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BANG YOUR HEAD 2019 - Balingen

21.07.2019 | 16:10

11.07.2019, Messegelände

Drei Tage Metal im Schwabenländle!

So, der Nieselregen ist vorbei, heute gibt es abwechselnd sonnige Abschnitte und Wolkenbruch. Ich bin froh, dass ich nicht auf die Idee gekommen bin, zu zelten. Für mich ist heute das Billing der schwächste der drei Tage, aber darin verbergen sich ein paar der größten Diamanten des diesjährigen BANG YOUR HEAD. Auf geht es!

[Frank Jaeger]

 

Beim Soundcheck 04/18 habe ich TRAITOR als "thrashige Einöde, gar nicht meins" beschrieben. Aber CD und live sind nun mal zwei paar Schuhe, denn auf Bühne kann oldschooliger Thrash der teutonischen Schule auch Spaß machen, so die Band denn ihre Instrumente beherrscht. Das gilt auf alle Fälle für TRAITOR, denn die Riffs sägen scharf und präzise durch den Vormittagsregen und wärmen die Nackenmuskeln auf. Es ist zwar nicht so, dass ich mich an sehr viel mehr, geschweige denn ein charakteristisches Riff oder eine eingängige Melodie erinnern könnte, aber als Aufweckkommando braucht man dies gar nicht unbedingt. Von mir aus könnte man auch den krächzigen, irgendwie stimmlosen Gesang weglassen, der bringt einfach keinen Mehrwert. Die Mucke lebt von der Rekapitulation altbekannter Thrash-Muster, von Riffs und schnellen Drums und von fliegenden Haaren. Das Cover von RAMONES 'Blitzkrieg Bop' schickt mich dann allerdings vorzeitig unter die Dusche. Und wir brauchen Kaffee!

[Thomas Becker]


Im Gegensatz zu den jungen Balinger Lokalhelden TRAITOR haben die schon ein wenig in die Jahre gekommenen Herren PICTURE ein paar hundert Kilometer aus dem heimischen Hilversum in Nordholland hinter sich gebracht, um hier in Süddeutschland direkt am Freitag zur Mittagszeit ein dickes und fettes Ausrufezeichen zu setzen. Mit Frontmann Ronald van Prooijen, Bassist Rinus Vreugdenhill, Gitarrist Jan Bechtum und Schlagzeuger Laurens Bakker sind ganze vier Gründungsmitglieder an Bord, genau genommen also das gesamte, gut in seinen Sechzigern befindliche Line-up der ersten beiden Alben "Picture" und "Heavy Metal Ears", verstärkt um den zweiten Gitarristen Appie de Gelder. Ja, Leute, und die reifen Herren rocken das Balinger Messegelände heute nach allen Regeln der metallischen Kunst. Alte Schule, ehrlich, erdig und mit einer unglaublichen Menge Spaß in den Backen führt uns Frontmann Ronald van Prooijen durch das Programm, trifft mit seinen Ansagen, die er allesamt auf Deutsch macht, natürlich mit holländischem Akzent aus dem Bilderbuch, voll ins Schwarze und direkt in die Herzen des doch schon sehr zahlreich anwesenden Publikums, und zwar ganz egal, ob der Mann wie einst im Juni Dee Snider die Wettergötter beschwört, wie etwas später Messiah Marcolin das Publikum höflich siezt, dem Regen zürnt, oder einfach nur die Leute zum Mitmachen animiert: "Sind Sie fertig?" - Ja, hier und jetzt sind Band und Publikum ein Herz und eine Seele.

