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Perlen der Redaktion: Thomas Beckers Highlights 2019

10.01.2020 | 12:23

Ist ein mächtiger "Daemon" schuld, dass die güldene Dame nichts zu lachen hat? Oder hat sie von roten Buchstaben geträumt? Ein bleiches Pferd könnte die Antwort wissen.

Rein musiktechnisch verlief 2019 nicht arg viel anders als 2018: Meinem Ruf als "Frauenbeauftragter" werde ich wohl wieder gerecht, denn neun meiner zwanzig Topalben werden durch weibliche Stimmen geprägt. Und meine tollste Entdeckung aus 2019 ist da noch gar nicht mit dabei, nämlich BLACKBRIAR. Die beiden EPs "Fractured Fairytales" und "We'd Rather Burn" haben mich so in Ekstase versetzt, dass ich sie gerne auf Eins setzen würde, doch sie sind aus den Vorjahren. Allerdings könnte ich von BLACKBRIAR durchaus die kurz vor Weihnachten erschienene dritte EP "Our Mortal Remains" reinnehmen, doch die ist noch so frisch und liegt noch nicht in physischem Format vor meiner Nase, also Pech gehabt. Doch die Band hat ein ähnliches Gespür für packende Ohrwurmmelodien und eine ähnlich großartige Stimme wie meine Lieblinge BEYOND THE BLACK oder DELAIN und ich hoffe, dass BLACKBRIAR ähnlich in den Himmel schießt.

So, jetzt aber nach 2019: Ich habe wieder sehr viel Neues entdeckt und es finden sich neben ein paar Etablierten wieder sehr viele Bands aus dieser Dekade in meiner Liste. Und wen die nicht alles ausgestochen haben: Alte Lieblinge wie RHAPSODY, OPETH, DREAM THEATER, BLIND GUARDIAN, OVERKILL und viele mehr waren dann doch nicht wichtig genug um ein paar spannende Emporkömmlinge in der Gunst zu verdrängen.

Dass GOLD eines Tages oben stehen wird, war aber abzusehen. Die Band von Milena Eva und Thomas Sciarone begeistert mich seit dem Debüt "Interbellum" und entwickelt ihren Sound stetig weiter. Natürlich ist "Why Aren't You Laughing" ein zynischer Titel, denn Milena geht auf diesem Album mit ihren Fans durch einige seelische Tiefen und ich finde es sehr mutig, den Hörer so nah an sich ran zu lassen. Zudem liebe ich Sciarones Sounddesign, das ist so einzigartig und tiefgängig, Gänsehaut! Ich bedaure sehr, die Band nicht live gesehen zu haben, obwohl sie oft unterwegs war. Wir waren einfach nie zur selben Zeit am selben Ort. Dies steht in der Tat weit oben auf meiner Wunschliste für 2020.

In der Kategorie "Vorfreude" hat aber keine andere Band KARYN CRISIS' GOSPEL OF THE WITCHES geschlagen. Ich bin generell sehr empfänglich für kurze Studio-Teaser und das klang alles sehr, sehr gut, was die Band da gepostet hat. An "Covenant", das vollständige Album, musste ich mich dann aber erst gewöhnen. Aber kennt ihr ein Album, das bei euch Langzeitwirkung hat und das euch auf Anhieb gefallen hat? Karyn Crisis und Davide Tiso sind in meinen Ohren Genies, deren Geister in einer anderen Welt leben, einer voller Hexen und Mythen, die man nur allmählich erkunden kann.

Andere Welten, das ist auch das Motto für die Plätze drei und vier. Wie ein Sog in den Abgrund ist MAYHEMs "Daemon" und ich bin sehr froh, dass ich ausnahmsweise mal nicht der Einzige bin, der die Macht dieser Musik spürt. Relativ allein steh ich allerdings bei "A Letter Of Red" von SABBATH ASSEMBLY da, einem Album, das eine ähnlich einsaugende, schaurige Wirkung hat wie MAYHEM, dabei aber völlig anders klingt. Hier hat mein Lieblingsproduzent Randall Dunn mal wieder ganze Arbeit geleistet und der Band das gegeben, was ihr seit dem Abgang von Jessica Toth ein wenig gefehlt hat. Dunkle Magie!



