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IM RÜCKSPIEGEL: DREAM THEATER (Teil 3: "Six Degrees Of Inner Turbulence" - "Octavarium")

02.02.2019 | 23:17

Der Sprung ins neue Jahrtausend glückt mit Anlaufschwierigkeiten.

Einen Teil verpasst?
Teil 1 ("When Dream And Day Unite" - "Awake")
Teil 2 ("A Change Of Seasons" - "Metropolis Pt.2: Scenes From A Memory")
Teil 3 ("Six Degrees Of Inner Turbulence" -"Octavarium")
Teil 4 ("Systematic Chaos" - "A Dramatic Turn Of Events")
Teil 5 ("Dream Theater" - "The Astonishing")
Bonus (Die Official Bootlegs und die interessantesten Live-DVDs)

Hermann Wunner hat euch zuletzt die zweite Hälfte der Neunziger mit DREAM THEATER präsentiert, ich lege jetzt den dritten Artikel zum Diskographierückblick nach und schaue auf die Alben um und nach dem Jahrtausendwechsel. Tatsächlich gibt es in dieser Phase keinen einzigen Besetzungswechsel. Aus meiner Sicht sind die Jungs nach dem Meilenstein "Metropolis Pt. 2 - Scenes From A Memory" nur mit Anlaufschwierigkeiten wieder in die Champions League aufgerückt. Ich muss aber auch gleich sagen, dass die Metropolitenscheibe nie einer meiner Favoriten im Bandkontext war, obwohl ich jahrelang mit dem T-Shirt dazu durch die Gegend gezogen bin.

SIX DEGREES OF INNER TURBULENCE (2002)

Liebe Leser, hätte es "The Astonishing" nicht gegeben, hätte ich angefangen, vom Schwachpunkt der Diskographie zu erzählen. So aber konnte die Band dieses massiv überambitionierte Werk (insgesamt 96 Minuten Spielzeit) noch mal unterbieten. Denn so schlecht wie man "Six Degrees Of Inner Turbulence" vielleicht in Erinnerung hat, ist es eigentlich gar nicht. Auf der ersten der beiden CDs gibt es doch einige formidable Hits, die zwar nicht die Bandklassiker angreifen, aber doch gut gefallen. Der harte Opener 'The Glass Prison' mit seinen PANTERA-Anleihen kann mich auch heute noch begeistern. Portnoy sollte aber recht behalten: Für solche Titel hat man mit LaBrie den falschen Sänger. Mit diesem Song beginnt die Twelve-Step-Suite, die sich bis 2009 durch die Alben der Band ziehen sollte. Bei 'Blind Faith' denke ich heute ja eher an ein Clapton-Projekt als an DREAM THEATER. Von der Melodieführung ist der Track etwas unspektakulär, nimmt aber manches schon vorweg, was die Band später an Harmonien aufbieten sollte. 'Misunderstood' braucht ziemlich lang, um auf Touren zu kommen und ist ebenfalls eine Nummer, die man so kaum im Kopf behalten wird. Da ist 'The Great Debate' schon kerniger. Der lange Track (über 13 Minuten) ist nicht unbedingt eingängig, aber kann durch Soundspielereien und echte Progressivität begeistern. So modern klang die Band bis dahin jedenfalls nie, Einflüsse auch von RADIOHEAD, TOOL oder NINE INCH NAILS bestätigte die Band selbst. 'Disappear' ist dann mit unter sieben Minuten der Kurztrack der Scheibe, die typisch-emotionale Ballade, die aber hier auch nicht so recht zünden mag. Und dann folgen noch 41 Minuten Überlänge mit einigen interessanten Momenten, aber vielem, was nicht hängen bleibt. Eigentlich hätte die Band sich vom Titeltrack dieser Scheibe abschauen können, dass solche Konzepte einfach nicht zu ihr passen. Mike Portnoy darf solche Nummern bei NEAL MORSE begleiten, der das kompositorisch gut hinkriegt, aber DREAM THEATER ist bei den Songs weit unter 20 Minuten und Nicht-Konzept-Alben einfach besser dran. Natürlich sind nicht alle Ideen des Longtracks schlecht (mir gefällt 'Solitary Shell' zum Beispiel), aber es fehlt einfach die Magie, die andere DREAM THEATER-Songs auszeichnet. Weitestgehend kann man diesen Satz auf das ganze Album übertragen, das immerhin Platz 46 der amerikanischen Albencharts erreichte. In Deutschland schrammte man mit Platz 12 sogar nur knapp an der Top 10 vorbei (die davor zwei Mal, danach sogar fünf Mal erreicht wurde). Für mich neben "The Astonishing" die Scheibe, die ich am seltensten höre.