In Sachen Songauswahl begegnen uns - wie bei diesem Line-up nicht anders zu erwarten - natürlich einige Hits aus dem Frühwerk, wie etwa 'Heavy Metal Ears', 'Nighttiger' oder 'Bombers'. Doch der Originalsänger ist sich freilich auch nicht zu schade, einige Volltreffer zu intonieren, die im Original von seinen Nachfolgern Shmoulik Avigal und Pete Lovell eingesungen worden sind. Aber einen PICTURE-Gig ohne Kracher wie 'Eternal Dark', 'Diamond Dreamer', 'You're All Alone' und 'Lady Lightning' wäre ja auch schwerlich denkbar, stimmt's? Heute passt bei PICTURE einfach alles, das Publikum bekommt die ersehnte Old-School-80er-Vollbedienung mit zünftig rockendem Heavy Metal, Nieten, Stirnbändern, Vokuhilas und jeder Menge gut gelauntem, positiven Geist. In dieser Form darf die sympathische Band aus den Niederlanden gerne ihre zweiten vierzig Jahre in Angriff nehmen und uns am besten gleich wieder mit einer Tour zum kommenden Album "Wings" verwöhnen, das im August über Pure Steel Records erscheinen wird.

[Rüdiger Stehle]

 

Diese Jahr ist hier Schwedentreffen. ENFORCER ist schon wieder eine blau-gelbe Kapelle, aber das ist verständlich, so eine Qualitätsdichte wie in Schweden findet man nirgendwo anders, vor allem bezogen auf die Einwohnerzahl. ENFORCER ist so eine Band, die immer und überall Spaß macht, aber die mich auf Konserve immer nur bedingt begeistert, denn einen Originalitätspreis gewinnen die Herren Wikstrand, Wikstrand, Lindqvist und Nordwall nicht. Die Mischung aus Heavy Metal und Speed gab es schon in den Achtzigern, aber es macht immer noch Freude, auch wenn man eben über drei Jahrzehnte zu spät kommt, um amit wirklich ganz groß zu werden. Egal, jetzt wird dem Namen des Festivals Ehre gemacht. Der Opener ist überraschend gemächlich, aber damit will uns die Band nur in Sicherheit wiegen, danach geht die Post ab! Gelegentlich wird der Fuß etwas vom Gas genommen, schöne Doppel-Leads gespielt und ein bisschen herumgelaufen. Alles in allem eine solide und für eine der frühen Bands starke Leistung, die dem Metalhead alles gibt, wonach es ihm verlangt. Obendrein stilistisch prima zwischen PICTURE und EKTOMORF platziert, was maximale Abwechslung und den Stil aller drei Bands gut zur Geltung bringt.

[Frank Jaeger]

 

ENFORCER scheint den alten Petrus dermaßen überzeugt zu haben, dass er sich für eine längere Regenpause entscheidet. Danke! Diese nutzen viele Zuseher, um sich ein wenig am Gelände umzusehen und durch die Verkaufsmeile zu flanieren. Anderen wiederum ist es eher ein Anliegen, sich körperlich zu betätigen, und zwar im Freien! Diejenigen sind ein gefundenes Fressen für die Ungarn EKTOMORF, die schon beim Einstieg ins Geschehen mehrfach zum "Hüpfen" auffordern und auf mehr als nur respektable Resonanz stoßen. Die wird im Verlauf sogar immer besser, wohl nicht zuletzt, weil Frontmann Zoltan Farkas seine Ansagen überdacht hat und nur noch selten das berüchtigte "F"-Vokabel ins Auditorium schmettert.

Stattdessen setzt er nun auf sehr persönliche und ergreifende Statements und wird dafür auch gebührend honoriert. Nicht nur mich dürfte er mit seinen Ansage vor 'Gypsy' oder 'Holocaust' emotional zu tiefst berührt haben. Logisch, schließlich hat er absolut recht damit, dass Musik Menschen verbindet und weder Rassen, noch Hautfarbe und auch keinerlei Religionen in diesem Konsens etwas gelten. Große Worte eines inzwischen offenbar gereiften Mannes! Musikalisch regiert bei den Magyaren dagegen immer noch Härte und Brachialität, wobei man hinzufügen muss, dass der Bandleader mit der aktuellen Besetzung einen echten Glücksgriff tätigen konnte. Dermaßen homogen wie in der aktuellen, erst seit 2017 bestehenden Formation, zu der Szebasztián Simon (guit.), Dániel Szabó (dr.), Attila Asztalos (bass) und Zoltan zählen, klang EKTOMORF nämlich noch nie.