Kreuzigt mich, steinigt mich, haltet mich für blöde, aber auch die neue RAMMSTEIN hat für mich eine tiefe Seele. Einige geisterhafte Nachtfahrten durch den Süden Kroatiens und dazu Titel wie 'Zeig dich', 'Puppe' oder 'Was ich liebe' ließen mich in der Musik mehr entdecken als plakativen "Business as usual", was ich oft in Kritiken zu "Rammstein" lesen musste. Aber was kümmert mich die Meinung anderer? Ich weiß es eh besser. Und da sind wir auch schon bei einer weiteren deutschsprachigen Band: Denn ich freu mich, dass ich HARPYIE für mich entdeckt habe. Da sich in den letzten Jahren das Feuer für SUBWAY TO SALLY neu entflammt hat und Folk Metal sowieso eine Richtung ist, die immer mehr in mein Gefallenszentrum rückt, kam "Aurora" genau richtig.

Doch wieder zurück zu starken Frauen. Von Anna Murphy habe ich schon oft geschwärmt und auch wenn "The Spell", das zweite Album ihrer Band CELLAR DARLING, etwas schwergängig ist, schafft sie es mit diesem ausgetüftelten Konzeptalbum wieder in meine Liste. Marjana Semkina kann mit IAMTHEMORNING wie immer auch wieder punkten, liefert zum wiederholten Male für mich das Artwork des Jahres ("The Bell"), und ich hoffe, dass ich dieses Duo (mit Gleb Kolyadin am Klavier) nicht mehr vorstellen muss. Dasselbe sollte auch für Jasmin Saarela gelten. Ähem, wer? Nun, man kennt sie wohl eher als Jess von JESS AND THE ANCIENT ONES, doch auch ihr Solo-Album "Under The Red Light Shine" unter dem Namen JESS BY THE LAKE geht einfach unter die Haut. Sollte man mal gehört haben. Neu auf meinem Schirm ist allerdings Amy Tung Barrysmith, die mit ihrem Ehemann Jon YEAR OF THE COBRA gegründet hat. Und dort überzeugt sie nicht nur als Sängerin, sondern auch als versierte Bassistin mit prächtigem Sound. Ganz toller Doom! Im mein Herz hat sich auch Maja Shining, die Frontdame vom FOREVER STILL gesungen. Beeindruckend, wie Maja live trotz fieser Erkältung die eingängigen Modern-Metal-Hymnen dargeboten hat, dafür durfte ich ihr sogar persönlich danken. Tolle Musikerin. Zudem schenkte sie mir mit 'Breathe In Colors' vom gleichnamigen Album einen der besten Songs des Jahres.



Und sonst so? Ach ja, es gab ein MAYFAIR-Album. Gottverdammt nochmal, es gab ein MAYFAIR-Album! Zur Erinnerung, MAYFAIR ist eine meiner absoluten Lieblingsbands, hat die liebsten Musiker der Welt, die für mich in München gespielt haben, und ich war bei den "Frevel"-Vorgängern immer hautnah mit dabei, wenn es um die Erstbehörung neuer Songs ging. Doch irgendwie habe ich dieses Jahr die Kurve nicht gekriegt und "Frevel" erst sehr spät gehört. Und ich höre 'Phosphor' und es war mal wieder um mich geschehen. Wie sie es immer schaffen, es mir zu besorgen! Jungs, wenn ihr das lest: Ihr seid der Wahnsinn!



