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Perlen der Redaktion: Holger Andraes Highlights 2019

14.01.2020 | 14:13

Die Meinungen zur musikalischen Veröffentlichungsqualität waren selten mehr gespalten als im Jahr 2019. Während einige sich über viele tolle Veröffentlichungen freuen - und sie wahrscheinlich nach maximal dreimaligem Hören ins Regal stellen - hört man immer mehr Stimmen, die nicht so begeistert sind und sich über eine neue Devise namens "Qualität statt Quantität" freuen würden. Gesundschrumpfen wird zum Trend. So weit ist es bei mir noch nicht, aber der Trend aus meinem letzten Jahr hat sich fortgesetzt.

Ein Jahr, sogar eine Dekade, ist vergangen und es ist an der Zeit einen persönlichen Abriss nieder zu schreiben. Auch in diesem Jahr habe ich mich mehr auf den bereits vorhandenen Bestand meiner kleinen Sammlung konzentriert, ausgewählte Liveerlebnisse genossen und Neukäufe erst nach ausgiebigen Hörtests ins private Regal gestellt.

Die noch immer größer werdende Flut an Neuveröffentlichungen in Kombination mit mehr oder weniger sinnvollen Re-Releasen erschlägt den Sammler, was bei mir ja schon in den letzten Jahren zu einer Flucht in die Nischen geführt hat. Ob das jetzt im Sinne der Labels ist, dürfte fraglich sein. Von daher will ich da jetzt auch weder Trübsal blasen noch eine Grundsatzdiskussion auslösen. Manchmal wäre eben weniger doch mehr.

Mein erster Platz stand eigentlich schon lange vor seiner Veröffentlichung fest, denn die Band hatte mich bereits 2018 mit ihrer Single komplett am Haken. Die Rede ist natürlich von TANITH und dem erwartungsgemäß großartigen Album "In Another Time". Was das Quartett um SATAN-Klampfer Russ Tippins hier abliefert, dürfte jedem Freund von verspielter Rockmusik gefallen. Eingebettet in einen wunderbar warmen Klang werden hier WISHBONE ASH, BLUE ÖYSTER CULT und THIN LIZZY mit originellen, eigenen Ideen kombiniert, was zu einem farbenfrohen Feuerwerk  führt. Dass ich die Band dann im November auch noch live erleben durfte, hat den tollen Studio-Eindruck noch einmal verstärkt, denn auch auf der Bühne funktioniert diese Musik ganz hervorragend. Ich bin jetzt schon ganz heiß auf weitere Veröffentlichungen dieser tollen Truppe. Aber da wird jetzt wohl erstmal wieder etwas von SATAN dazwischen kommen. Auch ganz nett.

Den zweiten Platz belegt eine weitere Herzensangelegenheit, die sich bereits im Jahr zuvor durch eine extrem nachhaltige Livedarbietung ankündigte: "Frevel" von MAYFAIR! Erneut ist es dem sympathischen Quartett gelungen sich weitab aller Klischees in seiner Nische einzukuscheln und Musik zu fabrizieren, die mich sofort packt. Dazu gibt es dieses Mal auch den einen oder anderen Text, der deutlich Kante zeigt. Ein Rundum-Glücklich-Paket, diese Band. Hört mehr MAYFAIR!

Weiter im Text geht es mit einer handfesten Überraschung. LAST CRACK, die Band, die mich Anfang der 90er mit ihrem zweiten Album "Burning Time" umhauen konnte, ist in Original-Besetzung wieder am Start und schickt "The Up Rising" ins Rennen. Schon die Vorabsingle 'Icicle' war mehr als vielversprechend, aber erst im Albumkontext erblüht diese Nummer zum Jahreshighlight. Ganz wunderbar und unbeschwert setzt man da an, wo man 25 Jahre zuvor geendet hat und zeigt auf, wie progressiv die Musik schon damals war. Oder sollte ich lieber "zeitlos" schreiben? Auch beim neuen Album gilt: Auflegen, fallen lassen und sich im warmen Geflecht aus hypnotischen Beats, coolen Grooves, psychedelischen Gesangslinien und fiesen Hooklines wohlfühlen. Ich hoffe auf eine Tour!

