Perlen der Redaktion: Rüdiger Stehles Highlights 2019

05.01.2020 | 19:10

Ein Dämon aus einer alten Zeit ist erwacht, vom Pass der Spinne gibt es Lebendiges, und führt uns der Weg nach Norden und nach unten, dann gibt es Regen.

Eben ist ein Jahr zu Ende gegangen, in welchem mich - wie es oft der Fall ist - etliche alte Bands mit überraschend starken neuen Scheiben beeindruckt haben, und zwar handelt es sich hierbei sowohl um altgediente und langjährig aktive Truppen, denen mancher ein solch starkes neues Werk kurz vor dem Anbruch eines neuen Jahrzehnts nicht mehr zugetraut hätte, als auch um einige just wiedervereinigte oder länger eher inaktive Bands mit wirklich starken Comebacks. Doch wer denkt, dass es nicht auch im Untergrund und bei den Newcomern ordentlich rumort hätte, der liegt falsch. Allerdings führten mich die unergründlichen Wege des Herrn des Stahls zu anderen Favoriten im Nachwuchsbereich als man meist in den Jahreslisten der Gemeinde liest.

Doch fangen wir einfach mal ganz oben an, mit unserem Jahresrückblick, und ganz oben sitzt ein Dämon auf seinem Thron, den kaum einer dort erwartet haben mag. Nun war MAYHEM für mich stets eine große Nummer, auch und gerade seit der Rückkehr Attila Csihars, doch dass die Band nach abstrakten und abweisenden schroffen Klippen wie "Ordo Ad Chao" und "Esoteric Warfare" nochmals eine Scheibe wie "Daemon" abliefern könnte, welche den Wurzeln der Norweger so nahe kommen könnte, gänzlich ohne dabei wie ein gewolltes Retroalbum zu wirken, war nicht absehbar. Der unangefochtene Sieg in unserem Oktober-Soundcheck, bei einem nicht allzu Black-Metal-affinen Team spricht hier sicherlich Bände.

Auf dem zweiten Platz landet der Vorjahressieger CIRITH UNGOL mit seinem mächtigen Livealbum "I'm Alive". Wenn eine Band im einen Jahr mit einer Single meine Albumcharts gewinnt, und im Folgejahr mit einer Livescheibe Zweiter wird, dann mag das weniger über die Band selbst aussagen als über meine ganz besondere Begeisterung für dieselbe, keine Frage. Doch die alten Kalifornier vom Pass der Spinne, die seit nunmehr knapp drei Jahren auf Comeback-Rundreise sind, konnten die Herzen der Fans live im Sturm nehmen und genau das gibt diese wunderbare Live-CD+DVD-Box mit irrsinnig langer Spielzeit perfekt wieder. Es ist einfach ein vollendetes Livealbum und ein tolles Geschenk für all jene, die mehr als 25 Jahre auf dieses Comeback gewartet haben.

Der dritte Platz geht sodann nach Westnorwegen, und zwar an HELHEIM. Den Bergenern ist mit "Rignir" ein wundervoll emotionales und atmosphärisch dichtes Werk gelungen, dem es wie kaum einem anderen gelingt, das Wirken der Elementarkräfte an der schroffen Küste der Heimat zu vertonen. Dass es dabei seinen Black Metal mit viel progressiver und postrockiger Dynamik verfeinert und der Klargesang langsam eine immer dominierendere Rolle einnimmt, ist hierbei nicht störend, sondern das Album hat genau dies verlangt. Wenn der beschwerliche Weg zur Hel schon nach unten und nach Norden führt, dann bitte mit diesem Album als Soundtrack zur Helfahrt.

