Im Rückspiegel: DIE APOKALYPTISCHEN REITER - Teil eins: Von "Soft & Stronger" bis "Riders On The Storm"
23.01.2026 | 11:30Komm mit mir zum Sinnenbaden in eine andere Welt. 30 Jahre DIE APOKALPYTISCHEN REITER und wir blicken durch die Diskografie der Thüringer.
30 Jahre DIE APOKALYPTISCHEN REITER. Das ist mal eine Hausnummer. Die Truppe aus Thüringen hat sich in den Jahren ihres Bestehens eine beeindruckende Fanschar aufgebaut und immer mit einer herausragenden Liveshow begeistern können. Allerdings gibt es im deutschsprachigen Metal kaum eine andere Band, die so derartig polarisiert. Es gibt keinen Mittelweg, entweder habe ich Begeisterung oder scharfe Ablehnung erfahren. Sie sind schlichtweg ein Albtraum für viele Puristen. Doch warum ist das so? Lag es an dem stilistischen Overkill? An halbgaren Songs? Oder etwas ganz anderem? Mich begleitet die Band fast seit Beginn meiner Resozialisation mit Metal und daher ist es mir eine Freude, diese Reise anzutreten. Dabei es soll es weniger um ein Ranking gehen, sondern die Entwicklung der Band im Laufe der Jahre. Das Großartige: Die beiden Ur-Reiter Sänger Daniel "Fuchs" Täumel und Bassist Volkmar "Volk-Man" Weber haben sich unterdessen bereit erklärt, zu jeder Platte ein paar Worte zu verlieren und so ein paar einzigartige Einblicke zu gewähren. Auch hier möchte ich Fuchs und Volk-Man nochmal für die Bereitschaft, ihren Teil beizutragen, meinen Dank und Respekt zollen. Im Namen von POWERMETAL.de sage ich herzlichen Glückwunsch zu 30 Jahren DIE APOKALYPTISCHEN REITER!
Los geht es im ersten Teil (zu Teil 2) mit dem Debüt "Soft & Stronger" bis zu "Riders On The Storm", ride on!
Soft & Stronger (1997)
Fuchs: "Der Albumtitel entstand während eines Bratwurstess-Wettbewerbs – der Gewinner schaffte ganze elf Stück. Aber das nur am Rande. Unser Engineer begrüßte uns nur mit den Worten: "So kommt ihr hier nicht rein, Sportsfreunde." Er verschwand kurz darauf und kehrte mit Wassereimer und Lappen zurück. Skelleton musste erst einmal sein Schlagzeug abwaschen – danach wussten wir immerhin, dass es rot war."
Damals begann alles mit 'Iron Fist', dem ersten Song, den die Reiter gemeinsam geschrieben haben und dieser gibt diese rohe, unverstellte und jugendliche Energie ungefiltert direkt über die Lautsprecher an die Hörer weiter und ermuntert diese, Blumenkohl-große Löcher in die nächste schutzlose Wand zu schlagen. "Soft & Stronger" ist dabei eigentlich ein klassisches Debüt-Album, was aber selbst bei den Reitern an jeder Ecke direkt ausgeufert ist. Es hat nahezu nur einen Zweck: knüppeln um jeden Preis. Selbst wenn es mal gemächlicher beginnt wie bei 'Execute'… das hält nicht lange an. Blastbeats, das wilde Gekreische von Skelleton, irgendwie stumpfe Riffs, die aber voll auf die Lichter gehen und so brutal Spaß machen, dass man sich lange vor Hobbyhorsing und Co. nur zu gerne für sich selbst amüsiert. Wenn da nur nicht diese prägnanten, kurzen Melodien von Doktor Pest am Keyboard wären. Die geben dieser ohnehin schon vogelwilden Mixtur eine ganz eigene Note und erzeugen dadurch eine altertümliche und fast mittelalterliche Stimmung, wie z.B. beim Mittelpart von 'V.A.D.E.R', was wie ein Sack Flöhe auf Tollwut klingt. Es geht durch sämtliche Geschwindigkeiten, immer rasend, aber auch mal gezügelt. Und weil das alles zusammen noch mehr Spaß macht, wird das gerne in Vollendung immer und immer wieder zelebriert.