Weshalb ich die Band heute intensiver denn je erlebt habe, liegt zwar durchaus auch an Zoltan und seinen weisen Worten, noch viel mehr aber der furiosen Darbietung der von hammerharten Riffs geprägten Songs, die bis zum Finale 'Outcast' für hüpfende Banger und rotierende "Pits" sorgen!

Setliste: The Prophet Of Doom; AK 47; Fury; Bullet In The Head; Faith And Strength; Infernal Warfare; Tears Of Christ; Blood For Blood; Gypsy; Holocaust; I Know Them; Evil By Nature; Outcast

[Walter Scheurer]

 

Es folgt eine der wenigen Bands auf der Hauptbühne, die mir im Vorfeld quasi unbekannt waren, doch hier hatte ich wohl die Augen und Ohren nicht offen, denn BEAST IN BLACK scheint sehr viele Fans auf diesem Festival zu haben. Ich dachte fälschlicherweise, bei BEAST IN BLACK handle es sich um eine Band mit Frontdame, aber das war wohl BATTLE BEAST. Allerdings ist die Stimme des glatzköpfigen Sängers Yannis - zumindest was die Tonhöhe angeht - auch ziemlich weiblich. Und mit Quietsche-Sängern muss ich üblicherweise erstmal etwas kämpfen. Der Sound ist aber gut und druckvoll und die Melodien flutschen wunderbar ins Ohr. Doch woher kommen eigentlich die Keyboards? Vielleicht steht da noch ein Musiker in der Ecke? Nein, das ist nicht der Fall. Schade, denn es ist für mich immer etwas irritierend, wenn Klänge im Raum stehen und es gibt keine Menschen dazu, die diese generieren.

Doch ich muss sagen, der etwas skurrile Musikmix von BEAST IN BLACK aus 80er-Jahre-Metal, symphonischen Elementen, elektronischen Samples und mitunter auch ziemlich poppigen Melodien geht mir mit der Zeit immer besser ins Ohr. Ich lasse mich von der Euphorie des Publikums anstecken, das hier mit BEAST IN BLACK eine "Heavy Metal Party" feiert. Es wird gebangt, gejohlt und Fäuste gehen in den Himmel. So muss das sein und irgendwie finde ich es cool, dass eben nicht nur der Metal-Dino, sondern auch eine ziemlich frische Band mit modernerem Sound beim durchschnittlich doch schon etwas älteren BYH-Publikum gefeiert wird. Diese Finnen werde ich mir mal merken.

Setliste: Cry Out For A Hero, Unlimited Sin, Beast In Black, Eternal Fire, Crazy Mad Insane; Sweet True Lies

[Thomas Becker]

 

Hätte mir vor fünf Jahren jemand gesagt, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem ich meine Lieblingsband bereits zum vierten Male live sehen würde und das auch noch in meinem heimatlichen Schwabenland, dann hätte ich es ihm sicherlich nicht geglaubt. Ich fühle mich heute sehr privilegiert, dass es dazu kommen darf. Es ist später Nachmittag, die Bühnenmannschaft zieht eben das riesige Banner mit den betenden Skeletten nach oben und der Himmel lässt nichts Gutes Erahnen. Dicke, schwarze Wolken ziehen auf, der Wind nimmt zu, optisch das perfekte Szenario für eine Band, die sich solch doomiger Epik verschrieben hat wie CIRITH UNGOL und schon entern sie auch die Bühne, die fünf Kalifornier. Das Wetter, insbesondere der Wind, verweht den Sound ein wenig, so dass der Einstieg in das Set kein perfektes Klangerlebnis wird, doch dessen ungeachtet sind die getreuen Legionäre vor der Bühne direkt begeistert vom Einstieg mit dem so fantastischen wie fanatischen 'Atom Smasher', das Tim Baker nach Herzenslust screamen lässt, und dem folgenden 'I'm Alive', das ich noch immer für eine der emotionalsten und eindringlichsten Hymnen aller Zeiten halte. Zum Mitsinghit 'Join The Legion' nimmt der Regen langsam zu und es wird immer ungemütlicher vor der Bühne, doch die Ungolisten verharren gebannt und feiernd, während langsam die Nässe in die Schuhe dringt. Das schnelle 'Blood & Iron' gibt es noch, doch danach kommt ein Offizieller auf die Bühne gerannt und verkündet, dass wegen einer Sturmwarnung zu unterbrechen ist und doch bitte alle Zuflucht unter einem Dach, vorzugsweise in der Halle, suchen sollten, der Gig werde danach fortgesetzt.

