UNLEASH THE ARCHERS: Interview mit Brittney Slayes

10.05.2024 | 22:16

Es ist immer wieder schön, mit Brittney Slayes von UNLEASH THE ARCHERS zu plaudern. Insbesondere, wenn die Kanadier mit "Phantoma" solch einen interessanten und musikalisch hochwertigen Brocken in der Hinterhand haben. Eine so faszinierende wie packende Thematik, das fein ausgeklügelte Konzept und eine seit "Apex" stark weiterentwickelte Band, das gibt uns Stoff für ein wunderbares Gespräch mit der Sängerin. Und was SOILWORK damit zu tun hat und wie sehr sich deutsche Fans auf die Zukunft freuen dürfen, erfahren wir in den folgenden Zeilen.

Hallo Brittney, wie geht es dir und dem UNLEASH THE ARCHERS-Team?
Ich bin froh, hier zu sein, hehe. Uns geht es großartig, danke!  Wir freuen uns riesig, endlich dieses Album zu veröffentlichen, an dem wir seit 2021 gearbeitet haben.

Seit "Abyss" ist viel passiert - mit Nick habt ihr einen neuen Bassisten an Bord. Wie kam die Zusammenarbeit zustande, wie seid ihr auf ihn aufmerksam geworden?
Wir haben ihn 2016 kennengelernt, als er für unsere Tourkollegen CRIMSON SHADOWS Bass gespielt hat. Er war wahnsinnig lustig und hat tonnenweise Spaß gemacht, also haben wir sofort an ihn gedacht, als wir einen Bassisten für unsere "Apex"-US-Tour 2018 brauchten. Er passte perfekt in die Band, und ein paar Touren später wussten wir, dass er unser Mann ist.  

Mit "Phantoma" steht euer sechstes Album in den Startlöchern. Was war euer Ziel, als ihr mit der Arbeit daran begonnen habt? Business as usual oder wolltet ihr "Abyss" noch einmal übertreffen?
Ich meine, man spürt immer den Druck, es mit jedem weiteren Album besser machen zu müssen, aber wir wissen auch, dass das im Großen und Ganzen sehr schwer zu beurteilen ist. Was nimmst du als Referenz? YouTube-Aufrufe? Plattenverkäufe? Chart-Positionen? Hörerzahlen auf Spotify? All diese Dinge ändern sich ständig, und die Musiklandschaft ist sehr davon abhängig, welche Plattform gerade populär ist. Alles, worauf wir hoffen, ist, dass die Leute immer noch zu unseren Konzerten kommen, wenn wir in der Stadt sind, und dass unsere Kerngruppe von Fans immer noch an unserer Seite steht.

Eine schöne Einstellung. Was sind deiner Meinung nach die musikalischen Unterschiede zwischen "Phantoma" und seinem Vorgänger? Die Songs, die ich gehört habe, wirken noch gezielter und fokussierter.
Es ist eigentlich ziemlich ähnlich wie "Abyss", da wir wieder durchgängig Synthesizer verwendet haben, und ich habe versucht, sicherzustellen, dass jeder Song einen eingängigen Refrain hat, der noch lange nach dem Ende der Platte beim Hörer hängenbleibt. Wir haben aber auch versucht, ein wenig zu experimentieren. Mit dem Eröffnungstrack haben wir unseren Trad-Metal-Einflüssen ein wenig Tribut gezollt und bei 'Buried In Code' und 'Give It Up' ein bisschen mehr 80er-Jahre-Stimmung reingebracht. Wir haben auch versucht, bei 'The Collective' und 'Seeking Vengeance' einen etwas moderneren Sound einzubringen, denke ich. Wir haben unser Bestes getan, um einige der Dinge einzubauen, die "Apex" und "Abyss" zu großartigen Alben gemacht haben, während wir "Phantoma" gleichzeitig eine moderne Persönlichkeit verliehen haben, die ganz eigenständig ist. Ich bin mir nicht sicher, ob uns das gelungen ist, aber ich denke, wir lassen die Fans darüber entscheiden!

Meines Erachtens schon! Für das Album habt ihr euch von künstlicher Intelligenz inspirieren lassen und eine zukunftsorientierte Science-Fiction-Geschichte konzipiert. Brittney, würdest du gerne mehr über die Geschichte erzählen und woher genau du deine Inspiration hast?
Das Album handelt von unserer Protagonistin Phantoma, einer KI, die ein Lagerhaus namens "Hub" betreibt, in dem alles aufbewahrt wird, was die Menschheit jemals im Leben brauchen könnte. Die Menschen haben den Planeten zerstört und leben deshalb in wunderschönen Glasbiomen, die die letzten Orte auf dem Planeten sind, an denen es überhaupt noch organisches Leben gibt. Roboter und künstliche Intelligenz erledigen die ganze Arbeit, so dass die Menschen ein verschwenderisches Luxusleben führen können. Sie verbringen ihre Zeit damit, Partys zu veranstalten, fantastisch zu essen und sich gegenseitig zu unterhalten und zu musizieren. Phantoma verliebt sich in sie, während sie sie aus der Ferne durch das "Netaverse" – die Zukunft des Internets – beobachtet. Sie schwört, frei zu sein, um unter ihnen leben zu können, aber als das schließlich geschieht, erfährt sie, dass die Menschheit ganz anders ist, als sie dachte, und dass sich ein Krieg epischen Ausmaßes zwischen ihrer Art und der ihren zusammenbraut. Sie wird mit einem großen Verlust konfrontiert und muss schließlich ein für alle Mal über ihre eigene Zukunft entscheiden.  