Ich habe "Soft & Stronger" schon länger nicht mehr in Gänze gehört und hatte mich hinterher auf dutzende Hämatome eingestellt. Die ich auch geliefert bekommen und kassiert habe. Aber: Es gab schon hier sanftere Passagen mit unperfektem, klarem Gesang wie bei 'Downfall' oder ein längeres Stück mit einer gewissen Dramatik wie 'To Live Is To Die'. Verdammt, sogar den Totenmarsch haben sie bei 'Human End' verwurstet. Und dass MANOWAR seit jeher ein nicht zu leugnender Einfluss war, zeigte sich bei der herrlich charmanten True-Metal-Verbeugung 'Metal Will Never Die'. "Soft & Stronger" ist von Anfang bis Ende nur unbekümmerte Energie und ein Bastard aus verschiedensten extremen Metalstilen, die mit den abwegigsten anderen Einflüssen vermengt werden, dass es ein Sakrileg ist. Ob man hier schon ahnen konnte, was noch alles folgen sollte? Ein bisschen schon. Bei der Neuauflage des Albums Jahre später wurde noch weiteres Gedresche in Form von 'The Hit' und 'Dragonheart' hinzugefügt, aber auch 'Der arme Kunrad', was mich bei den Keyboardfanfaren immer an SUMMONING denken lässt.
Volk-Man: "Mit 3000 Mark West in der Tasche (unser Vorschluss von Ars Metalli) konnten wir den ganzen Sommer 1997 im Studio "Wunderbar" in Weimar verbringen. Die Tage starteten meist mit Warten und Biertrinken, da unser Producer in der Regel 1-2 Stunden zu spät kam und er uns "natürlich" keine Schlüssel zum Studio geben wollte. Skelleton achtete akribisch darauf, dass niemand sein total verdrecktes Drumkit putzte – seiner Meinung nach war der einzigartige Klang der Lohn für jahrelange Verkeimung. In einem japanischen Fetisch-Buch fanden wir das Bild, was wir als Cover klauten. Wir wussten nicht, was Copyrights sind. Unser Label auch nicht. Den Titel "Soft & Stronger" fanden wir am Abend, als Skelleton Polterabend feierte. Irgendjemand hatte Schnupfen und zog 'ne Packung "Tempo-Taschentücher" aus der Tasche. Da stand es wirklich drauf: "Soft & Stronger – Weich und noch stärker"."
Allegro Barbaro (1999)
Volk-Man: "Wir waren wieder im selben Studio, dieses Mal kam der Produzent gar nicht mehr, aber immerhin hatten wir nun den Schlüssel und nahmen das Ding in Eigenregie auf. Das war die Zeit, als wir die ersten Open Airs spielten – "Fuck The Commerce" war für uns damals so, als würde man jetzt nach Wacken fahren. Wir teilten uns den Backstage mit VADER und CANNIBAL CORPSE. Das war komplett surreal. Wir schliefen auf dem Gelände und am nächsten Tag konnten wir erst nach Stunden heimfahren – Dr. Pest hatte seinen VW Bus-Schlüssel verloren und nach ewig langer Suche fanden wir ihn tatsächlich in einem Sandkasten. "
Beim Zweitlingswerk sind die Zutaten grundsätzlich die gleichen geblieben. Die Band steht nahezu dauerhaft auf dem Gaspedal, um den Rest des Waldes in Rekordgeschwindigkeit abzuholzen, was der Vorgänger noch übrig gelassen hat. Dennoch ist "Allegro Barbaro" keine schnöde 1:1-Kopie. Vielmehr wurden einige neue Elemente hinzugefügt, die den Sound spürbar geöffnet haben, aber bei weitem nicht so radikal eingesetzt wurden wie noch viele Jahre später. Doktor Pest hat mit seinen Klavier- und Synthparts ein wenig mehr Luft bekommen und kann sich da stärker einbringen, was der abwechslungsreiche Opener 'The Last Hope Burned Down To Dust' direkt gut vorstellt. Dennoch haben sich auch verstärkt melodische Parts eingeschlichen, die stellenweise den Großteil von Songs bestimmen wie beim mitreißenden 'The March Of Revenge', was reichlich melancholisch beginnt, um dann später alles in Schutt und Asche zu legen. Oder das zweigeteilte 'The Fire', was den Hörer in trügerischer Sicherheit wiegt, bevor dann erneut wieder alles gnadenlos kaputtgemacht wird. In nicht mal drei Minuten werden hier nicht lange Fragen gestellt, sondern einfach draufgehauen. Wobei das ein gutes Stichwort ist, überwiegt doch weiterhin kompromisslose Härte mit einer ansteckenden Fetzigkeit, dass man einfach nicht stillsitzen kann. Dafür sinnbildlich stehen 'The Smell Of Death' oder 'Game Of