Dem Stockerl haben wir hiermit genug gehuldigt, und so wollen wir uns nun den weiteren Bands widmen, die mein Herz in besonderem Maße erwärmen, den Geist in besonderer Weise stimulieren, oder einfach nur tolle Jugenderinnerungen zurück bringen konnten. DIE TAUCHER gehören zur letzteren Kategorie, denn die wilden Gesellen aus dem unteren Illertal wissen auf ihrem tollen Comeback nach gut 25 Jahren nur zu gut, was die mit ihnen gealterte Dorfjugend zur Schwarzfahrt mit dem Mofa auf dem Feldweg hören will. Gänzlich anders gelangert überzeugt ex-ULVER-Musiker Haavard mit der Debüt-EP seiner neuen Band DOLD VORDE ENS NAVN und archaischem, rasendem und doch mystischem Norwegerklang, während dessen Landsleute MORTEM wie aus dem nichts mit einem Comeback aus der Hüfte kommen, das am ehesten an das ARCTURUS-Frühwerk anknüpft. Von Norwegen über die Nordsee nach England geschippert, nimmt DIAMOND HEAD für mich unter den zahlreichen Comebacks alter NWoBHM-Helden inzwischen eine Sonderrolle ein, denn kaum eine andere Band jener Ära liefert heute noch so messerscharfe, gierige Riffs und eine solche brillante Gesangsleistung bei zwingendem, eindringlichem Songwriting. In Schweden zementiert derweil CANDLEMASS neuerlich seine Ausnahmestellung im epischen Doom Metal, welcher die Rückkehr von Originalsänger Johan Längquist nochmals Vorschub leistet.

Die schottischen NWoBHM-Käuze HOLOCAUST geben sich erneut so verschroben und atmosphärisch wie zuletzt, können damit aber wieder voll und ganz überzeugen, während es mit den jungen badischen Hardrockern GREAT AGAIN und den schwäbischen Traditionsmetallern HEADLESS BEAST dieses Jahr auch wieder deutlich jüngere Bands in meine Jahrescharts geschafft haben. Doomig wird es dann wieder bei den Veteranen SAINT VITUS, die auf ihrem neuen Album der zunächst aus der Not geborenen Reunion mit Scott Reagers Rechnung tragen und erstmals seit "Die Healing" (1995) ein Album mit ihrem Ursänger einspielten. Auch doomig, wenn auch schwarzmetallischer geprägt sind neuerlich Thomas Berglie, Ted Skjellum & Co. unterwegs, die mit ihrer sechsten gemeinsamen Scheibe weiter an der makellosen Diskographie ihrer Band SARKE arbeiten.

Ja, eine gewisse Norwegen-Lastigkeit meiner Liste es einmal mehr nicht zu verleugnen, und so kommen auch jetzt nochmal drei Norge-Truppen am Stück zum Zuge, und zwar mit drei gänzlich unterschiedlichen Ansätzen: BORKNAGAR mit viel Nordlandromantik, Epik und Bombast, dann DARKTHRONE mit urtypischer Reduziertheit und stoischer Riffkunst, sowie zu guter Letzt Meister ABBATH nebst Soloband mit trotziger Beharrlichkeit und den großen Gesten des Achtziger-Stahls. Letzterem möchte ich an dieser Stelle unbedingt noch alles Gute für eine möglichst baldige und völlige Genesung von seinen gesundheitlichen Problemen wünschen.

Damit sind wir mit den norwegischen Großtaten des Jahres erst einmal durch, und jetzt kommen noch ein paar Bands, die vielleicht nicht so oft in den Jahrescharts der Metalgemeinde auftreten, was aber sicherlich nicht an einem Mangel an Klasse, sondern allenfalls noch an einem Mangel an Bekanntheit liegt. Den Anfang machen die seit einigen Jahren wieder krachend und bärenstark aktiven Kalifornier RUTHLESS, denen mit "Evil Within" neuerlich ein echtes Hitfeuerwerk gelungen ist, bevor wir in meinem heimatlichen Oberschwaben landen, wo seit einiger Zeit AVIAN wieder aktiv ist und mit einer richtig starken EP und etlichen tollen Gigs auf sich aufmerksam macht. Auch eines dieser Comebacks, die man nach einem Vierteljahrhundert nicht in der Klasse und Eindringlichkeit erwartet hätte, haben die Brit-Thrasher ACID REIGN vom Stapel gelassen, und die Top-20 macht am Ende dann THE LORD WEIRD SLOUGH FEG voll, denn Mike Scalzi und seine Mannen sind einfach immer eine Bank. Um die Jahreshighlights schließlich abzurunden, möchte ich noch auf einen besonders tollen Newcomer aus England hinweisen, namentlich auf die aus dem ATOMKRAFT-Umfeld stammenden Jungs von BLACK SHEETS OF RAIN, und - ehrenhalber - nicht unerwähnt lassen, dass mein meistgehörtes Scheibchen des Jahres gar nicht in meiner Jahresbestenliste enthalten ist. Das sündige Vergnügen heißt "The Final Battle I" und ist natürlich von MANOWAR, denn diese Band wird mich bei aller berechtigter Kritik halt doch niemals loslassen.

