top banner 156
side banner 157

HELL OVER HAMMABURG 2018 - Hamburg

22.03.2018 | 18:15

09.03.2018, Markthalle

Das tolle Indoorfestival geht in die nächste Runde!

Der zweite Tag des diesjährigen Hell Over Hammaburg Festivals wird von der baskischen Truppe namens THE WIZARDS eröffnet. Ich hatte irgendwann meine Ohren in deren Album "Full Moon In Scorpio" hinein gehalten und mich gegen einen Kauf entschieden. So etwas ist ja auch oft von der persönlichen Tagesform abhängig. Aus irgendeinem Grund freue ich mich trotzdem auf den Auftritt und werde auch nicht enttäuscht. Die bunt tätowierten Jungs rocken die Halle als würden sie das ganze Jahr nichts anderes machen. Vor allem der Sänger kann mit seiner an glorreiche DANZIG-Zeiten erinnernde Stimme voll überzeugen. Dazu posiert er teilweise mit geschlossenen Augen, als ob er in seiner eigenen Welt abgetaucht wäre. Es scheint, die Band würde sich in einen Rausch spielen, und diese Energie überträgt sich auch auf das Publikum, welches die THE WIZARDS abfeiert.  Ein besseren Start in einen Festivaltag kann ich mir nicht vorstellen.

Setliste: Intro; Avidya; Calliope (Cosmic Revelations); Odinist; Halftones To Eternity; Who Are You, Mr.Gurdjieff?; Stardust, When We Were Gods

Nach einem Kehlennass an der Theke geht es wieder in die Halle, um SPELL zu begutachten. Das kanadische Trio macht aber schnell alles, um mich wieder aus der Halle zu vertreiben. Drei Tonnen Räucherstäbchen in einer Halle zu entzünden, in der die Luft eh schon semitoll müffelt, erfreut mich schon beim Betreten der Räumlichkeit wenig. Hinzu kommt der Gesang von Bassist Cam Mayhem, der nach meinem Empfinden kaum einen Ton unfallfrei trifft. Ich bin eigentlich recht schmerzbefreit, wenn es um kauzigen Gesang geht, aber dies hier unterbietet vieles, was ich in meinem Leben hören musste. Die Krönung, die mich dann schlussendlich aus der Halle vertreibt, ist das Nachspielen einer RUSH-Nummer, bei der sich mir die Fußnägel aufrollen. Wenn man sich schon an so einem Stück vergreift, sollte man es vorher mal geprobt haben. Außerdem sollte man die Räucherstäbchen, die als Geruchsunterstützung gedacht sind, nicht vorher durch die Nase gezogen haben. Sonst wird das nichts. Ärgerlich.

Zum Glück ist der nachfolgende Auftritt von UNIVERSE217 dann mehr als versöhnlich stimmend. Die griechische Band um Sängerin Tanya Leontiou verzaubert mich vom ersten Ton an. Die Dame mit der Haarpracht bis zu den Knöcheln verwandelt mit ihrer glasklaren, sirenenhaften Stimme die Halle in ein Festzelt. Im Gegensatz zu allen anderen Bands der Veranstaltungen baut die Band ihre Songs aus Notengeflechten auf, die mal sphärisch, mal erdrückend klingen. Auf herkömmliche Songstrukturen wird fast komplett verzichtet und ausschließlich auf die erzeugte Stimmung geachtet. So warme Gitarrenklänge erzeugen allein schon eine Gänsehaut nach der anderen, in Kombination mit diesem außergewöhnlichen Gesang entsteht eine Dauerpelle, die mich völlig entgeistert dem Geschehen beiwohnen lässt. Trotz der Größe der Halle wird dieses Konzerterlebnis beinahe intim, da man sich den Musikern furchtbar nah fühlt, obwohl es kaum direkte Kommunikation mit dem Publikum gibt. Trotzdem wirkt die Band nicht in sich gekehrt. Eher mit sich im Reinen. Auf einzelne Songs muss und kann ich hier nicht eingehen, da man diese Musik nur als Gesamtkunstwerk betrachten kann. Ganz toller Auftritt, der als wunderbarer Kontrast zum rüden Gerumpel der restlichen Bands funktioniert und der trotzdem so wunderbar hierhin passt. Das zeichnet dieses Festival eben auch aus: Ein extrem facettenreiches Spektrum, welches aber in sich völlig schlüssig wirkt.

