KREATOR - Himmel, Hass & Zerstörung
09.01.2026 | 23:53Biografie, Film, neues Album, 40 Jahre "Pleasure To Kill" - KREATOR denkt nicht ans Aufhören und ist aktiver denn je!
Mille hat seine Biografie "Your Heaven, My Hell" veröffentlicht und quasi parallel dazu war der Film "Hate And Hope" in den Kinos. Als wäre das nicht schon genug Material für ein Gespräch, kündigte KREATOR auch noch das nächste Album "Krusher Of The World" für den Januar an. Mille und Fred von KREATOR standen uns für ein Interview im Rahmen des Promotages in Berlin Rede und Antwort. "Leider" erfolgte das Interview via Zoom, was zu einer seltsamen Situation direkt zu Beginn führt. Lest hier also, was Mille und Fred zu berichten hatten.
Hallo zusammen, alles in Ordnung bei euch?
Mille: Hallo! Ja, alles gut ... sogar sehr gut.
Das ist irgendwie seltsam. Mille kommt aus Essen und ich komme auch aus Essen, aber ihr beide seid in Berlin und wir müssen Englisch sprechen.
Mille: Wo genau in Essen?
Aus Huttrop.
Mille: Huttrop? Ah, okay, ich komme aus Werden. Wobei ich in Altenessen aufgewachsen und dann erst nach Rüttenscheid und zuletzt nach Essen-Werden gezogen bin. Aber jetzt lebe ich hauptsächlich in Berlin. Ah, du trägst ein DARKNESS-Shirt. Ich war mit Olli, dem verstorbenen alten Sänger, recht gut befreundet. Die Band gibt es ja immer noch. Und Lacky, der Schlagzeuger, war der allererste Fotograf für KREATOR. Er hatte diese tolle Ausrüstung und hat all diese seltsam aussehenden Aufnahmen auf dem Friedhof und so weiter gemacht.
Ja, Lacky ist ein cooler Typ. Aber es soll ja um KREATOR gehen. Es ist aktuell bekannt, dass sich Tom Angelripper kürzlich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, aber du Mille, hast deine Biografie veröffentlicht, "Hope And Hate" ist in den Kinos gelaufen und im Januar erscheint ein neues Album. Es klingt also nicht so, als würde KREATOR kürzertreten, obwohl ihr ja jetzt schon fast 40 Jahre im Geschäft seid.
Mille: Genau, aber wir werden auf keinen Fall langsamer machen. Wir sind da eher wie die ROLLING STONES, solange wir leben, wird es die Band geben. Also mach dir keine Sorgen. Ich sehe keinen Grund dafür, langsamer zu machen oder gar aufzuhören. Ich liebe es, Musik zu machen und live aufzutreten und unterhalte mich gern mit Leuten. Ich genieße die Metal-Szene und fühle mich nicht ausgebrannt oder so. Ich denke, wir sind auch ziemlich fit. Wir sind also zumindest so lange hier, wie wir leben. Ganz ehrlich.
Das klingt gut. Kommen wir mal zu deinem Buch "Your Heaven, My Hell". Die Idee, ein Buch zu schreiben, entsteht oft spontan, nach dem Motto: "Ich werde ein Buch schreiben!" Aber die Umsetzung kann sehr anstrengend sein, denke ich mir. Im Buch selbst schreibst du, dass dir Arbeit im herkömmlichen Sinne, also ein typischer Acht-Stunden-Tag, nie wirklich Spaß gemacht hat. War das Schreiben dieses Buches eher mit dem Komponieren von Musik vergleichbar oder war es eher harte Arbeit, es fertigzustellen?
