CAVALERA CONSPIRACY und INCITE - Köln

07.12.2023 | 10:29

24.11.2023, Die Kantine

Familienausflug bei Cavaleras.

Einen Konzertbericht schreibt man am besten immer direkt solang die Eindrücke noch frisch sind – hätte, hätte, … diesmal hat es nicht geklappt und der Bericht kommt nun mit etwas Verzögerung. Aber keine Sorge, die Herren Cavalera haben durchaus einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Etliches wurde über die Morbid Devastation Tour und die neuen alten Debüt-Veröffentlichungen "Morbid Visions" (1986, 2023) bzw. "Bestial Devastations" (1985, 2023) der Cavaleras (damals noch unter SEPULTURA Flagge) schon geschrieben. Zum Beispiel wie viele Re-Recordings braucht die Welt. Wer sich ein bisschen mit der turbulenten Band-Historie auseinandergesetzt hat, kann wahrscheinlich gut nachvollziehen, warum die Brüder Max und Igor Cavalera das ehrliche Bedürfnis haben, noch einmal zurück zu ihren Wurzeln zu gehen. Das ist etwa 40 Jahre her. Verrückt.

Vor knapp zwei Wochen also ging es mal wieder in "Die Kantine" nach Köln. Tatsächlich nicht das erste Mal, dass wir Max und Igor dort spielen sehen, schon 2019 zur "Beneath The Arise"-Tour hatten wir sie eben dort gehört. Eigentlich keine schlechte Location, aber einfach etwas ungünstig außerhalb von Köln gelegen. Ich weiß, Luxusprobleme. Früher hat es uns auch nicht gejuckt für einen Konzertabend mal eben die hundert Kilometer in die nächst größere Stadt zu fahren und das Anstrengendste daran war die Diskussion, wer wohl nüchtern bleibt um zurückzufahren.

Heute sind wir mal nicht zu Zweit unterwegs sondern mit einigen Freunden beim Konzert. Diese haben dafür tatsächlich eine deutlich längere Anfahrt in Kauf genommen als wir, schließlich macht CAVALERA CONSPIRACY auf ihrer Welttournee nur für insgesamt vier Konzerte einen Zwischenstop in Deutschland. Sehr spannend, jeder hat so seine Perspektive auf den Abend. Und wie sich zeigt, sind die Eindrücke hier mal komplett unterschiedlich. Das hat mich dann doch überrascht. Dazu aber später mehr.


Was hat es nun mit dem Familienausflug auf sich? Den Abend läutet erstmal INCITE ein. Amerikanischer Thrash Metal aus Phoenix, Arizona, und zwar auch mit einem Cavalera als Frontmann. Den Einheizer macht Max' Stiefsohn Richie Cavalera mit seiner Band INCITE. Und das mit ordentlich Dampf. Richie rennt – und springt – über die Bühne, dass ich kaum mit der Kamera hinterherkomme. Für mich passt die Band gut zum Abend, der Sound bringt reichlich Härte mit. Letztlich finde ich es auch völlig legitim, dass sich der Familienclan hier gegenseitig unterstützt, warum auch nicht.Die Bühne wird nicht groß umgebaut, ein großes CAVALERA CONSPIRACY Hintergrundbanner und zwei Screens links und rechts. Die Drums erhöht im Hintergrund. Die Cavalera Brüder kommen auf die Bühne, begleitet werden sie von Max' Sohn Igor Amadeus Cavalera (Bass) und Travis Stone (Gitarre). Was wir hören wollen ist rohe, brasilianische Urgewalt, die ihren Ursprung in den 80er Jahren hat. Nix Ballädchen. Wir werden nicht enttäuscht, 'Bestial Devastation', 'Antichrist', 'Necromancer' und 'Warriors of Death' werden uns zum warm werden direkt um die Ohren gehauen. Mit wenigen Ausnahmen prügeln die Cavaleras die beiden Scheiben 'Bestial Devastations' (EP) und 'Morbid Visions' in chronologischer Reihenfolge einmal komplett durch. Und sie haben Spaß dabei. Das liebe ich einfach, wenn die Musiker auf der Bühne ihre Songs abfeiern und sich diese Energie auf das Publikum überträgt. Und Energie ist auch im Publikum reichlich vorhanden, schon beim zweiten Song muss ich im Fotograben in Deckung gehen, die ersten Crowdsurfer fliegen an. Die Halle ist von Anfang an voll dabei, Haare fliegen, Schweiß strömt, es wird im Chor gebrüllt, Stimme und Performance sind stark und der Sound passt auch weitestgehend. Der beste Platz für den Sound in der Kantine scheint wie gewohnt in der Mitte hinterm Mischpult zu sein.

Also alles in allem, alle happy? Na ja, fast. Da ich mit harter Livemusik ja immer schnell zu begeistern bin, will ich die anderen Stimmen natürlich nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Klar, es wurde geliefert was angekündigt war, aber so mancher hat einfach doch noch auf den einen oder anderen SEPULTURA Klassiker gehofft. Zwar haben die beiden gespielten Debüt-Alben den Durchbruch für die Band gebracht, endgültig auf den Thron gestiegen sind sie aber sicher mit den drei Überwerken "Arise", "Chaos A.D." und "Roots". Kurz vor Ende werden mit der Ansage "You are witnessing the real SEPULTURA" die Songs 'Refuse/Resist' und 'Territory' noch kurz angespielt. Das wars dann aber auch schon mit den 90er Jahren. Und sonst? Das Schlagzeug. Ja, das war stark, aber halt nicht mehr das absolut rohe, brutale brasilianische Schlagzeug, von vor 30, 40 Jahren, zu dem junge Drummer ehrfurchtsvoll aufgeschaut haben. Über das persönliche Empfinden lässt sich nicht streiten, deshalb ist ein Erfahrungsbericht natürlich auch immer eine Frage der Stimmung und Erwartung. Also alles in allem? Am Ende strömen mit uns viele leuchtende Augen und komplett durchgeschwitzte Menschen zufrieden Richtung Ausgang. Ein starker Abend!

Setliste: Bestial Devastation; Antichrist; Necromancer; Warriors Of Death; Sexta Feira 13; Morbid Visions; Mayhem; Crucifixion; Show Me The Wrath; Funeral Rites; Empire Of The Damned; Refuse/Resist / Territory; Troops of Doom / Morbid Visions

PHOTO CREDITS: Barbara Sopart

Redakteur:
Barbara Sopart

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