Perlen der Redaktion: Stephan Voigtländer wühlt sich durch die Resterampe

08.02.2026 | 16:46

Perlen vor die Säue oder einfach nur seltsamer Geschmack?

Viel Perlendes hat man hier in der Retrospektive des Jahres 2025 bereits lesen dürfen und es lohnt sicherlich nicht, mit den üblichen Verdächtigen noch ein weiteres Mal aufzuwarten. Da ich aber im vergangenen Jahr auch Alben, die im Review hier bei uns nur 6,5 Punkte bekamen oder im monatlichen Soundcheck auf dem zehnten Platz über die Ziellinie gingen, so super fand, dass sie in meiner Top 20-Highlightliste Einzug hielten, kann es nicht schaden, das eine oder andere hier noch einmal zu beleuchten, wobei ich mir nur einige Herzensangelegenheiten herausgreifen werde. Mit dem Redaktionspoll, der bei 29 Teilnehmenden einen durchaus repräsentativen Querschnitt der Redaktion darstellen sollte, habe ich übrigens nur eine Überschneidung (auf Platz 19, hossa!)  was auch immer das wohl bedeuten mag?! Werden die tatsächlichen (lies: meine persönlichen) Perlen vom Großteil des Kollegiums nicht erkannt oder schlicht nicht gekannt? Ein Versuch, Abhilfe zu schaffen...

Vorweg: Ich bemerke immer wieder, wie übersättigt ich vom Ewiggleichen bin und dass es nur wenige namhafte Bands gibt, die mich im Herbst ihrer Karriere mit Altbewährtem noch hinter'm Ofen hervorlocken können. Neue Musik braucht das Land, und ich bin hocherfreut, dass es so viele "junge" Bands mit erfrischendem Ansatz, so viele kleine Festivals mit familiärem Ambiente und so viel Herzblut-Musik gibt, der man vor allem eines nicht anhört: Routine. Ich bin immer wieder erstaunt, wie oft ich vom Fleck weg von einer Band in den Bann gezogen werde, von der ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Das ist ja nun mal wirklich ein untrügliches Zeichen dafür, dass unsere Szene(n), unsere Musik lebt, wächst und gedeiht. Höchst erfreulich, dass es immer wieder so eine Art Gegenbeweis zum angeblichen Siechtum der Musikbranche gibt, denn kommerzielle Erfolgsgeschichten sind das allesamt sicherlich nicht  und doch schießt sie teilweise wie Pilze aus dem Boden, diese großartige, unbefangene "neue" Musik.

Den Spitzenplatz meiner Liste belegt mit AUßERWELT eine Band, die mir im Jahr 2022 mit einer 2-Track-EP untergekommen war, welche ich damals sehr ordentlich, aber nicht überragend fand. Da ich aber diesen "außergewöhnlichen" Bandnamen noch irgendwie im Hinterkopf hatte und Björn im Review zu "Breath" sich sehr angetan zeigte, riskierte ich ein Ohr und war sofort gefesselt. Post Metal als Begriff kursiert ja öfter durch die Landschaft, die AUßERWELTsche Interpretation besteht aber nicht nur aus dem Ausloten von Kontrasten zwischen hart und zart, hier ist jede Nummer etwas Besonderes, ja Einzigartiges. "Breath" ist insgesamt trotz recht hoher Eingängigkeit aber schon ein ziemlich heftiger, intensiver Brocken, der mich voll erwischt hat. Von 0 auf 100, quasi.

MESSA hat mit dem Erfolgsalbum "Close" (2022) enorm an Ansehen gewonnen und auch ich liebe diese fantastische Scheibe. Das nicht einfache Unterfangen nun einen Nachfolger einzutüten, meistert MESSA dadurch, dass "The Spin" einfach anders ist und neben bekannten Elementen auch ganz viel Neues in den Bandsound integriert. Insbesondere beim Gitarrenspiel mischen sich klassischere Riffs und Melodien aus dem jahrzehntealten Baukasten unter die vielfältigen Stilistiken, was eine überraschende, aber gut funktionierende Kombination ergibt. Sehr erfreulich, dass die Band offenbar musikalisch noch viel zu sagen hat und sich stetig weiterentwickelt.

YEAR OF THE GOAT, diese theatralisch-okkulten Rocker aus Schweden, haben mich im Jahr 2012 mit "Angel's Necropolis" erobert. Nachdem mich die letzten Werke nicht mehr so ganz überzeugten, war ich umso überraschter, was für ein tolles, hymnisches Album "Trivia Goddess" geworden ist. Der warme Klang, der wunderbare Gesang  schlicht ein Album, das ich immer wieder von vorne bis hinten durchhören kann. Im Gegensatz zu vielen anderen Bands in meiner Liste geht man in diesem Falle sehr viel mehr Song- und Refrain-basiert zu Werke, und es reiht sich hier wirklich Hit an Hit, Ohrenschmaus an Ohrenschmaus.

