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von Holger Andrae » Freitag 1. Mai 2020, 23:18
Havoc hat geschrieben:Eines muss ich doch noch nachschießen...ich glaube, dass sich das ganze Gefüge in den letzten Jahren aber deutlich zugunsten der Konzerte verschoben hat. Da bekommt man von jüngeren Jahrgängen zu hören, dass man doch bekloppt sei, 15 € für eine neue echte CD zu zahlen, wenn man doch alles im Netz zum Nulltarif erhält. Und gleichzeitg wird einem dann erzählt, dass man 80 € für eine Konzertkarte gezahlt hat. Das passt halt dann nicht in meine Welt. Aber da hat halt jeder so seine Ansichten, Gewohnheiten, Wertschätzungen etc....belassen wir es dabei.
So sieht es aus. Das Grundverständnis für Musik als Kulturgut ist bei vielen jungen Menschen nicht vorhanden. Da ist so ein "Konzert" halt ein Event. Allerdings passt diese Sichtweise nicht zwingend in dieses Forum.
Wenn ich vier Ohren hätte, könnte ich länger schlafen.
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Holger Andrae
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von Rüdiger Stehle » Freitag 1. Mai 2020, 23:22
Mit dem Begriff der "Abzocke" tue ich mir seit jeher auch recht schwer, denn meistens kommt er ja nicht von denen, die hingegangen sind, sondern von jenen, die nicht hingegangen sind. Diejenigen, die bezahlt haben, gehen meist mit einem Grinsen im Gesicht aus der Halle und lassen dann noch - freudig - 40,- bis 100,- weitere Euro am Merchandise liegen. Abgezockt wurde also keiner. Aber es wurden vielleicht Leute ausgeschlossen, die es sich einfach nicht leisten können, so viel Geld für eine Band zu bezahlen. Das ist halt die Frage, wie du als Künstler dazu stehst, dass es sich nur deine betuchten Fans leisten können, dich live zu sehen. Klar, der Künstler muss oft auch in einer relativ kurzen Karriere versuchen, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und hat oft auch hohe Risiken und Kosten. Das ist halt das Wesen des Kapitalismus und auch wieder schwer der Band als solcher vorzuwerfen, denn so viel schenken die sich alle auch nicht, ab einem gewissen Level. Für mich kann ich sagen, dass ich es retrospektiv nie bereut habe, gelegentlich mal ein teures Ticket gekauft zu haben, weil es mir das Konzerterlebnis dann auch immer wert war und noch wert ist. Ganz generell geht es aber tatsächlich immer nur um die Musik und nie um das Event. Wie Holg könnte auch mir das Event an sich gestohlen bleiben. Ich mag keine Stadien, keine großen Hallen, keine Sitzplätze, kein Gedränge, keine zigtausend Leute, sondern ein Clubgig oder Kleinhallen-Gig ist für mich immer das Non-Plus-Ultra eines Konzerterlebnisses. Dass ich manche Bands halt so nicht kriegen werde, macht mich dann aber immer mal wieder kompromissbereit, weil ich halt manche Bands zumindest einmal gesehen haben will, so lange sie noch unterwegs sind. Holger Andrae hat geschrieben:Havoc hat geschrieben:Eines muss ich doch noch nachschießen...ich glaube, dass sich das ganze Gefüge in den letzten Jahren aber deutlich zugunsten der Konzerte verschoben hat. Da bekommt man von jüngeren Jahrgängen zu hören, dass man doch bekloppt sei, 15 € für eine neue echte CD zu zahlen, wenn man doch alles im Netz zum Nulltarif erhält. Und gleichzeitg wird einem dann erzählt, dass man 80 € für eine Konzertkarte gezahlt hat. Das passt halt dann nicht in meine Welt. Aber da hat halt jeder so seine Ansichten, Gewohnheiten, Wertschätzungen etc....belassen wir es dabei.
So sieht es aus. Das Grundverständnis für Musik als Kulturgut ist bei vielen jungen Menschen nicht vorhanden. Da ist so ein "Konzert" halt ein Event. Allerdings passt diese Sichtweise nicht zwingend in dieses Forum.
