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Sweden Rock Festival 2006 - Sölvesborg, Schweden

18.07.2006 | 10:45

08.06.2006, SRF-Gelände

Das vierte Jahr in Folge können die Veranstalter sich über ein mit über 20.000 Besuchern ausverkauftes Festival freuen. Zu dem tollen Bandaufgebot gesellt sich die Sonne in ihrer heißesten Form, so dass uns Rockern nichts mehr den Spaß verderben kann. Die drei großen Headliner DEEP PURPLE, DEF LEPPARD und WHITESNAKE haben ernstzunehmende Konkurrenz und können dementsprechend auch nicht jeden überzeugen, aber dazu später mehr.

Das sehr große Gelände ist in zwei Bereiche geteilt, bei denen es ein riesiges, rechteckiges Feld gibt, auf dem die Hauptbühne (Festival Stage) steht, auf der die bekanntesten Bands und die Headliner spielen. Gegenüber steht die etwas kleinere Bühne, die Rock Stage. Dazwischen gibt es ein großes Zelt, welches Sitzgelegenheit, Sonnen- bzw. Regenschutz und Bier bietet. Dieses große Rechteck wird natürlich an den Seiten von diversen Buden und Händlern gesäumt. Wenige Schritte entfernt befinden sich zwei weitere Bühnen, die jeweils am Fuße einer kleinen Wiesenanhöhe liegen. Das eine ist die Sweden Stage, auf der dann gerne Bands präsentiert werden, die irgendwo aus der Versenkung ausgegraben wurden. Auf der letzten und kleinsten, der Zeppelin Stage, spielen häufig Truppen aus dem tiefsten Underground und heimische Schwedenkombos. Sweden und Zeppelin Stage liegen idealerweise einige Hundert Meter weit auseinander, so dass sich hier auch keine Musik "bekämpfen" muss. Nicht zu vergessen ist auch noch das Rock-Klassiker-Zelt mit kleiner Bühne, auf der zusätzlich auch noch diverse Covertruppen spielen. Mein Gott, für was soll ich mich bloß entscheiden?

CATHEDRAL (Rock Stage)
Am ersten Tag entern CATHEDRAL bei strahlendem Sonnenschein, mit 15 Minuten Verspätung, als erste Band die Rock Stage. Die Doomgemeinde saugt dankbar – bei oberfettem Sound – tonnenschwere Riffhits wie 'Soul Sacrifice', 'Autumn Twilight' oder das neuere 'Corpsecycle' in sich auf. Das leicht verrückte Gucken und Tänzeln von Sänger Lee Dorrian verliert sogar bei Tageslicht nicht seine Wirkung. Ohne den 'Witchfinder General' auf die Fans loszulassen dürfen die Engländer auch heute die Bühne nicht verlassen. Ich hoffe die Auflösungs- und Rückzuggerüchte der Engländer bleiben auch solche.

DORO (Festival Stage)
Nach kurzer Verschnaufpause haut Blondmaus DORO mit einer Doublebassattacke, die sich gewaschen hat, den WARLOCK-Klassiker 'Earthshaker Rock' übers Feld. Die Band spielt prima und die Metal Queen scheint sich auf der riesigen Festival Stage pudelwohl zu fühlen. Gemeinsam mit einigen tausend Achtziger-Fans bangt sie zu 'True As Steel', singt PRIESTs 'Breakin' The Law' (nicht wirklich gelungen!) bis schließlich viele Fäuste 'All We Are' an imaginäre Punchingballs schlagen. DORO verteidigt auch in Schweden ihren Titel mit Bravour.

KROKUS (Rock Stage)
Marc Storace, Originalfronter der Schweizer KROKUS, beweist heute eindrucksvoll, dass seine und alle AC/DC-Fans ihm bei diversen Mitsingteilen aus der Hand fressen und dass 'Easy Rocker' oder 'Headhunter' durchaus auch ohne Fernando von Arb an der Gitarre funktionieren. Drei neue Stampfer lassen Staub, sowie die Hoffnung auf ein gutes, neues Album vor der Rock Stage aufkommen. Inzwischen brennt die Sonne so heiß, dass die Security immer wieder Wasser an die ersten Reihen reicht.