Violence', was leider in den Jahren komplett unter die Tischkante gefallen ist. Dabei bietet es Grindcore-Anfälle, die auf der einen Seite recht bedrohlich daherkommen, aber im nächsten Moment unwirklich bezaubernd wirken. Auch der MANOWAR-Einfluss ist hier recht homöopathisch in Form von 'Heavy Metal' vorhanden, was direkt wieder eine eingängige Hymne geworden ist und auch Drummer Skelleton dazu zwingt, ganze Sätze zu bilden und von seinem üblichen "Aughggghghaahhghaghaag" abzuweichen, was anno 1998 schon grotesk progressiv für DIE APOKALYPTISCHEN REITER daherkommt. Genau wie das Spiel mit den Dynamiken, was dann bei 'Dance With Me' für ziemlich abrupte Übergänge sorgt, aber gut zum restlichen Wahnsinn passt.
"Allegro Barbaro" ist die konsequente Fortführung des Debüts, wobei sich die Experimente stellenweise deutlich bemerkbar machen und es daher nur bedingt mit dem Erstlingswerk vergleichbar ist. Es gibt weiterhin mit einem Lächeln zwischen die Lichter, wie die eben erwähnten 'The Smell Of Death' oder 'Game Of Violence' zeigen. DIE APOKALYPTISCHEN REITER sind diverser und noch abwechslungsreicher geworden und sie haben keinerlei Risiko gescheut. Dennoch ist das auch nach 25 Jahren weiterhin ziemlich unkonventionell und bietet eine gewisse Angriffsfläche.
Fuchs: "Dasselbe Studio, aber der Engineer tauchte nur noch auf, um uns aufzuschließen. Am Ende nahmen wir die Scheibe komplett in Eigenregie auf – absolut naiv und ohne jegliche Kenntnisse. Wir experimentierten wild, nahmen sogar einen Kirchenchor auf (zu hören in 'Heavy Metal'). Ich zog kurzerhand für zwei Monate ins Studio, was niemanden störte. So konnte ich auch nachts um vier noch ein Solo einspielen – meist nach einem Besuch in der Kneipe unter uns."
All You Need Is Love (2000)
Fuchs: "Neues Label, neues Glück. Diesmal wollten wir ein renommiertes Studio mit einem echten Produzenten – die Wahl fiel auf Andy Classen. Es war die einfachste und schnellste Reiter-Produktion, an die ich mich erinnern kann: aufbauen, einstöpseln, loslegen. Keine Klicktracks, kein Soundgetüftel, keine Samples, keine Diskussionen – einfach draufhalten!"
Ohne jeden Zweifel bündelt die Band bei "All You Need Is Love" ihre Stärken und packt die Tollwut der ersten beiden Alben in deutlich geordnetere Bahnen, allerdings ohne an Finsternis zu verlieren. Drummer Skeleton war raus und wurde durch den damals erst 19-Jährigen Sir G. ersetzt. Das Ergebnis ist dann nichts weiter als das beste Werk bis dato und auch bis heute so ziemlich das Beste, was die Reiter jemals geschaffen haben. Hier stimmt einfach alles. Die Songs sprühen vor Atmosphäre und klingen spürbar erwachsener als die Raserei der ersten beiden Alben. Die wilde Energie der vorangegangenen Alben ist weiterhin vorhanden, nur nicht mehr so derartig ungezügelt und kopflos. Aber schon der Opener 'Licked By The Tongues Of Pride' versinnbildlicht perfekt, was "All You Need Is Love" ausmacht. Weiterhin gnadenloses Gedresche, bis die Ohren klingeln. Und im nächsten Moment kommt plötzlich eine melancholische Gitarrenmelodie um die Ecke, die einfach total Sinn ergibt. Erstmals hielten auch deutsche Texte Einzug, wenn auch eher kurz und nicht so ausschweifend, wie man das mittlerweile kennt. 'Unter der Asche' fackelt da genauso wenig, aber hier kann man einen lebensbejahenden Text vernehmen, der unter dem Geknüppel hervortritt. Mit 'Erhelle meine Seele' feiert ein eher getragener und melancholischer Song seine Premiere, der mit einer ungeheuren emotionalen Härte zuschlägt. Es ist eigentlich egal, welchen Song man hier erwähnt, jeder einzelne ist grandios gut und lotet erstmals so richtig aus, wozu DIE APOKALYPTISCHEN REITER fähig sind und noch sein werden. 'Gone' begeistert mit seiner Black-Metal-Raserei und einem dramaturgisch faszinierenden Mittelpart, 'Reitermania' stellt die erste direkt an die Fans gerichtete Hymne und 'Rausch' ist einfach nur grandios und wird wohl vom besten Gitarrensolo gekrönt, was Fuchs jemals gespielt hat.
