauen, der mich in dieser Form total geplättet hat. "Half Light Souvenirs" der dunklen Sonnen ist als EP eher ein Appetitanreger für einen hoffentlich bald erscheinenden Langspieler. Der zweite Platz (zwischen den beiden Leipziger Platzhirschen) geht an eine mir bis dato unbekannte Band aus Sydney, Australien mit dem krummen Namen THE NEPTUNE POWER FEDERATION, die so wunderbar eigenständige und -willige Mucke kredenzt, dass ich sofort mitgerissen war - eine faustdicke Überraschung.
DOWNFALL OF GAIA (auch live im Vorprogramm von THE OCEAN toll) hatte ich zwar bereits irgendwie auf dem Zettel, dennoch hat mich das ebenso wuchtige wie atmosphärische "Ethic Of Radical Finitude" mächtig umgeblasen und aus den Socken gehauen. Gleiches gilt für den groben Brocken "A Pyrrhic Existence" von ESOTERIC - ein Monstrum von einem Album und nebenbei auch noch das Coverartwork, welches es mir vergangenes Jahr am meisten angetan hat.

Ein paar alte Bekannte wie BORKNAGAR, SOEN und KADAVAR lieferten wie gewohnt sehr ordentliche Kost (ohne riesige Begeisterungsstürme zu entfachen) und schließlich kam auch NEBULA nach zehn Jahren mit sehr guter Comeback-Scheibe ("Holy Shit"!) um die Ecke - kurioserweise die einzige Scheibe im Stoner-Rock-Bereich, die anno 2019 bei mir so wirklich hängen blieb, obwohl Wüstensounds eigentlich absolut in mein Beuteschema passen. Da hinein passt auch dies hier: Im Gegensatz zu ihrer Hauptband JESS AND THE ANCIENT ONES zeigt JESS BY THE LAKE auf "Under The Red Light Shine" mit erdigem und stellenweise bluesig angehauchtem Rock eine wunderbar ungekünstelte Seite der hier noch stimmgewaltigeren Sängerin.

Aber auch im nicht-metallischen bzw. -rockigen Bereich ist das eine oder andere hängen geblieben. Eine meiner persönlichen Entdeckungen ist der Singer/Songwriter DAMIEN JURADO, von dem mir das 2018er Album "The Horizon Just Laughed" extrem gut gefiel (aber zu spät kam für den damaligen Poll, darin hatte ich nur den tollen Song 'Percy Faith'). Die Neue "In The Shape Of A Storm" bleibt hinter der Klasse dieses Werkes zwar etwas zurück, zu den Lieblingsplatten des Jahres gehört sie dennoch, denn der Mann mit der warmen und charakteristischen Stimme wickelt einen spielend um den Finger.

Wer KEIMZEIT auf den über und über durchgenudelten Radiohit 'Kling Klang' reduziert, begeht sicherlich einen Fehler, denn die Band ist nicht nur musikalisch extrem vielseitig unterwegs, auch die mal tiefsinnigen, mal romantischen, mal lustigen Texte sind genau das. "Das Schloss" zeigt, dass die Band sich noch lange nicht auf's Altenteil zurückziehen sollte. Und dass ich DIE KRUPPS in der Liste haben würde, hätte ich nicht unbedingt gedacht, aber nach dem in weiten Teilen albernen RAMMSTEIN-Album war das vermutlich ein willkommener Lichtblick; und der Song 'Vision 2020 Vision' ist eh ein impulsiver Gassenhauer.

Die Top-20-Alben in der Übersicht. Mit einem Klick auf den Albumnamen gelangt ihr - soweit vorhanden - zur Rezension.

Rang Band Album
01. DISILLUSION The Liberation
02. NEPTUNE POWER FEDERATION, THE Memoirs Of A Rat Queen
03. DARK SUNS Half Light Souvenirs
04. DOWNFALL OF GAIA Ethic Of Radical Finitude
05. SOEN Lotus
06. NEBULA Holy Shit
07. JESS BY THE LAKE Under The Red Light Shine
08. BORKNAGAR True North
09. KADAVAR For The Dead Travel Fast
10. ESOTERIC A Pyrrhic Existence
11. JURADO, DAMIEN In The Shape Of A Storm
12. KEIMZEIT Das Schloss
13. KRUPPS, DIE Vision 2020 Vision
14. LIFE OF AGONY The Sound Of Scars
15. PRISTINE Road Back To Ruin
16. GIANT DWARF Giant Dwarf
17. INSOMNIUM Heart Like A Grave
18. OPETH In Cauda Venenum
19. SKRAECKOEDLAN Eorþe
20. ROTTING CHRIST The Heretics

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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