Iron Maiden

Re: Iron Maiden

Beitragvon Rüdiger Stehle » Montag 27. September 2021, 17:31

Nachdem ich nun knapp 30x durch bin, den Gruppentherapie-Beitrag schon verbrochen habe, und die Frotzeleien hinter mir gelassen habe, möchte ich euch dann doch noch mit einem kleinen, internen "Track by Track"-Review zu "Senjutsu" behelligen, mitsamt Einzelwertungen, die dann auch noch - ergänzend zum GT-Beitrag - auf dieser Ebene erklären, wie ich auf die 7,5 Punkte gekommen bin:


01 - Senjutsu - 8

Ein starker Opener. Ich mag den perkussiven Schwerpunkt und das markante Drumming, ebenso den peitschenden Bass und die düstere Grundstimmung. Bruce singt in der tieferen Tonlage ganz großartig, nur die Passage mit "Hear them calling / Must believe in / Hold Our Fortune / Arrows Falling" finde ich gesanglich ein wenig drüber, die führt zu einer leicht unangenehmen Gänsehaut. Aber im Großen und Ganzen ein feiner Auftakt.


02 - Stratego - 8,5

Für mich eines der definitiven Highlights der Scheibe. Hat ein gewisses "Somewhere In Time"-Flair, der Galoppelrhytmus ist angenehm klassisch, der Song nicht zu ausladend, und die Hooklines sind zwingend. Der Synth-Einsatz ist passend. Doch. Highlight.


03 - The Writing On The Wall - 6

Zu der Nummer wurde alles längst gesagt. Sie ist für mich das progressivste Stück auf dem Album, weil wir diesen starken Southern-Rock-Touch bei Iron Maiden bisher nie hatten. Obwohl ich ein großer Südstaatenrockfan bin, finde ich das Experiment aber leider nur bedingt gelungen. Sehr cool ist das akustische Intro, und auch das Anfangsriff kann etwas, klingt aber für Maiden schon ziemlich gewöhnungsbedürftig. Die meisten klassischen Southern-Rock-Bands hätten außerdem mit drei Gitarren ein etwas faszinierenderes Leadgitarren-Feuerwerk abgefackelt. Cool ist dagegen die voluminöse Gesangsleistung von Bruce, die dann aber wieder ein wenig vom recht repetitiven, darin aber auch wieder Maiden-typischen Refrain konsumiert wird. Mixed Bag.


04 - Lost In A Lost World - 8,5

Das ist dann wieder ein Highlight, denn die durch die Melodieführung und den massiven Synth-Einsatz und die Akustikgitarrenbegleitung erschaffene Stimmung ist wieder sehr dunkel und hintergründig. Das erste Viertel atmet einen verdammt coolen HEEP-Spirit. Der Refrain hätte hier auch das Zeug dazu, den Song herunter zu ziehen, aber dadurch, dass er sehr sparsam eingesetzt wird, weiß er, diese Klippe zu umschiffen. Der dritte Hauptteil der Songstruktur wird mir ein wenig zu lang ausgewalzt, was den Song dann aber am Ende wirklich heraus hebt, das ist das wirklich fantastisch gesungene ruhige, verträumte Ende, das für mich in seinem gläsernen Klangbild zu den fünf besten Momenten der Post-Reunione-Maiden-Ära gehört.


05 - Days Of Future Past - 6,5

Hat seine guten Momente, die erneut vor allem durch den Synth und die düstere Grundstimmung zu punkten wissen. Die Struktur des Songs und den Refrain finde ich allerdings ein wenig arg "von der Stange". Das Gitarrensolo von Herrn Schmid ist aber recht cool und auch die off beat parts danach, und wie er danach nochmal Fahrt aufnimmt, bevor er etwas fahrig endet.


06 - The Time Machine - 7

Das Stück punktet erst einmal durch mehrere ungewöhnliche Momente, die ich vor allem in Bruces Gesang sehe, der hier ein wenig Neoprog gefrühstückt zu haben scheint. Sein üblicher Hang zur Theatralik ist hier ein wenig anders gelagert, eher wie bei einem Gabriel, einem Bowie oder auch einem DeFeis. Auch die Rhythmik ist recht ungewöhlich, hat aber in meinen Ohren nicht so ganz den passenden Fluss. Ich steige da immer wieder ein wenig aus.


07 - My Darkest Hour - 9

Puh, ja, am Ende der beste Song des Albums. Tolle Dramatik, sehr emotional und fesselnd gesungen. Man merkt, dass Bruce Patriotisches liebt. Ich habe ja ganz persönlich emotional so meine Schwierigkeiten mit den Songs, die Churchill-Heldenverehrung betreiben, aber ich gönne den Briten natürlich, dass sie ihre Kriegshelden der Vergangenheit noch feiern können, ohne dass jemand Anstoß nimmt. Im Zweifel bin ich einfach nur ein bisschen neidisch. So oder so, emotionales Highlight der Scheibe, und auch die überzeugendste Komposition des Albums.


