JINJER: Interview mit Roman Ibramchalilow
29.01.2026 | 15:28"Und so fangen Schlägereien an. Ja... Morgens ging es dann noch zur Polizei."
Ich hatte mich im Oktober mit Roman Ibramchalilow von JINJER zusammengesetzt, kurz bevor es für ihn in die USA zur Tour mit TRIVIUM ging. Nachdem wir über den obligatorischen Weihnachtsgeschenkekaufstress gesprochen hatten, ging es aber natürlich in erster Linie um die anstehende Europatour von JINJER – und auch darum, warum er schon mal eine Tour mit einem blauen Auge zu Ende spielen musste.
Hallo Roman, ihr startet ja in ein paar Tagen eure Nordamerika-Tour mit TRIVIUM. Wie laufen die Vorbereitungen?
Oh, wir sind in der Endphase. Ich bereite mein Equipment, meine Gitarren und alles andere vor. Ich probe fast täglich mit Wlad, weil wir in derselben Stadt sind. Wir versuchen, jeden Tag zu proben, alles ist vorbereitet. Es werden neun oder zehn Songs sein. Also läuft alles super.
Wir werden vor der Tour zwei Vorproduktionsproben in den USA mit Tatiana und Eugene haben um sicherzustellen, dass alles funktioniert, von unseren Technikern über die Beleuchtung bis hin zu allem anderen. Das ist ein üblicher Ablauf für uns, nichts Besonderes. Wir bereiten einfach alles so vor, dass es reibungslos läuft.
Wie bereitest du dein Equipment für eine Tour vor? Gibt es etwas Besonderes, das du beachten musst?
Bei dieser Tour muss ich die Gitarren pflegen, zum Beispiel die Saiten wechseln und alles ausmessen, wie die Saitenhöhe und so. Dafür habe ich jemanden hier in Polen, in Warschau, der außerdem als Gitarrentechniker für uns in Europa arbeitet. Er kümmert sich gut um alle meine Gitarren.
Und mit dem Equipment ist es nicht so kompliziert. Es ist ein Quad Cortex, Verstärker und Boxen. Alles ist also schon vorbereitet.
Die Tour geht bis Mitte Dezember, und im Januar startet dann die Europatournee. Freust du dich schon auf die freie Zeit über die Weihnachtsfeiertage?
Ja, wir haben am 14. Dezember die letzte Show mit TRIVIUM. Danach fliegen wir nach Hause, und dann gibt es Weihnachten und Silvester. Da ist nichts Besonderes geplant, wir sind einfach zu Hause und entspannen uns.
Da du ja einen Monat lang in den USA bist, musst du die Weihnachtsgeschenke schon besorgen oder machst du das erst nach deiner Rückkehr?
Wir kommen Mitte Dezember zurück, also ist noch etwas Zeit bis Weihnachten. Aber ja, es ist jedes Mal schwierig, wenn man um die Weihnachtszeit tourt. Man hat keine Zeit, unterwegs Geschenke zu kaufen, und dann muss man hier in die Einkaufszentren hetzen, wo alles ausverkauft ist und so weiter.
Ich erinnere mich an Jahre, als wir mit der Tour am 23. oder 24. fertig waren und dann sind wir am Weihnachtsabend geflogen. Total verrückt.
Ihr seid ja eine der Bands, die gefühlt ständig auf Tour sind. Spürt ihr die Belastung durch das ständige Unterwegssein oder ist es für euch mittlerweile Routine?
Wir touren gar nicht so viel. Aber aus eurer Sicht touren wir wahrscheinlich ständig. Ich glaube, wir sind ungefähr ein halbes Jahr auf Tour. Letztes Jahr hatten wir neun Monate Pause, um das Album zu komponieren und aufzunehmen.
Aber für uns ist das nichts Besonderes. Wir machen das schon seit – ich weiß nicht mehr genau seit welchem Jahr, aber seit 2017 oder 2018. Wir versuchen viel zu touren, aber es wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Man wird ja nicht jünger, aber es geht noch. Wir vermissen aber auch sehr unser Zuhause. Auf Tour vermisst man es, und wenn man zu Hause sitzt, vermisst man die Tourtage. Es ist also ein zweischneidiges Schwert. Gemischte Gefühle.
Das kann ich mir vorstellen. Magst du lieber den Tourbeginn oder das Ende, wenn man bald wieder zu Hause ist?
Ich persönlich mag die erste Tourwoche lieber. Da ist alles wieder neu, man kommt in Form. Fünf Konzerte sind für mich das Minimum, um mich richtig auf Tour zu fühlen, also auf der Bühne zu stehen und im Tourbus zu sein. Also so fünf, sechs, sieben Tage, und dann ist bis zum Ende der Tour alles entspannt. Zumindest wenn nichts Besonderes passiert, ist alles okay.