Mille: Ich weiß nicht, ob mir ein normaler Bürojob gefallen würde, weil ich das noch nie gemacht habe. Aber ich würde sagen, das Buch war in dem Sinne keine Arbeit. Es hat Spaß gemacht, daran zu arbeiten, weil ich mit Torsten Groß einen Co-Autor hatte. Wir saßen einfach in meiner Küche und unterhielten uns. Er nahm die Dinge auf, und dann schrieben wir sie auf. Naja ... er schrieb sie auf und ließ mich dann gegenlesen. Außerdem waren noch verschiedene Leute aus dem Verlagswesen beteiligt. Es war also schon ein gewisser Aufwand, aber es fühlte sich nicht wie Arbeit an. Es war eher ein gemütliches Beisammensein, bei dem wir über alte Zeiten geplaudert haben, was ich normalerweise nicht mache, eigentlich nie. Aber Torsten ist auch ein guter Freund und er versteht es, mir diese alten Geschichten zu entlocken. Ich war wirklich überrascht, wie viel ich noch wusste. Das ist wie eine Therapiesitzung, aber im positiven Sinne, denn Torsten und ich waren uns einig, dass wir niemanden bloßstellen oder alte Geschichten wieder aufwärmen wollten, sprich: Person XY war ein Arschloch oder sowas in der Art. Wir wollten, dass es Spaß macht und dass es ein inspirierendes Buch wird, das die Leute vielleicht dazu ermutigt, selbst eine Band zu gründen.
Das ist euch gelungen. Mir hat es gefallen.
Mille: Danke.
Aber es deckt nicht die gesamte Karriere von KREATOR ab. Besteht also die Möglichkeit, dass es in naher oder ferner Zukunft eine Fortsetzung geben wird?
Mille: Ja, es gibt Gespräche. Auch wenn die 90er für jede Metal-Band, besonders aber für uns, ein dunkles Kapitel waren. Es war wirklich eine schwierige Zeit. Das zweite Buch, falls es erscheint oder falls wir es überhaupt schreiben, wird etwas anders sein, vielleicht wird es ja auch ganz cool, das kommt halt drauf an. Aber wie gesagt, es gibt momentan noch keine konkreten Pläne, aber es wird zumindest darüber gesprochen.
Ja, die 90er. Ich erinnere mich. Da habe ich mich in KREATOR verliebt, aber es war eine schwere Zeit. Damals war ich ungefähr 14 und es war wirklich beschissen für den Metal, der in den 80ern groß geworden ist.
Mille: Es gab einfach eine sehr starke Metal-Szene, aber die hat sich in den Untergrund verlagert. Damals schien jeder andere Interessen zu haben. Und alles war gespalten. Es war ja so, dass man nicht gleichzeitig Grunge und Metal mögen konnte. Ich meine, in Deutschland spielten die Bands noch vor relativ vielen Zuschauern, aber sobald man außerhalb Deutschlands war, zum Beispiel in den USA, war es echt hart. Ich war damals in Seattle, und wir spielten in einem chinesischen Restaurant. Dann kam dieser Typ zu dem Konzert, den habe ich dort kennengelernt und er hat mir erzählt, dass er extra nach Seattle gezogen ist, um eine Grunge-Band zu gründen. Ich dachte nur: Was machst du da? Tja … das waren eben die 90er.
Kommen wir mal vom geschriebenen Wort zu den bewegten Bildern, nämlich eurem Film. Der Titel lautet "Hate And Hope". Ihr wurdet dabei in verschiedenen Situationen auf Tour gefilmt. Ist das nicht eine ziemlich merkwürdige Situation? Du bist es ja gewohnt, dass sich während deiner Auftritte auf der Bühne alle Blicke auf dich richten. Aber dieser Film fängt auch Soundchecks oder private Momente ein, einfach alles. Sogar Fred, als Ventor ihn tätowiert. War das nicht eine seltsame Situation? Da ist jemand mit einer Kamera und man weiß ja nie, ob die Szene am Ende im Film landet und das nicht ein paar Leute im Kino sehen werden.
