Perlen der Redaktion: Tobias Dahs' Highlights 2019

04.01.2020 | 22:06

Mein persönlicher Rückblick auf das musikalische Jahr 2019 fiel im ersten Moment ähnlich wie im vergangenen Jahr doch eher mau aus, denn außer den Alben auf meinen vier Spitzenplätzen konnte sich kaum eine Scheibe wirklich dauerhaft einen Platz in meiner Playlist erspielen. Ob es daran liegt, dass ich im Sommer erstmalig Vater wurde und daher zumindest zeitweise nicht so viel Zeit zum Musikhören gefunden habe? Oder waren die Veröffentlichungen in diesem Jahr doch wirklich so schwach? Das versuche ich in den kommenden Zeilen einmal näher zu ergründen.

Zumindest die bereits angesprochenen vier obersten Platzierungen sind über jeden Zweifel erhaben und präsentieren teilweise einige echte Überraschungen. Ganz besonders sticht dabei MAYHEM mit dem fantastischen Langspieler "Deamon" heraus, der vollkommen zurecht bei Release die Spitze in unserem Soundcheck eroberte und perfekt Black-Metal-Tradition mit frischen und überraschend progressiven Einflüssen verheiratet. Zugetraut hätte ich den Norwegern ein so überragendes Spätwerk nicht, was den Silberling zu meinem Favoriten im vergangenen Jahr macht. Knapp dahinter läuft das nicht minder starke "Verkligheten" von SOILWORK über die Ziellinie, auf dem die Schweden die Achtziger-Einflüsse des Nebenprojekts THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA mit ihrem typischen Melodic-Death-Sound zusammenbringen und so eine Ansammlung von nahezu unwiderstehlichen Ohrwürmern aus dem Ärmel zaubern. Bei BIFFY CLYROs "Balance, Not Symmetry" werde ich das Gefühl nicht los, dass hier auch noch mehr als nur der dritte Platz in meinen Jahrescharts möglich gewesen wäre, denn wie fast immer ist das Songmaterial der drei Schotten vielseitig und über jeden Zweifel erhaben. Doch dass die Scheibe ausschließlich als Vinyl und als MP3-Download erschienen ist, hinterließ bei mir als CD-Sammler doch einen eher faden Beigeschmack, der vielleicht auch das Hörerlebnis bis heute trübt. Den Schlusspunkt unter den herausragenden Veröffentlichungen des letzten Jahres markiert schließlich ENDSEEKER mit dem Schwedentod-Feuerwerk "The Harvest", das mich praktisch aus dem Stand zum Fan der Hamburger machte und wohlige Erinnerungen an Genre-Titanen wie ENTOMBED oder DISMEMBER in ihrer Glanzzeit weckt.

Die übrigen Einträge meiner Top 20 konnten sich hingegen keinen dauerhaften Platz in meinem Player erkämpfen, wobei einige Releases wie "Moving Backwards" von WHEEL, "The Great Adventure" von THE NEAL MORSE BAND und das aktuelle SOEN-Werk "Lotus" dank ihrer Komplexität vielleicht einfach noch etwas mehr Zeit und Geduld brauchen, um so richtig zu zünden. Diese angesprochene Zeit habe ich in TOOLs "Fear Inoculum" eigentlich investiert und trotzdem kommt die Scheibe bei weitem nicht an den Vorgänger oder das sagenhafte "Lateralus" heran. Im Rahmen der Prog-Titanen kann man das dann wahrscheinlich als Enttäuschung werten, auch wenn es mit dieser Leistung noch immer für einen Platz in meinen Top 20 reicht. Abgesehen von der Prog-Sparte hatte ich in diesem Jahr auch wieder die Freude, einige Vertreter meiner Jahrescharts selbst zu besprechen. So weckte beispielsweise JOHN ILLSLEY bei mir wohlige Erinnerungen an DIRE STRAITS-Zeiten, während MILLENCOLIN mit "SOS" die alte Skate-Punk-Ära wieder aufleben ließ. Mit BATTLESWORDs "And Death Cometh Upon Us" und "The Great Antiquation" von MEADOWS END konnten mich schlussendlich auch zwei Underground-Scheiben auf ganzer Linie überzeugen, weswegen sie hier auch vollkommen zurecht zwischen vielen großen Namen ihren Platz gefunden haben.