PORCUPINE TREE (Festival Stage)
Das Schöne beim Sweden Rock ist, dass auch immer wieder Bands geladen werden, die nicht dem typischen Hardrock oder Metal entsprechen. Diesmal darf Steven Wilson mit seinen PORCUPINE TREE die große Festival Stage betreten und vielen Neugierigen seine Version von modernem Progrock präsentieren. Die zum Teil atmosphärischen, ruhigen Klänge, gemischt mit unvergesslichen Ohrwurm-Refrains, die zwischendurch auch mal heftige Riffmonster zulassen, überzeugen heute so manchen RUSH- und DREAM THEATER-Shirt-Träger. Es ist ein sehr gelungener Auftritt, mit einem glasklaren Sound, bei dem die Songs 'Arriving Somewhere But Not Here' und 'Helo' vom letzten Geniestreich "Deadwing" die Höhepunkte bilden. Einziger Minuspunkt sind für mich wieder einmal, die Background-Vocals von Tourgitarrist John Wesley. Die Stimme ist einfach viel zu piepsig und harmoniert meiner Meinung nach überhaupt nicht mit der von Wilson.

JEFF HEALEY (Rock Stage)
Mit der Ankündigung "The Greatest Canadian Rock'n'Roll Band" zu sein steigt der blinde Gitarrist JEFF HEALEY in sein Set auf der Rock Stage ein. Überwiegend gelungene Coverversionen von ZZ TOP ('La Grange'), NEIL YOUNG ('Like A Hurricane'), BEATLES ('While My Guitar Gently Weeps') und ROBERT JOHNSON ('Stop Breakin' Down Blues') bringen die Beine der etwas älteren Fanfraktion ordentlich in Schwung. Jeff selbst im Sitzen, mit liegender Gitarre, spielend kommt sehr sympathisch rüber und beweist schrägen Humor. "I did not see him, I#m sorry" meint Jeff, nachdem er die grüßenden Worte nebst Flagge eines Landsmannes nicht hört bzw. sieht und sein Begleitgitarrist ihm einen Hinweis gibt. Besonders ins Zeug legt sich Keyboarder und Harpist Dave Murphey bei AC/DCs 'Highway To Hell' mit Brian Johnson-ähnlicher Kreischstimme. Außerdem wird ein jeder für den folgenden Dienstag nach Toronto in einen Musikclub eingeladen, in dem der gute Mann wöchentlich auftritt.

JOURNEY (Festival Stage)
Vor der großen Festival Stage steht inzwischen eine riesige Poserschar und wartet gierig auf den vorletzten Auftritt der dann doch sechs Gigs umfassenden Europatour der AOR-Könige JOURNEY. Exorbitante, umgerechnete 27 bis 35 €uronen für ein T-Shirt der Helden stören hier niemanden. Neil Schon und Co. haben so schnell die Reisekosten wieder im Sack. Kurz und knackig springt das Quintett auf die Festival Stage und erlöst die Wartenden aus ihrer Anspannung. Was nun folgt sind sauber gespielte, eingängige US-Radio-Mitträllersongs. Das Volk will und bekommt ein Best-Of-Programm wie es nicht schöner sein kann, mit beispielsweise 'Anyway You Want It' oder 'Wheel In The Sky'. Selbst Menschen mit MOTÖRHEAD-Lederwesten wippen freudig erregt mit dem Fuß. Mit JOURNEY haben die Veranstalter bei Ihren Fans ins Schwarze getroffen, soviel ist klar. Selbst mich als Anti-AOR- Fan kann Gitarrist Neil Schon mit seinen teils pfeilschnellen Soli in den Bann ziehen. Die zweite tragende Person der Band ist eindeutig Drummer Dean Castronovo, der sogar bei 'Mother, Father' zusätzlich die Vocals übernimmt. Sehr kurzweilig ist er, dieser Auftritt. JOURNEY hätten aber noch besser sein können, wenn Keyboarder Jonathan Cain durch Abwesenheit aufgefallen wäre, denn dann könnte ich dieses Konzert genauso abfeiern wie einst Y&T 2003 an gleicher Stelle.