Fred: Heutzutage hat man ja ein Medienteam, das einen auf Tour begleitet und jeden Tag irgendwas postet. Es ist also nicht fremd, ständig von Leuten verfolgt zu werden. Das hier war aber schon extremer, weil sie uns wirklich fast die ganze Zeit gefolgt sind und weil es einfach eine größere Kamera war, also professionelles Equipment und so weiter, war es einfach sehr auffällig. Deshalb war es nicht so leicht zu vergessen, dass sie da sind, aber es war auch nicht so schlimm. Nur manchmal wollten wir einfach unsere Privatsphäre, und sie haben diese Privatsphäre einfach verletzt. Aber sie brauchten ja etwas, sie brauchten Inhalte. Wenn man die Ergebnisse sieht, ist es eigentlich ganz gut, dass sie uns quasi dazu gezwungen haben, dass sie immer die Kamera draufhalten dürfen. Ich nehme immer das Beispiel Japan. Wir hatten die Show gerade beendet und ich wollte einfach nur mein Shirt ausziehen. Einfach so: "Okay, wir brauchen etwas Privatsphäre." Die Antwort war: "Nein, nein, nein, nein, nein!" Ich denke mir nur: "Okay, gut, macht, was ihr wollt." Aber ich finde, das Ergebnis, diese Szene im Film ist einfach großartig. Für mich war es eigentlich kein Problem. War es das für dich, Mille?
Mille: Für mich war es damals ein Problem. Aber wir wussten, worauf wir uns einlassen. Wir wussten, dass es zeitweise schwierig werden würde, aber es war auch eine wertvolle Erfahrung. Und ich bin froh, dass wir mit Cordula Kablitz-Post zusammengearbeitet haben, denn sie ist eine fantastische Regisseurin. Das hatte natürlich seinen Preis. Die Privatsphäre wurde, wie Fred schon sagte, etwas verletzt. Wir hatten aber innerhalb der Band Gespräche mit ihr. Aber als wir den Film sahen, war alles vorbei, und alle dachten: "Super. Vielen Dank, das ist fantastisch." Aufgenommen wurde natürlich viel mehr, als man im Film sieht. Ich glaube, sie hatten ungefähr 200 Stunden an Material. Es war schon etwas anstrengend, aber es gibt Schlimmeres im Leben. Aber wir haben es überlebt. Seht uns an. Ich finde es auch schön, dass der Film gerade jetzt erscheint, denn wie du schon sagtest, sind wir ja immer noch eine aktive Band. Und was mir an dem Film gefällt, ist, dass er keine Nostalgie-Reise ist. Er erinnert mich nicht so sehr an die Zeit, als wir alle in den 80ern jung waren, es geht vielmehr darum, wie die aktuelle Situation ist. Hier stehen wir. Das sind wir. Es ist kein Film, in dem die Leute über Dinge reden, wie zum Beispiel: "Ja, und dann haben wir dieses Album gemacht und dann kam der Typ zur Band." Solche Dokumentarfilme sind meiner Meinung nach langweilig. Und Cordula wollte das auch nicht. Sie hatte also eine Vision und brauchte natürlich viel Material, das war manchmal anstrengend. Aber die Ergebnisse sind erstaunlich.
Ja, absolut. Ich habe den Film im Kino gesehen und er hat mir sehr gut gefallen. Du hast ja schon die schwierigen Zeiten erwähnt. Ich war wirklich beeindruckt, dass das Ende des Sets von "Clash Of The Ruhrpott" in dieser Dokumentation gezeigt wurde, denn ich erinnere mich, dass ich zu Hause saß und in der Ferne Donner und Regen hörte. Ich hatte keine Ahnung, dass das zum Abbruch dieses Konzerts führen würde. Das war für euch keine einfache Situation, was habt ihr da empfunden?
Mille: Man muss verstehen, dass wir sehr viel Arbeit reingesteckt haben, es war ja ein selbst organisiertes Festival. Der ganze Druck lag also auf uns. Wir haben extra für dieses Festival eine Vorproduktion gemacht, wir hatten uns ein Set von einer Stunde und 45 Minuten vorgestellt, also ein sehr langes Set, aufgeteilt in drei Abschnitte. Der erste Teil bestand aus aktuellen Songs und einigen Highlights. Dann ging es direkt zum zweiten Teil über, für den wir die Bühne extra umgestaltet haben. Wir wollten so altes Lichtequipment aus den 80ern auf die Bühne bringen, um die richtige 80er-Jahre-Atmosphäre für dieses Konzert zu schaffen. Wir hatten vor, 40 Minuten lang Old-School-Songs zu spielen, also nur so selten gespielte Hits, wie zum Beispiel 'Rippin' Corpse'. Wir haben also zwei Lieder von dem zweiten Set gespielt, dann kam das Gewitter und wir dachten alle nur: Na ja, das ist einfach nur Mist. Meine erste Reaktion war: Lasst uns einfach weiterspielen.
