Auch mein Le Samplér de la Wichtèl kam vor einer Weile an und möchte gerne besprochen werden. Er enthält 13 Stücke — allesamt mir unbekannt — bei einer Laufzeit von 78 Minuten und ist doch eher unmetallisch geraten. Daher der Thread-Titel. Was an und für sich nichts Schlechtes zu bedeuten hat, denn letztes Jahr konnte mich ein eher unmetallischer Sampler beinahe durchgehend überzeugen. Vielleicht liegt es eher daran, dass ich in meinem Metal etwas komplett Anderes suche als die meisten hier und demnach entweder ziemlich fehl am Platze bin oder eine etwas schräge Quote erfüllen muss. Dabei fand ich letztens erst ÆVANGELIST und GEHENNA im Briefkasten. Das ist doch voll Metal und true! Okay, die dazwischen liegende FIONA APPLE hat den Trueness-Faktor vielleicht ein wenig runtergezogen...
Das Drumherum des Samplers ist ganz toll aufgemacht. Das abstrakte Cover erinnert etwas an "Turn Loose the Swans" der britischen Trauerweiden. Zu erkennen ist in dem grauen Gekleckse allerdings nichts. Möglicherweise stellt es nur eine schimmelnde Zimmerecke dar. So eine habe ich auch. Mir steht leider gerade kein Scanner zur Verfügung. Auch Backcover, Inlay und Booklet sind vorhanden, bedruckt mit Textfragmenten und allerlei Bildern von orthodoxer Ikonographie, surrealen Gebilden, mittelalterlichen Kupferstichen bis hin zu modernen Alltagsfotos — tolle Sache. Besonders das Bild zu Track 10: Hübsche Asiatinnen im Bikini gehören in jedes vernünftige Booklet. Woher wusstest Du nur, dass mir das gefallen wird, Wichtel?

Wie dem auch sei: Nach einem langen und anstrengenden Tag voller Hamsterkäufe, dem Bauen von Bunkern, dem Anbeten jedweder mir bekannten Gottheit (für alle Fälle), mittelmäßigem Ende-der-Welt-Sex und der Erprobung meiner Zombie-Abwehr-Maßnahmen wird es höchste Eisenbahn (warum eigentlich nicht Flugzeug oder Omnibus?). Uuuuunnnnddd... PLAY!
I. 8:30
Düster-doomig beginnt es mit hallenden, unverzerrten Saitenklängen, bevor nach 20 Sekunden das norwegisch anmutende Tremologewitter über den Hörer hereinbricht. Schwere, heavy Riffs, fast durchgehend polternde Doublebass bei ansonsten eher gemäßigten Schlagzahlen und subtiler Leadgitarren-Arbeit. Melancholische, doch erhabene Melodien. Generelle Richtung: SHINING (Swe) oder FORGOTTEN TOMB. Keine Blasts, aber ich würde es ansonsten unter Black Metal einordnen. Oha, der ausklingende Tritonus bei 3:30 war außerordentlich leckerlich platziert und leitet ein hübsches Solo ein. Bei knapp 5 Minuten gibt es ein Break und das Stück hüpft etwas moderner riffend los. Instrumentalstücke sind ja eher schwer zu beschreiben. Es windet und rifft halt ziemlich schaftauglich. Die Pinch Harmonics nach sechseinhalb Minuten wirken nicht zu modern und aggro, das Keyboard deutet nur im Hintergrund einen leichten Schleier an. Nach Siebeneinhalb Minuten kehren wir zu den klar geklimperten Saiten zurück und die Rückkopplung wird vom nächsten Song abrupt abgewürgt. Das war wohl ein Intro für ein Metal-Album, dessen Urheber mich gerade brennend interessiert.
II. 5:01
"In the darkness of... electric nights... I was lost in time..." säuselt es mir im zart gehauchten Stil von ANATHEMA entgegen. Zarte Gitarrenzupfer, elektronische Drumloops, ebenso elektronischer Bass.
"They're like a flash from a clear blue sky"
Atmosphärisch, kühl, hypnotisch. Eingängig. Ich würde allerdings anhand des Akzents des Sängers nicht auf die ehemals doomenden Briten tippen, sondern eher auf einen Amerikaner oder Kanadier. Oder einem ziemlich akzentfreien Polen, weil die Klangfarbe durchaus auch an RIVERSIDE erinnert... Mit abgeklärter Ruhe und ohne Ausbruch oder Höhepunkt zieht der Song seine Bahnen in angenehmen Sphären. Schöner Kontrast zum Opener.
