Gruppentherapie: LOST SOCIETY - "Hell Is A State Of Mind"

10.04.2026 | 14:11

Aha-Effekte Fehlanzeige oder frischer Wind für die Szene?

In dieser Gruppentherapie steigen wir tiefer hinab in eine Kontroverse so alt wie die Rockmusik. Eine Band, hier LOST SOCIETY, sagt sich vom Stil ihrer Anfangstage los und passt sich dem Zeitgeist an. Das wäre heute ein Hang zu einfachen, eingängigen, aber mit Pomp aufgeblasenen Songs. Polemiker reden auch von "Kitsch und Plastik", doch zumindest unser Björn macht es sich nicht so einfach, denn ihm gefallen die aktuellen Songs sehr gut (zu seinem Hauptreview von "Hell Is A State Of Mind"). Die Soundchecker sind da deutlich skeptischer. Nur Platz 19 mit einigen Fünfern und Sechsern lassen auf erhebliche Unzufriedenheit schließen, was aber nicht für unseren Marcel gilt, der auch schon ein Interview mit den Finnen geführt hat. Wer hat das gelesen und hat es geholfen?

Nachdem LOST SOCIETY 2022 mit "If The Sky Came Down" einen merklich neuen Weg eingeschlagen hat, stellt sich nun eigentlich nur die Frage, ob das ein Ausrutscher war oder die Zukunft sein wird. Schon die ersten Tracks von "Hell Is A State Of Mind" machen klar, dass LOST SOCIETY endgültig nichts mehr von der Thrash-Metal-Kapelle wissen will, die die Finnen früher waren.

'Afterlife' oder 'Blood Diamond' sind moderner Metal, der vor allem in den Refrains dramatisch zu Gunsten kaugummiartiger Pop-Refrains eingebremst wird. Spätestens in 'Synthetic' sind die Synthesizer und die Elektroeffekte so weit drüber, dass AMARANTHE dagegen harmlos wirkt. Mit der Zeit geht mir das ziemlich auf den Keks.

Erfreulicherweise sind im Hintergrund immer wieder gute Riffs zu hören, die sich jedoch leider zu sehr verstecken. Die Orientierung an AVENGEND SEVENFOLD beim Gitarrenspiel lässt sich nicht verleugnen, geht aber klar. Dabei möchte ich nicht die von Björn in seinem Hauptreview heraufbeschworene Szenepolizei spielen. Denn moderner Metal kann so schon gerne gespielt werden. Doch es fehlen Aha-Effekt und Eigenständigkeit.

Note: 6,0/10
[Dominik Feldmann]


Ich kann vieles von dem nachvollziehen, was du sagst, Dominik, aber trotzdem kommen die Finnen bei mir besser weg. Mich lässt die Erwähnung einer Kombination aus modernem Metal, Pop-Refrains und erheblichen Elektrosounds aufhorchen. Tatsächlich fällt mir zu "Hell Is A State Of Mind" vor allem MISTER MISERY ein, woran LOST SOCIETY sehr häufig und häufig stark erinnert.

Dabei macht die Band eine gute Figur, wenn ihre Lieder nicht zu lange ausgedehnt werden. Die übermäßig opulenten Stücke wie 'Kill The Light' oder den Titelsong finde ich dann eher mittelmäßig, da stimme ich dir zu, das ist dann zu viel Zuckerguss und zu lang. Aber die Horror-Rock-Songs sind so gut, dass ich über die zwei, drei anstrengenden Kompositionen hinwegsehen kann und mir gut vorstellen könnte, einen Platz in meinem Regal freizumachen.

Note: 7,0/10
[Frank Jaeger]

 

Ich bin ehrlich, LOST SOCIETY sagte mir bis Ende Februar gar nichts. Was dann passiert ist? Ganz einfach: CHILDREN OF BODOM hat sich LOST SOCIETY- Sänger/Gitarrist Samy Elbanna geliehen, um dem verstorbenen Alexi Laiho und der Musik der Kinder Bodoms in einem kleinen Club in Finnland Tribut zu zollen. Ich war zwar nicht vor Ort, aber alleine der Livemitschnitt ist großartig und mitreißend, mit einem Elbanna, der jedes Gitarrensolo scheinbar mühelos covert. Daraufhin habe ich mir die gesamte Diskografie LOST SOCIETYs im Eildurchlauf einverleibt, vom High-Energy-Thrash der ersten Alben hin zum modernen Groove Metal/Crossover auf "Hell Is A State Of Mind".