Fred: Mir ging es genauso. Aber dann hörten wir unsere beiden Tontechniker in unseren In-Ear-Monitoren reden. Es hieß einfach: "Ihr müsst evakuieren." Am Ende des Liedes denkt man sich nur: "Was?" Man braucht also ungefähr zwei Sekunden, um zu realisieren, dass der Tontechniker derjenige ist, der da in deinem Ohr spricht. Und ich denke mir nur: "Vielleicht übertreibt er einfach, so schlimm ist es doch gar nicht." Denn es sah für uns auf der Bühne gar nicht so schlecht aus. Es war nur windig und ein bisschen regnerisch.
Mille: Schon beim Verlassen der Bühne, war es, wie du sagtest, eher noch nur etwas windig und regnerisch. Aber dann, ungefähr zehn Minuten später, waren alle weg und dann schüttete es wie aus Eimern.
Fred: Und dann ergab es total Sinn. Sicherheit geht vor. Denn es hätte viel schlimmer kommen können. Wir spielten an dem Abend trotzdem noch 40, 50 Minuten. Ich glaube, das war es, was die Leute damals kaum fassen konnten. Aber sie hatten schon einen fantastischen Tag erlebt, weil sie ja auch die Auftritte der drei Bands davor gesehen hatten. Für sie war es also einfach so: "Es ist etwas kurz, aber trotzdem toll." Wir persönlich waren aber einfach nur am Boden zerstört. Verdammt!
Mille: Es ist wie ein Antiklimax. Man arbeitet auf einen bestimmten Punkt hin und erreicht ihn dann nicht. Denn wir wollten die Show mit einem grandiosen Finale beenden.
Fred: Und das Team hat die ganze Zeit gefilmt, und zuerst dachte ich nur: "Verschwindet von hier. Das ist nicht der richtige Zeitpunkt. Wir sind total sauer." Und dann dachte ich nur: "Na ja, weißt du was? Du willst was Ehrliches? Dann filmt einfach." Ich habe das nicht aus Showgründen gemacht, nach unten zu gehen und vielen Leuten in der ersten Reihe die Hand zu schütteln. Und ich selbst war echt enttäuscht. Viele Leute kamen aus Japan, Costa Rica, den USA und Australien. Und wir dachten nur: "Weißt du? Es war echt blöd." Aber immerhin ist es gut, wenn es auch etwas Positives daran gibt, es ist ja schließlich dokumentiert. Aber es war nicht geplant, wir haben ja immer noch keine Möglichkeit, das Wetter zu beeinflussen. Oder doch? Ich weiß nicht. Verschwörung! Nein - ich mache nur Spaß.
Noch etwas Anderes an dem Film hat mich sehr beeindruckt: Milles Besuch der Gedenkstätte Buchenwald. Ich denke, das ist ein weiteres klares Statement der Band. Manche Bands scheuen sich vor so klaren Aussagen, aber ich glaube, für dich war es immer wichtig, zu sagen: "Nein, nie wieder!". Findest du, dass Thrash Metal immer solche politischen Botschaften transportieren sollte? Oder darf es beim Thrash Metal auch einfach nur ums Trinken und Spaßhaben gehen?
