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Bang Your Head!!! 2008 - Balingen

24.07.2008 | 11:55

27.06.2008, Messegelände

CONTRACRASH
Da der an sich mit der Besprechung des Openers betraute Kollege leider ein Opfer des verspäteten Shuttle-Busses wurde, liegt es nun an mir als bekennendem Festival-Frühaufsteher ein Gedächtnisprotokoll zum Auftritt der jungen einheimischen Band CONTRACRASH zu Bildschirm zu bringen. Dafür, dass die Schwaben gerade ohne etatmäßigen Sänger unterwegs sind, bringen sie ihre Songs ziemlich gut rüber, auch wenn die stilistische Ausrichtung der Band für das traditionelle BYH-Publikum doch eher grenzwertig ist. Ziemlich modern klingender Rock mit merklichen Einflüssen aus dem Punk und dem gemäßigten New-Metal-Bereich ist angesagt, und das machen die Jungs sogar richtig gut. Beim "Bang Your Head!" steht jedoch definitiv mehrheitlich die falsche Zielgruppe vor der Bühne, so dass ich kaum glaube, dass CONTRACRASH sich eine neue Fanschicht erschließen können. Trotzdem ein energischer und gelungener Weckruf, der mir Spaß macht, obwohl auch ich mit dem Stil der Band nicht wirklich viel anfangen kann.
[Rüdiger Stehle]

TÝR
Manche wird es überraschen, aber beim diesjährigen Billing war TÝR für mich im Vorfeld eindeutig der Hauptgrund, überhaupt zum Bang Your Head!!! zu fahren. Ganz entschieden bin ich nämlich der Meinung, dass die Färinger im traditionellen Metalbereich eine der originellsten Bands sind, die im neuen Jahrtausend debütiert haben. Völlig zu Unrecht in die leidige Pagan-Folk-Schunkel-Schublade gesteckt, mussten die Jungs von den Färöer Inseln zwar vor der Show befürchten, dass es schwierig sein wird, das traditionell metallisch ausgerichtete Publikum für sich zu gewinnen. Doch kaum haben Heri Joensen und seine Mitstreiter die Bretter betreten, geht es schneller, als sie es erwarten durften. Zwar ist das Publikum zu der frühen Stunde noch nicht ganz so zahlreich vor der Bühne erschienen, doch die TÝR-Ultras feuern die Band nach Kräften an, während die gute Stimmung an der Absperrung sowie TÝRs ureigene Mischung aus tollem, einfühlsamem, mehrstimmigem Gesang, metallisch-progressiven Songaufbauten, einem gesunden Schuss Epik und prägnanten, aber unkitschigen Folk-Elementen immer mehr der anfangs skeptischen Banger nach vorne lockt. Die Songauswahl berücksichtigt alle vier Alben der Band und es dürfen sowohl Texte in Englisch, in Färingisch und in Dänisch bewundert werden, welche alle mit unglaublicher Hingabe dargeboten werden. Mit Hymnen wie 'Hail To The Hammer', 'Regin Smidhur', 'Wings Of Time', 'Styrisvölurin', dem neuen Stück 'Loka Tattur' und dem mächtigen 'Rainbow Warrior' in der Tasche, ist es aber auch ein leichtes, müde Metaller munter zu machen. Für mich das ganz große Highlight des heurigen Festivals. Ich hoffe sehr, dass ich die Band in Bälde mal mit voller Setlist in einer kleinen Halle sehen darf.
[Rüdiger Stehle]