Ist sicher so, und ist schade. Aber wie du sagst, mangelnde Wertschätzung für Musik und Tonträger ist sicherlich kein Problem der Leute hier im Forum. Das Problem könnte sich nur ändern, wenn die Musikindustrie von sich aus dem Streaming den Hahn zu drehen würde, aber dazu ist sie offenbar zu sehr am Tropf der entsprechenden Anbieter.
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von Eike » Samstag 2. Mai 2020, 14:49
Holger Andrae hat geschrieben:Havoc hat geschrieben:Eines muss ich doch noch nachschießen...ich glaube, dass sich das ganze Gefüge in den letzten Jahren aber deutlich zugunsten der Konzerte verschoben hat. Da bekommt man von jüngeren Jahrgängen zu hören, dass man doch bekloppt sei, 15 € für eine neue echte CD zu zahlen, wenn man doch alles im Netz zum Nulltarif erhält. Und gleichzeitg wird einem dann erzählt, dass man 80 € für eine Konzertkarte gezahlt hat. Das passt halt dann nicht in meine Welt. Aber da hat halt jeder so seine Ansichten, Gewohnheiten, Wertschätzungen etc....belassen wir es dabei.
So sieht es aus. Das Grundverständnis für Musik als Kulturgut ist bei vielen jungen Menschen nicht vorhanden. Da ist so ein "Konzert" halt ein Event. Allerdings passt diese Sichtweise nicht zwingend in dieses Forum.
Das ist eine Sichtweise. Aber es gibt ja noch andere. Ich kann genauso gut verstehen, wenn jemand meint, Kultur ist was man lebt, und ein Tonträger allenfalls ein schwacher Abklatsch davon und längst nicht so wertig wie die Begegnung vermittels einer Bühne, einer Live-Übertragung oder sonstwie. Streng genommen ist ein Tonträger dann auch kaum mehr als anderer Merchandise wie etwa Bandlogo auf Christbaumkugel, da die Kommunikation fehlt und bloß in eine Richtung gesendet wird. Kann ich kognitiv nachvollziehen. Für mich fühlt es sich dennoch genau andersherum an. Auf die "Kultur" als drumherum der "eigentlichen" Musik kann ich verzichten, wenn die aus einem Gedrängel von Abwärme, Lärm, Bewegung und Geruch verströmenden Körpern um mich herum besteht, die alle auch noch sowas wie eigenen Willen mitbringen, der potentiell zwischen mir und den Musikern steht. Mich dem auszusetzen ist für mich ein sehr hoher Preis, den ich zu zahlen habe, um unter Nebengeräuschen die Musik zu hören, die ich daheim so ähnlich und vor allem ohne mannigfache Störfaktoren viel bequemer und ohne nervige Ablenkung erfahren könnte. Noch ohne in den Geldbeutel zu greifen zahle ich bei Konzertbesuchen also einen Preis, den mir keine andere Sache außer Musik auf dieser Welt wert wäre. Jetzt kriege ich nichtmal Schmerzensgeld, sondern soll noch draufzahlen, und zwar mehr als die Musik "sauber" mich kosten würde? Verrückt! Aber das ist halt wieder meine Scheuklappensicht. Die ist nicht allgemeingültig.
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von Rüdiger Stehle » Samstag 2. Mai 2020, 15:28
So selten ist die Sicht gar nicht. Ich kenne einige Leute, die sich fragen, warum sie viel Geld dafür ausgeben sollten, Musik in weitaus ungemütlicherem Ambiente und weitaus schlechterer Klangqualität als zu Hause im Wohnzimmer zu hören. Ja, kann man im Prinzip ja auch nichts dagegen sagen, wenn es jemandem wirklich nur um die eigene innere Auseinandersetzung mit dem Musikwerk geht, und er keine größere Affinität zu Musik als Begegnungsstätte oder zu Musik als Theater hat.
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von Eike » Samstag 2. Mai 2020, 15:59
Zum Theater habe ich auch schon die Meinung gehört, dass es bloß eine primitive Notlösungsvorstufe zur weniger fehlerreichen Realitätssimulation des Kinos sei. Nicht meine Meinung, aber könnte man so sehen.