Mille: Es kann beides sein. Es gibt keine Regeln. Für mich ist das einfach gesunder Menschenverstand. In erster Linie wollen wir unser Publikum unterhalten. Bestimmte Dinge sollten menschlich gesehen einfach nicht toleriert werden. Der Besuch in Buchenwald war auch nicht geplant. Wir spielten in Finnland beim Tuska Festival mit... War es Tuska? Oder war es Helsinki? Egal. Maik von HEAVEN SHALL BURN war auch da und ich habe ihm von dem Dokumentarfilm erzählt und er meinte: "Weißt du was? Wir fahren beide wegen des Films nach Buchenwald." Es war also im Grunde seine Idee und ich bin froh, dass er diese Idee hatte, denn ich denke, sie verleiht dem Film eine andere Note, aber ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Das sind wir. Das ist eine deutsche Band. Das ist deutsche Geschichte. Dunkel. Die dunkle Seite der deutschen Geschichte. Und sie ist ein Teil von uns. Das gehört zu unserer Erziehung. Damit muss man leben. Ich bin absolut nicht der Typ Mensch, der anderen vorschreibt, was sie denken sollen. Aber wenn jemand rassistisch denkt, werde ich etwas … sagen wir: Ich will das einfach nicht. Und ich wünschte, wir hätten solche Leute nicht. Ich glaube, 99,99% unseres Publikums sind nicht so. Und für das eine Prozent oder wie viele es auch immer sind ... Wie gesagt, es ist ein Statement. Und es ist nicht so, als gäbe es nichts zu besprechen. Es ist einfach da und nimm es einfach hin.
Dann lass uns mal über euer neues Album sprechen, das im Januar erscheint. Es heißt "Krushers Of The World" mit einem K, wie KREATOR.
Fred: Yeah, du hast es verstanden.
Ja, ich bin schlau. Also... Wer sind die Krushers? Was machen sie?
Mille: Es geht gar nicht so sehr um die Zerstörung. 'Krushers Of The World' ist eher ein Song zur Selbst-motivation. Heutzutage ist alles so gespalten: politische Ansichten und Rassismus, wie böse Mächte, die uns umgeben, wie Politiker, was auch immer. Alles, was dazugehört. Krieg, Terror, also die volle Dröhnung. 'Krushers Of The World' sollte vor allem eines bewirken: Menschen ermutigen und befähigen, ihren eigenen Weg zu gehen ... sich ihre eigene Meinung zu bilden und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Selbstständig denken und wissen, dass sie nicht allein sind. Das ist für mich das, was uns alle ausmacht. Es ist also ein Statement für Selbstermächtigung und Zusammenhalt. Wir sind Krusher, ihr seid Krushers. Ihr alle seid Krushers!
Okay. Dann lass uns mal über die Produktion des neuen Albums reden. Für meine Ohren klingt es... ich weiß nicht, ob das der richtige Ausdruck ist, irgendwie voller, denn "Hate Über Alles" klang für mich eher nach einem Live-Auftritt. Und "Krushers Of The World" klingt nach einer Studioproduktion. Wie kam es dazu?
Fred: Ich denke, das war zumindest unsere ursprüngliche Vorstellung, für beides. Bei "Hate Über Alles" wollten wir etwas Roheres schaffen, wir hatten einfach eine andere Herangehensweise. Man muss bedenken, es waren einfach seltsame Zeiten mit Corona. Wir waren mitten in der Albumproduktion, und das hat viel zu lange gedauert. Wir waren immer zwei Wochen am Stück hier in Berlin für die Vorproduktion und sind dann wieder zurück, Sami und ich sind in unsere Heimatländer zurückgekehrt und wussten nie, ob wir im nächsten Monat überhaupt wiederkommen können. Es war wirklich seltsam. Dann hatten wir eine Pause, weil es wieder einen Lockdown gab, und erst danach haben wir uns wieder getroffen. Wir haben versucht, uns in dieser Situation zurechtzufinden. Die Band hatte mit Jens Bogren zwei Alben veröffentlicht und wir dachten uns: "Okay, lasst uns mal was Neues ausprobieren." Ich war ja auch noch neu in der Band. Es war eine Art Übergangsphase. Aber das Album ist trotzdem super, es sind tolle Songs drauf, die vor allem live wirken, wie zum Beispiel 'Hate Über Alles' und 'Strongest Of The Strong'. Wenn wir die spielen, rasten die Leute total aus. Dann hatten wir das Gefühl, dass es einfach perfekt zu den Songs passte, also eine Art Livefeeling. Wir wollten unbedingt wieder mit Jens zusammenarbeiten, weil er wahrscheinlich einer der besten in Europa ist. Er ist fantastisch. Und es war einfach schön, wieder mit ihm zusammenzuarbeiten, und diese Songs hatten wirklich Potenzial. Habe ich etwas vergessen?