AGENT STEEL
Die Stahlagenten durfte ich schon das eine oder andere Mal live bewundern, seit sie mit Bruce Hall einen neuen Frontmann gefunden haben, der den einstigen Chef-Ufologen John Cyriis zumindest sehr würdig vertritt und in mancher Menschen Ohren sogar mehr als vollwertig ersetzt. Cyriis hab ich nie live gesehen, aber Hall ist in jedem Falle ein absolut toller Fronter. Magisch war schon der 1999er Auftritt in Wacken, als der gute Bruce gar einen kleinen Wolkenbruch heraufbeschwor und kaum minder stark, wenn auch soundtechnisch nicht ganz auf der Höhe gaben sich die Kalifornier beim Keep It True. Heute verhindert die kurze Spielzeit am frühen und doch schon brütend heißen Mittag natürlich eine Traumsetlist, wie sie in Königshofen gespielt worden war, doch die Instrumentalisten um Juan Garcia und Bernie Versailles präsentieren sich in hervorragender Spiellaune, und Bruce Hall ist stimmlich wie darstellerisch voll auf der Höhe. Auch die Songauswahl ist in Anbetracht der knappen vierzig Minuten aller Ehren wert, und alte wie neue Fans erfreuen sich an neueren Brechern wie 'Ten Fists Of Nations' oder 'Lambs To The Slaughter' und an Uralt-Klassikern vom Kaliber 'Unstoppable Force', der Bandhymne 'Agents Of Steel' und dem traditionellen Rausschmeißer 'Mad Locust Rising'. Trotz eines gelegentlich etwas zu laut aufgedrehten Bass-Sounds von Karlos Medina liefern die Sci-Fi-Speed-Metaller einen tollen Gig ab, der sicher den einen oder anderen bisher nicht eingeweihten Zuschauer mit ins Boot holen sollte. Für alte AGENT STEEL-Anhänger ein grundsolider Gig, der allerdings ohne nennenswerte Überraschungen auskommt.
[Rüdiger Stehle]

KORPIKLAANI
Im Gegensatz zu TÝR wird die finnische Band um Frontmann, Sänger und Klampfer Jonne Järvelä zu Recht dem kommerziell derzeit äußerst erfolgreichen Schunkel-Folk-Metal zugeordnet, doch bevor ihr Reißaus nehmt: KORPIKLAANI dürft ihr zu den guten und ausnahmsweise nicht allzu kitschigen Bands aus diesem Genre zählen, die eben nicht nerven. Jedenfalls kaum. Jonne ist ein echt sympathischer Fronter, der hinter seinem Hirschgeweih am Mikro die dicksten Faxen macht und mächtig Spaß in den Backen hat, der sich ruck, zuck auf die Zuschauer überträgt und das Schunkeln und Tanzen durch die Reihen treibt, dass es den Stimmungsgranaten im Publikum eine wahre Freude, dem allzu ernsthaften True-Metaller ein wahrer Graus ist. Ganz egal, Jaakkos Fiedel, Juhos Akkordeon und das spaßige Stageacting der ganzen Truppe kommen überwiegend super an, und so lässt sich auch locker drüber hinwegsehen, dass die speedigen Metal-meets-Humppa-Hymnen doch nicht über die Maßen abwechslungsreich und tiefschürfend sind.
[Rüdiger Stehle]

FORBIDDEN
Klare Sache, die Band, auf die ich mich am meisten beim diesjährigen Bang Your Head!!! freue, sind FORBIDDEN. Die Bay-Area-Thrasher haben vor allem mit ihren beiden Erstlingswerken "Forbidden Evil" und "Twisted Into Form" formidable Geschosse abgeliefert. Technisch versiert und mit Ausnahmeshouter Russ Anderson am Mikro konnte man sich durchaus mit Größen wie DEATH ANGEL, HEATHEN oder METALLICA messen. Das nicht nur ich sehr gespannt auf die Frisco-Jungs bin, beweist der doch erstaunlich große Mob vor der Bühne. Kein Vergleich zu POWERMAD im Vorjahr. Entsprechend frenetisch feiern die Fans dann auch schon die ersten Takte von 'March Into Fire'. Doch schon hier fallen zwei Dinge auf: a) Der Sound ist nicht besonders differenziert. Und b) Russ Anderson wirkt bei seinem Stageacting ein wenig wie eine Mischung aus Tanzbär und James Last, was angesichts des aggressiven Songmaterials nicht wirklich passt. Aber eigentlich ist das bei Großtaten der Marke 'On The Edge', 'Forbidden Evil', 'Through Eyes Of Glass', 'Follow Me', 'Step By Step' oder 'Chalice Of Blood' auch völlig egal. Doch gibt es noch einen Punkt, der mich davon abhält, komplett in Ekstase zu verfallen. Das ist die Tatsache, dass Russ die hohen Töne, die grundsätzlich reichlich vertreten sind, gerne mal gegen tiefere Passage ersetzt, vom Publikum singen lässt oder gar ganz weglässt. In Topform ist er also noch nicht. Sei's drum, FORBIDDEN gehören sicher zu den Gewinnern des Festivals, wenn man die euphorischen Reaktionen der Fans betrachtet. Ich persönlich fand den Gig allerdings nur sehr gut, was gemessen an meinen Erwartungen fast als Enttäuschung zu werten ist. Aber auch nur fast.
[Peter Kubaschk]