Setliste: Intro; Harm;Mouth, Undone; Nothing, Furious; Jam; Never


Während in der kleinen Halle nun OLD MOTHER HELL zum Tanze aufspielt, gibt es in der großen Halle ein ganz besonderes Leckerli: Eric Forrest, der Mann, der Mitte der 90er bei VOIVOD hinterm Mikrofon stand, spielt mit seiner Band E-FORCE ausschließlich Songs aus dieser VOIVOD-Phase. Da ich annehme, dieses Ereignis so schnell nicht noch einmal sehen zu können, entscheide ich mich schweren Herzens gegen die deutschen Powerdoomer und für den kanadischen Sci-Fi-Thrasher. Das Quartett spielt logischerweise nur Songs von "Phobos" und "Negatron", zwei Alben, die auch im farbenfrohen VOIVOD-Backkatalog ein Schattendasein fristen. Hört man solche Brecher wie das heute eröffnende 'Rise", fragt man sich, weshalb. Die Nummer rockt mal eben alles in Grund und Boden und Mister Forrest posiert wie Lemmy hinter seinem Mikrophon. Auch seine drei Mitstreiter haben offenbar reichlich Spaß an der Sache und sind natürlich auch spieltechnisch voll auf der Höhe. Im Gegensatz zu den beinahe humorvoll-leichtfüßigen Auftritten von VOIVOD ackern unsere vier Freunde hier aber eher mir der groben Heckenschere. Das passt aber ganz ausgezeichnet zum kratzbürstigen Material der beiden Alben und so ist spätestens beim hypergenialen 'The Tower' der eine oder andere Schlüpfer in den ersten Reihen explodiert. Als man dann mit 'Nanoman' und dem furiosen 'Insect' den Gig beendet, sind sich alle Anwesenden einig, hier einen einzigartigen Auftritt gesehen zu haben. To The Rage!

Setliste: Rise; M-Body; Meteor; Project X;Mercury; The Tower; Nanoman; Insect

Nun folgt ein Auftritt der britischen Epik Metaller SOLSTICE, die in Kürze ihr lange erwartetes Album "White Horse Hill" veröffentlichen werden. Ich habe die Band das letzte Mal tatsächlich in Wacken um die Jahrtausendwende herum gesehen und war damals schon völlig begeistert. Die Band hat in den letzten Dekaden eine gewaltigen Kultstatus bekommen und so ist die große Halle proppevoll, als Rich Walker und seine Bande mit 'To Sol A Thane' in ihren Set einsteigt. Sofort sieht man fliegende Fäuste, wackelnde Häupter, begeisterte Gesichter. Paul Kearns singt wie ein junger Gott und die Instrumentalfraktion definiert den Begriff Heavy Metal neu. Der Titelsong des nächsten Albums setzt den Triumphzug der Briten fort und als Paul mit 'The Sleeping Tyrant' eine der Hymnen des epochalen Meisterwerkes "A New Dark Age" ankündigt, scheinen nicht wenige Anwesende komplett frei zu drehen. Die bereits bestehende Begeisterung scheint an ihrem heutigen Höhepunkt anzukommen, denn so laute Chöre habe ich bislang noch bei keiner anderen Band gehört. 'Death's Crown Is A Victory' ändert an diesem Zustand nichts. Die Halle kocht und auf der Bühne legen die Akteure immer mehr Kohle ins Feuer. Es ist eine wahre Freude der Meistern beim Zaubern zuzuschauen. Da stehen fünf Musiker auf der Bühne, die bis in die Fußspitzen für diese Musik leben. Als man mit 'Cimmerian Kodex' dann bereits den finalen Hammerschlag ankündigt, sind alle erstaunt, wie schnell die Zeit verflogen ist. Nochmal ertönt der Ganzhallenchor und Jake von VISIGOTH, der in der ersten Reihe permanent mitsingt, bekommt von Paul kurz mal das Mikrophon unter die Nase gehalten. Treffsicher schmettert er auch gleich eine Zeile in die Halle und freut sich dabei wie ein kleines Kind unterm Weihnachtsbaum. Leider ist nach dem schlafenden Tyrannen der Spuk viel zu schnell zu Ende. Hätte Mister Walker zwischenzeitlich nicht mit technischen Problemen zu kämpfen gehabt, hätten wir wohl einen weiteren Song genießen dürfen, aber auch so bin ich restlos glücklich. So geht dieser Heavy Metal!