Bei so vielen fantastischen Songs gehen dann leider ein paar unter, die ich aber hier trotzdem nicht genug loben kann. 'Regret' und 'Hate' schieben beide wie verrückt. Während ersterer eine Dampfwalze ist, die erst breitbeinig marschiert, um dann gegen Ende mit zauberhaften Klarvierpassagen und klarem Gesang auszufaden, behält 'Hate' den stoischen Rhythmus bei, lässt aber auch nicht den Hauch Dramatik vermissen. Und selbst jetzt sind wir da noch nicht am Ende. Dieses Album hat so viel zu bieten, dass es schon unanständig ist. 'Geopfert' poltert auch wie ein wilder Keiler los, ist aber dennoch der erste und einzige Song, wo Tastenmagier Doktor Pest einen weiteren besonderen Auftritt hat. Nach einem einsamen und irgendwie leicht unheimlichen Klavierpart malträtiert er nicht nur die Tasten, sondern kreischt und keift ins Mikrofon. Schade, dass das danach nicht wieder passieren sollte. Ein weitere sträflichst unterbewerteter und in Vergessenheit geratener Song findet sich kurz vor Schluss: 'Die Schönheit der Sklaverei'. Dieser Song bietet eine unheimliche Bandbreite an verschiedenen Stimmungen und Emotionen und wirkt dabei wie aus einem Guss. Sei es die typische Raserei, die melancholischen Gitarrenmelodien oder das mittelalterliche Klavier: Besser kann man so einen Songtitel nicht umsetzen. Bleibt nur noch das überlange 'Von Ende der Welt…', was rein instrumental beschwingt und das Album mit wahrlich unheimlichen und bedrohlichen Soundkulissen beschließt. Ich bin einfach nur weiterhin begeistert von dieser Scheibe, da hier die Reiter alles konzentrieren, was ihre Frühphase ausmacht und sie keinerlei Abnutzungserscheinungen nach 25 Jahren aufweist. Die druckvolle Produktion von Andy Classen ballert immer noch und der damals 20-jährige Sir G. war ein mehr als nur amtlicher Ersatz für Skelleton. Wenn man über die Reiter spricht, MUSS dieses Album stets in der Top 3 sein. Für mich eines der besten Extreme-Metal-Alben aus Deutschland.
Volk-Man: "Unser erstes Label war pleite, aber wir hatten einen neuen Deal -Hammerheart aus Holland. Im Weimarer China-Restaurant "Shanghai" unterschrieben wir den "fetten Deal" (da war Skelleton noch in der Band). Später gabs Stress über die Ausrichtung der Musik und plötzlich hatten wir einen neuen Drummer, Sir G., in der Band. Es ging damals alles rasend schnell, den Sommer verbrachten wir in Hessen bei Andy Classen im Stage One Studio. Wenn wir nicht gerade aufnehmen mussten, zockten wir Nintendo, bis die Daumen blutig waren. Alf Svensson von AT THE GATES zeichnete unser Artwork und im Winter gab es die erste Nightlinertour durch halb Europa mit den Amis BROKEN HOPE und MACABRE."
