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Gruppentherapie: GAMMA RAY - "Empire Of The Undead"

27.03.2014 | 10:36

Mit gemischten Noten wurde die neue GAMMA RAY im März-Soundcheck aufgenommen (Platz sieben; 7,37 Punkte im Schnitt). In der Gruppentherapie zeigen sich aber auch ein paar Kollegen begeistert.

Ums kurz zu machen: Das Ding ist das beste GAMMA RAY-Album seit der "No World Order". "Empire Of The Undead" ist knapp besser als "Majestic" und in etwa gleich auf mit eben jener "No World Order". Zumal die neue Scheibe mehr "Land Of The Free"-Referenzen vorweisen kann als "Land Of The Free Part II". Die Querverweise sind subtiler, wie etwa die Tatsache, dass beide Alben mit einem langen Opener anfangen und denen jeweils ein schneller, fieser Nackenbrecher folgt. Oder weniger subtil, wenn sie einen Song 'Time For Deliverance' nennen. Auch musikalisch hält das neue Werk durchaus mit und kann sich mit den älteren Alben messen lassen. Hier sind so viele verdammt geile Melodien eingeschweißt, die Henjo in den Soli sogar noch mit einer Schleife versieht. Die Midtempo-Songs sind extrem mächtig und walzen oder stampfen dominant aus den Boxen und Kais Gesang hat qualitativ immer noch nicht nachgelassen. Den Opener 'Avalon' ernenne ich für mich persönlich übrigens zum Song des Jahres. Das muss man erstmal überbieten. Sogar der immer häufiger im Netz auftauchende Vergleich mit JUDAS PRIEST ist gar nicht so weit hergeholt. Das konnte man schon zur "No World Order" sagen und auch dieses Mal scheint der klassische Heavy Metal an allen Ecken und Enden durch, zum Beispiel beim Rausschmeißer 'Built A New World'. Kai tritt dazu noch ausreichend aufs Gaspedal und lässt viele Songs nach vorne preschen ('Hellbent' oder 'I Will Return'!). Und 'Hellbent' schlägt die perfekte Brücke vom alten Material zu den neuen Sachen, die Melodieführung der Strophen könnte von der "Heading For Tomorrow" stammen, Refrain und Solo dagegen von der "No World Order". Genau das macht "Empire Of The Undead" so verdammt stark. Fans werden das Teil lieben!

Note: 9,0/10
[Dennis Hogrefe]


Dass Fans "Empire Of The Undead" lieben werden, halte ich ebenfalls für recht wahrscheinlich. Zieht man den Kreis jedoch etwas weiter und bezieht Sympathisanten und grundsätzlich Interessierte mit ein, könnte die Sache schon wieder anders aussehen. Ich zähle mich zu jenen, die nicht wie besessen auf ein neues Album warten und es unbedingt sofort hören/haben müssen, GAMMA RAY jedoch gut finden und sich auf einem Festival bei einem Auftritt der Hamburger durchaus vor die Bühne stellen und mitsingen. Ich fürchte jedoch, dass da auch in naher Zukunft nicht mehr Begeisterung drinsitzt, denn dazu liefert das Quartett mir auf dem aktuellen Output einfach zu wenig. Der lange Opener 'Avalon' verspricht mehr, als er halten kann: Tolle Momente und langweilige Stellen halten sich in etwa die Waage. Auf die Gänze des Albums gesehen sieht es nicht viel anders. Da gibt es GAMMA RAY-typische, feine Euro-Power-Metal-Nummern wie 'Master Of Confusion', der Titelsong oder 'I Will Return', aber andererseits auch ziemlich lahme Lieder ('Time For Deliverance' oder 'Pale Rider'). Gerade Letzterer ist ein furchtbarer Totalausfall, denn vermutlich noch nie habe ich eine Textzeile der Marke "Burn motherfucker, time to feel the flame!" mit so wenig Elan präsentiert bekommen worden wie hier. Sorry Hansen, aber hier nehme ich dir die Wut zu null Prozent ab. Kuschel-Krawall? Naja. Aber das ist zum Glück nicht das Kerngebiet GAMMA RAYs, denn die Trademarks sitzen und werden bestens eingesetzt. So sind unterm Strich die guten Songs auch noch in der Überzahl und eine gewisse Qualität geht mit einem so großen und erfahrenen Namen manchmal eben doch einher. Ein großer Wurf ist "Empire Of The Undead" deshalb aber nun lange noch nicht.