Ja, da sich der Regen zum Wolkenbruch auswächst, fliehen die Leute wie geheißen, während die Band freundlich winkt und sicherlich hofft, dass die Welt nicht unbedingt gerade während ihres Gigs untergehen möge. Dies ist zum Glück nicht der Fall, und - man glaubt es kaum - das Inferno dauert tatsächlich nur gute zehn Minuten, bevor der Himmel sich so urplötzlich aufhellt, wie er im tiefen Grau versunken war. Für die Band, die eben die Bühne wieder betritt, muss es ein so kurioses wie erhebendes Gefühl sein, dass die Zuschauer unmittelbar nach der Freigabe des Geländes durch die Security sich nicht etwa langsam und gemütlich wieder vor der Bühne einfinden, sondern aus allen trockenen Ecken des Geländes förmlich herbei geströmt und gesprintet kommen, als habe man Sommerschlussverkauf und Freibier gleichzeitig ausgerufen. Zum Glück für Band und Fans wird die Spielzeit für CIRITH UNGOL um die Regenpause nach hinten verlängert, so dass sich insgesamt doch noch eine sehr ansehnliche Spielzeit ergibt, welche alle bisherigen Alben der Band berücksichtigt und einen kleinen Schwerpunkt auf "King Of The Dead" setzt. Besonders begeisterte Reaktionen ernten dabei das von Jarvis Leatherby mit seinem Basssolo herrlich eingeleitete 'Master Of The Pit' und 'Frost And Fire', während das als Abschluss gewählte 'Paradise Lost' ohne die Backing Vocals der Studioversion ein wenig gewöhnungsbedürftig ist. Dass der grandiose neue Song 'Witch's Game' heute leider nicht live vorgestellt werden kann, ist dem Wetter geschuldet, doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ob CIRITH UNGOL heute viele neue Fans gewonnen hat, vermag ich schwer zu beurteilen. Ich denke schon, denn der Auftritt war absolut überzeugend. Andererseits ist die Band für das zum großen Teilen doch ein wenig mainstreamiger orientierte Publikum auch wieder sehr speziell. Dennoch, die Rolle auf der großen Bühne haben die Herren aus Ventura perfekt ausgefüllt und wer Sänger Tim Baker und Drummer Robert Garven zu späterer Stunde noch auf dem Gelände trifft, während sie ihre Fast-Altersgenossen KROKUS live bewundern, der sieht den beiden an, dass sie sehr glücklich sind, hier gespielt zu haben und ein Teil dieses Festivals gewesen zu sein. So bleibt ein toller Auftritt einer durch und durch sympathischen Band und damit auch ein klares Highlight des Festivals im Gedächtnis.