Have A Nice Trip (2003)
Fuchs: "Ich kam gerade aus Australien zurück, und mein Kopf platzte vor neuen Ideen – es musste alles mehr werden, oder weniger. Didgeridoo, Maultrommeln, fette Streicher. Zum ersten Mal arbeiteten wir digital, denn Andy hatte inzwischen aufgerüstet. Nun war plötzlich vieles möglich, und wir nutzten das neue Spielzeug."
Wie "Have A Nice Trip" damals die Fans völlig zur Entrüstung getrieben haben muss, kann ich mir nur zu gut vorstellen. Dieses Album ist selbst im Reiter-Universum ein Regenbogen, der in wirklich allen Farben leuchtet und an Irrwitz kaum zu überbieten ist. Dabei wird man anfangs mit 'Vier Reiter stehen bereit' noch schön ruppig umgarnt, überrannt und verprügelt. Der hymnische und mit allerhand Klavier- und Synthkaskaden ausgestattete Refrain lässt ein wenig erahnen, was noch folgen sollte. Das zackige 'Warum' erhöht den Einsatz der Elektronik merklich und schiebt sich bedrohlich nach vorn und wirkt bereits… fremdartig. Doch spätestens mit dem treibenden und leidenschaftlichen 'Sehnsucht' dürfte die Verwirrung komplett gewesen sein. Überaus melodische Gitarren und perkussive Elemente geben hier den Ton an und nehmen den Hörer auf eine Reise. So ein Kleinod, was die erste gewaltige Zäsur in der Reiter-Geschichte sein sollte. Doch ab jetzt bricht nahezu jeder folgende Song ein Tabu. 'Terra Nola' lässt den Reiter-Sound nun so richtig in klassischen Rock abdriften, von Metal kann hier kaum noch die Rede sein. "Have A Nice Trip" ist selbst für Reiter-Verhältnisse ein Paradiesvogel mit einem unüberschaubaren Einfluss-Overkill. Regeln gab es spätestens seit diesem Werk nicht mehr. Das geht bei dem spanischen 'Baila Conmigo' los und endet bei dem poppigen 'Das Paradies', wo Fuchs Sprechgesang anwendet und eine weitere Grenze überschreitet. Spätestens zu diesem Zeitpunkt haben einige Verehrer der vorangegangenen Alben schrill kreischend das Weite gesucht. Und vermutlich die Frage in den Raum gestellt, welche Musiker hier die Reiter im Studio überfallen haben, gefesselt und geknebelt in den Heizungskeller bei Wasser und Brot verbannt haben. Der Sprung ist einfach nur gewaltig. Hier hat die Band jegliche denkbaren Grenzen gesprengt und dabei den Mut gehabt, alles über den Haufen zu werfen und dabei billigend in Kauf zu nehmen, dass die Fans das alles nicht mit- und ertragen wollen. Selbst nach über 20 Jahren klingt "Have A Nice Trip" so frisch und innovativ wie kaum ein anderes Werk der Band. Hier geben sich True-Metal-Hymnen ('We Will Never Die') und orientalische Black-Metal-Eskapaden ('Fatima', auch ein vollkommen übersehener Track) die Klinke in die Hand, was auf dem Papier nicht funktionieren kann.
Doch gerade, weil "Have A Nice Trip" so bunt ist, so grenzenlos, so packend, gelingt hier nahezu alles. Wenn DIE APOKALYPTISCHEN REITER jemals sowas wie Grenzen oder gar Ketten kannten, wurden diese hier gesprengt. Waren bislang Wut, Hass, Trauer bestimmend, gibt es hier eine komplette Palette an Emotionen. Das treibende 'Ride On' mit seinem funkigen und schrulligen Keyboard wird vom chaotischen und hochenergetischen 'Du kleiner Wicht' abgelöst, was direkt auffordert, den Restverstand in einer Flasche inseliger Braukunst zu versenken und dabei eine Anzeige für Erregung öffentlichen Ärgernisses zu kassieren. Im nächsten Moment betritt das philosophische 'Komm' den Reigen, was ich weiterhin für einen der hellsten Sterne am Firmament deutscher Metal-Musik halte. Einer der besten Songs, den diese Band zu bieten hat und ein unbedingter Anspieltipp. Da verkommt es fast zur Randnotiz, dass 'Wo die Geister ganz still sterben' zum Ende hin einen krassen Gegenpol darstellt und die alte Raserei bis zum letzten Tropfen auskostet. Es verkommt ebenfalls fast zur einer Randnotiz, dass sich dann doch mal ein MANOWAR-Cover von 'Masters Of The Wind' im Œuvre der Band befindet. Steinigt mich, aber das ist gut gelungen. Auch wenn man das streng genommen nicht macht. Abschließend lässt sich sagen: "Have A Nice Trip" war dann der endgültige Startschuss für das, was die Reiter sein wollten und es ist in seiner Diversität auch im Reiter-Kosmos einzigartig, herausfordernd und nicht bequem.