ENSIFERUM
An dieser Stelle sollte eigentlich ein Bericht des geschätzten Kollegen Sebastian Schneider stehen, der es aber leider nicht rechtzeitig bis nach Balingen geschafft hat. Der Rest der anwesenden Redaktion hat zu dieser Zeit lieber gegrillt, so dass ein Bericht zu ENSIFERUM leider ausfallen muss.
[Peter Kubaschk]

RAGE
Richtig voll wird es dann bei RAGE, und das zu Recht. Ein wirklich vergnügter Peavy Wagner lädt gleich zu Anfang mit dem Titeltrack zum neuen Album "Carved In Stone" zum Tanz ein, Viktor Smolski missbraucht die Bühne als Laufsteg, und Neuzugang André Hilgers hat sich vortrefflich eingetroffen [glasklar! - d. Red.], so dass man den Solo-Irokesen Mike Terrana kaum vermisst. Vor allem die gut durchmischte Setlist überzeugt sowohl mit neuen Sachen wie dem erwähnten 'Carved In Stone' als auch mit älteren Sachen wie 'No Regrets' von 2006. Die Band hält sich auch nicht sonderlich mit großen Erzählungen auf und spielt ihre Setlist gemütlich bis zu ihrem Höhepunkt mit dem Mitsingmedley 'Higher Than The Sky'/'No Return'/'Don't Fear The Winter' durch. Etwas enttäuschend ist die Tatsache, dass der Bandklassiker 'Straight To Hell' fehlte, was aber anscheinend niemanden sonderlich zu stören schien.
[Lars Strutz]

WHITE LION
Schon als Überraschungsgast beim Bang Your Head!!! vor drei Jahren konnte Mike Tramp mit den Hits des weißen Löwen überzeugen, so dass klar ist, dass ich mir WHITE LION auch dieses Jahr ansehe. Die Befürchtung, dass sich die Band dabei auf ihr neues Album "Return Of The Pride" konzentriert, erweist sich glücklicherweise schnell als unbegründet. Mit Klassikern wie 'Lady Of The Valley', 'Little Fighter', 'Broken Heart' oder 'Wait' kann man aber auch nicht viel falsch machen. Dazu kommen die putzigen Ansagen von Mike Tramp in unbeholfenem Schuldeutsch, die die Truppe auch gleich sympathischer erscheinen lässt. Das neue Album wird in Form des guten Tracks 'Dream' aber natürlich dennoch gewürdigt. Dass die Stimmungskurve dabei nicht nach unten zeigt, beweist die Qualitäten des neuen Albums. Cooler Gig, der vielen Besuchern ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Und genau das soll Hardrock an einem sonnigen Festivalnachmittag ja auch erreichen.
[Peter Kubaschk]

GREAT WHITE
Nachdem der "weiße Löwe" fertig gebrüllt hat, stehen nun die "großartigen Weißen" auf dem Programm. Pünktlich um 17.20 Uhr steigen Jack Russel und seine Jungs auf die Bühne, um den Beweis anzutreten, dass sie zum Rhythmus zurückgefunden haben, wie es das aktuelle Werk "Back To The Rhythm" eindrucksvoll demonstriert. Von der neuen Scheibe wird einzig und allein der Titeltrack runtergerollt, ansonsten dominieren die Klassiker der Band.