 

TRAIN OF THOUGHT (2003)

2004 müsste ich diese Scheibe kennen gelernt haben, neben "Images And Words" eine meine ersten beiden DREAM THEATER-CDs, und damals war es (noch) das aktuelle Album. Es lief rauf und runter und konnte mich fast immer begeistern. Das Album dürfte bis heute das härteste der Band sein, zu dem auch das superfinstere Artwork passt (ein herausragendes T-Shirt-Motiv, schade, dass ich das nicht habe). In den USA reichte es nur zur schlechtesten Chartplatzierung nach dem Metropolis-Werk (Platz 53), in Deutschland gab es Platz 16. Kein Desaster, aber auch kein kommerzielles Wunderwerk. Der erste Akkord des Albums ist der letzte des Vorgängers, aber qualitativ liegen zwischen den Scheiben Welten. 'As I Am' ist eine knallharte Hymne, und ich finde, dass LaBrie nie so stark bei den harten Nummern ist wie auf diesem Album. Mit 'This Dying Soul' folgt die beste Nummer der Twelve-Step-Suite, die auch einer der härtesten Songs der Band sein dürfte. Petrucci steuert wunderbare Leads bei, und ich kenne nur wenige Zwölf-Minuten-Songs, die so kurz wirken. Auch die Keyboard-Melodien sind einmalig. 'Endless Sacrifice' ist wohl mein liebster Track des Albums, der mich stark an METALLICA erinnert. 'Honor Thy Father' beginnt mit dem härtesten Riff und dem krassesten Drum-Fill der Bandgeschichte und begeistert schon durch die völlig schrägen Schlagzeug-Linien. 'Vacant' ist ein kurzes und eher balladesken Stück, der einzige Füller, den man auch skippen kann, denn dann wartet 'Stream Of Consciousness', eines der besten Instrumentals, das ich kenne. Die Melodieführung erinnert mich durchaus an DEEP PURPLE, und jeder Instrumentalfreund kommt hier voll auf seine Kosten. Die letzten 14 Minuten gibt es 'In The Name Of God', wieder ein Track mit gigantischem Riffing. Für mich ist "Train Of Thought" das beste DREAM THEATER-Album neben dem gigantischen Eröffnungstripple, weil die Hitdichte so unheimlich hoch ist, die Songs hängen bleiben und dich tief in deine Träume verfolgen.

 

OCATAVARIUM (2005)


"Octavarium" war dann das erste Album der Band, dessen Veröffentlichung ich entgegenfieberte. Es wurde auch der Soundtrack meiner Schul-Abschlussfahrt, wir hörten die Tracks beim Abspülen auf unserem Segeltörn in den Niederlanden. Super, dass nicht nur ich die CD dabei hatte, sondern auch unser Lehrer, mit dem ich über das neue Werk fachsimpeln konnte. Das achte Album wird von einem wunderschönen Hugh-Syme-Artwork geziert und sollte letztlich den Abschied von Atlantic Records bedeuten. Zudem ist es das letzte Album, das in The Hit Factory, einem renomierten Studio, aufgenommen wurde. In diesem Studio wurden legendäre Klassiker der Pop- und Rock-Geschichte wie "Songs In The Key Of Life" (STEVIE WONDER), "Born In The U.S.A." (BRUCE SPRINGSTEEN), "Dangerously In Love" (BEYONCE), "Pop" (U2), "Graceland" (PAUL SIMON) oder "Ready To Die" (The NOTORIOUS B.I.G.) aufgenommen. Dass DREAM THEATER den Schlusspunkt setzen durfte, darf da schon als große Ehre wahrgenommen werden.

