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ROCK OF AGES 2018 - Seebronn

14.08.2018 | 20:27

27.07.2018, Festivalgelände

Sommer, Sonne, harter Rock!

Der dritte Tag auf dem ROCK OF AGES beginnt vormittags mittlerweile schon traditionell mit dem Familienprogramm, das musikalisch vor allem auf kleine Kinder abzielt. So ist der aus dem Fernsehen bekannte Entertainer Volker Rosin vor Ort und zahlreiche Aktionen wie Kinderschminken oder Hüpfburg und ein buntes Dino-Programm mit Schiefersteinklopfen unterhalten die Jungrocker. Einige der Aktionen finden auch schon vorher statt, aber die größte Frequenz wird am Sonntagvormittag erreicht. Doch dann ist es 15 Uhr und das Festivalprogramm geht weiter, jetzt wird wieder ernsthaft gerockt. Oder?

[Frank Jaeger]

 

Und Heavy Saurus fängt auch gleich damit an. Am Anfang interessiert sich kaum einer für die verkleideten Saurier, was den Sänger sicher zusätzlich ins Schwitzen bringt. Aber dann, nach und nach, locken die schweren Saurier in ihren coolen Kostümen die Leute zur Bühne und animieren sie mit zu machen. Und es klappt, sogar die, die im hinteren Bereich des Festivalgeländes sitzen oder stehen, machen vereinzelt mit, während vor der Bühne begeistert geklatscht und gesungen wird. Heavy Saurus zeigt, dass Rock auch Kindern bereits Spaß macht. Es schadet nicht, dass einige Lieder von Kinderlieder abstammen, sodass "drei Chinesen mit dem Kontrabass" zu "Saurier spielen immer monsterkrass" mutiert. Ein Spaß für jede Altersgruppe.

[Katharina Jaeger]

 

Nach den verkleideten Schwitzemeistern mit ihrem Gummi- und Latex-Obergau geht es aber wieder zurück zu den Schweizer Meistern des heftigen Rocks, diesmal in Form von CRYSTAL BALL. Der Hard Rock aus unserem Nachbarland hinterlässt in diesem Jahr einen besonders großen Fußabdruck auf dem ROCK OF AGES-Festival. Vielleicht gab es ja eine günstige Gruppenkarte bei der Bahn. In jedem Fall gehört auch CRYSTAL BALL zu den hochwertigen Vertretern des in den Alpen so gut gedeihenden Hard Rocks mit melodischer Reibeisenstimme. Dass die letzten Alben alle von ACCEPTs Stefan Kaufmann produziert worden sind, deutet auch schon in die entsprechende muskalische Richtung. Als die Band die Bühne stürmt fällt besonders Sänger Steven Madeney auf, der sich in hauptsächlich weiß und schwarz gekleidet aktiv zeigt, bis hin zu den Schuhen, eben einer schwarz, einer weiß. Na ja, vielleicht muss er später noch kellnern, oder er geht heute als Pinguin, aber bei der Hitze legt er die Jacke eh bald ab und steht dann im blütenweißen Hemd mit schwarzen Nähten auf der Bühne. Immerhin konsequent, der Mann, der sichtlich Spaß an dem Auftritt hat. Musikalisch ist hier aber wirklich alles im grünen Bereich, auch wenn es das Publikum im Laufe des Sets ein wenig zur linken Bühnenseite zieht. Das muss von oben seltsam ausgesehen haben, aber heute ist tatsächlich der angesagt heiße Tag und die Rockfans bewegen sich mit dem Schatten der Bühne weiter, um der gleißenden Sonne zu entkommen. Doch CRYSTAL BALL ist einfach zu gut, um zu gehen und sich einen anderen Platz zu suchen. Die Jungs kommen in Kürze auf Tournee, die angesichts der heutigen Leistung eine Empfehlung wert ist. Ich könnte mir vorstellen, das die Band in einer Halle noch intensiver wirken dürfte. Trotzdem, ich muss aus der Sonne und schaue mir den Rest aus der Distanz an. Auf jeden Fall ein guter Auftritt, der den Sonntag kraftvoll endgültig eröffnet.

 

Das ROCK OF AGES weiß immer die Brücke zwischen Rock und Pop zu schlagen. MIDGE URE ist so ein Beispiel. Nach einigen ersten Erfolgen mit SILK und RICH KIDS spiele Ure von 1979 bis 1980 bei THIN LIZZY, bevor er bei der Band ULTRAVOX einstieg, mit der er große Erfolge feiern konnte. Doch ULTRAVOX ist höchstens noch Pop-Rock, sodass Midge sicher einen weniger rockenden Gig hinlegen wird. Denke ich so, da legt er auch schon los! Tatsächlich lässt der Gitarrist und Sänger einige der Lieder deutlich rockiger erklingen, als ich sie in Erinnerung habe. Da sieht man wieder, was eine Studioproduktion ausmachen kann im Vergleich zu einen Live-Auftritt. Midge ist gut bei Stimme und strahlt auch Spielspaß aus, als er einen guten Querschnitt aus seinen Solo-Arbeiten, von denen der Hit 'If I Was' natürlich heraussticht, dem Lied 'Fade To Gray', ehemals aufgenommen von VISAGE, aber aus Ures Feder stammend, und natürlich zahlreichen ULTRAVOX-Gassenhauern spielt. Leider gibt es keinen THIN LIZZY-Song, aber da war er auch eher Gastmusiker, auch wenn er auf dem 1979er Album "Black Rose: A Rock Legend" als Komponist des Liedes 'Get Out Of Here' genannt wird. Auf dieses Stück hatte insgeheim gehofft, aber die ULTRAVOX-Hits im späteren Teil des Auftritts machen natürlich alles vergessen. 'Vienna', 'Hymn' und natürlich 'Dancing With Tears In My Eyes' sorgen für große Begeisterung. Pop, na und? Toller Auftritt.