Mit dem "Hooked"-Rocker 'Call It Rock'n'Roll' steigt das Quintett ein, jedoch ist die erste Minute von Jack nichts zu hören, was mit einem Mikroausfall zusammenhängt. Im Laufe des Konzerts wird der Sound allmählich besser. Dabei stellt sich im Laufe des Gigs nicht nur für mich heraus, dass GREAT WHITE für das stehen, wofür THUNDER beim letztjährigen Bang Your Head!!! und FOREIGNER bei der 2006er Ausgabe des Festivals standen: Sie sind die ultimative Party-Band, bei der die meisten Anwesenden die Songs mitgrölen können und ihren Spaß daran haben, trotz oder gerade wegen der simplen Rock-'n'-Roll-Attitüde, die die Jungs versprühen. Und so artet das Happening zu einer riesengroßen Party aus, die mit allerhand Hits gespickt ist. In 'On Your Knees' lassen die Jungs sogar LED ZEPPELINs 'The Song Remains The Same' kurz anklingen. Neben Frontmann Russel weiß allen voran Gitarrist Mark Kendall zu glänzen, der definitiv zu den unterbewerteten Sechssaitern dieses Planeten gehört.

Natürlich darf auch eine Ballade nicht fehlen, was in Form von 'Save Your Love' der Fall ist. Mit dem ultimativen Hit 'Once Bitten Twice Shy' werden die Stimmbänder des Publikums ein letztes Mal strapaziert, bevor Jon Schaffer mit dem zurückgekehrten Matt Barlow die Bühne in Beschlag nimmt. Nicht nur von meiner Seite her hätten GREAT WHITE noch mindestens eine weitere Stunde spielen können. Meine persönliche Band des Festivals. Mehr muss man dazu nicht schreiben.
[Tolga Karabagli]

Setlist:
Call It Rock'n'Roll
Face The Day
Back To The Rhythm
On Your Knees (inklusive LED ZEP-'The Song Remains The Same'-Einlage)
Save Your Love
Desert Moon
Rolling Stone
Rock Me
Can't Shake It
Once Bitten Twice Shy

ICED EARTH
Der verlorene Sohn ist zurück! Matt Barlow nimmt sich nun endlich wieder der Musik an und zeigt auf dem Bang Your Head!!!, was er draufhat. Gleich zu Anfang wird mit einer langen Kette von Songs, u. a. 'Violate', 'Burning Times', 'Vengeance Is Mine' und 'My Own Savior', ohne große Pause drauflosgeböllert. Die Fans freut es, auch wenn der Gesang an bestimmten Stellen doch ordentlich von den Gitarren überschattet wird. Nach einer kurzen Ansage beweist Matt Barlow mit 'Declaration Day' gleich, dass er es sehr wohl mit Songmaterial aus der Ripper-Zeit aufnehmen kann, was er später mit 'Ten Thousand Strong' wieder belegt. Zur Auflockerung schafft es das als "Lovesong" angekündigte 'Dracula' aus der "Horrrorshow" in die Setlist, und auch das nach einer langen Ansage in die Menge gefeuerte 'The Coming Curse' erfreut die Publikumsmasse trotz seiner Länge. Erst als zum Ende 'Iced Earth' gespielt wird, fällt auf, dass sich Barlow doch ziemlich vor Ripper-Songs und vor allem dem letzten Album "Framing Armageddon" gedrückt hat. Feigheit oder doch nur eine gut zusammengestellte Setlist? Egal, den Fans hat es gefallen, obwohl man außer Mitsingereien doch etwas mehr an Action erwartet hatte.
[Lars Strutz]

