LONG DISTANCE CALLING - Hannover

13.04.2023 | 16:37

17.03.2023, Musikzentrum

Die Großmeister der instrumentalen Heavy-Music laden zur musikalischen Naturkundestunde.

Ich glaube es gibt keine zwei Meinungen, dass seit dem selbstbetitelten 2011er Werk LONG DISTANCE CALLING nicht nur die beste instrumentale Band Deutschlands ist, sondern auch international durchaus Zeichen setzen kann. Aber spätestens seit der Livealbum-Blaupause "Stummfilm" und den letzten beiden Knallern "How Do We Want To Live?" und "Eraser" bin auch ich Fan. Zwar hatte ich die Jungs schon zweimal live gesehen, allerdings immer nur im Festival-Kontext und Dank suboptimaler Planung immer nur mitten in der Nacht. Nach einem anstrengenden Tag und diversen alkoholischen Getränken ist das nicht die beste Voraussetzung für den komplexen, progressiven Post-Rock aus Münster. Somit hing zuhause ständig das imaginäre Post-it, dass ich zwingend mal eine Clubshow besuchen sollte, damit ich dieser Art der Musik auch die entsprechende Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbringe, die sich die Band definitiv verdient.

Im Rahmen der "Eraser"-Tour sollte das Ziel also das Musikzentrum in Hannover sein. Dieser Club gehört sicherlich zu den Top 5 der von mir am meisten besuchten Konzert-Venues. Eine großartige Location mit einem wunderbaren breiten Blick auf die für diese Größe ungewöhnlich groß ausgelegte Bühne. Ja, hier habe ich schon so manche Highlights gesehen. Da auch der Sound grundsätzlich (Spoiler: auch an diesem Abend) fett und klar serviert wird, bin ich frohen Mutes, dass sich auch LONG DISTANCE CALLING hier von der besten Seite präsentieren kann. Aber leider hat auch dieser Club eine Achillesverse, welche, so fair muss man sein, sich aber etwas dem Handlungsspielraum der Veranstalter entzieht.

Ihr wisst, was ich meine. Die Parkplatzsituation ist gelinde gesagt unterirdisch und besonders für Fans, die von weiter weg anreisen eine Zumutung. Es gibt eigentlich nur einen guten Tipp und der heißt "früh anreisen". Leider war das dieses Mal nicht möglich, so dass auch unsere Parkplatzsuche zur Geduldsprobe wird und leider zu Lasten der ersten Vorgruppe PIL & BUE geht. Somit sehen/hören wir nur noch die letzten zwei Songs der Alternative-Post-Rocker aus Norwegen. Schade, denn zumindest, wenn man die Reaktionen der Zuschauer (der Club war bereits sehr gut gefüllt) betrachtet, dann haben PIL & BLU geliefert.

Im Rahmen der "Eraser"-Tour hat sich LONG DISTANCE CALLING sogar eine zweite Vorband gegönnt. Wobei Vorband nicht wirklich richtig ist - denn bei JONATHAN HULTÉN handelt es sich um den ehemaligen TRIBULATON-Gitarristen, welcher in bester Singer/Songwriter-Manier ausschließlich mit Akustikgitarre versucht, seine sehr minimalistischen und reduzierten Folkperlen unter das leicht irritierte Publikum zu bringen. Diese hätten sich wahrscheinlich eher etwas Härteres gewünscht und lassen sich leider nur zu etwas Höflichkeitsapplaus hinreißen. Durch die ruhige Performance wirken halt auch die vereinzelten Gespräche der Gäste störend, da grade diese Musik mich immer mal wieder an SIMON & GARFUNKEL und ME AND THAT MEN erinnert. Somit hört man an allen Ecken und Enden, dass es zwar eine großartige Musik ist, aber doch als Support für den heutigen Abend etwas deplatziert. Meine Begleitung und ich sind aber sehr angetan von diesem Dark-Folk-Mix und könnten uns sicherlich auch ein Solo-Konzert vorstellen. Dann auch mit einem wertschätzenden und stillen Publikum.

Nun aber zum Main-Act. Nach diesem Kontrastprogramm sind die Besucher heiß wie Frittenfett auf die Band und reagieren geradezu euphorisch als der Opener 'Enter: Death-Box' ins Musikzentrum gefeuert wird. Ja, so habe ich mir das gewünscht. Die Songs des neuen Albums "Eraser" werden auch im weiteren Verlauf des Abends den Schwerpunkt bilden und, wie so häufig bei LONG DISTANCE CALLING, klingen sie noch eine Spur metallischer als auf dem bockstarken Album. Insbesondere 'Kamilah' und der Titeltrack sind halt auch echte Paradebeispiele, wie man instrumentale Rockmusik spannend umsetzen kann. Neben den fünf Songs vom aktuellen Werk, gibt es mit 'Hazard' und 'Immunity' auch zwei Songs vom Vorgänger. Da dieses Album für mich das Highlight der Vita darstellt, bin ich mit dieser Entscheidung vollkommen einverstanden. Im Rahmen des regulären Sets ist auch das 2018er Wek "Boundless" mit zwei Songs vertreten ('Skydivers' und 'Out There'), welche heute Abend besonders soghaftig wirken. Komplettiert wird die Songauswahl durch 'Invisble Giants' ("Long Distance Calling"), 'Black Paper Planes' ("Avoid The Light") und 'Aurora' ("Satellite Bay") - also alles Tracks der ersten Alben. Nur Fans von "The Flood Inside" und "Trips" gehen heute leer aus, aber irgendwelche Schwerpunkte muss man ja setzen. Besonders bei dieser Mischung von den Frühwerken zeigt sich deutlich, wie homogen sich ein Konzert der Truppe um die beiden Gitarristen David Jordan und Florian Füntmann über die gesamte Laufzeit anfühlt. Auch wenn die neueren Nummern nochmal eine andere qualitative Stufe sind, passen auch die Klassiker wie die Faust aufs Auge und sorgen für eine transzendente Gesamterfahrung. Nach den letzten Klängen von 'Eraser' sieht man dann auch reihum nur zufriedene und glückliche Gesichter. Sehr starker Abend.

Doch LONG DISTANCE CALLING kommt nochmal für eine Zugabe zurück und zieht das Intensitätslevel mit 'Metulsky Curse: Revisited' noch einmal spürbar an. Fast 10 Minuten Post-Rock der Extraklasse, mit Riffs und Melodien zum Niederknien. Den Abschluss bildet dann der Knaller 'Arecibo' und dürfte bei vielen Gästen noch entsprechend nachwirken.

Als Fazit muss man festhalten, dass diese Band in der richtigen Atmosphäre und den richtigen Rahmenbedingungen eine auditive Erfahrung ist, welche nicht an jeder Ecke zu finden ist. Solltet ihr also bei den Sommerfestivals die Jungs mal live sehen können und nicht wirklich geflasht werden, dann nutzt trotzdem die Chance und besucht eine Clubshow. Das sind gigantische Unterschiede und es lohnt sich definitiv. Und ich denke, genauso wird es vielen an diesem Abend auch mit JONATHAN HULTÉN gehen. Vielleicht nicht das richtige Ambiente, aber in einem kleinen Pub mit einem Bier oder Wein in der Hand, dürfte auch dieser Mann ein Leuchtfeuer sein.

Setliste: Enter:Death Box; Giants Leaving; Blades; Hazard; Invisible Giants; Immunity; Kamilah; Black Paper Planes; Aurora; Skydrivers; Out there; Eraser; Zugabe: Medulsky Curse Revisited; Arecibo

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Redakteur:
Stefan Rosenthal

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