Volk-Man: "Eumel ging sechs Monate nach Australien und kam als Fuchs zurück. Kurz vor Weihnachten hatte mich Markus Staiger (Nuclear Blast) auf dem Festnetz in Apolda angerufen und sich "entschuldigt", dass er uns noch nicht mit "All You Need Is Love" (Absolutes Killer-Album – O-Ton) unter Vertrag genommen hatte. Mit Hammerheart hatten wir uns überworfen (sie hatten uns bei den Tantiemen beschissen), zum Glück hatten wir einen guten Anwalt und der Vertrag wurde aufgelöst. Mit dem Album ging es erstmal in die Charts und später zusammen mit MARDUK, TESTAMENT und PRO-PAIN auf Europatour. Wir merkten aber schnell: Als Support-Band brennst du aus und hast nix in der Tasche. Also lieber selbst Headliner-Touren machen. Hat auch geklappt: "Powernights" 2004 war unsere erste eigene Clubshow. Legendär."
Samurai (2004)
Fuchs: "Für "Samurai" gingen wir nach Dänemark zu Tue Madsen. Das Studio lag traumhaft schön, in der Nähe des Meeres. Leider waren die Arbeitstage recht kurz, da Tues Frau ihn gern für sich beanspruchte – was Einfluss auf unser Feierverhalten hatte. Das Haus war ein echter Szenetreff, täglich kamen irgendwelche Bands vorbei, und alle hatten immer furchtbar gute Laune.
Etwa 80% des Materials waren schon aufgenommen, als Tue uns eröffnete, dass seine Festplatte den Geist aufgegeben hatte. Wir hatten uns innerlich schon damit abgefunden, noch fünf weitere Wochen dänischen Sommer zu genießen – bis die Entwarnung kam. "Samurai" war übrigens das erste Reiter-Album, das ich nicht als Gitarrist eingespielt habe."
"Samurai" ist für mich ein sehr schwer greifbares Album. Es hat eine typisch kernige Tue Madsen-Produktion, die unheimlich "saftig" klingt und dazu mehr eine Rock-Attitüde als alles davor und alles danach. Es gibt hier leicht tänzelnd auf die Zwölf und bietet viele Perlen, die leider ein wenig in den Hintergrund gerückt sind. Alleine schon im treffend betitelten Opener 'Wahnsinn' überschlägt sich Fuchs fast und man denkt, der Song fliegt jede Sekunde aus der nächsten Kurve. Genauso wie das passend betitelte 'Rock 'n Roll'', dessen Halsschlagader schon bedrohlich nah am Platzen ist. Auf der anderen Seite hat sich mit 'Lazy Day' auch eine astreine Reggae-Nummer eingeschlichen, die eigentlich unmöglich funktionieren kann. Weder im Albumkontext noch losgelöst davon. Eigentlich. In diese Bresche springt auch das glücksbesoffene 'Eruption', was zum einen leicht tänzelnd "Carpe Diem" besingt, um dann immer wieder Nackenschläge einzustreuen. Es funktioniert dennoch und erweitert den stilistischen Spagat dann doch wieder ein ganzes Stück. Daneben gibt es pathetische Hymnen wie 'Silence Of Sorrow' oder das mörderisch groovende 'Barmherzigkeit', wo ich beim Text jedes Mal aufs Neue grinsen muss. Der nächste Punkt auf der Reiter-Checkliste: Mörderisches, quasi frühzeitliches Geprügel: Das gibt es natürlich auch wieder, passend betitelt mit 'Der Teufel', wo in erster Linie zum Gehörnten geholzt wird. Doch die Zeit der ständigen 180 auf der Autobahn sind spätestens mit "Samurai" vorbei, kredenzt die Band hier noch einen eingängigen Refrain, der… ich kann diese Vergleiche nicht ausstehen, aber durch Fuchs' Gesang deutliche Reminiszenzen an Till Lindemann erwecken lässt.
