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Stoned From The Underground-Festival: Interview mit Ralf Burkart

20.05.2016 | 11:52

"Die Prinzipien sind, dass wir keine Prinzipien haben." Das Festival befindet sich mitten im Teenie-Alter mit allem, was dazu gehört. Es ist bereits ein paar Mal umgezogen, wird lauter, hält mit seinen Meinungen nicht hinterm Berg... und weil es immer attraktiver wird, wird es von immer mehr Musikliebhabern geliebt. Wir haben mit Ralf Burkart vom Festivalteam über die letzten 15 Jahre und das aktuelle Festival im Juli 2016 gesprochen.

Hallo Ralf, schön, dass du Zeit findest, mal ein wenig über 16 Jahre Herzblut für das Stoned From The Underground zu reden. Ist ja beiderseitig... In Vorfreude auf die neue Sause am See im Juli 2016: Wie geht es euch vom Festival-Organisationsteam?

Ja, die Vorfreude steigt und wir sind natürlich alle ein wenig im Stress, aber es ist gesunder Stress. Nach 16 Jahren ist alles relativ gut eingespielt. Jeder weiß, was er zu machen hat und die meisten Sachen kann man schön gemütlich über das Jahr hinweg abarbeiten. Klar kommen immer wieder Faktoren dazu, mit denen man nicht gerechnet hat, aber das ist normal und vermeidet, dass die Sache zur Routine wird. Wir versuchen immer wieder, den Besuchern die Sache so angenehm wie möglich zu gestalten.

SFTU 2001

Ihr habt ja zuletzt einige Furore gemacht: Zunächst wählten euch die Leser des auflagenstarken Printmagazins VISIONS zum Festival des Jahres 2015. Noch einmal Glückwunsch dazu! Hat euch das sehr überrascht?

Klar hat uns das überrascht. Wenn man als relativ kleines Festival die ganzen großen Veranstaltungen hinter sich lässt, dann ist das schon cool und man weiß, dass man 16 Jahre lang alles richtig gemacht hat. An dieser Stelle wollen wir uns da nochmal bei allen bedanken, die bei dem Voting mitgemacht haben.

Ist euch das wichtig? Denn unter einem typischen VISIONS-Leser stelle ich mir eher weniger einen treuen SFTU-Besucher vor. Oder denke ich da beschränkt?

Hmm, schwer zu sagen. Hier stellt sich die Frage: Wer oder was ist der typische VISIONS-Leser? VISIONS deckt recht viel ab im Musikbereich und es kommen auch mehr und mehr Themen aus dem Retro-, Heavy-, Psychedelic-Rock, also kann man hier nicht sagen, dass das VISIONS nicht von unseren Besuchern gelesen wird. Sonst wären wir ja auch nicht gewählt worden.

Aber einig sind wir uns: Vollkommen verdient! Aber da gibt es ja auch die Schattenseite, die ihr mutigerweise auch einmal angesprochen und vor allem bewertet habt: Ihr habt euch dem Gezocke einiger Band-Booking-Manager verweigert und das öffentlich gemacht! Darauf gab es auch auf unserer Webseite ausschließlich positive Resonanz. Also... ist eine Ehrung wie die in der VISIONS letztendlich doch ein Fluch?

SFTU 2008Das musste mal gesagt werden. Wir denken, das Gezocke der Agenten rührt auch nicht von der Wertung im VISIONS, da es auch anderen Festivals so geht. Wir sehen die Sache mit dem öffentlichen Statement so, dass wir uns auch wieder auf unsere Wurzeln zurückbesinnen und das machen, was wir am besten können, nämlich den Underground bedienen. Es ist Schwachsinn, jeden Preis für Bands zu bezahlen, weil irgendwann ist man an einem Punkt, an dem man nur noch rechnen muss und der Spaß an der Sache verloren geht. Das wollen wir alle nicht. Wir sind Fans und machen ein Festival für Fans. Und so soll es auch bleiben.

Hat sich insgesamt die Festivalszene sehr verändert? Für wen, denkst du, sind diese Entwicklungen in der "Bookerszene" eigentlich besser - für den Künstler, den Besucher ... den Veranstalter? Wer ist da eigentlich der Verlierer? Ihr könnt mitreden, ihr seid nun bald 20 Jahre im Geschäft!

Klar hat sich die Festivalszene verändert. Jedes Jahr kommen neue Festivals hinzu und nur wenige davon bleiben auch. Das rührt zum einem daher, dass die meisten neuen Festivals denken, nur mit großen Namen kommen auch mehr Besucher. Das ist in der heutigen Festivallandschaft ein Trugschluss. Meist tappen die neuen Festivals auch in die Geldfalle bei nimmersatten Band- und Booking-Agents und man bezahlt jeden Preis für mehr oder weniger große Bands. Am Ende ist immer der Besucher der Arsch, weil die Kohle meist auf den Ticketpreis - also den Besucher - umgelegt wird.
Das Ergebnis ist dann meist, dass das Festival nur einmal stattfindet, da niemand bereit ist, die hohen Ticketpreise zu bezahlen. Oder man spart an der Infrastuktur (Toiletten, Duschen etc.) oder die Preise für Bier etc. sind so hoch, dass der Besucher spätestens an der Wurst- oder Bierbude die Schnauze voll hat. In den 16 Jahren, in denen wir das Stoned schon machen, haben wir viel von unseren Besuchern gelernt und lernen auch heute noch. Dafür auch ein großes Dankeschön.