QUEENSRYCHE
Willkommen zum Rockmusical. Die Spannung im Publikum ist nahezu greifbar, und als nach etwas Verspätung endlich die Eingangsworte ertönen, geht ein mächtiges Raunen durch das weite Rund. Die Erwartungshaltung ist groß, die Unsicherheit aber auch nicht viel kleiner, denn QUEENSRYCHE haben einfach in den vergangenen Jahren durch teils lustlose, teils musikalisch wirklich schlechte Auftritte ihren Kredit bei den Fans fast komplett verspielt. Würden sie ihr Versprechen diesmal halten und die komplette "Mindcrime"-Saga spielen, die sie im letzten Jahr als "Live In The Moore"-DVD veröffentlicht haben? Würde Sänger Geoff Tate zu alten Glanzzeiten zurückfinden? In beiden Fällen: ja. (Na ja. - PK)

Als die Band mit 'Revolution Calling' in ihr dreistündiges Set einsteigt, steht die Sonne noch am Himmel. Das wiederum ist nicht gerade förderlich für eine auf visuelle Effekte abgestimmte Show, bei der zum ersten Mal auch die beiden Videoleinwände rechts und links der Bühne voll zum Einsatz kommen. Das Balinger Publikum schaut gebannt, lässt sich treiben und saugt ansonsten die Magie auf, die von der ersten Note an spürbar über dem Messegelände schwebt. Der Nachteil einer solch theatralischen Inszenierung ist natürlich, dass die Menge eher stiller Zuschauer und Bewunderer ist, anstatt gemeinsam mit der Band eine große Party zu feiern. Trotzdem haben die zahlreichen Metaller ihren Spaß und singen alle Gesangsmelodien oder gar Gitarrensoli lauthals mit. Das Quintett aus Seattle dankt es ihnen, indem es das komplette Album "Operation: Mindcrime" in identischer Reihenfolge spielt und zusätzliche Schauspieler, Orchestermusiker, Filmeinspielungen sowie natürlich Pamela Moore als "Sister Mary" mit dabei hat. Mrs. Moore ist es dann auch, die dem ganzen Spektakel noch einmal die Krone aufsetzt. Schon bei 'Speak', bei dem sie in einem hautengen Lederkorsett steckt, stiehlt sie dem mittlerweile wieder langhaarigen Frontmann eindeutig die Show. Spätestens aber als sie barfuß wie ein weißer Engel im weißen Gewand über die Bühne schreitet und gemeinsam mit Geoff Tate zu einem Duett in 'Suite Sister Mary' ansetzt, läuft nicht nur mir eine Gänsehaut über die erhitzte Haut. Zum Glück hat die Dame nicht nur bei diesem Paradestück ihren Auftritt, sondern wird auch ansonsten mehrmals geschickt in den weiteren Verlauf integriert. Und endlich bekommen wir gezeigt, dass "Mary" in den Selbstmord getrieben wurde, was man uns jahrelang einfach vorenthalten hat. Die unflätigen Bemerkungen zweier männlicher Idioten direkt in meinem Rücken lassen mir zwar die Zornesröte ins Gesicht steigen, ändern aber nichts an der Tatsache, dass dies das i-Tüpfelchen einer insgesamt grandiosen Show ist.

Die Musiker zocken sich souverän durch das Programm und fühlen sich anscheinend pudelwohl in ihrer ihnen zugewiesenen Statistenrolle, denn das schauspielerische und musikalische Hauptaugenmerk beansprucht Geoff Tate an diesem Abend ganz für sich alleine. Am Gesang gibt es auch wenig auszusetzen. Klar, ein paar der hohen Töne trifft er nicht mehr exakt oder umschifft sie gleich ganz, aber die Songs haben immerhin auch schon zwanzig Jahre auf dem Buckel, die auch an Mr. Tate nicht ganz spurlos vorbeigegangen sein dürften. Wenn man dann noch bedenkt, dass er diese Leistung auch drei Stunden durchhalten muss, und man sich in Erinnerung ruft, dass er in jüngster Vergangenheit schon deutlich schlechtere Leistungen abgeliefert hat, ist diese Performance ein absolutes Gottesgeschenk. Well done, Geoff.