Auf der kommenden Tour sehe ich euch in Hamburg. Es ist der letzte Tourtag. Bis dahin sollte also alles in Ordnung sein.
Oh ja. Aber wisst ihr, manchmal streikt das Equipment zum Tourende. Man weiß ja nie, was passiert, aber dann kann es schon mal passieren, dass das Equipment einen im Stich lässt.
Das stimmt. Anfang letzen Jahres ist euer neues Album "Duél" erschienen. Wie war der Songwriting-Prozess dafür?
Wie die meisten Songs wurden auch diese größtenteils von Wlad geschrieben, Eugene hat auch komponiert. Ich habe diesmal nicht komponiert, sondern habe mich auf die Vorproduktion, die Aufnahmen und die Tontechnik konzentriert. Wir sitzen viel mit Wlad im Proberaum und versuchen, alles aufzunehmen: verschiedene Schlagzeugfelle, Snare-Drums, verschiedene Röhren und Verstärker, verschiedene Lautsprecher, Mikrofone und so weiter.
Es hat ewig gedauert, aber wir hatten viel Spaß dabei. Wir haben alles vorab aufgenommen, es dann an Tati geschickt und anschließend mit Vorproduktion und Produktion neu aufgenommen. Da wurden dann einige Teile der Songs verändert, aber ich glaube, 99% sind gleich geblieben.
Es ist ja sehr ungewöhnlich für eine Metal-Band, dass der Schlagzeuger den Großteil der Musik schreibt. Wie fühlt sich das für dich an?
Es ist ja schon sein zweites Album. Ich habe kein Bedürfnis, den Schlagzeuger am Schreiben zu hindern, denn seine Songs sind großartig. Ich spiele sie unheimlich gern, und es gibt eine ganz andere Perspektive auf die Gitarre. Es ist ein völlig anderer Ansatz für Riffs. Ich liebe Wlads Stil, rhythmisch und melodisch. Er unterscheidet sich von meinem, aber ich mag ihn. Ich habe also keinerlei Zweifel daran. Es ist einfach super.
Ich meine, der Erfolg gibt euch recht. Wenn ich mich nicht irre, ist Wlad nach "King Of Everything" dazugekommen.
Ja, 2016.
Und seitdem geht es für euch einfach nur noch bergauf.
Ja, sein Auftreten hat in der Band einges verändert. Er ist nicht nur ein guter Schlagzeuger, sondern hat auch eine ganz eigene Sicht auf Musik und Songtexte. Das hilft JINJER als Band enorm.
Für uns in Europa ist jetzt das Wichtigste, dass ihr im Januar zurückkommt und auf große Tour geht. Eure erste Headliner-Tour seit Ewigkeiten, sozusagen.
Die erste seit 2019, ja.
Was können die Leute von einer JINJER-Headliner-Tour erwarten?
Wir werden eine etwas größere Produktion auf die Beine stellen als sonst. Und wir werden größtenteils die Songs aus "Duél" spielen, weil es die erste richtige große Europatour seit der Albumveröffentlichung ist. Aber was die Show angeht, verrate ich noch nichts, wir wollen euch ja ein bisschen überraschen.
Die Produktion wird aber größer ausfallen. Wir arbeiten an ein paar Sachen, Licht, Videos und so weiter für die Bühne. Also ja, in dieser Hinsicht wird es anders sein.
Und von der Bandseite wird es genauso sein wie immer. Wir werden jeden Tag versuchen, die bestmögliche Show abzuliefern.
Immer wenn ich euch gesehen habe, habt ihr nicht enttäuscht.
Was kannst du uns über die Support-Bands erzählen? Ihr kommt ja nicht allein. Ihr bringt UNPROCESSED und TEXTURES mit.
Ich freue mich riesig, mit ihnen auf Tour zu gehen, denn TEXTURES ist eine großartige Band, die jetzt wiedervereint ist. Ich möchte sie unbedingt mal live sehen, da ich sie noch nie live gesehen habe.
Und UNPROCESSED kennen wir ja schon, wir spielten schon ein paar Konzerte zusammen. Ich glaube, das erste Konzert mit ihnen war 2018 oder 2019. Und letzten Sommer haben wir dann ein paar Konzerte mit ihnen und IN FLAMES gespielt.
Also, ja, super Typen. Und auch großartige Musiker. Ich freue mich riesig auf die Tour mit diesen beiden Bands, weil sie einfach ein richtig progressives Paket sind.