NEVERMORE (Sweden Stage)
Nach 90 Minuten JOURNEY folgt nun progressiver Power/Thrash Metal mit NEVERMORE auf der Sweden Stage. Zuletzt auf dem legendären Dynamo Festival 1995 von mir live erlebt, freut sich meine Luftgitarre auf das zu erwartende Brett. Eine ordentliche Menge von Headbangern steht schon erwartungsvoll vor der Bühne, leider jedoch kann Gitarrist Steve Smyth heute nicht auftreten, so dass doch etwas vom typischen NEVERMORE-Sound fehlt. Aber die Jungs machen das Beste daraus, die Fans gehen ordentlich ab und können nicht genug 'Inside Four Walls' oder 'Born' vom letzten Output "This Godless Endeavor" bekommen. Sänger Warrel Dane, bestens bei Stimme, schockt zunächst die Anwesenden mit einer vermeintlich neuen Frisur unter seiner Rundmütze. Aber nach wenigen Songs muss Diese dem Bangen weichen und die arschlange Haarpracht sieht sich an gewohnter Stelle. NEVERMORE verfehlen auch ohne zweiten Gitarristen live ihre positive, brutale Art von CD nicht.

DEEP PURPLE (Festival Stage)
Inzwischen hat uns der Tag und somit auch die Hitze verlassen, denn es ist 23.20 Uhr. Pünktlich zur Headliner-Zeit hören alle anderen Bühnen auf zu spielen, so dass jeder die Gelegenheit hat, DEEP PURPLE zu genießen. Die trinkfreudigen Skandies lassen sich nicht lumpen und feiern von Anfang das Hitprogramm ab. Ein netter Service der Veranstalter in Form eines Monsterbildschirmes links neben der Bühne ermöglicht auch dem letzten, vierhundert Meter entferntem Zuschauer, das Weiße in den Augen von Bassist Roger Glover zu erkennen. 'Pictures Of Home' macht, wie auf der Tour im Februar, den Anfang. Bis auf den Titelsong des neuen Albums "Rapture Of The Deep" sind nahezu alle neuen Tracks von der Setlist geflogen. Mr. Gillan ist heute Abend auch ganz ordentlich bei Stimme und so gut gelaunt, dass er doch freimütig den ca. 20.000 Anwesenden erzählt in der letzten Nacht zu viel Sex und Alkohol gehabt zu haben. 'Child In Time' wird auch heute Abend nicht initiiert, dafür kramt man die phantastische alte B-Seite 'When A Blind Man Cries' hervor. Selbst Steve Morse verzichtet auf sein ausgedehntes 'Well Dressed Guitar'-Solo. Wie soll man das als Gitarrenfreak finden? 'Hush' kommt an vierter Stelle, Don Airey (keys) darf uns noch sein Soundtrack/Klassik-Solo vorzaubern, was für jeden geschulten PURPLE-Head natürlich nur das Vorspiel zu 'Perfect Strangers' bedeuten kann. Der Grundstein eines jeden Gitarrenanfängers, 'Smoke On The Water', markiert schon nach gut 75 Minuten das Showende. Schnell noch mal 'Black Night' und schwupp sind die 90 Minuten herum, die Füße platt und der Rücken ruft nach 13 Stunden Musikmarathon: "Ich will liegen!" Ein super Tag geht zu Ende.

Gastautor Nico Krogmann

Redakteur:
Martin Stark

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