Mille: Nein. Ziemlich gut beschrieben!
Fred: Danke. (lacht)
Wenn dieses Gespräch stattfindet, ist gerade eure zweite Single erschienen. Sie heißt 'Tränenpalast'. Ihr habt Britta Görtz von HIRAES dabei. Ich kenne die Band, aber ich weiß trotzdem nie, wie man ihren Namen richtig ausspricht.
Mille: Ich würde sagen, es klingt nach Griechisch, oder?
Fred: Wisst ihr was? Ihr redet darüber, und ich werde das jetzt einfach mal überprüfen.
Warum wurde Britta dazu geholt? Stimmlich ist ja nun nicht die klassische weibliche Ergänzung zu deinem Gesang. Ich hörte mir das Lied mit meiner Frau an, und sie sagte, sie habe gar nicht bemerkt, dass da noch jemand anderes singt. Man versteh mich nicht falsch: Britta hat eine großartige Gesangsleistung abgeliefert, daran besteht kein Zweifel. Aber: Was ist die Idee dahinter? Denn HIRAES ist ja eine ziemlich moderne Band.
Mille: So haben wir da ehrlicherweise nie darüber nachgedacht. Was wir an ihr lieben, ist ihre Stimme. Das war das Allerwichtigste.
Fred: Und zu HIRAES. Hier steht, der Name stamme von einem walisischen Wort, und ich weiß nicht, wie man es ausspricht. Es beschreibt ein tiefes Gefühl der Sehnsucht, Nostalgie, Hochstimmung. Niemand weiß es. Ich spreche es anders aus als Mille, aber zurück zum Thema.
Mille: Jedenfalls haben wir dieses Lied 'Tränenpalast' gemacht und die Zusammenarbeit mit Britta kam sehr einfach zustande. Als ich die Demoversion des Songs aufgenommen habe, hatte er noch einen anderen Titel. Hierauf muss ich vielleicht etwas genauer eingehen. Wir wollten der italienischen Band GOBLIN und dem Film "Suspiria" Tribut zollen. Der erste Titel des Songs war natürlich 'Suspiria' und das Wort kommt ja auch im Refrain vor. Es spielt eine wichtige Rolle. Und dann haben uns die Leute vom Film die Rechte zur Verwendung von Teilen des Liedes gegeben, sie erlaubten uns, die Hauptmelodie, das unheimliche Thema des Films, zu verwenden. Aber dann hieß es plötzlich: "Ja, aber wir wollen nicht, dass ihr den Song 'Suspiria' nennt." Also haben wir uns für den Titel 'Tränenpalast' entschieden. Es gab da dieses Zitat im Liedtext, wo die Mutter aus "Suspiria" die Hexe oder die Tänzerin fragte: "Tell me what do you ask?" Die Antwort lautet: "To die". Ich spreche hier von der neuen Version des Films und das habe ich für das Lied zitiert. Ich hatte die Idee, dass mir eine weibliche Stimme antwortet. Jens hatte ja schon mit HIRAES zusammengearbeitet und meinte: "Ja, fragt doch Britta, sie ist eine fantastische Sängerin." Dazu kommt: Wir kennen sie. Sie war schon bei unserer Show. Ich meine, letzten Sommer in Schweden.
Fred: Ja. Sie war aber auch in Deutschland bei einer Show.
Mille: Ja. Hamburg! Also kannten wir sie und Jens mochte ihre Stimme auch. Er hat sie gefragt, es war ganz unkompliziert. Wir hatten nichts besprochen oder geplant, wir wollten eigentlich nur, dass sie die weibliche Stimme singt. Und als ich es dann hörte, dachte ich: "Das ist fantastisch! Sie muss unbedingt die Strophen singen!" So kam es also zustande. Wirklich ganz unkompliziert, es fühlte sich total natürlich an. Und dann hat sie zugestimmt, das Video mit mir zu drehen, was ich auch echt super fand. Es passt einfach perfekt, weil sie diesen fast hexenhaften Tonfall in ihrer Stimme hat, den ich mag, und es ist ja auch ein Lied über Hexen, also macht es Sinn.