Setliste: Atom Smasher; I'm Alive; Join The Legion; Blood & Iron; Black Machine; Frost & Fire; Master Of The Pit; King Of The Dead; Cirith Ungol; Paradise Lost

[Rüdiger Stehle]

 

Für unsere Crew ist der Auftritt der parallel spielenden Kulttruppe von CIRITH UNGOL quasi Pflicht, doch dort gibt es eine Regenpause und diese spült die Leute in die Halle zu DUST BOLT. Ich nutze die Gelegenheit der allgemeinen Verwirrung, wann es denn draußen weiter geht, um ein paar Lieder der bayrischen Nachwuchsthrasher anzuschnüffeln. Es fällt auf, dass die Band auf der Bühne äußerst agil agiert, die Haare fliegen, nein, ganze Personen fliegen durch die Luft (siehe Foto, und die Riffs ballern mit ordentlichem Wumms aus dem Boxen. Mir gefällt das sehr und ich opfere sogar ein paar CIRITH UNGOL-Songs für die energetisch vorgetragene Mischung aus Bay-Area-Gethrashe und modernen Metalsounds. Da die Songs aber nach einer Weile auch recht ähnlich klingen, geh ich wieder hinaus zur Band, deren Logo am heutigen Tag auf meiner Brust prangt.

[Thomas Becker]

 

Abwechslung ist Trumpf auf der Hauptbühne, auf der es jetzt mit DARK TRANQUILITY und schwedischem Melodic Death Metal weitergeht. Wobei sich die Band von den tödlichen Frühtagen weiterentwickelt hat und mittlerweile zahlreiche Großtaten im Angebot hat. Teilweise erinnert nur noch der Gesang von Mikael Stanne an Death Metal, ansonsten gibt es Rock-, Metal- und Gothicelemente, die sich zu einem sehr unterhaltsamen Mix zusammenfinden, und dazwischen wieder ein paar Abrissteile mit Doppel-Bass-Drum und kraftvollen Growls. Nun bin ich alles andere als ein Experte für die Göteborger und vermag nur anhand der Mitsingquote der Umstehenden zu erkennen, ob ich einen aktuellen Song oder einen Bandklassiker zu hören bekomme. So scheint es, dass der Auftritt mit ein paar neuen Liedern beginnt, wobei es zu Beginn heftig zur Sache geht und danach ziemlich melodisch, aber während des Fotografierens ist es immer etwas schwierig, gleichzeitig auch noch alles zu hören, was auf der Bühne vor sich geht. Auf jeden Fall ist die Gitarrenarbeit beeindruckend und Stanne ein absolut toller Sänger, der sowohl guttural als auch klar eine gute Figur macht. Ich frage mich während des Auftrittes, warum ich von den Jungs nur so wenige Scheiben zu Hause habe. Spätestens beim Rausschmeißer 'Misery's Crown' (nein, ich bin nicht soeben zum DARK TRANQUILITY-Kenner geworden, den Song erkenne ich nur deshalb, weil Stanne den Titel ansagt) bin ich begeistert, denn das Lied ist ja mal eine echte Hymne. Jetzt habe ich tatsächlich EVERGREY verpasst, weil ich bis zum Ende vor der Hauptbühe geblieben bin, na, so etwas. Da sieht man mal, wie gut mir die Schweden gefallen haben.

[Frank Jaeger]

 

Mit EVERGREY tritt in der Halle eine guter alter Bekannter auf deutschen Festivalbühnen und der einzige Vertreter des Prog-Metal-Genres auf dem BYH auf. Ich habe die Herren um Fronter Tom Englund allerdings ein wenig aus den Augen verloren, weil mir deren Alben immer ein wenig zu ähnlich erschienen, und so war mein letzter musikalischer Kontakt 2016 im Vorprogramm von DELAIN. Nach diesem Gig stelle ich aber fest: ich sollte endlich mal wieder mehr EVERGREY hören und mir wohl auch mal das aktuelle Album "Atlantic" zulegen. Denn was ich hier höre, ist definitiv eine Selektion feinster Sahneschnittchen. Schon 'A Silent Arc' ist auf seine Art die Essenz von EVERGREY, düstere Härte paart sich mit verträumter Atmosphäre, und Toms charismatischer Gesang füllt die Zwischenräume perfekt aus. Das folgende 'Weightless' kommt mir dann so dermaßen bekannt vor, dass ich meine, es sei ein alter Klassiker, ist aber nicht. Nur, wo kommt dieser ohrwurmige "Over-and-over"-Refrain denn sonst her? Ich komme nicht drauf. Auch in der Folge kommen mir einige Lieder seltsam vertraut vor, doch der Blick auf die Setlisten der letzten Konzerte verrät mir, dass der Fokus eindeutig auf neuerem Material liegt, das ich gar nicht kennen kann. Was meine oben erwähnte These der musikalischen Redundanz wohl bestätigt. Macht aber nichts, mir gefällt das heute alles, was EVERGREY bei richtig gutem Sound von der Bühne zaubert, und nach einer guten Stunde verlasse ich die Halle mit einem zufriedenen Lächeln.