Eine ganz große Enttäuschung hatte das Jahr 2019 dann aber auch wieder parat, auch wenn es sich hier ähnlich wie mit TOOL verhält, denn ALTER BRIDGE hat mit "Walk The Sky" sicher kein schlechtes Werk abgeliefert. Von der neuen Scheibe einer meiner Lieblingsbands habe ich mir jedoch deutlich mehr erhofft, aber irgendwie werde ich auch nach mehreren Hördurchläufen das Gefühl nicht los, dass Tremonti und Kennedy eigentlich keine rechte Lust auf ein weiteres Album ihrer Hauptband hatten. Während sie gemeinsam nämlich nur ordentliche Stangenware zustande gebracht haben, waren sie auf Solopfaden zuletzt deutlich packender und in meinen Ohren besser unterwegs. An der Konzert-Front gab es hingegen in diesem Jahr nichts zu beklagen, was vielleicht auch daran lag, dass wir aufgrund unserer Tochter doch etwas kürzer treten mussten. Dennoch gab es mit dem Doppelpack aus AMORPHIS und SOILWORK im Frühjahr bereits ein absolutes Highlight zu vermelden, während für mich persönlich mit dem PROPHETS OF RAGE-Konzert im August ein lange gehegter Traum in Erfüllung ging. Immerhin ist Tom Morello seit Jahren einer meiner persönlichen Gitarren-Heroen und auch die Energie des Publikums im Kölner E-Werk war an diesem heißen Sommerabend kaum zu toppen. Platz 1 in meinen Konzertcharts belegt dennoch MARK KNOPFLER, der im Mai in der Lanxess Arena zwar eher ruhig zu Werke ging, dafür aber mit einer großartigen Begleitband und seinen unnachahmlichen Gitarrensoli überzeugte. Der Zugabenblock bestehend aus den DIRE STRAITS-Klassikern 'Money For Nothing' (den er seit Jahren nicht gespielt hat) und 'Brothers In Arms' setzte dem besten Live-Erlebnis des Jahres schließlich die Krone auf.

Abseits der Veröffentlichungen hatte das musikalische Jahr für mich aber auch noch einen großen Aufreger zu bieten, der sich auf das ewige Thema der Abschiedstourneen bezieht. So kündigten zum Jahresende hin die Mitglieder von MÖTLEY CRÜE ihre Wiedervereinigung an, nachdem die Herren Mars, Sixx, Lee und Neil erst vor einigen Jahren noch per Vertrag geregelt hatten, dass die damalige "The Final Tour" die letzte Gelegenheit sein würde, die Achtziger-Rocker auf der Bühne zu erleben. Doch das liebe Geld war dann doch einfach zu verlockend, weswegen der Vertrag vernichtet und die nächste Stadiontour gebucht wurde. Sehr ärgerlich inbesondere für Fans wie mich, die keine Kosten und Anreisewege gescheut haben, um den Vierer noch einmal zu sehen. Angesichts des nahenden Jahresendes und dem damit verbundenen Finale der letzten SLAYER-Tour bleibt die Frage, ob sich wenigstens die Thrash-Giganten an ihre Ankündigung halten. 2020 wird uns zeigen, wie es an dieser Front weitergeht.

Die Top20-Alben in der Übersicht. Mit einem Klick auf den Albumnamen gelangt ihr - soweit vorhanden - zur Rezension.

Rang Band Album
01. MAYHEM Daemon
02. SOILWORK Verkligheten
03. BIFFY CLYRO Balance, Not Symmetry
04. ENDSEEKER The Harvest
05. DIAMOND HEAD The Coffin Train
06. DARKTHRONE Old Star
07. THE NEAL MORSE BAND The Great Adventure
08. BORKNAGAR True North
09. QUEENSRYCHE The Verdict
10. LIFE OF AGONY The Sound Of Scars
11. MEADOWS END The Grand Antiquation
12. MILLENCOLIN SOS
13. DISILLUSION The Liberation
14. TOOL Fear Inoculum
15. BATTLESWORD And Death Cometh Upon Us
16. WHEEL Moving Backwards
17. CANDLEMASS The Door To Doom
01. DEATH ANGEL Humanicide
18. SOEN Lotus
19. JOHN ILLSLEY Coming Up For Air
20. OLA ENGLUND Master Of The Universe

Redakteur:
Tobias Dahs

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