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IM RÜCKSPIEGEL: DREAM THEATER (Teil 2: "A Change Of Seasons" - "Metropolis Pt 2: Scenes From A Memory")

27.01.2019 | 21:46

Nach mehreren Besetzungswechseln zu einem weiteren Meilenstein der Musikgeschichte

Einen Teil verpasst?
Teil 1 ("When Dream And Day Unite" - "Awake")
Teil 2 ("A Change Of Seasons" - "Metropolis Pt.2: Scenes From A Memory")
Teil 3 ("Six Degrees Of Inner Turbulence" -"Octavarium")
Teil 4 ("Systematic Chaos" - "A Dramatic Turn Of Events")

Nachdem Kollege Jonathan Walzer die frühe Phase von DREAM THEATER in aller Ausführlichkeit besprochen hat, knüpfe ich nahtlos daran an und nehme mir die darauffolgenden Jahre in der Bandhistorie vor. Diese beinhalten einerseits wieder mehrere Besetzungswechsel, haben aber dennoch ein weiteres Album hervorgebracht, welches nach "Images And Words" wohl von den meisten Fans und Kritikern als das wichtigste und beste von DREAM THEATER angesehen wird. Die Rede ist natürlich von "Metropolis Pt 2: Scenes From A Memory". Aber hübsch der Reihe nach.

Noch bevor das Album "Awake" im Jahr 1994 erschienen ist, genauer gesagt kurz bevor die Aufnahmen fertig gemixt waren, verkündete der Keyboarder Kevin Moore seinen Bandkollegen, dass er aussteigt um sich eigenen musikalischen Projekten zu widmen. Außerdem hatte er nach eigenen Angaben kein Interesse mehr am vielen Touren und dem Musikstil, den DREAM THEATER spielt. Da die Jungs nach der Veröffentlichung von "Awake" natürlich wieder eine Tour geplant hatten, musste schnellstmöglich ein neuer Keyboarder her. Während viele prominente Namen gerüchtet wurden, zeigte die Band doch vor allem an einem Mann Interesse, der zur damaligen Zeit als eines der vielversprechendsten Talente am Keyboard galt: Jordan Rudess. Jedoch kommt es erstens anders, und zweitens als man denkt, denn Jordan lehnte das Angebot ab und ging stattdessen mit THE DIXIE DREGS auf Tour. Über das Berklee Alumni konnte DREAM THEATER dann aber Derek Sherinian engagieren, der bereits mit Größen wie ALICE COOPER und KISS getourt war. Der neue Mann an den Tasten war also gefunden und die "Waking Up The World"-Tour konnte wie geplant stattfinden. Nach erfolgreichem Abschluss derselben entschied sich die Band dazu, Derek als vollwertiges Bandmitglied aufzunehmen.

A Change Of Seasons (EP) (1995)

Nach der Tour wurde dann in der neuen Besetzung sogleich eine EP eingespielt. Die Bezeichnung EP wird "A Change Of Seasons" meiner Meinung nach jedoch nicht wirklich gerecht, denn mit über 57 Minuten Spielzeit ist das Teil länger als viele volle Alben von anderen Bands. Herzstück des Ganzen ist der Titeltrack, der mit über 23 Minuten fast die Hälfte der Spielzeit in Beschlag nimmt. Bei den restlichen Songs handelt es sich um Coverversionen von verschiedenen Songs, welche im DREAM THEATER-Stil dargeboten werden, sowie ein Medley mit verschiedenen Coversongs. Die Nummern stammen größtenteils aus den Bereichen Rock und Progressive Rock und haben die Bandmitglieder nach eigenen Aussagen besonders geprägt. Dabei handelt es sich um keine Unbekannten, sondern Kaliber wie ELTON JOHN, DEEP PURPLE, LED ZEPPELIN, PINK FLOYD, KANSAS, QUEEN, JOURNEY, THE DIXIE DREGS und GENESIS. Alleine wegen diesen wirklich gut gemachten Coverversionen lohnt sich meiner Meinung nach die Anschaffung von "A Change Of Seasons".