Ich muss Dominik vehement widersprechen, dass "Hell Is A State Of Mind" keine "Aha-Effekte" oder Eigenständigkeit bieten würde, denn in meinen Ohren hat jeder einzelne Track einen hohen eigenen Wiedererkennungswert. Man traut sich, die ewig gleichen Songstrukturen aufzubrechen, mit Sounds und Arrangements sich selbst und den Hörer herauszufordern. Meine Highlights sind 'L'Appel Du Vide' und 'Kill The Light', trotz gewisser Nähe zu AVENGEND SEVENFOLD, aber auch das vollkommen überzogene 'Synthetic', das eingängige 'Dead People Scare Me (But The Living Make Me Sick)' oder 'Personal Judas' mit Augenzwinkern zu DEPECHE MODE machen Spaß, zudem sind die Power-Balladen 'Is This What You Wanted' und 'No Longer Human' wirklich hörbar, was echt selten im Metal (geworden) ist. Man merkt, dass hier Profis am Werk sind, die der Szene einen frischen Wind einhauchen wollen. Weiter so!

Note: 8,0/10
[Jakob Ehmke]

 

Im Gegensatz zu Jakob begleite ich die Finnen schon seit dem Debüt und habe sie mit dem thrashigen "Fast Loud Death" schon ins Herz geschlossen. Doch um sich von der Masse abzusetzen, haben sie Album für Album immer modernere Töne mit einfließen lassen, und spätestens mit "No Absolution" den groovigen Metalcore für sich entdeckt.

Doch so abschreckend das auf den ersten Blick klingen mag, so perfekt hat es funktioniert: Die Ohrwurmdichte wurde größer, die Hooks eingängiger, die Spielfreude leidenschaftlicher - LOST SOCIETY hat sich gefunden! Und so gut "If The Sky Came Down" - inklusive dieses Jahrhundert-Titeltracks - auch funktionierte, so knüpft "Hell Is A State Of Mind" nahtlos an die Klasse des Vorgängers an.

Ohrwurm reiht sich an Ohrwurm und auch wenn die Jungs das Rad nicht neu erfinden, so funktioniert die Formel schlicht und ergreifend sehr gut. Mal emotional, mal wild, mal düster, mal bissig - mit 'Blood Diamond', 'Is This What You Wanted' und 'Kill The Light' hat LOST SOCIETY richtig heiße Eisen im Feuer, die auch künftig für Live-Furore sorgen werden. Ich durfte mich von den Live-Qualitäten der Band auf dem "Tuska"-Festival 2024 überzeugen und meine Herren, das hat Bock gemacht!

Note: 8,5/10
[Marcel Rapp]

LOST SOCIETY ist so eine Band, die sowohl sich als auch den alten Fans einen Gefallen getan hätte, sich umzubenennen. Denn was LOST SOCIETY seit dem 2022er-Werk "If The Sky Came Down" spielt, hat mit dem Sound der ersten Alben gar nichts mehr zu tun.

Und dabei rede ich nicht von einer natürlichen Weiterentwicklung, sondern von einer Neuerfindung. Aus Old School Thrash Metal wurde moderner Alternative/Nu Metal. Nach Parallelen zu den Thrash-Größen der Welt klingt man jetzt eher nach den Landsleuten BLIND CHANNEL. Aber ich stimme Marcel zu, dass die neue Ausrichtung der Finnen wunderbar funktioniert. Von der ersten Sekunde fesselt mich "Hell Is A State Of Mind" und lässt mich nicht mehr los.

'Blood Diamond' ist dann nach dem schon starken Opener ein erstes richtiges Highlight und setzt die Messlatte für die restlichen Tracks enorm nach oben. Ich kann Dominik aber durchaus verstehen, wenn er für sich sagt, dass die Band in 'Synthetic' den Bogen in Sachen Synthies und Effekte ein wenig überspannt. Das ist natürlich Geschmacksache. Für mich ist es noch im Rahmen und passt gut in den Song. Bei 'L'Appel Du Vide' bin ich ganz bei Jakob, denn die Nummer ist ein riesiger Ohrwurm und toppt sogar 'Blood Diamond'.

Ebenfalls grandios kommt der Titeltrack daher. Insgesamt ist den Finnen eine bärenstarke Platte gelungen, die zwar nur wenige Fans der ersten Stunde feiern werden, da gehört Marcel sicherlich zu den Ausnahmen, aber mit Sicherheit viele neue Fans finden wird. Zum letzteren Personenkreis darf man auch mich zählen.

Note: 8,5/10
[Mario Dahl]

Fotocredits: Sam Jansen

Redakteur:
Thomas Becker

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