[Thomas Becker]

 

Die Schweizer Hard-Rock-Institution befindet sich gerade auf Abschiedstour und es versteht sich ja fast von selbst, dass das das BANG YOUR HEAD nicht als eine der Stationen fehlen darf. Irgendwie mischt sich bei mir im Vorfeld etwas Wehmut, dass es das letzte Mal sein wird, dass ich meine Lieblingsschweizer live sehen werde, mit der Vorfreude. Ich erinnere mich an mehrere magische Momente mit KROKUS in Balingen, denn ich wurde bei keinem der vorherigen Aufritte enttäuscht. 'Headhunter' und 'Long Stick Goes Boom' sind dann ein Einstieg nach Maß und das darauf folgende 'Rock 'n' Roll Tonight' gibt das Motto für den heutigen Abend vor. Gleich mit drei Gitarristen sind die Eidgenossen angerückt. Neben Ur-Mitglied Fernando von Arb sind dies Mandy Meyer und Mark Kohler, was sich aber bei einem sowieso schon fetten und druckvollen Sound nur optisch bemerkbar macht. Für diesen sorgt natürlich auch die Rhythmusabteilung mit Bassist Chris von Rohr und Schlagzeuger Falvio Mezzodi. Sänger Marc Storace hat nach all den Jahre nichts von seinem Charisma und seiner Stimmgewalt eingebüßt. Irgendwie mag man nicht glauben, dass die sechs Herren wirklich Schluss machen wollen. Denn von einer Rentnerband ist das, was da auf der Bühne steht, noch weit entfernt. Dafür versprühen die sechs älteren Herren immer noch eine Energie, die mir bei so manch jüngeren Formationen oft fehlt. Warum man aber auf die Übernummern 'Screaming In The Night' und auch 'Stayed Awake All Night' verzichtet und stattdessen zwei Coverversionen im Set hat, verstehe wer will. Eine KROKUS-Show ohne diese beiden Stücke geht eigentlich gar nicht. Und mit dem THE GUESS WHO-Cover 'American Woman' bleibt selbst der wohl bekannteste Song außen vor. Somit gibt es hier und heute ein paar Abzüge in der B-Note für eine ansonsten wie gewohnt souveräne Vorstellung.

Setliste: Headhunter; Long Stick Goes Boom; Rock 'n' Roll Tonight; Winning Man; Hoodoo Woman; Fire; Rockin' in the Free World (Neil Young cover); Eat the Rich; Bedside Radio; Easy Rocker; Heatstrokes; Mighty Quinn (Bob Dylan cover)

[Tommy Schmelz]

 

Der heutige Headliner ist eher von ungewöhnlicher Art: STEEL PANTHER ist die Personifizierung des Achtziger-Glam-Metals. Aber humoristisch, wobei man schon einen speziellen Humor beweisen muss. Aber das kenne ich bereits, denn die Burschen haben auch schon auf dem Summer Breeze gespielt und mit einer unglaublichen Posing-Dichte beeindruckt. Was also erwartet das BANG YOUR HEAD-Publikum? Nun, im wahrsten Sinne des Wortes Cock-Rock, denn es geht nur um das Eine. Frauen kommen da weniger gut weg, aber auch die Herren kriegen es mit der groben Kelle und ganz besonders die Bandmitglieder werden regelmäßig durch den Kakao gezogen. Ist das sexistisch? Klar, aber so etwas von. Aber auch wieder so übersitzt, dass man es nicht ernst nehmen kann.