Setliste: To Sol A Thane; White Horse Hill; The Sleeping Tyrant; Death's Crown Is A Victory; Cimmerian Kodex

Während in der kleinen, völlig überfüllten Halle VISIGOTH eine weitere Demonstration ihrer Livemacht bietet, versuche ich in der großen Halle VENENUM zu verstehen. Das allseits mit Superlativen ausgestattete Album "Traces Of Death" wollte bei mir schon nicht zünden und ähnlich verhält es sich leider auch mit dem Auftritt der vier Jungs. Allerdings muss ich anerkennend anmerken, dass ich hier schon die musikalische Größe erkenne, die uns serviert wird. Im Gegensatz zu Ultha erfassen mich bei VENENUM einzelne Passagen, in denen Band und Publikum zu einer Einheit verschmelzen. Die endlos lang erscheinenden Stücke klingen livehaftig eine ganze Spur räudiger und damit auch lebendiger in meinen Ohren. Das mag eine subjektive Täuschung sein, denn der visuelle Effekt eines Auftrittes, bei dem man den Musikern wahlweise auf die Finger oder auf die Matten schauen kann, ist schon intensiver als das bloße Hören unter dem Kopfhörer. Trotzdem verweile ich nicht während des gesamten Auftrittes in der Halle, da es auch noch andere Verpflichtungen zu erfüllen gibt. Außerdem brauche ich nach SOLSTICE etwas Luft.

Der diesjährige Headliner heißt ATLANTEAN KODEX und in Anbetracht der anwesenden T-Shirt-Träger dieser Band hat sie diese Position im Billing völlig zu Recht. So ist die Halle erneut pickepacke voll, als die Jungs mit 'Enthroned In Clouds And Fire' beginnen. Von Beginn an spürt man, dass irgendwas Besonderes in der Luft liegt. Es gab Andeutungen zu einem neuen Song. Aber der KODEX spielt erstmal Altbekanntes. 'The Atlantean Kodex' zum Beispiel. Natürlich ist das Publikum hier genauso textsicher wie zuvor bei SOLSTICE. Beim anschließenden 'Pilgrim' muss Markus einfach das Mikrophon in die Halle halten und es wird nicht leiser. Diese Selbstsicherheit des Sängers ist angenehm, denn er wirkt gelöster als bei früher gesehenen Auftritten. Manuel scheint wie gewohnt in seiner eigenen Welt abzutauchen und spielt rauschartig in anderen Sphären. Nun folgt das, was sich alle erhofft haben: Mit 'Lion Of Chaldaea' gibt es die Premiere eines neuen Songs. Zuvor fordert Herr Becker alle auf nun ihre Smartphones auszuschalten und wenn meine Internetsuche nicht getäuscht hat, ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen. Lobenswert. Der Song selbst ist ungewohnt zackig und zündet sofort. Die Melodieführung setzt sich sofort im Gehörgang fest und so darf man gespannt sein, was denn der nächste Longplayer zu bieten haben wird. Der Appetizer ist auf alle Fälle schon einmal sehr schmackhaft. In den gar nicht mehr enden wollenden Applaus krachen die 'Kodex Battalions', bevor es mit 'A Prophet In The Forest' auch wieder ein alter Gassenhauer ins Programm geschafft hat. Fein. Ich muss nicht erwähnen, dass bei 'Sol Invictus' erneut die Hammaburg-Chöre ertönen, oder? Gut. Auch 'Heresiarch' wird abgefeiert, als gäbe es kein Morgen, und als Markus mit dem Überhit 'Twelve Stars And An Azure Gown' den letzten Song ankündigt, kennt die Halle kein Halten mehr.  Wie schon bei SOLSTICE zuvor wird dann schlussendlich Jake von VISIGOTH als Duettpartner auf die Bühne geholt und so singen Markus Becker und er gemeinsam das Finale von 'Atlantean Kodex'. Grandios!

Setliste: Enthroned In Clouds And Fire; Atlantean Kodex; Pilgrim; Lion Of Chaldaea; Kodex Battalions; Prophet In The Forest; Sol Invictus; Heresiarch; Twelve Stars And An Azure Gown

Redakteur:
Holger Andrae

Login

Neu registrieren