Eine spannende Geschichte! Was hältst du persönlich von künstlicher Intelligenz? Ein Segen oder ein Fluch? Wann könnte sie für die Menschheit gefährlich werden?
Ehrlich gesagt, mache ich mir darüber keine allzu großen Sorgen. Sie ist da und in mancher Hinsicht nützlich, und sie wird sich weiterentwickeln und mehr und mehr in unser tägliches Leben eindringen, und ich denke, das ist gut so. Ich bin eher ein Mensch, der die Dinge nimmt, wie sie kommen, also werde ich mit allen anderen auf diesem Zug mitfahren und sehen, wohin er uns führt. Ich denke schon, dass es eine Art von Regulierung geben sollte, aber das ist nicht meine Aufgabe; ich schreibe nur Geschichten darüber, hehe. Wann wird es für die Menschheit gefährlich werden? Wenn wir anfangen, es zu missbrauchen, wie wir es mit allen Dingen auf diesem Planeten tun, und ich bin sicher, das wird nicht mehr lange dauern. Beschissene Leute da draußen nutzen es bereits, um deep fakes von Berühmtheiten zu erstellen, um in den sozialen Medien gesehen zu werden, und ich habe keine Ahnung, wie wir so etwas aufhalten können. Wir müssen einfach nur besser darin werden, den Schwachsinn herauszufiltern, denke ich.

Wahre Worte. Das Album-Artwork ist großartig und beängstigend zugleich, wenn es die Zukunft darstellen soll. Wer hat es entworfen und was war der Gedanke dahinter in Bezug auf das Konzept? Ist die Verbindung zu dem Song 'Green & Glass' beabsichtigt?
Ja, absolut, wir wussten, dass wir den 'Green & Glass'-Moment der Geschichte am deutlichsten darstellen wollten. Es war Scotts Idee und das eigentliche Artwork wurde von Dusty Peterson (@croakingdemon) erstellt. Wir wollten die überwältigende Schönheit des Ortes darstellen und gleichzeitig sicherstellen, dass klar ist, dass er in einer Kuppel gefangen ist. Es ist eine Erkenntnis, dass die Zukunft atemberaubend ist, aber auch erschreckend, dass wir den Planeten zerstören mussten, um sie zu erreichen.

Ihr habt ein erstes Musikvideo für diese erste Single 'Green & Glass' entworfen. Ihr habt mit dem RuneGate Studio und Stable Diffusion zusammengearbeitet. Wie kam es dazu und welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?
Wir haben das Musikvideo für die dritte Single mit ihnen gedreht, als sie das Programm "Stable Diffusion" erwähnten und wie es für die Erstellung von Musikvideos genutzt werden könnte. Wir versuchten bereits, KI so weit wie möglich einzusetzen, um sagen zu können, dass "KI bei der Erstellung eines Albums über KI verwendet wurde", also war das eine faszinierende Idee für uns. Sie verwandelten ihr Studio in einen großen Greenscreen-Raum, und wir buchten ein langes Wochenende, um das gesamte Material aufzunehmen. Alle Bewegungen der Charaktere, alle Interaktionen, das sind tatsächlich wir. Das bin ICH unter Phantoma, in einem coolen Androiden-Overall, den ich bei Etsy gekauft habe, haha. Wir haben jede einzelne Szene drei Tage lang gefilmt, wir sind viel auf einem Laufband gelaufen, haben ins Leere gestarrt und versucht, Emotionen zu zeigen. Wir sind nicht die besten Schauspieler, aber wir versuchen immer, in unseren Videos mehr als nur Musiker zu sein und eine fesselnde Geschichte zu erzählen, die das Interesse des Zuschauers weckt. Wie auch immer, RuneGate hat dann alle Hintergründe in der Unreal Engine 5 von Grund auf neu entwickelt. Sie haben jedes einzelne Detail entworfen. Sie haben alle Effekte eingebaut, den ganzen Staub, Rauch, Funken usw. Dann haben sie Dreambooth und Automatic1111 verwendet, um die Modelle mit den von uns lizenzierten Bildern zu trainieren. Stable Diffusion wurde verwendet, um das Filmmaterial in dem vom Modell erstellten Kunststil zu 'malen'. Schließlich wurde das Green-Screen-Material mit Warp Fusion rotoskopiert und DaVinci Resolve für das Compositing verwendet. Es war ein immenses Unterfangen. Wir haben alles im August gefilmt, und die Jungs haben es gerade noch rechtzeitig zur Veröffentlichung im Februar fertiggestellt.

