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HELSTAR - Crailsheim

29.12.2010 | 11:45

16.12.2010, Die Eiche

Winter und dürftige Promotion machen den Auftritt der Texaner zur öffentlichen Probe.

Wenn eine altgediente, aber nie dem Untergrund entwachsene amerikanische Band aus den Achtzigern heute in Europa die Bühne betritt, dann sorgt das bei Veranstaltungen wie dem "Bang Your Head!!!", dem "Headbanger's Open Air" und natürlich dem "Keep It True" für Begeisterungsstürme, großen Andrang und ein volles Gelände. Begibt sich eine solche Band indes auf Rundreise durch die kleinen Klubs der Republik, dann ist der Zuspruch meist eher dürftig. Die viel gerühmte tolle deutsche Szene für traditionellen Metal ist halt doch auch ein gutes Stück weit alt, bequem und übersättigt geworden, und viele raffen sich zwar noch für die genannten Festivals auf, aber die meisten eben auch nur noch für diese. Da hat man dann HELSTAR eh schon dreimal gesehen, außerdem ist man berufstätig und muss am Freitag früh hinaus, Frau und Kinder meckern. Ja, es ist schon ein Kreuz und ein Leiden.

Wenn dann auch noch dazu kommt, dass im Radio erzählt wird, dass uns auf der Heimfahrt bestimmt der böse Wintergott die baldige und sichere Rückkehr erschwert, dann stehen die weit gereisten Texaner eben vor zwölf bis fünfzehn zahlenden Gästen auf der Bühne, welche zuvor die aus Rothenburg ob der Tauber stammenden Quasi-Lokalhelden von RUSTY TROMBONE erklimmen dürfen. Die haben offenbar auch keine eigenen Anhänger mitgebracht, außer drei oder vier Geladene, doch selbst die können sich nicht so recht begeistern. Sie sind letztlich zwar die Einzigen, die sich näher als fünf Meter an die Bühne wagen, doch hin und wieder ist auch das Handy interessanter als das Quartett aus der mittelalterlichen Touristenhochburg. An dieser Stelle muss auch ich bekennen, dass mir das Gebotene nicht allzu gut gefällt.

Mr.DynomiteDelicious an Klampfe und Mikro klingt zwar bei Stücken wie dem eröffnenden 'Bad To The Bone' schön raubeinig (wehe, einer streicht mir das "h" raus!) [schon passiert! - d. Red.] und entlockt einem Anwesenden gar die anerkennende Bemerkung, dass ihn der Gesang an SACRED REICHs Phil Rind erinnere, doch manchmal, insbesondere beim letzten Stück, ist mir sein heiseres Fauchen etwas zu konturlos.

Die übrige Band wirkt am heutigen Abend nicht allzu motiviert. Basser JoeAnus lässt es zwar ordentlich blubbern, und auch die Leads des tätowierten Herrn Andy Rox sind saubere Rock-'n'-Roll-Schule, doch das Gesamtbild passt nicht. Liegt es an der fehlenden Tightness, dass die Übergänge von groovendem Rock zu den Uptempo-Parts ein wenig aufgesetzt wirken? In Videos auf der Bandhomepage habe ich die Band schon spannender gesehen, aber heute will der Funke nicht so richtig überspringen. Das scheint auch der Rest der Hallenbesetzung so zu sehen, denn mehr als Höflichkeitsapplaus bleibt für die rostigen Posaunen nicht übrig.