Was ist eigentlich mit dem Song und dem Liveset passiert? Mit 'Reitermaniacs' werden auch erneut die Fans besungen mit einer Hymne, die anfangs nicht so recht aus ihrem dramatischen Quark kommen möchte, aber sich dann im Laufe immer wieder steigert und förmlich darum bettelt, dass man die Fäuste dazu in die Höhe reckt. Wenn man über "Samurai" spricht, muss man zwangsläufig 'Die Sonne scheint' erwähnen, was die gute Laune in Tüten ist und wohl das erstmals ausgesprochen hat, was sich jeder gedacht hat, wenn das Leben richtig gut läuft. Ein weiteres Kleinod verbirgt sich mit 'Roll My Heart', was sehr gut den Spagat zwischen Schönheit und purer Energie schafft und einfach nur schön ist. Oder nehmen wir das folgende 'Hey-Ho', was zwischenzeitlich die Dramatik in maximale Höhen schraubt, wenn es mal nicht ordentlich groovt. Nur mit dem wortwörtlichen Schlusslicht 'Northern Lights' werde ich nicht warm. Hier hat die Band einen Ausflug in seichte Easy-Listening oder gar Ambient-Gefilde unternommen. Obwohl ich auch dieses Album mag, habe ich den Titel selbst nie so ganz verstanden und was die Songs damit zu tun haben. Es gibt keinerlei asiatische Einflüsse, das Cover ist auch ziemlich wild. "Samurai" ist der Underdog der gesamten Diskografie, der für die Route steht, den die Reiter noch nehmen werden, dabei aber weder so bunt wie "Have A Nice Trip" oder so gnadenlos wie "All You Need Is Love" ist. "Samurai" war auch das letzte Album, auf dem ein Großteil der Texte auf Englisch gehalten wurde, was danach immer seltener wurde und zwischenzeitlich komplett verschwunden ist.
Volk-Man: "Schöne Sommertage bei Tue Madsen in Dänemark. Bisschen Chaos bei den Aufnahmen, da die Festplatte mitten in der Produktion kaputtging und Tue kein Backup hatte, der alte Schlawiner. Ein Crack aus Kopenhagen bekam sie nach fünf Tagen wieder zum Laufen, in der Zwischenzeit hatten wir Ferien und unbegrenzten Zugang zur Aarhus-Szene samt Marihuana-Flatrate. Am Ende der Produktion gingen wir mit ILLDISPOSED auf eine Mottoparty. Sie als Zuhälter, wir als Hippies. Naja, passte irgendwie auch. Wir waren nun offiziell zu fünft. Pitrone (aus Erfurt) übernahm die Gitarre. Good times."
Riders On The Storm (2006)
Volk-Man: "Sturm-und-Drang-Phase bei den Reitern. Auf dem Album verdichtete sich der Reiter-Spirit der Nullerjahre. Davon spielen wir immer noch sehr viel live – unser Evergreen-Album. Damit schafften wir auch erstmals den Sprung nach Russland und in die Ukraine. Mittlerweile haben wir (vor dem Krieg) fünf Touren dort absolviert. Richtig schlimm, dass das nun nicht mehr geht. Die erste Tour war vermutlich das Krasseste, was man so in Sachen Tourleben, Exzessen und Alkohol erleben durfte. Dass wir alle da lebend und ohne Knast rausgekommen sind, grenzt an ein Wunder."