Nach neunzig wirklich kurzweiligen Minuten und dem Hammerdoppelpack 'I Don't Believe In Love' und 'Eyes Of A Stranger' wird der Sänger in einer Zwangsjacke und im Rollstuhl von der Bühne gefahren. Nicht nur bei mir glänzen zu diesem Zeitpunkt die Augen, sondern auch ansonsten findet man auf dem Gelände wohl nur wenige, die wirklich etwas daran auszusetzen haben. Ein magischer Moment, für den ich absolut dankbar bin. Auch wenn eine Konzerthalle oder gar gleich ein Theater das bessere Ambiente gewesen wäre, schwebe ich noch minutenlang drei Meter über dem Boden. Eine Sternstunde der Rockgeschichte.

Nach fünfzehnminütiger Pause und einsetzender Dunkelheit starten QUEENSRYCHE mit 'I'm American' den zweiten Teil ihrer Show. Jetzt haben sie die äußerst schwierige und mehr als undankbare Aufgabe, den schon als Silberling gescheiterten Nachfolger auf der Bühne zu präsentieren. Nach der phänomenalen Leistung im ersten Teil scheint es ein noch aussichtsloseres Unterfangen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. So kommt es dann auch. Durch die Dunkelheit kommen zwar die Showeffekte und vor allem die Videoleinwände noch besser zur Geltung, degradieren die zweiten neunzig Minuten gerade dadurch aber auch mehr zu einer Multimediashow. Die Musik rückt deutlich in den Hintergrund, die Bierstände haben wieder erheblich mehr zu tun, und nicht wenige treten bereits vorzeitig die Heimreise zu ihren Campingplätzen an. Die Show ist durchaus nett und äußerst amüsant, kann dem Vorgänger aber beileibe nicht das Wasser reichen. Natürlich sei auch angemerkt, dass Ronnie James Dio als Dr. X nicht vor Ort ist.

Irgendwie kann man den erleichterten kollektiven Seufzer des Publikums praktisch hören, als QUEENSRYCHE den zweiten Teil beenden und zu einem kurzen Zugabenteil übergehen. Hier packen die Herrschaften mit 'Walking The Shadows', 'Jet City Woman', 'Empire' und dem abschließenden 'Silent Lucidity' noch einmal vier Pluspunkte aus, von denen nicht nur ich gerne mehr gehört hätte. Die abschließende Bewertung der Fans ist (fast) einstimmig: Der erste Teil war das Highlight am Freitag (wenn nicht sogar des gesamten Festivals), wodurch der Band der zweite Teil zumindest verziehen wird. Und der Zugabenteil hat für einen durchaus versöhnlichen Abschluss gesorgt. Wäre auf den ersten Teil direkt ein Best-of-Programm gefolgt, QUEENSRYCHE hätten sich an diesem Abend unsterblich machen können.
[Chris Staubach]

Das kann man natürlich alles wie Kollege Chris sehen. Mich allerdings stören - wie schon auf der "Mindcrime At The Moore"-DVD - die fürchterlichen Soli von Antigitarrist Mike Stone, der die Songs mit dusseliger Gasmaske und ohne jedes Gefühl zockt. Und auch Geoff Tate ist heute mehr als einmal nicht wirklich in Topform und kann froh sein, dass Pam Moore ihm wiederholt unter die Stimmbänder greift und die Songs mit zweiter Stimme rettet. Das alles verdirbt mir so sehr den Spaß an der Sache, dass ich nach 'Suite Sister Mary' den Rückzug antrete und mir den Rest des Gigs aus sicherer Entfernung über die Leinwände ansehe, wo mir die Neuinterpretationen von 'Electric Requiem', 'Empty Room' und 'Waiting For 22' die Zornesröte ins Gesicht treiben. Die wird natürlich auch nicht vom wenig spektakulären zweiten Teil von "Operation: Mindcrime" vertrieben. Da auch die Zugaben nicht die ganz großen Überraschungen enthalten (wo bitte bleibt ein Song von "The Warning"?), bleibe zumindest ich enttäuscht zurück. Schade.
[Peter Kubaschk]

Redakteur:
Peter Kubaschk

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