Was gibt es sonst zu sagen? Nun, 2019 gab dem Metalfan viel Anlass zur Freude, aber es gab natürlich auch einigen Anlass zur Traurigkeit und zur Verärgerung. In besonderem Maße ärgerlich sind natürlich, wie es der Kollege Tobias Dahs schon in Artikelform ausgeführt hat, immer wieder dicke Ankündigungen von Bands, die nicht das Papier wert sind, auf das sie geschrieben wurden. Abschiedstouren, die schon einige Jahre, schlimmstenfalls Monate später doch gar keine waren und nahtlos in eine Reunion-Tour übergehen, sind hier nur die Spitze des Eisbergs. Mega-Konzertevents mit grotesken Preisen und übervollen, gigantischen Arenen machen mir einfach immer weniger Freude. Gerade METALLICA im Münchner Olympiastadion war für mich bei aller Klasse der Band eine Tortur. Besonders traurig war für mich zudem der plötzliche Split eines für stabil gehaltenen Line-ups meiner langjährigen Lieblingsband STORMWITCH, und die nachfolgende Schlammschlacht zwischen den Lagern machte daraus ein ziemlich peinliches Schauspiel, dessen Flammen bis heute noch immer wieder aufflackern. Hier hoffe ich, dass endlich mal Ruhe einkehrt, und sich alle Beteiligten wieder ausschließlich auf die Musik besinnen.

Doch kommen wir zu Erfreulicherem! Was mich neben internationalen Konzerthighlights von Größen wie ARIA (auch mit grandiosem neuem Live-Album und Video), Y&T, ANTHEM und EINHERJER im vergangenen Jahr komplett begeistert hat, das ist das Leben, die Euphorie und teilweise auch der Zusammenhalt, der in Teilen unsere einheimische Szene in und um Ulm, im Illertal und in Oberschwaben erfasst hat. Die grandiosen Comeback-Konzerte unserer alten Local Heroes von GRAVESTONE (siehe Photo), DEN TAUCHERN und STRANGER haben hier eine unheimlich wichtige Rolle gespielt, doch auch einige tolle jüngere Bands haben hier ihren großen Anteil: AVIAN, MISSION IN BLACK, HEADLESS BEAST, RAW ENSEMBLE und viele mehr. Ganz allgemein ist die schwäbische Rock- und Metalszene aktuell so aktiv wie ich sie lange nicht erlebt habe, die Bands haben Spaß an dem, was sie tun, und die Zuschauer machen mit. Es ist toll hier dabei zu sein. Dafür möchte ich mich bei allen beteiligten Bands ganz herzlich bedanken. In ganz besonderem Maße bei Elmar und Winnie von DEN TAUCHERN, Mario und Armin von AVIAN, Philipp von INFINITY'S CALL, Denis von RAW ENSEMBLE, Mathias von GRAVESTONE, Gerd von STRANGER, Hofi von WITCHFINDER und der ganzen Meute von MORBID ALCOHOLICA und RÄHS. You rule!

Passt auch anno 2020 wieder auf euch auf, bleibt dem Stahl treu und habt Freude am Sound und hoffentlich auch mit unserer Schreiberei.

Die Top-20-Alben in der Übersicht. Mit einem Klick auf den Albumnamen gelangt ihr - soweit vorhanden - zur Rezension.

Rang Band Album
01. MAYHEM Daemon
02. CIRITH UNGOL I'm Alive
03. HELHEIM Rignir
04. DIE TAUCHER Landgang
05. DOLD VORDE ENS NAVN Gjengangere I Hjertets Mørke
06. MORTEM Ravnsvart
07. DIAMOND HEAD The Coffin Train
08. CANDLEMASS The Door To Doom
09. HOLOCAUST Elder Gods
10. GREAT AGAIN Great Hits
11. HEADLESS BEAST Phantom Fury
12. SAINT VITUS Saint Vitus
13. SARKE Gastwerso
14. BORKNAGAR True North
15. DARKTHRONE Old Star
16. ABBATH Outstrider
17. RUTHLESS Evil Within
18. AVIAN Avian
19. ACID REIGN The Age Of Entitlement
20. THE LORD WEIRD SLOUGH FEG New Organon

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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