III. 5:26
Wieder düster-elektronisch. Könnte Trip-Hop werden.
"Don't you want me? Why can't you look me in the eye? I'm gonna try to get to the other side. I only try to survive"
Die elektronischen Drums erinnern stark an MASSIVE ATTACK. "God is coming..." und BOOOM! Schon knallen die Drum-Loops wesentlich härter, während im Hintergrund weiterhin die Streicher ihre dunklen Netze weben. Es wird zunehmend verzerrter, steigert sich von nun an rein instrumental in irgendwelche Sphären, die man unter Zuhilfenahme bewusstseinserweiternder Drogen leichter erreicht. In der letzten Minute wirkt der Schlagzeuger aus der Konserve einsam und verloren...
IV. 5:53
Die scheinbar elektronischen Bläser zu Beginn ließen wieder etwas in der RIchtung vermuten. Nur dieses Mal mit echtem Schlagzeug, welches hier stoisch den Marsch spielt. Doch dann setzt ein Sänger ein, den man eher bei Metal oder modernem Prog Rock findet.
"And so we spoke: Long live the King! Our humbled hearts unknown murmel murmel murmel..."
Piano. Mantrische Wiederholung der gesungenen Zeilen. Unbeirrt marschiert der Schlagzeuger weiter. Trotz des metaltauglichen Sängers ist das doch ein Stück weit von Metal oder überhaupt Rock entfernt. Keine Ahnung, was das sein soll. Aber hübsches Crescendo.
V. 3:32
Schmusige Akustikgitarre lullt mich ein. Zartes Frauenstimmchen, welches sich trotz spürbarem Akzent an Englisch versucht.
"Shadowboxing monologue and we talk and we talk and we talk"
Musikalisch nicht allzu weit von LISA O PIU oder FIONA APPLE. Zumindest bis etwas 2:30, als es plötzlich belebter und folkiger wird, mit Handklatschen und Shakern:
"And we go down to the beggar, to reach for the queen"
Minimalismus für den Mädchen-mit-Gitarren-Thread.
VI. 6:39
Hundert Anschläge auf der Ride, abermals klares Saitengezupfe. Mein Wichtel steht offenbar nicht auf verzerrte Gitarren. Ein nöliger Sänger nölt mir nölend entgegen in unverständlichem Englisch. "Choking on the bones" ist das die verständlichste Zeile. Auch hier bleibt das Schlagzeug stoisch-monoton in einer Schleife gefangen bis kurz vor Minute 4 ("When we die, we return to dust"), als der Song plötzlich zu Retro-Prog zu mutieren scheint. Oder Retro-Post-Rock. Ein gewaltiges, rein instrumentales Crescendo garniert den Song. Kann man nicht meckern. Aber so wirklich zuordnen kann ich das auch nicht.
VII. 6:00
Abermals ertönt ein unverzerrtes Saiteninstrument zu Beginn, gefolgt von einem furchtbar schiefen Piano und Streichern. Aua, das arme Piano! Was hat es euch getan?! Ein zarter Sänger setzt ein. Ein Teil des Textes ist auch im Inlay des Samplers enthalten:
A garden of bones leads to the homes, blood spills from the hoses that water the flowers..."
Wirkten die ersten Sekunden fast schon Sitar-mäßig fernöstlich, ertönt nun eine spanische Gitarre, bevor das hilflose Piano erneut geschändet wird. Wichtel, Du hörst seltsame Sachen.
"Looks like we're in for a dry white season"
VIII. 3:42
Ihr habt es erraten: Unverzerrtes Saitengezupfe. Simpler Beat. Poppiger Sänger. Zur Abwechslung wird allerdings mal auf Schwedisch gesäuselt:
"Du fastnar perfekt i min Polaroid, du blinkar förskräckt när jag ställer mig bredvid, du ryggar tillbaks när min hand just ska röra vid din..."
Da mein Schwedischunterricht schon eine Weile her ist, kann ich nur einige der deutlicher gesungen Zeilen ausmachen. Der Refrain endet sehr catchy mit:
"Som en perfekt underbar lag, perfekt och oförstörbar... som jag"
Nette kleine Pop-Ballade, die man auch Großmütterchen vorspielen kann. Quasi ORANGE BLUE oder JAMES BLUNT auf schwedisch.
Damit ich nicht an einer Nichtmetallvergiftung zugrunde gehe, gönne ich mir jetzt ein Bierchen, eine kurze Runde GRIEF oder WIZARD'S BEARD und mache später weiter. Bis dahin dürft ihr gerne die ersten 8 Songs erraten.