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von Havoc » Samstag 2. Mai 2020, 16:06
Eike hat geschrieben:Ich kann genauso gut verstehen, wenn jemand meint, Kultur ist was man lebt, und ein Tonträger allenfalls ein schwacher Abklatsch davon und längst nicht so wertig wie die Begegnung vermittels einer Bühne, einer Live-Übertragung oder sonstwie. Streng genommen ist ein Tonträger dann auch kaum mehr als anderer Merchandise wie etwa Bandlogo auf Christbaumkugel, da die Kommunikation fehlt und bloß in eine Richtung gesendet wird. Kann ich kognitiv nachvollziehen.
So sehen das glaube ich wirklich viele Leute. Oder eigentlich sogar noch krasser. Eine echte CD raubt einem nämlich auch noch Platz und setzt Staub an! Aber das sind halt oft Leute die nur Musik zum Vergnügen hören wollen. Vieles was hier so abgeht...Cover bestaunen, Musik bewerten und vergleichen, die Musiker zu "kennen", ganz zu schweigen davon, dass man auch die Prodzuenten und sogar Maler des Covers kennt....usw. Naja. Für mich fühlt es sich dennoch genau andersherum an. Auf die "Kultur" als drumherum der "eigentlichen" Musik kann ich verzichten, wenn die aus einem Gedrängel von Abwärme, Lärm, Bewegung und Geruch verströmenden Körpern um mich herum besteht, die alle auch noch sowas wie eigenen Willen mitbringen, der potentiell zwischen mir und den Musikern steht. Mich dem auszusetzen ist für mich ein sehr hoher Preis, den ich zu zahlen habe, um unter Nebengeräuschen die Musik zu hören, die ich daheim so ähnlich und vor allem ohne mannigfache Störfaktoren viel bequemer und ohne nervige Ablenkung erfahren könnte. Noch ohne in den Geldbeutel zu greifen zahle ich bei Konzertbesuchen also einen Preis, den mir keine andere Sache außer Musik auf dieser Welt wert wäre. Jetzt kriege ich nichtmal Schmerzensgeld, sondern soll noch draufzahlen, und zwar mehr als die Musik "sauber" mich kosten würde? Verrückt! Aber das ist halt wieder meine Scheuklappensicht. Die ist nicht allgemeingültig.
Das geht mir in etwas abgeschwächter Form auch so. Ich fand es zuletzt insbesondere auf dem Leprous-Konzert zwar echt sehr gut, aber der ganze Aufwand und das ganze Drumherum ist schon ein wenig nervig. Zudem finde ich ein Konzert oder auch ein Live Fußballspiel halt nicht so toll, als dass ich dafür so viel Geld raushauen würde. Dazu kommen die Probleme mit den Menschenmassen bei großen Events. Da geht bei mir echt nix über Kopfhörer im ruhigen gemütlichen Daheim...oder Sportschau bei einem kühlen Blonden aus dem Kühlschrank!
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von Eike » Samstag 2. Mai 2020, 16:59
Es gibt inzwischen ja auch ganz tolle Konzertmitschnitte aus zig Perspektiven gefilmt. So wie manche Sportübertragung einem ja auch das eigentliche Geschehen auf dem Spielfeld, Spieltisch oder im Wasser näherbringt als die Sicht aus einem wie auch immer gearteten festen Zuschauerplatz inmitten der Fanmassen.
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von Holger Andrae » Samstag 2. Mai 2020, 17:01
Irgendwann wird es per VR Brille Konzerte geben. Wird für mich aber nicht das Konzertereignis ersetzen können.
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von Eike » Samstag 2. Mai 2020, 17:03
Bei meinem letzteren Beispiel könnte ich mir sogar vorstellen, dass wer tatsächlich auf viele Leute gleichzeitig gesellig treffen steht (*Brrrr...!*), sogar den örtlichen Marktplatz public view von der Stimmung her dem anonymen Stadion vorzieht.
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von lenbert » Dienstag 2. Juni 2020, 21:04
Schöner Artikel, Tobias! Ich kann mir gut vorstellen, dass "Brave New World" einen hohen Stellenwert besitzt, auch oder vor allem band-intern. Persönlich finde ich, dass es nach dem gewaltig guten Eröffnungs-Triple deutlich abbaut und insgesamt einige der Probleme aufweist, die IRON MAIDEN spätestens seit dem Wiedereinstieg von Smith und Dickinson plagen - dünne Produktion, Wiederholungen und Überlänge. Dennoch ziemlich sicher für mich das beste Album der Band der Ära Dickinson-Smith-2.
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