Hat man kein Interesse an Coverversionen, dann lohnt sich die EP andererseits alleine aufgrund des Titeltracks. Insgesamt sieben Teile umfasst dieses 23-minütige Monstrum, welche den Hörer wie so viele Tracks von DREAM THEATER durch eine Achterbahnfahrt der Gefühle schicken. Entstanden ist der Track übrigens schon wesentlich früher, ursprünglich sollte er auf "Images And Words" erscheinen, was jedoch von der Plattenfirma aufgrund der Länge abgelehnt wurde. Für die EP wurde er dann erneut aufgenommen. Dazu muss gesagt werden, dass Songs dieser Länge damals alles andere als die Regel waren. DREAM THEATER ist übrigens eine Band, die solche Longtracks auch live auf die Bühne bringen kann, 'A Change Of Seasons' ist beispielsweise auf "Live Scenes From New York" in voller Länge enthalten.

Falling Into Infinity (1997)

Für das nächste vollwertige Album hat DREAM THEATER insgesamt Material mit dem Umfang von fast zwei CDs geschrieben, einschließlich eines weiteren 20-Minuten-Longtracks, der die Fortsetzung von 'Metropolis Part 1: The Miracle And The Sleeper' vom Album "Images And Words" darstellte. Und wieder einmal war es das Label, das sich quer stellte und die Veröffentlichung eines Doppelalbums ablehnte. Außerdem war Sänger James LaBrie der Meinung, dass man sich auf die Länge einer einzigen CD beschränken sollte. Die auf dem endgültigen Album nicht verwendeten Songs sind später übrigens unter dem DREAM THEATER-eigenen Label Ytsejam Records als "The Falling Into Infinity Demos" veröffentlicht worden. Änderungen im Line-up gibt es diesmal nicht zu vermelden, jedoch war Derek Sherinian bei "Falling Into Infinity" zum ersten Mal Teil des Songwriting-Prozesses.

Obwohl das Album nicht unerfolgreich war (USA Platz 52, UK Platz 163), hat "Falling Into Infinity" in Fankreisen nicht unbedingt den besten Ruf unten den DREAM THEATER-Alben. Das relativ unspektakuläre Artwork hat daran sicher auch seinen Anteil, aber auch beim Blick auf die Trackliste wird man keinen Bandklassiker entdecken. Von der Presse wurde es damals sogar als "bisher schlechteste Veröffentlichung der Band" bezeichnet. Drummer Mike Portnoy sagte sogar, dass er, falls Elektra Records sowie Produzent Kevin Shirley und Desmond Child nicht involviert gewesen wären, ein komplett anderes Album gemacht hätte. Im Jahr 2007 veröffentlichte die Band schließlich eine Demoversion mit Portnoys ursprünglichen Song-Arrangements und die Trackliste, welche auch die originale Proberaumaufnahme von 'Metropolis Pt 2' beinhaltet.

Meiner Meinung nach ist diese Kritik ein wenig übertrieben, denn obwohl ich "Falling Into Infinity" auch nicht zu den besten Alben von DREAM THEATER zähle, eine schlechte Scheibe ist es beim besten Willen nicht. Vor allem 'Peruvian Skies' und 'Lines In The Sand' höre ich doch immer wieder gerne und ich habe es bis heute nicht bereut, dieses Album im Regal stehen zu haben. Da habe ich von anderen Progressive-Metal-Acts schon deutlich unspektakulärere Alben gehört.

Nicht unerwähnt bleiben darf die Gründung der "Supergroup" LIQUID TENSION EXPERIMENT im Jahr 1997, bei der neben Mike Portnoy und John Petrucci von DREAM THEATER auch der Keyboarder Jordan Rudess mit von der Partie war. Wie ihr euch sicher erinnern könnt, war dieser Herr der Wunschkandidat für die Position des Keyboarders bei DREAM THEATER, die dann aber, als dieser ablehnte, an Derek Sherinian vergeben wurde. Nachdem Mike und John ihm erneut anboten, bei DREAM THEATER einzusteigen, willigte Jordan im Jahr 1999 schließlich ein und wurde als Nachfolger von Derek Sherinian (der kurzerhand vor vollendete Tatsachen gestellt und gefeuert wurde) der mittlerweile dritte Keyboarder von DREAM THEATER. Fast 20 Jahre später gründete Derek Sherinian 2017 übrigens zusammen mit Mike Portnoy die SONS OF APOLLO, eine Truppe, welche ich allen Fans von DREAM THEATER ebenfalls nur wärmstens empfehlen kann.