Schrieb ich bei LAST CRACK von hypnotischen Beats, so gibt es nun eine krasse Kehrtwendung zu blastigen Quertakten, denn auch das zweite Scheibchen von HOWLING SYCAMORE verzaubert mich wie schon das Debüt im Jahr zuvor. Viel verändert hat man nicht, was aber beim vertrackten Noten- und Taktgulasch auch gar nicht notwendig ist. Ohne den charismatischen Gesang von Jason McMaster wäre ich wahrscheinlich auch komplett überfordert, aber so swingt sich dieses vermeintlich verschachtelte Tohuwabohu wunderbar geschmeidig durch meine Ohren. Oh, es gibt sogar so etwas wie eine Ballade!

Die letzte Scheibe, auf die ich hier etwas länger eingehen möchte, ist das rattenscharfe Album der NWoBHM-Helden DIAMOND HEAD. Was sich mit dem formidablen Vorgänger bereits andeuten konnte, findet auf "The Coffin Train" seine konsequente Fortsetzung: Die Band scheint in einem zweiten Frühling zu sein und kombiniert die kraftstrotzenden Riffs ihrer Frühphase mit sensationellen Melodien, ohne dabei eine Sekunde hüftsteif zu wirken. Au contraire, würde der Franzose wohl schreiben. Bin ich aber nicht. Von daher gehen bei mir nur alle Daumen nach oben. Knaller!

Auf den nächsten Plätzen gibt es weiteren NWoBHM mit der tollen Scheibe von ANGEL WITCH, Doom von den Schweden CANDLEMASS, die mit ihrem ersten Sänger neu am Start sind, epischen Hymnen-Metal von RISEN PROPHECY, einen tollen Zweitling von SANHEDRIN und das beste Thrash-Album des Jahres von den Bay-Area-Veteranen POTENTIAL THREAT. Ein buntes Potpourri also. Ich hoffe, dass Kevin Heybourne dieses Mal klug genug ist, auf zukünftigen Liveveranstaltungen auch mal neueres Material zu spielen, denn die Selbstlimitierung auf eines der besten Debütalben ist für mich wenig zielführend und zeugt nicht von viel Wertschätzung dem eigenen Material gegenüber. Obendrein wünsche ich mir diese CANDLEMASS-Besetzung noch mal auf Headliner-Tour, denn als Support von GHOST (ja, war sensationell!) war das schon mal sehr beeindruckend.

Knapp an den Top 10 gescheitert ist das bislang nur digital erhältliche, zweite Album der VILLAGERS OF IOANNINA CITY. Ich bin mir sicher: Als physischen Datenträger hätte ich das noch häufiger gehört und wahrscheinlich wäre das Album dann sogar auch höher in meiner Liste. Mal sehen, vielleicht schummele ich es in diesem Jahr erneut mit rein, denn der Problematik soll Abhilfe geschaffen werden. Hoffentlich gibt es ein feines Vinyl. Im Doom-Segment konnte mich CRYPT SERMON mir fleischigem Epik-Gedöns überzeugen und auch bei den alten NWoBHM-Helden findet eine weitere Band Einzug in meine Liste. Die Rede ist von den TYGERS OF PAN TANG, die erneut mit frischem Heavy Rock überzeugen können. Aber auch einige Newcomer konnten mich erfreuen. Da wären mit RIOT CITY und TRAVELER gleich zwei zu nennen, die mit Herzblut und einem Gespür für eingängige Melodien sofort meine Geschmackssynapsen zum Schnalzen bringen konnten.

Aber auch THE SCOURGE, die Band der beiden Musiker der aktuellen HELSTAR-Besetzung, läuft hier immer sehr regelmäßig und erfreut mit technischem Power-Thrash. Beim Thema Thrash muss ich leider vermerken, dass nicht so richtig viel völlig Tolles erschienen ist. Neben POTENTIAL THREAT wäre es aber die aktuelle EXUMER, die allen Genre-Vertretern zeigt, wo der Hammer hängt. Gnadenlose Riffs, die zu jeder Tages- und Nachtzeit zum Abgehen motivieren und in Kombination mit einem Kaffee sogar einen Montagmorgen angenehm gestalten können. Dazwischen gibt es gewohnt feine Kost von den BLACK STAR RIDERS, die herrlich relaxt auf den Spuren der dünnen Liesel herum swingen, und eisenharte Skandinavien-Salven aus dem Hause RAM. Geht auch immer.