"Riders On The Storm" ist tatsächlich in vielerlei Hinsicht die Essenz dessen, was die Band ausmacht. Selten gab es so viele Hits auf einmal, die sich auch bis zum heutigen Tag im Live-Set der Band gehalten haben. Ohne Zweifel kann man hier vom Hit-Album der Band reden, wie ein Best-of, nur mit neuen Songs. Sei es einer DER Klassiker mit 'Friede sei mit dir', was 100% den Reitergeist atmet und dabei die ungestüme mit der hymnischen Seite perfekt verbindet. Der darauf folgende Titelsong wechselt passend zwischen den deutschen Strophen und dem englischen Refrain hin und her und tritt dabei ordentlich auf die Tube. Der 'Seemann' ist im Anschluss direkt die nächste Konstante im Liveset der Band, die eigentlich jedes Mal kommen muss, liegt es auch an der hohen Tanzbarkeit der Nummer, dem lebensfrohen Text oder auch der sprachlichen Dreifaltigkeit. Den Song hatte ich eine Zeitlang satt, aber irgendwie gehört 'Seemann' auch dazu. Dass während der Darbietung Seemannsbräute aus dem Publikum auf ein Boot gepackt wurden, fand an der Stelle ebenfalls seinen Anfang. Der Ausdruck der Freiheit war etwas, was dem Stück 'Der Adler' in jeder Note innewohnt. So ein majestätischer, effektiver Song, der von Endlosigkeit erzählt. 'Revolution' überrascht mit seinem Ska-beeinflussten Refrain, der sich homogen einfügt und sofort im Ohr haften bleibt. Die erste Hälfte ist einfach nur sackstark, dabei eingängig und mitreißend. Daran ändert sich dann bis zum letzten Ton nicht wirklich etwas. 'Wenn ich träume' ist auch einer dieser Reiter-Songs, die alles in sich vereinen, was den Reiter-Spirit ausmacht: die hohe Energie, die Sehnsucht und Lust nach Freiheit in jedem Aspekt des Lebens. Schmerzlich aktuell klagt im Anschluss 'Soldaten dieser Erde' die Sinnlosigkeit von Krieg an und trifft gerade in den heutigen Zeiten einen Nerv. Direkt danach beruhigt das Instrumental 'In The Land Of White Horses' die Nerven, lässt mich mit seinen heroischen Melodien aber irgendwie an einen Disneyfilm denken. Ein bisschen käsig. Und doch schön. Wobei das direkt ein gutes Stichwort ist. Es folgt der Makel von "Riders On The Storm". 'Liebe' und vor allem 'Schenk mir heut Nacht' versprühen leichten Fremdscham und ich bin fast verleitet, diese beiden Songs als "Horny-Suite" zu titulieren. Ist 'Liebe' eine Halbballade und entsprechend rührselig, kommt letzterer in Metaphern verklausuliert reichlich lüstern daher und ist in seiner Gesamtheit eher verzichtbar. Dafür knallt dann der Schlussspurt wieder rein und entschädigt angemessen. 'Himmelskind' ist direkt im Anschluss ein epischer Knaller, der sofort von der Leine gelassen wird und gegen Ende wieder alles zertrümmert, was sich nicht gegen einen Orkan der Stärke 12 entsprechend gesichert hat. Knaller! Doch gerade "Riders On The Storm" hat dann im Bonusabteil noch etwas zu bieten, was an dieser Stelle erwähnt werden muss. 'Feuer' ist wieder so ein Song, wie er typischer für die neuen Reiter nicht sein könnte und 'Mmmh' ist mit seiner meditativen Art und dem drückenden Ende für mich einer der übersehenen Kleinode im Arsenal der Band, welches viel zu selten gewürdigt wird. Da macht es dann auch nichts, dass sich die englische Variante von 'Friede sei mit dir', namentlich 'Peace May Be With You' grundsätzlich falsch anfühlt und zeigt, wie sehr eine andere Sprache den Charakter eines Songs beeinflussen kann.
"Riders On The Storm" ist der Startschuss für alles, was die kommenden Jahre folgen sollte und als solches ein großer Eckpfeiler in der gesamten Diskografie. Es gibt hier Hits am Fließband, nur kleinere Peinlichkeiten, aber dafür immer 100% Reitergeist. Dieses und das folgende Album sind dabei am ehesten für den Einstieg in das Universum der Band geeignet, will man sich nicht gleich Hals über Kopf in den wüsten Wahnsinn der Frühphase begeben. Davon ist bei "Riders On The Storm" nur noch wenig übriggeblieben.
Fuchs: "Zum ersten Mal arbeiteten wir in den Principal Studios – Luxus pur. Mehrere Räume, in denen gleichzeitig produziert wurde, und das gefühlt 23 Stunden am Tag. Es gab sogar ein eigenes Kino und eine heilige Putzfrau. Wir mussten uns um nichts kümmern – außer um unsere Musik."
- Redakteur:
- Kevin Hunger