Note: 7,0/10
[Oliver Paßgang]


Kommt Leute, bei Textzeilen wie "Fly high like an eagle, touching rainbows in the sky, flying high like an eagle in the sky, born to fly", da bekommt sogar euer Plüschmetaller einen Schamanfall. Wenn, dann muss man das entweder mit so viel Italo-Schmalz darbieten, dass einem das Zuccotto auf den Lippen schmilzt oder nimmt es musikalisch aufs Korn, doch am besten lässt man es gleich sein. Doch gemessen an dem, wie Hansen diese Zeilen runtereiert, denkt man, der Adler wäre flügellos und der Regenbogen bestünde nur aus Graustufen. Bieder!
Ansonsten bietet die neue GAMMA RAY solide Mittelklassekost. Manchmal gibt man sich betont schnell und metallisch, manchmal happy-melodisch, auch balladesk, doch ähnlich wie IRON SAVIOR vom Vormonat bewegt man sich so gut wie gar nicht aus seinem selbst gebauten Nest raus. Bis auf den Totalausfall ist alles zwar schon irgendwie gut, aber selten wirklich spannend, und auch der Sound kickt nicht so richtig. Das konnte GAMMA RAY früher schonmal deutlich besser!

Note 6,5/10
[Thomas Becker]


Ich mag GAMMA RAY. Zum Debüt dieser hanseatischen Metal-Institution habe ichsogar eine ganz besonders innige Beziehung, denn die Trennung von Kai Hansen und HELLOWEEN war einer der traumatischen Momente meiner Jugend. Grenzenlos war meine Erleichterung darüber, dass "Heading For Tomorrow" gar nicht mal so weit hinter den "Keeper"-Alben zurück blieb und um ein Vielfaches besser war als die folgenden Ergüsse von Kiske und Weikath. Was hat das alles mit "Empire Of The Undead" zu tun? Nicht viel, aber es wird am Ende meine Note verstehen helfen, denn das Album ist mitnichten auf dem Niveau von "No World Order!", dem letzten wirklichen Glanzlicht in der GAMMA RAY-Diskographie, lieber Dennis. Vielmehr handelt es sich dabei um eine kompetent inszenierte, handwerklich perfekt umgesetzte Zitaten-Sammlung, die überwiegend unterhaltsam und kurzweilig sein mag, aber ungefähr so viel Kreativität und Spontanität ausstrahlt wie ein Backfisch-Brötchen mit Remoulade. Trotzdem kann ich das Album nicht wirklich doof oder gar schlecht finden, siehe oben. Betrachten wir "Empire Of The Undead" also mal nüchtern: 'Avalon' und 'Hellbent' sind zwar Copy/Paste-Songs, aber mitreißend komponiert und darum stark. 'Pale Rider' ist eher langweilig, 'Born To Fly' und 'Master Of Confusion' gehen eigentlich gar nicht. 'Demonseed' ist ein hübscher energischer Stampfer, 'Seven' geht als gelungener Uptempo-Heavy-Rocker durch. Bei 'I Will Return' handelt es sich immerhin um einen der besten HELLOWEEN-Songs von einer anderen Band. Sollten da noch mehr Songs auf dem Album sein, dann habe ich die gerade vergessen. Und trotzdem gebe ich wehmütige 7 Punkte. Ich Idiot!!

Note: 7,0/10
[Martin van der Laan]


Schon beim jungfräulichen Hören der Scheibe stellt sich bei mir das Gefühl ein, diesen Sound gut zu kennen. Dabei hätte ich GAMMA RAY vermutlich nicht auf Anhieb erkannt. In den letzten beiden Jahrzehnten hatte ich das Schaffen der Hanseaten allerdings auch nicht mehr auf dem Schirm. Schlicht und einfach melodischer Heavy Metal mit hin und wieder ein wenig Stampfebumms. Klar, dass mir das gut reinläuft, auch wenn es mich nicht mehr so mitreißt, wie es das vielleicht in jüngeren Jahren getan hätte. Souverän, kontrolliert, gelassen komponiert wirkt das auf mich. Gediegene Routine: Keine Klischeeroutinen, die mich langweilen, aber eben auch nichts, das mich zwingend fesselt im Opener. 'Hellbent' hingegen klingt schon weniger eigenständig, irgendwie nach einem klassischen HELLOWEEN-Abklatsch mit leichtem JUDAS PRIEST-Einfluss. Überhaupt hat "Empire Of The Undead" einen ziemlichen 1980er-Retro-Sound: 'Pale Rider' leicht sleazig-haarmetallisch, dabei schön ohrwurmig; 'Born To Fly' rockig-flott, für's Mainstreammetalradio; 'Master Of Confusion' hätte, mit einem lustigen Deutschrocktext versehen, auch auf ein altes DIE ÄRZTE-Album gepasst; man könnte glatt meinen, GAMMA RAY wollte voran in die Vergangenheit und sich dort den Ruf als poppigste Metalband der Welt erspielen, so herrlich unbeschwert und unschuldig klingt das neue Material. Mit dem Titeltrack kommt endlich eine happy melodic power Abfahrt, wie ich sie mir versprochen hatte, als ich mich für die Gruppentherapie anmeldete, allerdings leider auch hier wieder etwas arg ideenarm an alte HELLOWEEN angelehnt und damit für meinen Geschmack zu wenig eigenständig. Unentschuldbar finde ich lediglich die Kitschhymne 'Time For Deliverance', da zieht auch das Argument nicht, dass auf einem zünftigen Achtzigeralbum "die Ballade" nicht fehlen dürfe - wenn schon, dann bitte richtig! Ironisches Hören findet in meinem Spät-'80er/Früh-'90er-Metal-Nostalgiealbum keinen Platz. Da vergeht mir jegliche Lust. Es hätte der Band aber sicherlich nicht geschadet, ihre selbstgebaute Welt hin und wieder zu verlassen, um neue Eindrücke aufzunehmen. "Empire Of The Undead" fehlt einfach die metallische Wucht, das Album bleibt trotz hübsch gezeichneter musikalischer Kontraste seltsam farblos. Seine Höhepunkte 'Avalon', 'Pale Rider', 'Master Of Confusion' und 'I Will Return' könnten jedoch, selbst wenn deren Niveau durchgängig gehalten würde, nichts daran ändern, dass "Insanity And Genius" nach wie vor mein liebstes GAMMA RAY-Album ist. Im Fazit stimme ich Thomas zu: Das ist solide Mittelklassekost. Im Übrigen mag ich Backfisch-Brötchen mit Remoulade und kann daran auch nichts Idiotisches finden.