Knapp gescheitert sind POSSESSED mit dem bärenstarken neuen Album, die wunderbar an frühe SPOCKS BEARD erinnernden Norweger MAGIC PIE und die neue Scheibe von THE WEIRD LORD SLOUGH FEG.  Bevor ich jetzt diese Rückschau beende, muss ich noch auf zwei Kurzplayer hinweisen, die mich komplett aus den Socken gefedert haben. Da wäre zum einen "V" von MEGA COLOSSUS! Der mitreißende Mix aus AOR und Kauz-Metal oder die unfassbare Melange aus BROCAS HELM und JOURNEY.  Zum Anderen wäre dies die beste Maxi seit Erfindung von linksdrehenden Joghurtkulturen. Die Rede ist natürlich von FIREs "Walking On Bones".

Aber auch livehaftig gab es etliche tolle Erlebnisse. Erstaunlicherweise zählt das GHOST-Konzert mit CANDLEMASS im Vorprogramm dazu. Obwohl ich im Normalfall kein Freund von großen Hallen bin, hat hier doch alles gestimmt. Toller Sound, tolle Show und (!) tolle Musik. Von beiden Bands. Beim HELL OVER HAMMABURG waren es vor allem MEGA COLOSSUS, SANHEDRIN und die völlig abgedrehte Performance von THE NEPTUNE POWER FEDERATION, die nachhaltig im Gedächtnis haften geblieben sind. Dann gab es natürlich das Keep It True-Festival mit netten Auftritten - und wohl meinem Konzert des Jahres, hätte ich es denn live erleben können. Aber Schwamm drüber, es gab weitere tolle Konzerte. Allen voran das Quintett JAG PANZER, welches alle Ampeln in Hamburg zerstörte. Zwischendurch gab es geilen Frickel-Thrash von SACRAL RAGE, aber auch die alten Herren waren in diesem Jahr für ein Highlight zuständig. Wie nicht anders zu erwarten war, hat ARMORED SAINT mal wieder alles richtig gemacht. Bleibt halt die beste Liveband im Subgenre Heavy Metal. Da kommt dann auch PSYCHOTIC WALTZ nicht heran. Das ist eben die beste Liveband überhaupt. Trotz gesanglicher Schwankungen war das wieder ein Abend der Glückseligkeit, wie auch das bereits erwähnte TANITH-Konzert. Ebenfalls ganz großes Kino war der DEMON-Auftritt. Hier wurde Hamburg by storm genommen. Easily. Der Ehrenplatz für das beste Festival geht aber wieder an das HEADBANGERS OPEN AIR. Was Thomas Tegelhütter hier in den letzten Jahren an Verbesserungen gelungen sind, kann sich wirklich sehen lassen. Müsste ich das livehaftige Ärgernis des Jahres benennen, wäre es wohl der John Cyriis-Auftritt beim KIT. Zu viele Aluhüte können manchmal die Denkweise beeinflussen. 144000 gone. I am now one of them...

Die Top-20-Alben in der Übersicht. Mit einem Klick auf den Albumnamen gelangt ihr - soweit vorhanden - zur Rezension.

Rang Band Album
01. TANITH In Another Time
02. MAYFAIR Frevel
03. LAST CRACK The Up Rising
04. HOWLING SYCAMORE Seven Pathways To Annihilation
05. DIAMOND HEAD The Coffin Train
06. CANDLEMASS The Door To Doom
07. ANGEL WITCH Angel Of Light
08. RISEN PROPHECY Voices From The Dust
09. SANHEDRIN The Poisoneer
10. POTENTIAL THREAT Threat To Society
11. VILLAGERS OF IOANNINA CITY Age Of Aquarius
12. RIOT CITY We Burn The Night
13. TRAVELER Traveler
14. CRYPT SERMON Ruins Of The Fading Light
15. TERMINUS A Single Point Of Light
16. BLACK STAR RIDERS Another Stae Of Grace
17. RAM The Throne Within
18. TYGERS OF PAN TANG Ritual
19. EXUMER Hostile Defiance
20. THE SCOURGE Warrant For Execution

Redakteur:
Holger Andrae
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