08 - The Death of the Celts - 6,5

Hmm. Stimmung passt, und die keltischen Melodiefragmente sind schon auch schön, aber bei dem Song ist es mir echt zu viel Mäander. Klar, das ist bei so manchem Irish-Folk-Song genauso, und so Sachen wie Brian Boru haben wohl auch die langen instrumentalen Parts beeinflusst, aber das ist mir einfach etwas zu viel am Stück. Cruachan hat solche Sachen ja auch schon aufgegriffen, aber die Iren haben dann doch irgendwo einen Punkt gemacht. Bei Maiden stirbt der Kelte einfach ein kleines bisschen zu lange. Dessen ungeachtet, hat der Song natürlich schöne Arrangements und auch ein paar sehr coole Melodiebögen zu bieten, aber wie oft hier die exakt gleiche Hookline sowohl vom Gesang als auch vom Leadinstrumentarium wiederholt wird, ist dann doch drüber.


09 - The Parchment - 6

Statt keltischer Melodien sind es hier nun orientalische Hooklines der Gitarren, die den Song in Gang bringen. Man könnte sagen, dass ein wenig "Nomad" zitiert wird. Ansonsten ist das aber strukturell genau die gleiche Baustelle wie bei #08. Über zahllose Verse wird immer wieder die gleiche Hookline wiederholt, und zwar in jeder Zeile, und vom Gesang ebenso wie von der Leadgitarre, bis ein massiver Instrumentalblock kommt, in dem das was vorhin ein keltisches Leitmotiv war nun als orientalisches Leitmotiv "prozessiert" wird und mit variierenden Basslicks, Drumpatterns etc... verfugt. Ja, klar, kann man machen. Da ist auch nichts schlecht, von dem was man hört, aber einen 13-Minüter auf im wesentlichen einigem einzigen melodischen Hauptmotiv aufzubauen, ist halt schon gewagt, und mancher steigt da m.E. verständlicherweise aus, wenn er sich nicht voll auf den Song fokussiert. Im Endeffekt macht Harris hier etwas, was auch der Bänkelsang und das klassische Volkslied machen. Tausend Verse mit derselben Melodie zu einer Art mantrischem Reigen verschmelzen. Ist in der richtigen Stimmung schön und mitreißend, kann in der falschen Stimmung aber auch recht schnell ermüdend und nervig werden. Gratwanderung. Ganz knapp hinter dem Keltentod, weil ich keltische Melodien im Dauerschleife grundsätzlich etwas näher am Herzen trage als orientalische Melodien in Dauerschleife. Etwas sparsamer dosiert, können beide Metalsongs großartig bereichern.


10 - Hell On Earth - 8

Der abschließende Longtrack ist von den ganz langen Dingern für mich dann der beste, weil er nicht den gleichen Fehler macht wie die beiden davor, dass ein einziges Leitmotiv durchprozessiert wird und quasi jeder Vers die gleiche Struktur und die gleiche Melodie perseveriert. Hier wird kompositorisch deutlich stärker variiert und es wird ein aus meiner Sicht kreativerer Ansatz beim Bauen der Strophen angewandt. Es gibt ganz unterschiedliche Typen von Strophen, Versmaßen, Metrik, Reimschemen und auch der instrumentale Aufbau hat mehr Dynamik und Spirit. Weiterer Bonuspunkt: Bruce singt hier an ein paar Stellen so fies und aggro wie schon lange nimmer, und darauf stehe ich ja immer ganz besonders. In den höheren Parts ist er dafür hier und da wieder ein wenig eng am Limit. Macht aber nichts.
alias Hugin der Rabe.
Ravnen fra steinfjellet.
Háv. 38
Benutzeravatar
Rüdiger Stehle
Musikredaktion
 
Beiträge: 35295
Registriert: Samstag 6. Februar 2010, 22:52
Wohnort: Schwabenland

Re: Iron Maiden

Beitragvon Loomis » Montag 27. September 2021, 22:51

Tolle Analyse, die ich in großen Teilen sogar sehr ähnlich sehe. Nur dass ich einzelnen Songs eine deutlich höhere Wertung geben würde (z.B. TWOTW, Time Machine, Death of the Celts) und somit natürlich auch zu einer höheren Gesamtnote kommen würde.