Musikalisch stehen wir im Glam und die Lieder stehen zumeist dem Songmaterial der durchschnittlichen Genre-Band von vor 30 Jahren kaum nach. Einfach, mit mitsingbaren Chören, aber natürlich sehr anzüglichen und oft auch expliziten Texten, ist das durchaus Partymusik und viele im Publikum gehen lachend mit bei 'Asian Hooker' oder '17 Girls In A Row' mit, zumal neben den großen Posen auch das Gitarrenspiel und die Leistung des Sängers Michael Starr würdigenswert sind. Dass nach bereits zwei Liedern allerdings gleich eine lange, auf Dauer auch ermüdende Labereinlage folgt, ist absolut unnötig. Und auch ein Stimmungskiller. Es wär sicher besser, erstmal das Publikum warm zu machen, als die Party so abrupt zu unterbrechen.

Was ist noch zu sagen? Eigentlich nichts. 90 Minuten Spielzeit, dabei auch einiges mit dummen Zeug wegpalavert, reichen dann auch aus, da musikalisch keine besonderen Highlights, folgen. Vielleicht abgesehen von einer Coverversion des Lieder 'Crazy Train', im Original vom nicht erreichbaren OZZY OSBOURNE, die ihn eben auch nicht erreicht. Nett anzusehen, ein paar Mal gelacht, im Takt mitgewiegt und auch zufrieden, als es vorbei ist. Oder muss ich in diesem Fall befriedigt sagen?

[Frank Jaeger]

 

Während draußen die große KROKUS-Party steigt, vergnüge ich mich in der Halle mit der deutschen Metal-Jugend in Form von ATTIC. Letztes Jahr auf dem Rock-Hard-Festival fand ich die Performance der KING DIAMOND-Jünger allerdings noch ziemlich Wischi-Waschi und habe sie verbal in den Proberaum zurück geschickt. Und siehe da, sie haben geübt! Wow. Doch zunächst mal gilt es den geisterhausartigen Bühnenaufbau zu inspizieren, buh-huuh, da bekommt man ja regelrecht Angst vor Geistern. Die Mannen von ATTIC sind aber auch geschminkte Geisterpandas plus ein blonder Hüne, der sich die Haare kurzgeschoren hat. Hat da jemand etwa eine Wette verloren?

Ich erwarte zunächst nicht viel, doch die Band legt los wie die Feuerwehr, pfeilschnelle Black-Metal-Melodyriffs treiben das Schlagzeug nach vorne und Meister Cagliostros Vocals schneiden ins Ohr. Dies aber sehr viel cooler, als ich in Erinnerung habe. Ich gebe zu, ich lasse mich berauschen. Ein wenig erinnert die Musik an SATAN'S HOST, viele Riffs haben so viel Fahrtwind, dass dieser in den Ohren pfeift, und die Band feiert auf der Bühne eine schwarze Orgie, die einfach Magie freisetzt. Zwischen den Songs kehrt die Band ihre Rücken zum zahlenmäßig eher spärlichen Publikum, spielte gespenstische Sprech- und Kirchenorgel-Samples ein, um darauf folgend die nächste Raserei auf die Fans loszulassen. Allen voran 'The Invocation' lässt eine Blase Glückshormone in mir platzen. Doch ATTIC kann es tatsächlich auch langsam und doomig und spätestens jetzt sollte ich meinen Kommentar aus dem Bericht zum RHF 2018 revidieren, gemäß dem ich "Meister Cagliostro" als "schlechte Parodie auf KING DIAMOND" bezeichnet habe. Stimmt nicht, der kleine geschminkte Mann ist richtig gut geworden. Ich werde mir definitiv jetzt und genau jetzt die beiden ATTIC-CDs in den Einkaufswagen legen.