Und warum also der deutsche Titel 'Tränenpalast'?
Mille: Das habe ich erklärt, hast du nicht zugehört? Hahaha!
Fred: Haha!
Ja, Moment: Du sagtest, die Leute vom Film nicht wollten, dass ihr den Song 'Suspiria' nennt. Du hast nicht erwähnt, warum du ihn 'Tränenpalast' genannt hast.
Fred: Im Film gibt es verschiedene Kapitel in der neuen Version, und eines davon heißt 'Palast der Tränen'. Als wir den Film getrennt voneinander sahen, schrieb ich Mille: "Wow, da gibt es diesen Teil namens 'Palast der Tränen'. Das wäre ein echt cooler Name." Aber dann erklärst du bitte, was in Deutschland ein "Tränenpalast" ist.
Mille: Der Tränenpalast steht hier in Berlin, es handelt sich dabei um die ehemalige Ausreisehalle der Grenzübergangsstelle Bahnhof Friedrichstraße. Er heißt so, weil die Menschen aus dem Osten Berlins, sich hier von ihren Verwandten aus dem Westen verabschieden mussten, wenn diese sie in Ostberlin besucht hatten. Bei dieser Trennung weinten sie oft. Umgangssprachlich nennt man den Ort deshalb auch "Tränenpalast". Ich hatte also den Eindruck, dass es etwas sehr Monumentales ist. Es ergibt total Sinn. Es ist wie mit diesen netten kleinen Geschichten, die für mich etwas Gutes bedeuten, weil sie so detailreich sind.
Fred: Dieses kleine Detail rundet den Song perfekt ab. Als die Filmleute also sagten, wir könnten "Suspiria" nicht verwenden, schrieb Mille mir das auf WhatsApp und ich meinte nur: "Wie wäre es mit 'Palace Of Tears' oder 'Tränenpalast'?" Und das ist echt cool, denn für Leute, die kein Deutsch sprechen, ist das einfach so: "Tränenpalast … Was ist das denn? Was bedeutet es?" Dann können sie eigene Recherchen durchführen und es entdecken.
Dann kommen wir zum Cover-Artwork. Es erinnerte mich ein wenig an ein Cover aus den 80ern, von der EP "Out Of The Dark", wo der Kopf in Blut ertrinkt. Was ist also die Intention hinter diesem Bild? Es ist wieder sehr detailliert und sehr gruselig, fast schon horrorartig.
Mille: Ja, das ist wohl eine Frage, die man Zbigniew [M. Bielak, Cover-Designer - d. Verf.] stellen müsste. Ich habe ihm die Texte und ein paar Demos gesendet, und er hat dieses Artwork daraufhin entworfen. Seine Inspiration kam also aus den Texten. Ich habe es gar nicht hinterfragt, ich weiß ja, dass er gerne kleine Easter Eggs in seine Albumcover einbaut und ihm hat das Artwork von "Out Of The Dark" sehr gut gefallen. Er hat dem also gewissermaßen Tribut gezollt und dieses surreale, erstaunliche, sehr, sehr unheimliche Kunstwerk geschaffen, das meiner Meinung nach zu unseren stärksten Werken zählt. Ja, das war's im Grunde. Wie gesagt, für eine genaue Erklärung müsste man Zbigniew fragen. Da gibt es so viele Details. Er hat mir erklärt, dass sie die Seelen in die Köpfe einpflanzen. Meiner Meinung nach verliert man seine Fantasie, wenn man Kunst erklärt. Deshalb mag ich es nicht besonders, wenn mir Leute ihre Kunst erklären. Dasselbe gilt für Liedtexte. Aber gerade deshalb, wenn es dich beim Anblick berührt und etwas in dir auslöst, sollte es einzigartig sein und vielleicht Teile in dir ansprechen, die nicht die Teile sind, die bei mir angesprochen werden.
