KORN - KoRn
Mehr über Korn
- Genre:
- NeoMetal
- ∅-Note:
- 9.50
- Label:
- Immortal Records, Epic Records
- Release:
- 11.10.1994
- Blind
- Ball Tongue
- Need To
- Clown
- Divine
- Faget
- Shoots And Ladders
- Predictable
- Fake
- Lies
- Helmet In The Bush
- Daddy
Die Geburtsstunde des Nu Metal hat nichts von ihrer Wucht verloren.
"Korn" ist eines jener Debütalben, die rückblickend wie ein tektonischer Einschnitt wirken. Als KORN 1994 mit dieser Platte auf die Öffentlichkeit losging, passte die Musik in kein klares Raster. Zu düster für klassischen Alternative Rock, zu groovend für Thrash und zu verstörend für den damals dominierenden Metal. Genau aus dieser Unschärfe heraus entstand jedoch eine neue Sprache, die später als Nu Metal bezeichnet werden sollte. "Korn" klingt auch heute noch roh, unangenehm und emotional entblößt – und genau darin liegt seine nachhaltige Wirkung.
Schon der Opener 'Blind' etabliert die zentralen Elemente des Albums. Das ikonische, schleppende Riff, die siebensaitigen und damit tiefergestimmten Gitarren und Jonathan Davis' verzweifelter Gesang erzeugen eine Spannung, die sich nur selten vollständig entlädt. Statt klassischer Metal-Dramaturgie setzt die Band auf Groove, Wiederholung und Atmosphäre. Diese hypnotische Wirkung zieht sich durch das gesamte Album und unterscheidet KORN deutlich von ihren Zeitgenossen. Die Musik wirkt weniger aggressiv im klassischen Sinne, dafür umso bedrückender.
Ein entscheidender Faktor für die Einzigartigkeit von "Korn" ist der Umgang mit Rhythmus. Fieldys klappernder, extrem präsenter Bass verleiht Songs wie 'Ball Tongue' oder 'Need To' eine fast schon körperliche Wucht. Das Schlagzeug bleibt meist reduziert, aber wirkungsvoll, und schafft Raum für die ungewöhnliche Gitarrenarbeit, die weniger auf Soli als auf Textur und Spannung setzt. Diese Reduktion war 1994 durchaus sehr mutig und ist ein Grund dafür, warum das Album so anders klingt als der Metal der frühen 90er - gleichzeitig ist genau dies aber auch der Grund, warum KORN gleichzeitig stilprägend wurde und doch einzigartig blieb.
Thematisch geht "Korn" tief unter die Haut. Stücke wie 'Clown', 'Faget' oder 'Daddy' verarbeiten persönliche Traumata, Ausgrenzung und Selbsthass in einer Offenheit, die damals kaum jemand wagte. Jonathan Davis' Gesang schwankt zwischen Flüstern, Schreien, Weinen und unkontrollierten Ausbrüchen. Gerade 'Daddy' gilt bis heute als einer der verstörendsten Songs der Metal-Geschichte, weniger wegen musikalischer Härte, sondern wegen seiner emotionalen Schonungslosigkeit. Das Album zwingt die Hörenden, sich mit diesen Gefühlen auseinanderzusetzen, statt sie nur konsumierbar zu verpacken.
Gleichzeitig muss man aber auch klar ansprechen, dass vor allem die Nutzung des Wortes "Faget/Faggot" bei 'Clown' und 'Faget' heute definitiv nicht mehr zeitgemäß ist. Auch wenn eine vollwertige Einordnung mir persönlich hier nicht zusteht, bleibt ein fader Beigeschmack übrig. Dass Davis persönliche Erfahrungen verarbeitet, mag als Erklärung für die Benutzung solch diskriminierender Sprache herhalten, entschuldigen tut es das nicht. Auch nicht im Jahr 1994.
Trotz aller Dunkelheit besitzt "Korn" eine erstaunliche Eingängigkeit. Songs wie 'Shoots And Ladders', das mit seinem Dudelsack-Intro und den verfremdeten Kinderreimen auffällt, oder 'Divine' zeigen, dass die Band sehr genau wusste, wie man Spannungsbögen aufbaut und Wiedererkennungswerte schafft. Diese Mischung aus Abstoßung und Faszination ist eines der zentralen Merkmale des Albums und erklärt, warum es so viele Hörerinnen und Hörer nachhaltig geprägt hat.
Rückblickend wird "Korn" oft als Geburtsstunde eines neuen Genres bezeichnet, und diese Einschätzung ist nachvollziehbar. Das Album beeinflusste unzählige Bands und veränderte den Umgang mit Emotionen im Metal nachhaltig. Auch wenn spätere Veröffentlichungen der Band professioneller und zugänglicher wurden, bleibt dieses Debüt ihr kompromisslosestes Werk. "Korn" ist kein leicht konsumierbares Album, sondern ein rohes, verletzliches und mutiges Statement, das auch Jahrzehnte später nichts von seiner Intensität verloren hat.
- Note:
- 9.50
- Redakteur:
- Chris Schantzen