Bleiben wir bei progressiven Sounds. Mit den meisten Sachen, die hier so angesagt sind, tue ich mich nach wie vor bis auf ein paar Ausnahmen sehr schwer und/oder das Interesse schwindet. Das hochgelobte Duo ARCH/MATHEOS ist für mich kein Thema, doch der andere FATES WARNING-Sänger - RAY ALDER - mundete mir schon immer und bietet auf "What The Water Wants" sogar Musik, für die man kein Hirnknoten lösendes Shampoo braucht. Das braucht man erstaunlicherweise auch nicht für LEPROUS, einer der momentan angesagtesten Acts der Notenzähl-Gemeinde. "Pitfalls" hat wie der Name schon andeutet zwar auch seine Tücken, aber seine große Nähe zu RADIOHEAD macht mir persönlich den Zugang ziemlich schmackhaft. Und DREAM THEATER, OPETH oder SOEN? Ja, das wird schon alles irgendwann mal angecheckt, spannender jedoch war es, wieder im Untergrund herumzuschnüffeln. EMBRACE OF DISHARMONY spielt die gesamte Konkurrenz auf dem zweiten Album "De Rervm Natvra" mal wieder schwindelig und bietet einen sehr reizvollen - wenn auch schwer zu durchsteigenden - Mix aus Symphonie, Theater, Metal und Frickelkram. Im instrumentalen Metal klang für mich "Meraki" von CICONIA am rassigsten, weil hier Metalriffs und nicht unendlich oft gehörte "Post"-Klänge den Ton angeben. Und trotzdem beamt einen die Musik in eine opulent bebilderte fremde Welt. Sehr viel irdischer und ernster ist da MASTORD aus Finnland. "Trail Of Consequences" thematisiert das traurige Thema häusliche Gewalt so tiefgründig und unter die Haut gehend, dass es fast schon unangenehm ist. Wem das zu viel ist, der kann sich immer noch an exzellent gespielten, eher konventionellen Prog-Metal-Longtracks im Neunziger-Stil erfreuen. Den wahren Unterschied macht aber hier der Sänger.



Bleiben wir in Finnland. Von hier gab es dieses Jahr allerlei tolle Musik, die oft auch einen Tick anders in den Ohren liegt als man es von stilistischen Generika gewohnt ist. So verschiedene Bands wie PLAINISTRY, ALASE oder SOMEHOW JO haben mich sehr gut unterhalten, doch so richtig in den Allerwertesten hat mich ein bleiches Pferdchen getreten. PALEHORSEs Mix aus Alternative, Prog und schweißtreibendem Rock'n'Roll ließ im heißen Sommer die Schweißperlen noch extra kullern. Das Winter-Pendant dazu kommt vom BOMBUS, auch eine Neuentdeckung für mich. "Vulture Culture" hat fette Armmuskeln für Fäuste, die in die Höhe gestreckt gehören. Und zu guter Letzt kam dann auch noch SARKEs "Gastwerso" mit dem kultigen Nocturno Culto am Mikro, der seine Brummbärstimme dort zu ganz anderer Musik anklingen lässt, als man es bei DARKTHRONE gewohnt ist.

Und was ist nun mit klassischem Metal? Nun, der wurde auch gehört, sehr oft sogar, doch von Scheiben aus den frühen 80ern, auf denen er einfach am besten klingt. Klar gab es ein paar coole Veröffentlichungen von ANGEL WITCH, DIAMOND HEAD, CANDLEMASS und vor allem die coole CIRITH UNGOL-Livescheibe. In meine Liste schafft es aber nur ein Frischling. Ähnlich wie SEVEN SISTERs letztes Jahr überzeugt mich die erste EP ("Lost From The Start") der Australier GALAXY mit einem perfekten Blend aus US-amerikanischen und europäischen Power-Metal-Trademark-Sounds und sorgte für massive Dauerrotation.