Setliste: Iudicium Dei (Intro), Sanctimonious, Satan's Bride, The Invocation, Join the Coven, A Quest for Blood/The Hound of Heaven, Dark Hosanna, Funeral in the Woods, There Is No God, The Headless Horseman

[Thomas Becker]

 

Da mir der heute die Festivitäten der Hauptbühne beschließende Stahlpanther weder musikalisch noch in Sachen Präsentation sonderlich zusagt, verziehe ich mich pünktlich zur Prime Time mal wieder in die Halle, so wie es langsam Tradition zu werden scheint, denn dort ist Härteres geboten, Intensiveres und in diesem Falle auch deutlich Traditionsreicheres. Heute ist nämlich NOLA-Thrash angesagt: Die Herren EXHORDER aus New Orleans, Louisiana, entern die Hallenbühne. Für manche Fans handelt es sich bei dieser Band um die Urväter des Groove-Thrashs, um jene Truppe, die aus Sicht manches Traditionalisten als Vorbild des mit PANTERA berühmt und Trend gewordenen Sounds der Neunziger, die Büchse der Pandora geöffnet hat. Für andere ist EXHORDER einfach eine herrlich brachiale Dampframme in Sachen aggressiven, physischen, massiven Thrash Metals. Heute präsentieren sich die Herren vor allem als Letzteres, denn mit unbändiger Energie, massiver physischer Bühnenpräsenz, beeindruckender Tightness und einer mehr als agilen Performance sorgt das Quintett für staunende Gesichter und knackende Nackenwirbel.

Vor einigen Jahren, noch mit einigen Gründungsmitgliedern mehr an Bord, hat mich mein erster EXHORDER-Gig in Gelsenkirchen seinerzeit nicht so massiv begeistert, doch schon beim vorletzten Gig beim "Keep It True", bereits im neuen Line-up, hinterließ die Truppe einen bleibenden Eindruck, der sich heute nochmals verstärkt. Die beiden Veteranen Kyle Thomas (Gesang) und Vinnie LaBella (Gitarre) begeistern durch ihre Präsenz und durch die ausgiebige Interaktion vor allem des Frontmanns mit dem Publikum, sowie mit dessen cleveren, spaßigen und ehrlich wirkenden Ansagen. Doch auch die Mitmusiker sind großartig ausgewählt und verpassen der Band rhythmisch und in Sachen Durchschlagskraft einen Extraschub, so dass die Hits der beiden als Tonträger leider rar gewordenen Klassikeralben "Slaughter In The Vatican" (1990) - hier liegt der deutliche Schwerpunkt - und "The Law" (1992) das Publikum unter Dauerstrom und stets in Bewegung halten. Der hoch energetische Gig ist äußerst schweißtreibend und die Zuschauer feiern die Band nach allen Regeln der Kunst, so dass auch der als Zugabe gespielte, erste neue EXHORDER-Song seit 27 Jahren, namentlich 'My Time' vom kommenden Album "Mourn The Southern Skies" (VÖ: 20.09.2019 über Nuclear Blast), dankbar angenommen wird und sich live auch geschmeidig ins Set einfügt. In dieser Form freuen wir uns sehr auf eine hoffentlich bald kommende Hallentour der Rabauken aus den Südstaaten.

Setliste: Anal Lust; Death in Vain; Homicide; Unforgiven; Legions of Death; The Law; Cadence Of The Dirge; Exhorder; Slaughter In The Vatican; Desecrator; My Time

[Rüdiger Stehle]

 

Letzte Band am Freitag in der Halle sind die Bremer MANTAR. Allerdings stecken dem kompletten Team die ersten beiden Festivaltage mächtig in den Knochen, weshalb sich keiner mehr dazu aufraffen kann, sich livehaftig von der Qualität des norddeutschen Doom-Sludge-Duos zu überzeugen. Von daher entfällt eine Berichterstattung von unserer Seite leider zugunsten einer ausreichenden Erholungsphase. Immerhin folgt ja noch ein langer Festivaltag.

[Tommy Schmelz]

 

Hier geht es zum Samstag...

 

Redakteur:
Frank Jaeger

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