Mit dem Abschlussakkord des Vorgängers geht es wieder direkt in die Twelve-Step-Suite, 'The Root Of All Evil' ist ein Titel, der schon die Fahrtrichtung anzeigt, da er weniger dunkel ist als das Vorgängeralbum und mehr Raum für Melodien lässt. Aus meiner Sicht ist der Gesang etwas seltsam abgemischt, und es gab damals ja reichlich öffentliche Diskussionen, da Mike Portnoy seinen Frontmann LaBrie öffentlich in Frage stellte. Von den Chartplatzierungen her konnte man sich wieder an höhere Regionen heranpirschen; Platz 36 in Übersee und Platz 15 in Deutschland waren jeweils stärker als der Vorgänger, das mediale Interesse an der Band nahm wieder zu. Rein qualitativ finde ich die Scheibe etwas schwächer als den Vorgänger, da die Songs nicht alle das schwindelerregende Niveau halten. Das schnulzige 'The Answer Lies Within' zum Beispiel ist nicht schwach, aber einfach kein Knaller. 'These Walls' dagegen kann wieder mit einem fetten Riff überzeugen, und es fällt auf: Der Gesamtsound der Band wird noch mal deutlich moderner. Nicht nur neuere U2, sondern auch COLDPLAY und MUSE stehen für manche Momente offensichtlich als Vorbilder parat. Der Uhrensong 'I Walk Beside You' ist definitiv der U2-Song der Band, gefällt mir dadurch auch ausgesprochen gut. LaBrie schüttelt sich als Sänger echte Gänsehautmelodien aus dem Ärmel. 'Panic Attack' mit dem groovigen Basseinstieg von Myung ist dann die MUSE-lastigste Nummer des Albums (auf dem Nachfolger sollten weitere ähnliche Momente folgen), die sowohl LaBrie einige faszinierende Kopfstimmen-Parts schenkt, als auch Rudess viel Raum für das Keyboard. Das Riffing ist trotzdem unheimlich hart. Mit 'Never Enough' gibt es auch hier einen Titel, der bei mir kaum hängen bleibt, aber ich finde ihn immer noch besser als das ganze "Six Degrees Of Inner Turbulence"-Album, abzüglich des Openers. Auch hier war MUSE ein Einfluss (die Basslinien, die Produktion, die Keyboards, der weinerliche Gesang). 'Sacrificed Sons' zieht sich etwas über zehn Minuten und ist nicht so emotional, wie die Band es sich erhofft hatte. Eine durchwachsene Nummer, für die der geduldige Zuhörer mit 'Octavarium' entschädigt wird. Die 24 Minuten gehören kompositorisch mit zum besten, was die Band je erdacht hat, und auch die Einspielung ist genial. Und als jemand, der eigentlich nie auf den Text achtet, fallen selbst mir die vielen Zitate auf, werft ruhig mal einen Blick ins Booklet. Mein Lieblingsmoment ist ganz klar das Keyboard-Solo von Rudess ab 12:15 bis etwa 13:47.

Insgesamt nicht das beste DREAM THEATER-Scheibchen, um diesen Artikel abzuschließen, aber auch kein schwaches. Die Hits übertünchen manchen schwächeren Moment, und danach hat die Band aus meiner Sicht nicht mehr oft dieses Niveau erreicht. Wie also angekündigt, gelingt der Band der Start ins neue Jahrtausend nach dem zugegebenermaßen schwachen Start dann doch ziemlich gut mit einem echten Hammer-Scheibchen und einer weiteren guten CD. Mir gefällt, dass die Band mit deutlich härteren Elementen ebenso experimentiert wie mit vielen modernen Mainstream-Einflüssen. Beides gelingt und steht den Jungs gut zu Gesicht. Wie es weitergeht, wird euch dann wieder Hermann erzählen. Wenn ich dann weitermache, gibt es noch mal einen Besetzungswechsel, aber mehr dazu bald.

Redakteur:
Jonathan Walzer

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