Wie so oft findet klassischer Metal für mich eher auf der Bühne statt und da war das diesjährige BANG YOUR HEAD!!!-Festival ein Traum. METAL CHURCH, ARMORDED SAINT, FLOTSAM & JETSAM, CIRITH UNGOL, BRAINSTORM. Fantastisch! Und das war noch nicht mal das Beste. Denn so richtig in einen Rausch hat mich dort ATTIC gespielt, das war magisch, Jungs.
Das beste Konzert 2019 war allerdings ANTHRAX im Sommer, ein Spontanbesuch mit einem Kumpel mit allergrößtem Unterhaltungswert. Wie die Leute abgegangen sind, das habe ich selten erlebt, und Joey Belladonna ist ein Typ, den könnte ich nur noch knuddeln. Bei der Bullenhitze mussten wir (nicht nur) unsere Shirts hinterher auswringen. Hammergeil!
Ähnlich spontan war der Besuch bei SKUNK ANANSIE in Zagreb. Das Šalata ist eine ganz tolle Open-Air-Konzertlocation mit einer kleinen Tribüne gegenüber der Bühne, von wo aus man die ganze Altstadt übersieht und abends den Sonnenuntergang beobachten kann. Zudem ist der Sound dort super. Beste Vorraussetzungen also für eine Show von SKUNK ANANSIE, die vor Energie nur so barst. Was ist Skin nur für eine Powerfrau und was hat sie für eine Stimme! Wir waren von den Socken. Am gleichen Ort habe ich auch zu erstem Mal den beliebtesten Junkie Kroatiens erleben dürfen. GORAN BARE ist dort Kult und seine Musik, ein Mix aus Blues Rock, Dark Rock und manchmal auch poppigeren Klängen, kennt dort jeder. Seine skurrile Performance ist auf jeden Fall ein Hingucker und auch wenn er manchmal nicht ganz bei sich ist, ist seine tiefe, kraftvolle Stimme ein absolutes Glanzlicht. Aber Kroaten können auch Metal. Und wie! Die Hard'n'Heavy-Night im feinen Hard Place, wo ich auch den Jahreswechsel mit rockiger Livemusik verbracht habe, bescherte mir gleich drei Top-Bands. Neben ANIMAL DRIVE und TIME DECAY haben es mir vor allem die Jungs von STIMULANS angetan, die herrlichen klassischen Metal mit MAIDEN-Einschlag spielen.

Vom kleinen Club auf die große Bühne: Hier war dieses Jahr RAMMSTEIN die Band, die mit ihrer Giganto-Show für offene Münder gesorgt hat. Es sei doch jedem selbst überlassen, wie er sein Geld für Konzerte ausgibt, und ich sage, die RAMMSTEIN-Show war jeden Cent wert. So, jetzt wisst ihr, wie sehr ich RAMMSTEIN verehre. Was mir aber selbst nicht so bewusst war, ist, dass es eine Band gibt, die den RAMMSTEIN-Sound schon weit vor RAMMSTEIN spielte. Und zwar DIE KRUPPS. Holla, die Waldfee, war das ein Konzertchen der Industrial-Veteranen. Tja und natürlich war ich auch wieder bei meinen Alltime-Live-Lieblingen der letzten Jahre. Mit BEYOND THE BLACK war ich wieder absolut zufrieden, so eine positive Band in diesen Zeiten ist einfach unersetzlich. Dasselbe gilt natürlich auch für THOMAS GODOJ, über den in deutschen Landen einfach nichts geht, vor allem nicht auf der Bühne. Und fehlen darf sicher auch nicht AUDREY HORNE, die Band gibt live immer alles und lässt Herzen hörer springen. Auf die Norweger und IRON MAIDEN freue ich mich 2020 bislang am meisten!

So sage ich danke für ein weiteres tolles Rock-und Metal-Jahr, in dem es für mich nichts zu meckern gab. Die große Spannung ergibt sich für mich aus der Mixtur von klein und groß, neu und alt, soft und hart, simpel und kompliziert, Untergrund und Kommerz, und das wird auch so bleiben. Bleibt offen und tolerant! Schönes 2020 euch.

Die Top-20-Alben in der Übersicht. Mit einem Klick auf den Albumnamen gelangt ihr - soweit vorhanden - zur Rezension.

Rang Band Album
01. GOLD Why Aren't You Laughing
02. KARYN CRISIS' GOSPEL OF THE WITCHES Covenant
03. MAYHEM Daemon
04. SABBATH ASSEMBLY A Letter Of Red
05. RAMMSTEIN Rammstein
06. HARPYIE Aurora
07. JESS BY THE LAKE Under The Red Light Shine
08. PALEHØRSE Palehørse
09. FOREVER STILL Breathe In Colours
10. MASTORD Trail Of Consequences
11. MAYFAIR Frevel
12. YEAR OF THE COBRA Ash And Dust
13. CICONIA Meraki
14. BOMBUS Vulture Culture
15. IAMTHEMORNING The Bell
16. EMBRACE OF DISHARMONY De Revrum Natvra
17. LEPROUS Pitfalls
18. SARKE Gastwerso
19. RAY ALDER What The Water Wants
20. CELLAR DARLING The Spell

Redakteur:
Thomas Becker

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