ZHAAT aus meiner Heimatstadt Leipzig ist noch ein echter Newcomer und überzeugt auf "Other Prophets" mit einer frischen Mixtur aus chaotisch-noisigen Eruptionen, post-und-stoner-rockigen Klanglandschaften und kraftmetallischen Riffattacken, dazu werden orientalische Melodien eingewoben  einfach ganz wundervoll und von vorne bis hinten mitreißend.

Hier lässt sich dann auch zum besten Konzerterlebnis des Jahres überleiten, was gleichzeitig auch das kleinste (sowohl, was die Location, als auch, obwohl es proppenvoll war, was die Anzahl der Besucher betrifft) von mir besuchte war. ZHAAT spielte zusammen mit den fantastischen Stoner-Rockern JUKE COVE (noch so eine "von 0 auf 100"-Entdeckung) in der Leipziger "Stö" und das war so eine tolle, intime Atmosphäre in diesem kleinen Punk-Schuppen, dass alle anderen Konzerte in größeren Clubs oder auf Festivalbühnen da hintenanstehen müssen. Nebenbei haben beide Bands auch musikalisch zielsicher abgeliefert und letztendlich darf ich ein bisschen sentimental behaupten, dass es genau diese Momente sind, in denen alles passt und die echten Musikgenuss definieren. Andere Live-Kracher waren die unfassbar wuchtigen und intensiven Sludger OBELYSKKH, die berauschenden Post-Rocker GLASGOW COMA SCALE, die sympathisch-erdige Stoner-Blues-Kolonne von THE DEVIL AND THE ALMIGHTY BLUES, aber auch den guten, alten IGGY POP endlich mal live erlebt zu haben, war ein Erlebnis.

Was gab es noch so? BIKINI BEACH zelebrierte auf "Cursed" wunderbar räudigen, unkonventionellen Punk/Garage/Stoner-Rock, bei dem man garantiert sofort gute Laune bekommt, während mich  wenn mir denn mal der Sinn nach knallhartem Death Metal steht, der Elchtod von LIK mit einem druckvollen klassischen Klangbild, genau so wie es sein soll, voll abholt und Abreagieren kinderleicht macht. Ausladende, anspruchsvolle Kompositionen zwischen Vielschichtigkeit, Eingängigkeit und Explosivität haben PSYCHONAUT und HEMELBESTORMER geliefert  wenn man sich Zeit nimmt, kann man in diese Alben richtig abtauchen. Aus Ungarn hat mich das Album mit dem unaussprechlichen Titel "Nincs Szennyezetlen Szép" von THE DEVIL'S TRADE erreicht und begeistert, ein Ein-Mann-Projekt im Spektrum von Doom und Post Metal, voll Melancholie und mit unfassbar tollem Gesang. KING POTENAZ wildert auf den "Arcane Desert Rituals, Vol. 1" ebenfalls im Doom sowie im Stoner Rock, wobei ich da nicht nur den wundervoll mäandernden Doom, sondern auch einen formidablen Gastbeitrag bei den Vocals abfeiere.

Das soll es an dieser Stelle dann auch gewesen sein, die "Perlen vor die Säue"-Frage ist zwar nach wie vor offen, aber hoffentlich konnte ich die eine oder andere lohnenswerte Empfehlung platzieren. Und wenn nicht  genug zu entdecken gibt es so oder so.

 

Rang

Band Album
01. AUßERWELT Breath
01. MESSA The Spin
03. YEAR OF THE GOAT Trivia Goddess
04. ZHAAT Other Prophets
05. DEVIL'S TRADE, THE Nincs Szennyezetlen Szép
06. KING POTENAZ Arcane Desert Rituals, Vol. 1
07. LACUNA COIL Sleepless Empire
08. HEMELBESTORMER The Radiant Veil
09. PARADISE LOST Ascension
10. MOGWAI The Bad Fire
11. PSYCHONAUT World Maker
12. CONJURER Unself
13. MANTAR Post Apocalyptic Depression
14. KADAVAR Kids Abandoning Destiny Among Vanity And Ruin
15. IN THE WOODS? Otra
16. BIKINI BEACH Cursed
17. LIK Necro
18. KATATONIA Nightmares As Extensions Of The Waking State
19. NOVEMBERS DOOM Major Arcana
20. FVZZ POPVLI Melting Pop

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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