 

Als Co-Headliner darf heute MR. BIG ran. Die Band um die Stars Eric Martin, Billy Sheehan und Paul Gilbert hat bis zur Auflösung 2001 sechs starke Alben produziert und, nachdem man sich mittlerweile wieder zusammengefunden hat, nochmal zwei nachgelegt, doch MR. BIG wird weitgehend auf ihren einen Welthit 'To Be With You' reduziert. Das ist ungerecht, keine Frage, aber das Leben ist nun einmal nicht fair. Als die Band mit 'Daddy, Brother, Lover, Little Boy (The Electric Drill Song)' vom zweiten Album "Lean Into It" loslegt, sind doch einige der Anwesenden mit dem Material vertraut. Energetisch und spielfreudig zeigt sich vor allem Bassist Sheehan, der ständig in Bewegung ist und ganz offensichtlich Spaß an der Veranstaltung hat. Ungewöhnlich zeigt sich Sänger Eric Martin, der ziemlich unspektakulär gekleidet ist und mit seinem Kurzhaarschnitt eher den Eindruck macht, mit dem Hintergrund verschmelzen zu wollen. Tatsächlich kommt während des Gigs auch erst bei besagtem Riesenhit richtig Stimmung auf. Der Auftritt der US Rocker am Sonntag wird daher von einigen eher als Pause mit musikalischer Untermalung genutzt, auch wenn die Band natürlich ihre Fans hat. Bei drei Tagen Festival muss jeder irgendwann einmal seine Batterie laden, und MR. BIG hat offensichtlich heute diese undankbare Position im Billing eingenommen und macht es den Anwesenden mit ihrer guten, aber nicht außergewöhnlichen Show leicht, eine solche Ruhepause einzulegen, zumal es immer noch sehr heiß ist.

 

Den Abschluss des Festivals darf eine Band markieren, die über so viele Hits verfügt wie kaum eine andere Truppe, die bisher auf dem ROCK OF AGES gespielt hat. THE HOOTERS hatte große Erfolge in den Achtzigern mit den Alben "Nervous Night", "One Way Home" und "Zig Zag", auf denen auch heute noch ihre gesamte Show ruht, abgesehen von einigen Liedern, die die Komponisten der HOOTERS anderen auf den Leib geschrieben haben wie 'Time After Time', zuerst veröffentlicht von Cyndie Lauper, und ein paar Coverversionen, darunter 'Lucy In The Sky With Diamonds' von THE BEATLES. Auch THE HOOTERS spannen damit den Bogen von Rock bis tief in den POP hinein und sind der Archetyp einer Band, bei der Massen begeistert sind. Vor allem, wenn sie obendrein auch noch mit so viel Spaß und Spielfreude agieren! Die Phalanx aus Musikern, die nebeneinander vorne an der Bühne stehen, strahlt einfach pure Lust auf Musik aus. Die Burschen spielen nun schon seit Jahren im Prinzip die gleiche Show mit ähnlichen Setlisten, denn nach den oben genannten Alben sind nur 1993 und 2007 noch zwei weitere Studiowerke erschienen, sodass sie ihre Hitparade bereits seit Jahrzehnten auf die Bühne bringen. Das merkt man ihnen aber nicht an, die Begeisterung, die von der Bühne auf das willige Publikum übergreift, ist das genaue Gegenteil von Routine. Alle Musiker mit Saiteninstrumenten haben ein Mikrophon und tragen zu den Vocals bei, aber wenn sie diesbezüglich nichts zu tun haben, gibt es kein Halten. Besonders Gitarrist John Lilley steht offensichtlich ungern still. So erzeugt ihre Mischung aus eigenen Hits und Coverversionen eine Begeisterung bis in die hinteren Reihen des Festivalgeländes, auch wenn sich gewisse Erschöpfungszustände nicht länger verheimlichen lassen. Entspanntes Zuhören auf ausgebreiteten Decken ist ein adäquates Mittel, um den großartigen Headliner des ROCK OF AGES 2018 zu genießen.

 

Und da ist es auch schon wieder zu Ende, das Sommerfestival mit dem etwas anderen Konzept. Es ist einfach schön, ein Festival zu besuchen, dass sich nicht darum schert, möglichst viele Bands auf mehreren Bühnen unterzubringen, sondern einfach wie früher auf einer einzigen Bühne jeder Band die Möglichkeit gibt, alle von sich zu überzeugen. Und wenn man mal eine der Darbietungen nicht so mitreißend findet, hat man einfach mal eine Pause, die über drei Tage sowieso unerlässlich ist, ohne dass man sich ärgert, was man alles auf anderen Bühnen verpasst hat. In diesem Sinne: Bis 2019!

Redakteur:
Frank Jaeger

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