Rüdiger Stehle hat geschrieben:Im Endeffekt macht Harris hier etwas, was auch der Bänkelsang und das klassische Volkslied machen. Tausend Verse mit derselben Melodie zu einer Art mantrischem Reigen verschmelzen.

Bei dieser Beschreibung dachte ich sofort an “The Wreck of the Edmund Fitzgerald“ von Gordon Lightfoot (gecovert von Jag Panzer).
Benutzeravatar
Loomis
Luftgitarrespieler
 
Beiträge: 2718
Registriert: Dienstag 12. April 2011, 15:26

Re: Iron Maiden

Beitragvon Havoc » Donnerstag 30. September 2021, 21:44

Jhonny hat geschrieben:Joa, 'Childhood's End' ist für mich wohl der beste Song auf "Fear Of The Dark".


Das Album lief gestern auch noch mal. Soweit würde ich nicht gehen, aber er ist schon einer der besseren. Ich mag auch "The Fugitive" sehr gerne.
Ansonsten sind sicher nicht alle Songs Klassiker, aber ich finde eigentlich keinen so wirklich schlecht. Auch nicht "Weekend Warrior". Doch...ich bin schon ein
Freund der Scheibe denke ich. Das könnte auch an dem von Rüdiger schon erwähnten Gesang von Bruce liegen. Er singt hier wohl einen Tick rauer. Gefällt mir.
Benutzeravatar
Havoc
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 23750
Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 12:10

Re: Iron Maiden

Beitragvon Feamorn » Freitag 1. Oktober 2021, 15:43

Vom Algorithmus in die YouTube-Vorschläge gespült:
Maiden waren am 19.9. in ttt in der ARD Thema. Natürlich relativ oberflächlich, eben für Nicht-Kenner, aber die Story von Bruces Solo-Auftritt in Sarajevo '94 kannte ich tatsächlich noch nicht.

https://www.youtube.com/watch?v=dm0SoGXkiTM
Benutzeravatar
Feamorn
Vollblutmetaller
 
Beiträge: 7179
Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 13:00
Wohnort: Bergisch Gladbach

Re: Iron Maiden

Beitragvon Loomis » Freitag 1. Oktober 2021, 16:22

Feamorn hat geschrieben:Vom Algorithmus in die YouTube-Vorschläge gespült:
Maiden waren am 19.9. in ttt in der ARD Thema. Natürlich relativ oberflächlich, eben für Nicht-Kenner, aber die Story von Bruces Solo-Auftritt in Sarajevo '94 kannte ich tatsächlich noch nicht.

https://www.youtube.com/watch?v=dm0SoGXkiTM

Der Auftritt in Sarajevo wird auch in Bruce's Buch "What Does This Button Do?" behandelt, das ich uneingeschränkt empfehlen kann!
Benutzeravatar
Loomis
Luftgitarrespieler
 
Beiträge: 2718
Registriert: Dienstag 12. April 2011, 15:26

Re: Iron Maiden

Beitragvon Peter Kubaschk » Freitag 1. Oktober 2021, 17:15

Und in der sehr sehenswerten Doku:
https://powermetal.de/review/review-Dic ... 33447.html

Ebenfalls sehr empfehlenswert.
Benutzeravatar
Peter Kubaschk
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 21958
Registriert: Dienstag 5. Januar 2010, 10:16

Re: Iron Maiden

Beitragvon Havoc » Sonntag 3. Oktober 2021, 00:09

frankjaeger hat geschrieben:Außer dem Titelsong finde ich das Album einfach schlecht. Da kann man Favoriten haben, aber die sind halt trotzdem immer noch weit von dem früheren Niveau der Band entfernt. So gesehen kann ja beides richtig sein, oder? ;-)

Die Phase ab der 7th Son, zu der ich eine Minderheitenmeinung vertrete, ich weiß, ist einfach Lichtjahre von den früheren Outputs entfernt. Da nützt es auch nichts, wenn man sagt, bei anderen Bands wäre das ein Highlight, für Maiden war es zu dieser Zeit einfach nicht auf dem alten Level. Das mag für jemanden, der später eingestiegen ist, ich bin 1982 auf die Band gestoßen, tatsächlich anders klingen, aber ich glaube, dass wirklich beide Meinungen stimmen können. Je nach Blickwinkel.