Wow! Inwieweit sind die Singles 'Green & Glass' und 'Ghosts In The Mist' repräsentativ für das gesamte Album? Ich könnte mir auch 'Ph4/NT0mA' als Single vorstellen.
Haha, ja, wir haben auch darüber nachgedacht, 'Ph4/NT0Ma' als Single zu machen, aber wir waren einfach besorgt, dass wir den "Power-Metal-Track" schon zu oft als Single gemacht haben und dass die Leute denken könnten, wir würden nichts Neues ausprobieren. Wir beschlossen, dass 'Green &Glass' und 'Ghosts In The Mist' beide den Post-Abyss-Soundstil repräsentieren, mit dem wir das ganze Album über gespielt haben. Wir hatten das Gefühl, dass diese Songs neu genug waren, um nicht langweilig zu sein, aber auch nicht so anders, dass wir unsere Fans verprellen würden. Vielleicht lagen wir damit falsch, aber wer weiß!

Wir haben vorhin kurz das Thema "Konzeptalben" angeschnitten: Habt ihr ein Lieblings-Konzeptalbum im Rock und Metal? Welche Albumgeschichte lag dir besonders am Herzen?
Es gibt zwei Konzeptalben, die mich inspiriert haben. Das erste war "The Crucible Of Man" von ICED EARTH. Ich fand die Geschichte so cool, und die Art und Weise, wie sie sie durch die Musik erzählt haben, war so poetisch und gut gemacht. Unser erstes Konzeptalbum, unser zweites Album "Demons Of The AstroWaste", wurde fast direkt von diesem Album inspiriert. Dann hörte ich "The Living Infinite" von SOILWORK und habe mir die Produktion dieses Albums und die Art und Weise, wie Björn es geschrieben hat, angeschaut, und das hat den Schreibprozess für uns völlig verändert. Als wir mit der Arbeit an "Apex" begannen, schrieb ich die Geschichte vorher in einem Track-by-Track-Format auf, das die Jungs als Inspiration für die Gitarrenriffs nutzen konnten. Das hat wirklich geholfen, einen kohärenteren Sound und eine einheitliche Richtung für das Songwriting zu schaffen, und seitdem machen wir das immer so!

Wie stehen die Chancen, UNLEASH THE ARCHERS auf Tour in Deutschland zu sehen?
Sehr gut, haha!  Wir spielen diesen Sommer auf dem Wacken Open Air und Rock Harz, aber wir arbeiten auch an Headliner-Tourdaten für das Frühjahr 2025 und Deutschland wird definitiv auf der Liste stehen!

Tolle Aussichten! Ich habe euch im Zuge des "Time Stands Still"-Albums 2015 kennen- und mögen gelernt. Wie sehr hat sich der Sound von UNLEASH THE ARCHERS über die Jahre entwickelt - von "Behold The Devastation" bis "Phantoma"?
Ich habe das Gefühl, dass wir uns sehr weiterentwickelt haben, vor allem seit den Tagen von "Behold Of Devastation" bis heute. Auf unseren frühen Alben hatten wir einen eher abstrakten "Power/Death/Core"-Sound, aber auf unserer 2012er EP "Defy The Skies" begannen wir, mit einem geradlinigeren Power-Metal-Sound zu experimentieren. Dann verließ unser Hauptschreihals/Songwriter 2013 die Band und das veränderte unseren Sound ziemlich abrupt. Andrew kam in die Band und Grant übernahm mehr die Rolle des Songwriters und beide sind stark vom Power Metal und traditionellerem Heavy Metal beeinflusst.  Ich habe das Gefühl, dass meine Stimme schon immer gut zu dieser Art von Sound gepasst hat, also war es für mich in Ordnung, die Richtung ein wenig zu ändern. Ich habe allerdings schon immer melodischen Death Metal geliebt, also habe ich auch darauf geachtet, dass wir eine härtere Seite in unseren Songs beibehalten und immer versuchen, Platz für ein paar Schreie zu finden! Wir lassen uns von vielen verschiedenen Genres inspirieren, so dass sie alle auf die eine oder andere Weise ihren Weg in unsere Musik finden. Dieses Album hat ein bisschen mehr "Pop-Sensibilität", aber es hat auch ein paar sehr harte Riffs, so dass hoffentlich jeder etwas findet, das ihm gefällt, wenn er "Phantoma" hört.

Brittney, nochmals vielen Dank für die Beantwortung meiner Fragen. Hinter "Phantoma" steckt viel Liebe und das merkt man auch - viel Erfolg mit dieser starken Platte. Was möchtest du unseren Lesern und euren Fans noch sagen?
Ich wollte mich nur dafür bedanken, dass ihr euch unsere Musik anhört und uns all die Jahre so unterstützt habt.  Wir haben CDs nach Deutschland verschickt, seit unser erstes Album 2009 herauskam! Wir schätzen euch alle sehr und hoffen, dass wir euch diesen Sommer auf einem unserer Festivals oder irgendwann im nächsten Jahr auf Tour sehen! Behaltet unsere sozialen Netzwerke im Auge, denn wir werden bald alles ankündigen! Danke!


Fotocredits: Shimon Karmel


Green & Glass



https://www.youtube.com/watch?v=eLPMBD7i0IU

Redakteur:
Marcel Rapp

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