Note: 6,5/10
[Eike Schmitz]


Ich hatte ja so meine Zweifel, ob GAMMA RAY das Niveau der tollen "Master Of Confusion"-EP über die Distanz eines ganzen Albums würde halten können. Umso größer war die Freude, als ich nach einigen Durchläufen von "Empire Of The Undead" feststellte, dass der Titeltrack und 'Master Of Confusion' gar nicht unbedingt die einzigen großen Highlights des Albums sind. Da gibt es nämlich glücklicherweise noch sehr viel mehr tolle Songs zu entdecken. Vor allem der epische Opener 'Avalon' begeistert nachhaltig, hält er doch auf beeindruckende Art und Weise mit den Longtrack-Klassikern 'Rebellion in Dreamland' und 'Armageddon' Schritt. Das hätte ich den Hanseaten so nicht mehr zugetraut! Zum Glück hat man nach diesem fulminanten Start noch nicht das ganze Pulver verschossen, denn 'Hellbent', 'Pale Rider' und der Titeltrack vervollständigen die lange Liste der großartigen Songs die JUDAS PRIEST vergessen hat zu schreiben. Und solange Klischeetexte wie im von Thomas kritisierten 'Born To Fly' von Kai Hansen intoniert werden, kann man GAMMA RAY immer diesseits der plüschigen Kitschgrenze verorten.

Note: 9,0/10
[Arne Boewig]


Als ich die ersten Zweifler hier las, fragte ich mich, wie es sein kann, dass jemand die Qualität von "Empire Of The Undead" nicht direkt erkennt. Dann habe ich nochmal darüber nachgedacht und mir ist aufgefallen, dass all die Kritikpunkte, die hier aufgeführt wurden, die übertriebenen Fremd- und Selbstzitate, das arg vorhersehbare Songwriting und die Klischee-Ausrutscher, ziemlich genau die Dinge sind, die ich anführe, wenn ich jemandem erkläre, warum ich den Vorgänger "To The Metal" so enttäuschend fand. Beim aktuellen Album hingegen war ich vom ersten Ton an begeistert und auch nach zahlreichen Runden schafft es 'Avalon' zuverlässig, mir gute Laune und Vorfreude auf die Tour zu bescheren, die bis zum letzten Ton von 'Build A World' nicht weicht. Was ist also der Grund dafür, dass es hier nur zwei verschiedene Meinungen gibt? Nun, GAMMA RAY und mein persönlicher Musikgeschmack scheinen auf unterschiedlichen Umlaufbahnen um die gleißende Sonne des Heavy Metal zu kreisen und im Jahre 2014 kommen wir uns wesentlich näher, als vor vier Jahren. Ich habe die Vermutung, dass das auch bei meinen Kollegen der Fall ist und Kai Hansen und Kompagnons eigentlich nichts an ihrem Rezept seit "No World Order" geändert haben. Daher gibt es von mir für "Empire Of The Undead" völlig subjektive 8,5 Punkte, da ich mir dieses Album immer wieder anhören kann und es mich glücklich macht, auch wenn natürlich die Zeiten, als Kai und seine damaligen Bandkumpels das melodisch-metallische Rad neu erfanden, nun auch bald 30 Jahre zurückliegen.

Note: 8,5/10
[Raphael Päbst]


Mehr zu diesem Artikel:
Soundcheck 03/2014
Review von Marcel Rapp

Redakteur:
Thomas Becker

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