Ja. Ich denke auch, dass es wirklich etwas ganz anderes ist ob man die Band seit damals mitverfolgt hat oder ob man jetzt mit irgendeinem Album startet. Wenn man dann damals vielleicht sogar live auf Konzerten dabei war etc. und so. Ich glaube das kann man echt kaum vergleichen. Es kommt ja auch nicht ganz von ungefähr, dass einem oft die ersten Alben die man kannte besonders am Herzen liegen. Und das sind dann bei Bands die man von Beginn an verfolgt hat halt die ersten ein, zwei drei Alben. Geht mir ja z.B. bei Leprous auch so. Die verfolge ich seit ihrem 2. Album im Jahr 2011. Und es scheint fast egal was da jemals kommen mag. Die ersten Alben liegen einem einfach am Herzen. Kann gut sein, dass das viele Fans die erste heute auf die Band stoßen ganz anders sehen. Naja. Aber letzten Endes hat da wohl jeder einen anderen Blickwinkel und eine andere Meinung. ;-)
Benutzeravatar
Havoc
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 23750
Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 12:10

Re: Iron Maiden

Beitragvon Havoc » Sonntag 3. Oktober 2021, 21:25

Glaubt ihr eigentlich, dass "Senjutsu" das letzte Album der Band war? Habe mal ein paar Videos der 2019er Tour gesehen. Also die sind ja schon wirklich in die Jahre gekommen und gehen alle steil auf die 70 zu. Andererseits leben die glaube ich echt für die Band und wissen auch was sie den Fans schuldig sind. Also ich glaube ein weiteres Album haben sie noch im Köcher...aber viel mehr wird es dann denke ich wirklich nicht mehr werden. Mal gucken. Hängt alles natürlich von vielen Faktoren (Gesundheit etc.) ab.
Benutzeravatar
Havoc
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 23750
Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 12:10

Re: Iron Maiden

Beitragvon Feamorn » Sonntag 3. Oktober 2021, 22:33

Havoc hat geschrieben:Glaubt ihr eigentlich, dass "Senjutsu" das letzte Album der Band war? Habe mal ein paar Videos der 2019er Tour gesehen. Also die sind ja schon wirklich in die Jahre gekommen und gehen alle steil auf die 70 zu. Andererseits leben die glaube ich echt für die Band und wissen auch was sie den Fans schuldig sind. Also ich glaube ein weiteres Album haben sie noch im Köcher...aber viel mehr wird es dann denke ich wirklich nicht mehr werden. Mal gucken. Hängt alles natürlich von vielen Faktoren (Gesundheit etc.) ab.


Ich denke, die machen so lange, wie die Gesundheit mitspielt und sie Bock haben. Traue mir da ehrlich gesagt keine Vorhersagen zu. Find ich auch alles okay so, so lange sie da sind, freue ich mich.

Was interessant werden dürfte, ist die Frage, was sie machen, wenn einer der Gitarristen als erstes "ausfällt", die Band funktioniert ja, bekanntermaßen, live auch mit zwei der Herren noch recht gut.
(Das ist nicht despektierlich gemeint, ich frage mich nur, ob da mittlerweile eine Bolt Thrower Situation erreicht ist, wo gesagt wird, dass ohne ein Mitglied, egal wen, die Band zu Ende ist, oder ob da der Drang des Weitermachens stärker ist, zumal da ja mittlerweile eben auch noch ein beachtliches Unternehmen hinten dran hängt. (Das meine ich gar nicht im Sinne des Geldscheffelns, sondern im Sinne der Verantwortung ggüber Beschäftigten. Die Situation ist so ja doch relativ einzigartig, glaube ich? Oder gibt's auch eine AC/DC Ltd.? Ich meine mich zu erinnern, dass Maiden vor Ort bei sich ein wichtiger Arbeitgeber sind?))
Benutzeravatar
Feamorn
Vollblutmetaller
 
Beiträge: 7179
Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 13:00
Wohnort: Bergisch Gladbach

Re: Iron Maiden

Beitragvon Havoc » Sonntag 3. Oktober 2021, 22:43

Feamorn hat geschrieben:...ich frage mich nur, ob da mittlerweile eine Bolt Thrower Situation erreicht ist, wo gesagt wird, dass ohne ein Mitglied, egal wen, die Band zu Ende ist, oder ob da der Drang des Weitermachens stärker ist, zumal da ja mittlerweile eben auch noch ein beachtliches Unternehmen hinten dran hängt.


Mhh. Ohne Harris ist sicher kaum vorstellbar oder?
Noch mal ohne Dickinson fände ich auch schwierig.
Alle anderen würden sie glaube ich schon irgendwie ersetzen können.

Aber klar...in dieser Kategorie gibt es da sicher einiges zu überlegen. Ist nicht so als wenn irgendeine kleine Band mal gerade so keine Lust mehr hat und aufhört. ;-)
Benutzeravatar
Havoc
Metaller mit zu viel Zeit
 
Beiträge: 23750
Registriert: Sonntag 7. Februar 2010, 12:10

VorherigeNächste

Zurück zu Heavy / True / Doom / Power Metal

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 21 Gäste