Metropolis Pt 2: Scenes From A Memory (1999)

Kaum war 1999 mit Jordan Rudess endlich der Wunschkandidat für das Keyboard Teil von DREAM THEATER, enterte die Band sogleich das Studio, um ein neues Album einzuspielen, das mittlerweile fünfte der Bandgeschichte. Und was für eines das war. Nicht nur ist "Metropolis Pt 2: Scenes From A Memory" das erste Album, bei dem Jordan Rudess mitwirkt, es ist zudem das erste Konzeptalbum von DREAM THEATER und die Fortsetzung des Songs 'Metropolis Pt 1: The Miracle And The Sleeper' von der Scheibe "Images And Words". Die Band hatte ja bereits einen Longtrack als Fortsetzung des Titels geschrieben, der jedoch nie offiziell veröffentlicht wurde. Also wurde aus diesem Song kurzerhand ein komplettes Album gemacht, indem Teile davon zu eigenständigen Songs umgebaut wurden. 'Overture 28', 'Strange Deja Vu', 'The Dance Of Eternity' und 'One Last Time' enthalten beispielsweise in der finalen Version zumindest noch Schnipsel der Originalaufnahme, wurden jedoch trotzdem noch deutlich überarbeitet.

Obwohl die Chartplatzierungen nicht wesentlich besser als beim Vorgänger waren (USA Platz 73, UK 131), so gilt "Metropolis Pt 2: Scenes From A Memory" bei Fans und Kritikern gleichermaßen als Meilenstein und bestes Album der Band nach "Images And Words". Einige sehen es sogar noch vor diesem. Neben vielen perfekten Bewertungen bei diversen Magazinen wurde die Scheibe im Jahr 2012 sogar von den Lesern von RollingStone.com auf Platz 1 der "Your Favorite Prog Rock Albums Of All Times"-Abstimmung gewählt. Inspiriert wurde die Band nach eigenen Angaben von diversen anderen hochkarätigen Konzeptalben der Rockgeschichte, unter anderem "Operation: Mindcrime" (QUEENSRYCHE), "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" (THE BEATLES), "Tommy" (THE WHO), "The Wall" (PINK FLOYD) und noch einigen anderen.

Für mich selbst ist "Metropolis Pt 2: Scenes From A Memory" sehr nahe an der Perfektion und ein klassisches "Einsame Insel"-Album. 'The Spirit Carries On' ist zudem eine meiner liebsten Balladen aller Zeiten und meine allererste Wahl für den Soundtrack meiner eigenen Trauerfeier, wenn ich mal abtreten sollte. Was die Band hier auf Albumlänge an genialen Riffs und Melodien mal eben locker aus dem Ärmel schüttelt, ist schon großes Kino. Selbst nach hundertmaligem Konsum wird die Scheibe einfach nicht langweilig und reißt den Hörer mit jedem Durchlauf aufs Neue mit. Füllmaterial sucht man hier vergeblich, selbst die instrumentalen Songs wissen aufgrund des hohen technischen Niveaus absolut zu überzeugen. Ganz ehrlich, einen besseren Einstand hätte Jordan Rudess wohl nicht haben können, deshalb ist es wohl im Nachhinein gesehen doch gut, dass er nicht schon 1995 in die Band gekommen ist. Meiner Meinung nach ist er der perfekte Keyboarder für DREAM THEATER und mit Sicherheit auch einer der Besten an diesem Instrument weltweit. Und "Metropolis Pt 2: Scenes From A Memory" ist definitiv kein Album, das man in der Sammlung haben sollte. Nein, man MUSS es in der Sammlung haben, sonst kann diese keinesfalls komplett sein. Ein Jahrhundertwerk ohne Wenn und Aber!

Mit diesem dicken Ausrufezeichen von einem Album sind wir auch schon am Ende des zweiten Teils angekommen. Ich hoffe, es hat euch soweit gefallen und ihr seid beim nächsten Teil auch wieder mit dabei. Den wird wieder mein Kollege Jonathan Walzer übernehmen und die Alben "Six Degrees Of Inner Turbulence", "Train Of Thought" und "Octavarium" näher beleuchten. Wir lesen uns dann hoffentlich beim vierten Teil wieder.

Redakteur:
Hermann Wunner

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