Dass die Jungs vom Höllenstern da schon ein ganz anderes Kaliber sind, steht völlig außer Frage. Selbst in Anbetracht des mäßigen Zuschauerzuspruchs und des nicht gerade geringfügigen Problems, dass vor einigen Tagen Bassist Jerry Abarca - ein absolutes Aushängeschild der Band - wegen akuter gesundheitlicher Probleme zurück nach Texas reisen musste, gibt man sich im Hause HELSTAR keine Blöße. Sangesmagier James Rivera nimmt die Sache - wie ihr im Bild zur Linken sehen könnt - locker und erklärt den Auftritt in der Eiche kurzerhand zur öffentlichen Probe, zu der nun eben ein paar besonders treue Fans der Band da seien. Für den erkrankten Jerry springt der slowenische Basser Matej Sušnik ein, der James Rivera normalerweise bei den europäischen Auftritten seiner Coverband SABBATH JUDAS SABBATH unterstützt. Dass er sich in zwei Tagen nur gut zehn der durchaus komplexen Stücke der Texaner draufpacken konnte, wird niemanden verwundern. Da jedoch eine längere Spielzeit geplant ist und die Band auch ein paar Stücke auf Zuruf zockt, wird dann eben auch mal ohne Bass gespielt. Alles läuft entspannt und gemütlich ab, die Band scheint trotz der widrigen Umständen gut gelaunt, und das Publikum ist begeistert. Doch zum Auftritt selbst, soll euch nun Martin ein paar Worte erzählen:
[Rüdiger Stehle]

Über die Rahmenbedingungen seid ihr ja schon bestens im Bilde, und so können wir gleich in die Vollen gehen - so wie HELSTAR an diesem Abend auch. Sie legen mit dem Eröffnungsdoppel vom neuen Album "Glory Of Chaos" los, namentlich 'Angels Fall To Hell' und 'Pandemonium', und die kleine, aber feine Fanschar vor der Bühne geht gleich begeistert mit. Wie Rüdiger schon erwähnt hat, sind es lediglich knapp zwanzig Leute, doch diese sind allesamt HELSTAR-Fans durch und durch. So werden sogar die neuen Songs frenetisch bejubelt - in der Folge gibt es noch 'Bone Crusher' und auf besonderen Wunsch eines Einzelnen auch noch 'Monarch Of Bloodshed'. Diese Spontanität zeigt, dass den Texanern ihre Fans so wichtig sind, dass sie kurzfristig auch mal die Setlist umstellen (auch wenn Aushilfsbasser Matej Sušnik - Foto - dadurch zu einer kleinen Auszeit kommt). Aber auch die enorme Spielfreude der Band macht deutlich, dass sie sich sogar für wenige Leute den Arsch aufreißt. James Rivera singt - wie üblich - wie ein (junger) Gott, und das Gitarrenduo Larry Barragan und Rob Trevino ist ja auch über jeden Zweifel erhaben.

Natürlich haben HELSTAR nicht nur ihr neuestes Werk "Glory Of Chaos" im Gepäck, sondern auch 'Pain Will Be Thy Name' sowie den Titelsong vom Vorgängeralbum "King Of Hell". Und auch einige Klassiker gibt es zu hören, wie etwa 'The King Is Dead', 'Evil Reign', 'Run With The Pack' oder 'Baptized In Blood'. Dass vor allem diese älteren Songs von den Fans lautstark abgefeiert werden, ist nicht weiter verwunderlich. Und deswegen ist auch klar, dass HELSTAR nach knapp siebzig Minuten nicht so ohne Weiteres von der Bühne verschwinden können. Jedenfalls nicht ohne zumindest noch einen zusätzlichen Song zu spielen. Allzu lange lässt sich die Band auch nicht bitten, und so gibt es mit 'Burning Star' noch einen würdigen Abschluss.

Angeblich haben HELSTAR bei dieser Tour wohl auch schon länger gespielt. Aber aufgrund des bereits beschriebenen Drumherums kann man es nur allzu gut verstehen, dass sie ihren Auftritt nach etwa 75 Minuten beenden. Und auch sonst zeigen sich die Musiker von der angenehmen Seite. Mit James kommt man schon vor dem Konzert ins Gespräch, und auch während des Gigs sucht er immer wieder den Kontakt zum Publikum. Dass dabei auch mal ein Kalauer ("Jägermeister is the greatest German invention since Mercedes-Benz.") dabei ist, stört nicht. Ja, und nach dem Konzert bedankt sich Rob persönlich bei jedem Gast für das Kommen. Doch auch ohne diese nette Geste hätte sicherlich niemand den Besuch bereut, was man auch daran sieht, dass (fast) jeder noch ein T-Shirt am Merchandise-Stand kauft. Und das ist sicherlich das Verdienst der Band und nicht des Winters.
[Martin Schaich]

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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