Ihr habt einen Song namens 'Deathscream', der im Refrain Gesang enthält, der mich an Death Metal erinnert. Andererseits gibt es überall diese hochmelodischen Gitarrensoli, die an IRON MAIDEN erinnern. Gibt es musikalische Tabus beim Songwriting oder ist alles erlaubt?
Mille: Alles ist erlaubt. So sollte es in jeder Musik sein. Ich meine, das ist doch das Schöne an der Musik, nicht wahr?
Sicher. Aber es gibt Bands, die denken: "Oh, unsere Fans erwarten, dass unser neues Album so oder so klingt. Und das können wir einfach nicht machen. Wir können keinen Gastauftritt aus einer modernen Band oder so etwas machen."
Fred: So zu denken, ist scheiße. Damit tötest du deine eigene Kreativität und machst einfach etwas Unechtes, weil man versucht, es so zu machen, als wolle man es anderen recht machen. Ich respektiere es natürlich auch, dass manche Bands in gewisser Weise extrem traditionell sind, zum Beispiel manche Black-Metal-Bands, und es ist cool. Es ist nett. Aber das ist nicht KREATOR. Wir haben auf dem neuen Album Chöre, aber dann bei 'Deathscream' im Refrain schon fast Death Metal. Und dann wechselt es zu etwas, was von der Melodieführung an die NWoBHM erinnert. Und das sind wir, das ist KREATOR.
Mille: Ich betrachte das so: Zuerst einmal ist es Musik und dann kommt Metal. Und dann noch, welches Genre wir gerade wollen. Keine Ahnung. Ich meine, ich denke eigentlich nicht in solchen Kategorien.
Fred: Wir analysieren nicht, was wir genau tun. Es ist nicht so, als würden wir sagen: "Okay, wir haben da jetzt was mit Black Metal gemacht."
Mille: Und jetzt müssen wir also mal den Thrash-Metal-Part einbauen! Haha!
Fred: Nein, das tun wir nicht. So denken wir nicht, es passiert einfach.
Zum Abschluss noch mal in eine ganz andere Richtung: 2026 wird "Pleasure To Kill" 40 Jahre alt. Können wir etwas Besonderes zum Jubiläum erwarten?
Fred: Vielleicht spielen wir den Titeltrack dann einfach nicht live, hahahaha!
Mille: Hahahahaha!
Ich glaube euch nicht. Auf keinen Fall!
Mille: Gute Frage. Theoretisch ja, aber ich habe noch nicht darüber nachgedacht. Vielleicht machen wir irgendetwas, ich weiß nicht was.
Fred: Ich meine, "Krushers Of The World" erscheint ja erst mal und ich denke, dass darauf der größere Fokus liegt.
Mille: Ja. Das Problem ist, dass wir 16 Alben veröffentlicht haben und viel zu viel in den sozialen Medien unterwegs sind. Ich sehe da ständig, fast jeden Monat, irgendwelche Ankündigungen wie '30 Jahre "Renewal"'. Ich denke mir nur: "Ja, okay, was soll's." Ich bin nicht so der Typ, ich stehe nicht so auf Jubiläen.
Also Fred sagt: Wir spielen 'Pleasure To Kill' vielleicht nicht live.
Fred: Haha, nimmst du das für das Interview als Clickbait?
Mille: Ja, sicher. Schlagzeile!
Hahaha, ich denke nicht. Damit sind wir am Ende angekommen. Vielen Dank für diese Gelegenheit. Habt ihr noch ein paar abschließende Worte an die Leser von POWERMETAL.de?
Mille: Ich hoffe einfach, euch gefällt das Album und hoffentlich sehen wir uns alle auf Tour. Dankeschön, für die gesamte Unterstützung über all die Jahre. Ja, ernsthaft. Super!
Vielen Dank. Euch noch einen angenehmen Resttag. Ciao und Dankeschön.
Die Live-Fotos stammen von André Schnittker.
- Redakteur:
- Marcus Görner