Für mich gibt es da diese Unterscheidungen, extern betrachtet: hier Riesen-Events mit Riesenbands und dort Festivälchen, die eher an Familienfeste erinnern. Ward ihr auch mal an der Grenze und habt überlegt: Bleiben wir so überschaubar oder wollen wir größer werden?

SFTU 2012Nein, da wir das Festival immer in der Größe haben wollten, wie es jetzt ist. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist genau die Größe, die wir mit unserem Orga-Team bewältigen können, ohne unseren regulären Job zu kündigen. Und nach wie vor sehen wir uns als ein Familienfest mit alten und neuen Gesichtern. Und es ist jedes Jahr immer wieder schön, über den Platz zu schlendern und alte Bekannte und Freunde zu treffen. Wir haben Besucher, die jetzt schon seit Anfang an dabei sind und das ist superschön.

Vermutlich hat es auch mit der Sparte von Musik zu tun, in der ihr euch bewegen wollt. Wobei da auch das VISIONS-Voting wieder seltsam ist... aber lassen wir das. Dein Traum ist immer noch, SLAYER zu bekommen?

Hahaha, kannst du dich noch an das SLAYER-Statement erinnern?! Klar, wenn ich den Traum von SLAYER nicht mehr träumen kann, bin ich wahrscheinlich gestorben. Aber das wird wohl immer ein Traum bleiben. Naja, ich gucke mir die Jungs jetzt mal in der neuen Besetzung an und dann überleg ich mir das vielleicht nochmal mit dem SLAYER-Traum, hahahaha.

Vieles bei euch läuft ehrenamtlich. Werdet ihr eigentlich irgendwann mal reich und wohlhabend sein?

Nun, das Festival hat uns auf jeden Fall reich an Erfahrung und wohlhabend an guten Erinnerungen gemacht. Also alles gut!

Nun mal ganz aktuell: Ihr habt mit MOTHER TONGUE und EYEHATEGOD und SPIRITUAL BEGGARS erstens wieder stilistische Breite und zum anderen Vertrauen in die versammelte Besucherschaft bewiesen. Kommt da noch ein Knaller?

Lass dich überraschen, es kommt auf jeden Fall noch was dazu. Und was für den Einen einen Knaller darstellt, ist für den Anderen unbekannt. Also wie jedes Jahr ein Potpourri der guten Laune.

Apropos Knaller: Nachdem einige der letzten Jahre recht US-lastig waren, streift das SFTU-Programm 2016 wieder einmal sehr schön durch die gesamte internationale Musikszene. Ist das eines eurer Prinzipien bei der Auswahl des Bookings?

Die Prinzipien sind, dass wir keine Prinzipien haben. Wir treiben uns viel im Internet und auf Konzerten herum. Natürlich bekommen wir auch viel geschickt. Aus all diesen Anregungen, die wir dort bekommen, stellen wir dann das Programm zusammen.

Was genau ist deine Aufgabe, Ralf? Du bist beim ersten SFTU noch mit eigener Band aufgetreten, wenn ich mich recht erinnere, oder?

Nun, meine Aufgaben waren anfangs das Booking und die Bewerbung. Das mit dem Booking hat seit 2005 Matte inne und Fred hat nach wie vor den wichtigsten Job, er macht die ganzen Behördengänge und kümmert sich, dass die ganze Infrastruktur steht. Jetzt kümmere ich mich nur noch um die ganze Werbung und Bewerbung des Festivals, kurz gesagt, die ganze Kommunikation nach Außen. Dazu gehört Anzeigenschaltung, Anzeigen und Plakate erstellen, Pflege der Homepage und Facebook, das Merchandise, die Presse, die Fotografen etc. Ja, auf dem ersten und zweiten Stoned bin ich mit meiner alten Band CALAMUS aufgetreten.

SFTU 2002

Rückblicke fetzen: Was waren für dich persönlich die absoluten Band-Highlights in diesen Jahren? Wen hättet ihr euch menschlich und vielleicht auch technisch sparen können?

Um ehrlich zu sein, mir hat bis jetzt jede Band, die bei uns aufgetreten ist, gefallen. Klar gab es mal Ausfälle, aber die waren meist alkoholbedingt, also alles im grünen Bereich. Das Gute am Stoned ist, dass jede Band, die wir bis jetzt hatten, ihr Bestes gegeben hat und das Publikum feierte auch jede Band ab. Just Highlights, no Lowlights.