Eine andere Band, die JINJER immer wieder als großen Einfluss nennt, ist SEPULTURA. Mit der wart ihr auf der letzten Europatour. Wie fühlt es sich an, mit den Bands auf der Bühne zu stehen, zu denen du als Kind aufgeschaut hast?
Das ist ein unglaubliches Gefühl. Wlad ist der größte SEPULTURA-Fan von uns. Ich kannte die Band nicht ganz so gut, aber sie sind Legenden und haben großartige Songs.
Ich hatte auch die Ehre, während der Corona-Zeit mit ihnen für "SepulQuarta" den Song 'Meaningless Movements' zu spielen. Sie haben mir Schlagzeug- und Gitarrentracks geschickt, und ich habe die Gitarre zu Hause aufgenommen. Das Ganze haben wir dann als Video auf YouTube hochgeladen.
Es ist toll, mit diesen Legenden auf Tour zu sein, denn als Kinder haben wir alle diese Bands gehört. Und jetzt spiele ich auf derselben Bühne, schüttle Hände und hänge mit ihnen ab. Echt super, Mann.
Wenn du dir eine andere Band aussuchen könntest, mit der du spielen und die Bühne teilen würdest, wen würdest du wählen?
Ich persönlich? Lass mich kurz überlegen. Ich weiß nicht. Wir haben ja schon mit SLIPKNOT gespielt, die standen oben auf der Liste...
SYSTEM OF A DOWN oder so was in der Art. Ich war ein großer Fan von SYSTEM OF A DOWN und auch von allem Nu Metal.
SYSTEM kommt nächstes Jahr auf Tour...
Ja. Aber ohne uns. Die spielen in Arenen und Stadien. Aber es wäre toll, mit meinen Lieblingsbands zu touren, mit denen ich aufgewachsen bin. Und ich denke, es wäre auch super, mit der Originalbesetzung von PANTERA zu touren, aber leider geht das ja nicht mehr.
Lass uns zum Abschluss des Interviews über vergangene Shows reden. Eine besondere Erinnerung an ein Konzert in Deutschland?
Ein Konzert in Deutschland? Lass mich überlegen. Eine schöne oder eine schlechte Erinnerung?
Nehmen wir beides.
Ich genieße es jedes Mal, im "Backstage" in München zu spielen. Als JINJER anfing, spielten wir im kleinsten Raum. Dann kamen wir in den größeren und schließlich in den größten. Ich glaube, es sind drei Räume. Und der Garten noch. Als wir das erste Mal dort waren, dachte ich: So einen Veranstaltungskomplex habe ich noch nie gesehen.
In Europa ist das nicht unüblich, aber damals aus der Ukraine kommend, war das etwas Besonderes. So etwas kannten wir vorher nicht. Und es gab auch Unterkünfte im Komplex für die Leute, so eine Art Hostel. Die Leute konnten dort übernachten und einfach weiterreisen. So etwas kannten wir in der Ukraine nicht. Das hat mich beeindruckt. Und jedes Mal, wenn wir dort waren, fanden wir das alles sehr cool.
Und die schlechte Erinnerung: Wir spielten 2018/19 in Frankfurt. Gegen 3 Uhr morgens kamen wir in unserem Hotel an. Wir hielten mit unserem Sprinter an der Rezeption. Unser Tontechniker saß am Steuer. Das Fenster war offen. Wir wollten die Rezeption bitten, das Tor zu öffnen, damit wir in den Hof fahren konnten. Da warf irgendein Typ unserem Tontechniker eine Dose an den Kopf. Und so fangen Schlägereien an. Ja... Morgens ging es dann noch zur Polizei.
Die nächste Show spielte ich dann mit blauem Auge. Die war ein paar Autostunden von Frankfurt entfernt, aber wir waren pünktlich. Ich spielte mit Sonnenbrille. Und es war die letzte Show unserer Tour.
Nach diesem letzten Festival fuhren wir nach Hause. An der Grenze fragten sie mich, ob ich gekämpft hätte. Ich meinte nur: "Ach, nein, alles gut." Ich hatte alle polizeilichen Dokumente, die belegten, dass ich das Opfer war und nicht angefangen hatte.
Dann hoffen wir mal, dass es auf dieser Europatournee keine Schlägereien gibt.
Haha, ja, aber man weiß ja nie.
Das stimmt. Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast! Ich freue mich schon sehr auf die Show. Wie gesagt, ich habe immer eine tolle Zeit bei JINJER-Konzerten. Die Musik und Stimmung sind immer fantastisch.
Vielen Dank. Schönen Abend noch. Wir sehen uns in Hamburg.
Die Livebilder stammen von den JINJER-Auftritten bei "Rock im Park" 2025 und "Nova Rock" 2025.
- Redakteur:
- Chris Schantzen