Wer war die "leuchtende Diva" der ganzen Festivalserie? Ich denke da an Badewannen mit Eisbier, den eigenen Schmink- oder Schnupf-Raum, Bodyguards oder ausufernden Groupie-Alarm... Ist das sehr indiskret, hier mal hinter die Kulissen lauschen zu wollen?

Jede Band, ob groß oder klein, wird bei uns gleich behandelt. Das heißt, jeder bekommt das Gleiche zum Essen und die gleichen Getränke. Und ich kann uns da nur loben, wir haben immer ein fantastisches Catering für Bands und die Crew. Ein paar Musiker hatten Heuschnupfen... meinst du das mit Schnupf-Raum? Hahahahaha!
Aber mal Spaß beiseite, die meisten Legenden, die sich um Musiker aufbauen, sind vom Management gemacht und fast alle Musiker, die bei uns im Backstage waren, haben es genossen, normal behandelt zu werden und haben sich auch später unter die Gäste gemischt. (Anmerkung Mathias Freiesleben: Das stimmt sehr genau. So sieht man hier Bobby Liebling locker am Zaun gelehnt im Gespräch mit Leuten, die seine Enkel sein könnten, CROWBARs Kirk Windstein beim Armdrücken mit kleinsten Festivalbesuchern oder die gesamte CHURCH OF MISERY-Bande auf einer Bierbank, mit Besuchern quatschend bis in die Morgenstunden.)

Es ist ja auch beobachtbar, dass die örtlichen Behörden in den letzten Jahren verstärkt ihre wachen Äugelein nach euch werfen. Ich denke da an die Polizeikontrollen auf den Zufahrtswegen, die Patrouillen auch auf dem Festivalgelände und die zeitlichen Lärmauflagen der Anwohner. Wie geht ihr damit um? Fühlt ihr euch eigentlich fair behandelt?

Nun, wir sind mit dem Stoned From The Underground in der deutschen Festivallandschaft angekommen. Es ist ja auch bei anderen Festivals so. Bei den anderen fällt es vielleicht nicht so auf, weil sie größer sind. Klar könnte jetzt der Eindruck entstehen, dass wir ganz besonders hart rangenommen werden, weil wir "Stoned" im Festivalnamen haben - aber das ist nicht so. Die Polizei macht ihr Ding und wir machen unser Ding und es ist wie im richtigen Leben, wer unter Alkohol und Drogen am Steuer sitzt, bekommt Probleme. Und wie schon oben erwähnt, Kontrollen auf Festivals sind normal und man muss damit rechnen. Warum sollten wir jetzt auf die Polizisten wütend sein, die Jungs und Mädels machen auch nur ihren Dienst. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass jemand gerne nachts an einer unbefahrenen Straße steht und feiernde und gutgelaunte Besucher kontrollieren will. Und sind wir mal ehrlich, Polizisten in zivil erkennt doch jeder, oder?!

Ja, ich denke mal, da ist viel Routine bei euch eingezogen! Was aber wird nie Routine sein? Beobachtet man die Crew während der Arbeit, wirken alle (!) in der Regel entspannt! Was aber kommt jährlich immer wieder? Die Angst vor dem Wetterbericht? Der berühmte kaputte Bandbus auf der Autobahn? Der Kater vom Vortag?

Hahaha, wettertechnisch waren wir über all die Jahre einigermaßen gesegnet. Klar, defekter Bandbus kam auch schon vor, aber das konnten wir immer sehr elegant abfangen und keinem ist es aufgefallen. Der Kater vom Vortag... hmmm... da arbeiten wir noch dran, auch diesen elegant zu übertünchen.

Noch einmal Rückschau: Was würdet ihr in der Vergangenheit anders machen? Was ist nicht mehr wegzudenken? Steht ein weiterer Umzug des Stoner-Doom-Trosses bevor?

Rückschauend würden wir nichts, aber auch gar nichts anders machen. Aus allem, was schief gelaufen ist in der Vergangenheit, haben wir gelernt. Was wäre es für ein Festival, wenn nichts schief gehen würde? Wir sind alle nur Menschen und Fehler gehören dazu. Umziehen? Nein, wir bleiben in Erfurt-Stotternheim. Dort haben wir unser Domizil gefunden und fühlen uns wohl.

Vorschau: Was wird uns noch erwarten? Was wünscht ihr euch selbst?

Wir machen weiter wie zuvor und wir wünschen uns, dass auch unsere Besucher so bleiben, wie sie sind. Friedlich, freundlich und begeisterungsfähig.

SFTU 2016

So, 16 Jahre Stoned From The Underground, 16 Fragen - ich freue mich auf dieses Festivaljuwel wie jedes Jahr und wünsche euch alles Gute und bestes Gelingen! Und danke für all die Jahre der unkomplizierten Kooperation!

Vielen, vielen Dank an euch bei Powermetal.de für all die Jahre an Support und Hilfe. So muss Szene sein und ihr seid ein wichtiger Bestandteil!

Redakteur:
Mathias Freiesleben

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